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Jüdische Rundschau · 1935-10-01 · Heft 79 (1.10.1935) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 79 (1.10.1935)
Date
1935-10-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nr. 7»/ Jahrgang 40 IUI ft cfartftl«it«mg, Verlag a. &a*elffenverwalta11g t Berlin W15, H0la«k«1tr.lf Fernrui- SammeJ-Nr. IlBiiaurck 3181/82,7165/70,7240/42. - t3«rugsprci• einachL Bestellgeld je Monat RM 2,-., je Vierteljahr RM 5,75. bei Abholung RM 1,88 brw. RM 539 ־־־ Postscheck - IComet» der Vertriebs . Abteilung: Berlin 71573 (Ihr Gr©B ־ Berlin), Berlin 17392 (für da» übrige Reich), ln Fällen höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Erstattung etwa schon getahlter Berugsgehühren. — Erscheint Jeden Dienstag mi Freitag. Preis 25 RpL RUNDSCHAU BERLIN ד׳ תשרי תרצ״ו DIENSTAG, 1. OKTOBER 1935 AaseiffeapreUiiate Nr• S gflltif. Dia 12 gespaltene mm - Zeile 20 Rpf, för FimiUennachrichten 15 Rpl. Aufnahme von Anzeigen an bestimmten Tagen oder Stellen und in bestimmte Ausgaben kann nicht gewährleistet werden. Einzel* *ureigen nur bei Vorauszahlung auf Postscheck - Konto Berlin 71618 oder bar Montag bis Donnerstag 9 —18 Uhr, Freitag 9—16 Uhr. AnnshmaschlaB für die Dienstag - Ausgabe Montag 10 Uhr, für die Freitag .Aus״ gäbe Mittwoch 13 Uhr (Für Familienanreigen am Tag vor Erscheinen 12 Uhr) Der Zionismus erstrebt tOr das iQdisclie Volk die Schaffung einer öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. (Baseler Programm) Zwischen den Festen Vor den Ausführungs-Bestimmungen Vorläufige Beurlaubung Wie die ״Frankf. Ztg.“ vom 29. Septbr. zu der von uns bereits gemeldeten Beurlaubung der volljiUlischen Reichsbeamten hört, handelt es sich bei dieser MaHnahme um eine vorläufige Beurlaubung bis zum V o r 1 i e g e n der angekiindigten Ausfuhr ungsbestimmungen zu den neuen Reichsbürgcrgesetzen. Judenfrage wird vom Staat gelöst In seiner Rede in Karlshorst am 29. September kam Reichsminister Dr. Goebbels auch auf die Nürnberger Judengesetze zu sprechen. Ueber diesen Teil seiner Rede berichten die Zeitungen wie folgt: ״Wenn einer sich am Staate vergreift, so werden wir ihn“, erklärte der Minister unter brausendem Beifall, ״um der Zukunft des Volkes willen vernichten müssen! Das gelte auch für die Juden frage. Sie werde vom Staat gelöst werden. Wer tut:h der Annahme der Nürnberger Judengesetz.e auf eigene Faust Exzesse veriibe, der vergreift sich am Staat, und der Staat werde ihn zur Rechenschaft ziehen.“ ,,Nur in Etappen‘1 Die in Insterburg erscheinende ״Ostdeutsche Volkszeitung“ berichtet über eine grobe Kundgebung der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt, bei der Gauleiter Maier- Hofer vom Amt für Presse und Propaganda eine Ansprache Hielt und u. a. auch Erklärungen zur Juden frage abgab. Er führte hierzu dem Berichte des Blattes zufolge aus: ״Man iugtxv'da־ Küt11«r ist. .׳.wGoh g.r,v-r.k•(! in einigen Pij.d-Jcr,, jp (neinte man, die Juilenfrage wäre bdgoleg», und es würde kapi- K., Paris, im September Das französische Judentum hat in der jüdischen, Welt eine schlechte Presse. Man sieht es mehr oder weniger als einen verlorenen Sohn der jüdischen Stammesfanlilie an, der reich geworden, seine Verpflichtungen gegenüber den armen Verwandten vernachlässigt. Das Verhältnis des größten Teiles der französischen Judenheit zum Gesamtjudentum ist in der Tat durch einen bis ins Extreme geführten Partikularismus gekennzeichnet. Die französischen Juden wollen in der Mehrheit nur französische Staatsbürger jüdischen Glaubens sein, sie sehen ihre jüdischen Bindungen als einen Atavismus an, den inan möglichst schnell überwinden muß. Am Ende dieses Entwieklungs - Prozesses steht eine leicht jüdisch gefärbte allgemeine Religiosität, die die völlige Los-׳ lösung vom Judentum