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Jüdische Rundschau · 1935-09-27 · Heft 78 (27.9.1935) · page 20

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 78 (27.9.1935)
Date
1935-09-27
Page
– (sequence 20)
Language
German
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Seite 20 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 78, 27. IX. 1935 Der alte Mann in Yemen Zum RcKicrungswedisel in Yemen Von M. Y. Ben-gavrie I, Jerusalem Die Meldungen, die in der letzten Zeit aus Yemen komtuen, sind dunkel und unklar. Die einen sagen, daß der Imäm Y a 11 y a, der Herrscher des Landes, schwer erkrankt, die anderen behaupten, daß er gestorben sei, während eine arabische Quelle sogar zu melden weiß, daß er wahrend eines Reehtsdisputes von einem Rechfslclirer durch einen vergifteten Ltolch verwundet worden sei. Sicher ist nur, daß sein Sohn, S s f t e 1 isla 111, ■die Regierung übernahm. Wie dem auch sei: mit dem Imäm Y a 11 y a verschwindet ein Stück Mittelalter aus unseren Tagen und mit ihm der letzte Autokrat großen Stils, um dessen Freundschaft sich nicht mir England und die arabischen Staaten, sondern auch Italien uno Rußland bemühten. Yahva mohammed ihn hamed ed־din aus der Familie des Propheten war ja nicht allein das Haupt der Saidis — jener das Land beherrschenden Minorität von Abkömmlingen Mohamnicds —, sondern auch absoluter und unbeschränkter Herrscher der ״arabia felix“, der das Zünglein an der Waage in den Anstrengungen Engiands und Italiens um den Einfluß in Westnrabicii bildete. Andererseits aber war er der Gegenspieler der Wahabiten im Kampf um die Hegemonie auf der Halbinsel, ein Kampf, der vor etwa ׳zwei Jahren 711m offiziellen Krieg — und zum inoffiziellen Kampf zwischen Italien und England — geführt hatte. Dieser Krieg war der letzte einer langen Reihe von Kampfhandlungen, welche die beinahe 38 Jahre dauernde Herrschaft des Imäm durchzogen. Immer erneute Aufstände gegen seinen Ober Herrn, den Sultan der Türkei, führten schließlich zur vollen Unabhängigkeit nach dem Weltkrieg, wiewohl der Imäm merkwürdigerweise während dieses Krieges dem Sultan die Treue hielt, worauf sofort ein latenter Krieg gegen England begann. Britannien hatte sich viele Jahre bemüht, mit ׳Yemen zu einem Vertrag zu kommen, doch Yahva ließ jede (ies:1n<hs<:h.tft der Engländer kurzerhand ajitangeii und über die (iren/en 711 rückbringen. Als England eine Art I and block ade durchfuhrtc, indem es eine Anzahl kleiner Emirate /wischen Aden und Yemen unter seinen Schiri/ stellte, führte der Imäm einen jahrelangen Krieg, der England viel Geld kostete. I rst vor knapp zwei Jahren gelang es den I ngl.iiulci 11 - zu jener Zeit, da sich die yemenitische f rcundsdialt zu Italien ein wenig ab/iikühleil begann —, efiieii Vertrag zu schließen. Imam 5 nhva war das Schulbeispiel eines mittelalterlichen orientalischen Herrschers mit allen guten, aber auch mit allen schlechten Eigenschaften eines solchen. Von persönlicher Lauterkeit, war er gleichzeitig beispiellos geizig, rikksichtslos, aller niemals persönlich grausam, religiös im wahrsten Sinne des Wortes und gleichzeitig diplomatisch und unerhört schlau. I r verkörperte, vollkommen bewußt, ein Stück Mittelalter patriarchalischer Art. Seine Bildung in religiösem Recht, Geographie*, üekonomie, arabischer Literatur und Philosophie war ohnegleichen. Sie hatte nur den einen Fehler, daß sie mit dem Jaftr 11(1() etwa aufhörte■. Alles, was nachher geschrieben und gedacht wurde, nahm er nicht zur Kenntnis, wie er, als Konservativer strengster Observanz, sein Land hermetisch״ vor allen Erfindungen und Gedanken Europas abschloß. So war sein Rcgierungssystein — er regierte ohne verantwortliche Minister — das eines nur Gott und dem religiösen Recht verantwortlichen Vaters über seine Familie. L.r sali jeden Tag in der Halle ■seines Palastes, die jedem offenstand, nahm Bitten und Beschwerden entgegen, die er sofort, an Ort und Stelle, auf einem Zettel rechts bindend und inappelahcl entschied. Ohne Protokolle und ohne Formalitäten. Sein Interesse für alle Dinge des Landes ging so weit, daß er, wie mir seinerzeit Professor R;11 h j e n s, einer der wenigen Europäer, die im Yemen reisten, erzählte, selbst die Zeugnisse der Schulkinder unterschrieb. Er war, soweit dies als Vertreter einer herrschenden Minorität möglich ist, im Volk beliebt, doch mehrten sich schließlich die Unzufriedenen, was in erster Linie darauf zurückzuführen ist, daß seine Art der Staatswirtscliaft nichts anderes als ein wohldurclidacKtes System unvorstellbaren Geizes darstellte. Das einzige Gebiet, auf dem er Neuerungen zugänglich war, war die Armee. Er führte technische Hilfsmittel ein und ließ die Italiener eine Munitionsfabrik und eine Fliegerschule bauen, aber er bezahlte den Flugschülern — ein Pfund pro Monat und