vorbereitet. Obwohl diese Entwicklung vom jüdischen Standpunkt gewiß bedauerlich ist, haben viele jüdische Emigranten aus Deutschland, die sich heute über die Uninteressiertheit der französischen Juden ihrem Schicksal gegenüber beklagen, kaum das innere Recht, an diesem Verhalten Kritik zu üben. Das französische Judentum ist den gleichen Weg der Assimilation gegangen, den auch das judentum Deutschlands beschritten hatte. Nur ist, da die 'Widerstände! der Außenwelt gegen die jüdische Assimilation in Frankreich weit geringer waren als in Deutschland, hier der Assimilationsprozcß weiter geführt worden. Wie der äußere Dritlk, der die jüdische Gemeinschaft in anderen Ländern immer wieder allen zentrifugalcn Kräften zum Trotz, zusammenhält, in Frankreich nur gering war, so wurde andererseits durch die Trennung von Kirche und Staat in Frankreich, die auch auf die jüdische Religionsgemeinschaft zurückwirkte, auch die organisatorische Einheit des Galuthjudcntums, die jüdische Religionsgemeinde, aufgelockert. Die Gemeinden wurden die Privatangelegenheiten einiger reicher Familien, die den finanziellen Unterbau für die Erhaltung der Gemeindeeinrichtungen lieferten. Die jiidische Gemeinde wurde völlig volksfrcmd. Der soziale Aufstieg, den gerade die Schichten, denen das französische Judentum in der Mehrzahl angehört, im Verlauf der letzten hundert Jahre erfahren haben, trug dazu bei, die Bindungen der französischen Juden an ihre Ursprünge weiter zu lockern. Die jüngere Generation jener ursprünglich aus dem Elsaß- Deutschland stammenden Einwandererschicliten wandte sich mehr und mehr den intellektuellen Berufen zu. die politische Karriere im weitesten Sinne blieb ihnen nicht verschlossen, die Mischehe wurde zu einem erstrebten und leicht erreichbaren Ziel. Der ״jüdische Franzose“ wurde mehr und mehr zum Franzosen schlechthin oder glaubte wenigstens, es zu werden. Es sollen hier die oft geschilderten Peripetien der Dre vf u s - A f f ä r c, die in diese vom jiidiscli-asslmilatorischen Standpunkt ״bestmöglichste aller Welten“ em-brach, nicht tuliert werden• Nein, die Gesetze, die jüng.J. erlasen wurden, sind ein Beweis dafür, daß die Judenfrage nur in Etappen geltet werden kann. Ohne ein \sci!erc;> Gesetz die Judeni'rage schon geli'ot, wir sehen den Juden cifiiaeh muht. mehr, er ist nicht mehr da für ufr-, Sk'her wo (irr Jude nicht?» werden k.mn. halt er --ich nicht lange aut. Noch wi.v.en wir nicht, wie die Au$£ü!m1n־״JK->timmun״**!! zu dioem keichhgniiidgeM.•{/, M.־in werden, sie werden alx*r -o aufallen, daß der Trennungsstrich sichtbar ist für diejenigen, die gut«־n Willens sind.“ Juden in der Rechtspflege ״Absolut unerträglich“ Die ״juristische Wochenschrift“ bringt die Rede des Reichsjuristenführers Dr. Frank auf der Tagung des Rcichsrechtsamts in Nürnberg im Wortlaut. Danach sagte Dr. Frank u. a. folgendes: ״Der Gedanke ein!־-> einheitliche n d e u t s c h v n K c c 11 t s s I a 11 <1 e i-t auinehrereii Gründen ein fruchtbarer. Aus dieser Einheit eneärhs! zumich-t eine orguii-atorische und damit auch eine ideelle -Mneltl des naheualsa/i.ti! st!-ehrt! keclttsdenketts. IG wird nur einem einheitlichen deutschen Richtsstand allein möglicdi sein, in immer weiter lort schreitender Arbeit allmählich die gesamten jüdischen Elemente aus «lrru deutschen Rechtsleben zu beseitigen. Der Gedanke, dalS ein Jude direkt oder indirekt etwas mit dem deutschen KcchlsMx׳n zu tun haben sollte, ist lür uns Nationalsozialisten absolut unerträglich. Es muli daher auch hier mit aller Macht zum Ausdruck gebracht worden, data wir den Zeitpunkt, an dem der letzte Jude aus der deutschen Rechtsarbeit Irescitigt sein wittl, kaum erwarten können. Aber auch hier au! di-..־em Gebiete der Durchsetzung des deutsche» Recht -Standes wer- (Jen vcr. in geschlossener Disziplin und in Hochhaltung des geschichHichcn Werden« der Gesetze unseres Führer* den Beschliis en dos j-'iihrm ■1 ruhigem Vertrauen entgegeusehen.״ wiedergegeben werden. Gewiß endete die ״Affäre“ mit dem Sieg der liberalen Kreise, aber das Phänomen einer scharf antisemitischen Einstellung eines großen Teiles der französisehen Gesellschaft blieb in seiner für das französische Judentum schwerwiegenden Bedeutung bestehen, Die ״Dreyfusaffäre“ ist unvergessen geblieben, sie hat das französische Judentnm in seinem Glauben an die Gleichwertigkeit aller französischen Staatsbürger unsicher gemacht. Nach der Art innerlieh unsicherer Menschen glaubte der ״französische Staatsbürger jüdischen Glaubens“ nun mehr seine soziale und politische Zuverlässigkeit, seine ״Gutgesinntheit“ besonders betonen und beweisen zu müssen. Es entstand jener Typ des französischen Juden, der die Ausdehnung des Antiscmitisrnus m Frankreich am besten dadurch zu verhindern sucht, daß er seine völlige Bczichungslosigkeit zu dem ״Einwanderer aus dem Osten“ erkennen läßt und betont, dalS er jede jüdische Arbeit, soweit sie nicht irn unmittelbaren Zusammenhang mit dem Kult stellt, scharf verurteilt und sabotiert. Daß auch die jüdische Religiös itat in Frankreich unter diesen Umständen eine starke inhaltliehe und formale Verwässerung erfahren hat, bedarf kaum der Erwähnung. In diese assimilatorisch übersteigerte jüdische Gemein- Schaft ist der Zionismus getreten und — wenn er auch einzelne bedeutsame Anhänger unter den französischen Juden gewinnen konnte —, so ist er bei der Mehrzahl des französisehen Judentums auf erbitterte Gegnerschaft gestoßen. Auch in der zionistischen Bewegung sahen die französischen Juden nur ein Hindernis auf ihrem Wege zur völligen Ein- Ordnung in die französische Gesellschaft. Es ist seither von zionistischer Seite oft versucht worden, Freunde und Anhänger in Frankreich zu werben, den Zionismus auch in Frankreich zur Volksbewegung zu machen. Obwohl aber hervorragende Männer der zionistischen Bewegung zeitweise ihre Kräfte für diese Werbung einsetzten, ist es bisher nicht gelungen, dem Zionismus eine breite Basis im französischen Judentum (abgesehen von Ostfrankreich) zu schaffen. Dieser Mißerfolg ist um so bemerkenswerter, als der Zionismus unter den nichtjüdischen Franzosen eine große Anzahl von einflußreichen lind warmen Freunden zählt, als sich auch die französische Regierung mehrfach eindeutig für die Ziele des Zionismus ausgesprochen hat. Aber alle Sympathien, die der Zionismus zu erwecken gewußt hat, alle Erfolge, die im Aufbau Palästinas erzielt wurden, haben die Masse des französischen Judentums bis in die letzte Zeit nicht veranlassen können, ihre radikal ablehnende Stellung gegenüber allen jüdischen Renaissancebestrebungen aufzugeben. Erst im letzten Jahre deuten einige Anzeichen darauf hin, daß auch unter den französischen Juden eine innere Wandlung begonnen hat und daß die Diskussion über den Ziemismus in posi- Mverer Form als bisher geführt wird. Berlin, 30. September Die Neujahrsfeiertage sind überall in der Welt von den Juden mit besonders bewegten Gefühlen gefeiert worden. In dieser sorgenvollen Zeit ist der Gedanke, was das neue Jahr dem Einzelnen und der Gemeinschaft bringen wird, nicht immer ermutigend, aber neben dieser Betrachtung, die sich ja naturgemäß auf drängt, muß eine andere stehen, nämlich die Frage: was wird das neue Jahr von uns, von in i r fordern? Die neue jüdische Haltung muß sich ja vor allem darin au *drücken, daß der Einzelne nicht melancholischen Gedanken nachhängt, nicht sich unausgesetzt selbst bedauert und gern von anderen bedauern läßt, sondern unnachsiclitlich prüft, ob er selbst das Rechte getan hat und was ihm selbst noch zu tun übrigbleibt. Dies ist ja im (!runde auch der tiefere Sinn des Neujahrsfestes, uas als ״Tag des Gerichts“ den Menschen zur Verantwortung zieht. Welche Kraft — so denkt inan manchmal -. könnte aus der jüdischen Gemeinschaft strömen, wenn dieser Gedanke, der als ein wahres Bad des Geistes alle inneren Kräfte des Menschen zu erneuern vermag, auch wirklieh zu einem gemeinsamen Erlebnis zu werden vermöchte! Die Synagogen sind überfüllt, eine große Zahl von Rabbinern der jüngeren Generation sind gerade in Deutschland tätig und hätten hier ein Feld gewaltiger Wirksamkeit. Auch der Rahbiuerheruf ist um vieles verantwortungsvoller geworden als früher. In vielen Fällen kann man die Beobachtung machen, daß der Rabbiner sich damit begnügt, die traurige Lage der Juden Deutschlands, die ja ohnedies allen bekannt ist, zürn eigentliehen Inhalt seiner Predigt zu machen und mit einigen Gedanken, die — religiös gesehen — nur selten über das Niveau der Banalität sich erheben, Trost zu spenden. Das aber klingt oft wie Selbstgefälligkeit und erzeugt nur billige Selbstgefälligkeit, die die Menschen mit seelischer Erhebung verwechseln. Eine wirkliche Erschüttcrung der Herzen, die aus dem Bewußtsein der eigenen Unzulänglichkeit — nicht aber der IJnzuIänglichkeit irgendeines Außenstehenden — entstehen würde und den Keim einer Umkehr, einer Tcschuwa (das Wort wird genug oft gebraucht) in sich trüge, gehört auch heute wohl zu den seltenen Ausnahmen. Vielleicht leben unsere Kanzclredner in der Vorstellung, daß man heute von ihnen Aktualitäten erwartet; dies mag zwei Jahre lang richtig gewesen sein, aber jetzt müßte der Weg weiter führen. Es gibt gewiß unter den jungen Kräften genug Menschen von Einsicht, gutem Willen und vielleicht auch religiöser Begabung, die das verstehen werden, wenn man es ausspriclit; und darum soll es an dieser Stelle gesagt werden, verbunden mit der Erinrierung an die zentralen jüdischen Stellen, daß es nicht nur organisatorische, sondern auch geistige Aufgaben gibt, und daß gerade von diesen alles abhängL Gerade wir Juden in Deutschland haben doch reichlieh Anlaß, in uns zu gehen, und nicht nur in dem tiefen religiösen Sinne unserer Festtagsmali!1ung, sondern auch im ganz aktuellen Sinne der täglichen Aufgaben. Denn der harten Wirklichkeit, die uns bedrängt, kann niemand gewachsen sein, der nicht innerlich ehrlich an sie herantritt. Für die Juden in Deutschfand ist eine Situation entstanden, die keinen Präzcdenzfall hat und gewiß nicht in eine der jüdischen Theorien liincinpaßt. Aber sie beruht auf einem gedanklichen Gerüst, und dessen wesentlicher Teil ist die Ablehnung der Assimilation, ja nach manchen neueren Aeußerungen auch die Anerkennung des jüdischen Volkstums. Bis 1933 erblickte die herrschende Majorität der dcutsehen Juden nur in der Assimilation ihr Heil. Die Erlebnisse der letzten drei Jahre müßten hier Wandel geschaffen haben, auch ohne daß Gesetze und äußerer Zwang noch hinzugekommen wären. Bei vielen Tausenden von Juden ist das auch der Fall gewesen. Und wenn gerade in den letzten Tagen wieder verschiedene jüdische Kundgebungen eine echte Wandlung erkennen lassen, so nehmen wir es mit Respekt hin. Manchen Juden ist z. B. erst jetzt aufgegangen, was Palästina für uns bedeutet, und wenn sic sich zu dieser Entdeckung bekennen, so ist das erfreulich. Aber verblüfft steht man davor, wenn andere Leute mit großer Flinkheit das begraben, was ihnen noch gestern wesentlich schien, auch für ein neues Programm sofort wieder Ratschlage erteilen und sich selbst als die einzig zur Führung geeignete Schicht empfehlen. Man kann doch nicht den Standpunkt vertreten, daß für jede Situation und jedes Programm, so gegensätzlich sie auch sein Französisches Judentum und Zionismus Von unserem Berichterstatter

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