den ausgebildctcn Fliegeroffizieren zwei Pfund. Als diese für diese lächerliche Gage ihr Leben nicht aufs Spiel setzen wollten, schloß er ohne weiteres die Fliegerschule. Dieser Entschluß ist nicht verwunderlich, wenn man weiß, daß der General- Stabschef der in vielen Schlachten bewährten Armee ein Gehalt von — vier Pfund {etwa 55 RM.) bezog. Er selbst war von vollendeter Bedürfnislosigkeit und lebte nicht viel besser als seine Soldaten, die sich selbst ihr Essen besorgen und es /׳,!bereiten maßten; in unterirdischen Kellern aber wurden gewaltige Mengen von Gold — aus den Eingängen des sehr fruchtbaren Landes — aufgestapelt, die als Kriegsschätz, aber nicht für ihn, sondern — für den einst kommenoen Mahdi, den Befreier des Islam, zu gelten hatten. Das Bild dieses in dieser Zeit ganz außerordentlidhen Mannes wäre aber unvollständig, wollte man nicht auf seine unbeugsame Konsequenz, wie auf seine geradezu amerikanische Geschäftstüchtigkdt Hinweisen. Der nach religiösen Gesetzen regierende Fürst schloß mit dem antireligiösen Rußfand einen Vertrag. Der russische Gesandte aber mußte jeden Freitag in der ersten Reihe der Betenden in der Moschee stehen und sich zu Boden werfen wie irgendein Gläubiger. Und als er vor einigen Jahren endlich eine Post im Yemen einrichtete, ließ er — durch Professor Ruth י■ י übrigens — die Briefmarken in Berlin drucken. Da er aber keineswegs geneigt war, auch nur einen Real für die Einrichtung der Post auszugehen, ließ er die Hälfte der Auflage sofort in Berlin an Briefmarken 11ändler verkaufen. Aus dem sehr hohen Erlös wurde dann die Post eingerichtet. Oder: als der Zionismus unter den Juden seines Landes zu werben begann, erließ er, lauge vor Europa, das erste ״Kapitalfluchfgesctz“, das jedem Palästinawanderer verbot, mehr als die Kleidung, die er am Leibe trug, mit sich zu nehmen. Dies geschah, nicht zuletzt aus dem Grunde, um die einzigen Handwerker des Yemen im Lande zu erhalten und einen Zusammenbruch der Volkswirtschaft zu verhüten. Im allgemeinen dürften seine judengegnerischen Gesetze nicht aus ״antisemitischen“ Ursachen gegeben worden sein. Sie waren vor allem volkswirtschaftlicher Art und andererseits aus dem religiösen. Fanatismus jener mittelalterlichen Landschaft zu verstehen,* der das ausschließliche Primat der Religion Mohammeds in1 Leben des Staates und im täglichen Leben der Bürger betont. Heute nicht anders als zur Zeit der großen Khaüfen und Sultane. Die gelegentliche Verschärfung dieser Gesetzgebung in den letzten Jahren kam gleichfalls aus religiös-politischen Ursachen und dürfte mit der Propaganda des Mufti von Jerusalem Zusammenhängen, der aber andererseits den alten Mann im Yemen niemals zu besonderer Aktivität in der all,arabischen Sache bewegen konnte. Der große Stern Yahya, der mit der Niederlage im Kriege gegen die Wahabiten des Ihn Saud vor etwa zwei Jahren zu wanken begonnen batte, ist gefallen. Sein Sohn, von dem man nur weiß, daß er ein erbitterter Gegner der Wahabi ist, heißt Sset el isla in: Schwert des Islam. Wenn er seinen Namen zum Regieruugsprogranim erheben wird, sind Kompükationen in der Politik des Yemen zu erwarten. Kompiikationen mit den an Westarabien interessierten Mächten, Komplikationen mit dem he'raetischcn Islam der Wahabiten und nicht zuletzt Komplikationen in der Lage der Juden im Imamaf, das zu allem — Abessinien gegenüberliegt. Schach Bearbeitet von J. Mieses Aufgabe Nr. 8. Von Dr. E. Zepler in Berlin. Aufgabe Nr. 9. Von Dr. E. Zepler in Berlin. d f a b Matt in drei Zügen Matt in drei Zügen Unter den hervorragendsten Problemkomponisten der Gegenwart steht Dr. E. Zepler, ein Problemmeister jüdischer Abkunft, mit an erster Stelle. In seinen Erzeugnissen findet man Schärfe der Idee mit formvollendeter Aesthetik verbunden, und seine Technik ist erstklassig. Dabei entfaltet er eine große Fruchtbarkeit, die es ihm ermöglichte, ach häufig mit sehr wertvollen Einsendungen an nationalen und internationalen Problemturiiicren zu beteiligen. Nicht weniger als etwa öö Preise, darunter 25 erste Preise, hat er im Laufe der letzten 20 Jahre in Problemturnieren errungen. Von den beiden obigen Aufgaben, die wir als schöne Proben von Dr. Zeplers Problcmkunst geben, hat Nr. 8 vor einigen Jahren erfolgreich in einem deutschen Problemturnier konkurriert. Nr. 9 ist ein uns vom Verfasser freundliehst zur Verfügung gestelltes Originalproblem. Beide Kom- Positionen sind recht charakteristisch für Zeplers, der ״k>- gischen Richtung“ zuneigenden Konipositionsstil. Lösung der Aufgabe Nr. 6. 1. S<15Xe7 KcSXf6 1. Ke5—f4f 2. S <7 :5 matt. 2. Se7—d5 matt. 1. Ke5Xe4t 1. Df5Xf6 2. Se7—H5 matt 2. S «7-- g8 matt. 1. D f5— d7 (06) 1.beliebig anders 2. Sc7—c6 matt. 2. Se7—g6 matt. Lösung der Aufgabe Nr. 7. 1. T al .15 d5—ä4 1. b5—b4 2. T a5— al ttsw. 2. 05—c6 usw. 1. K 05—(14 2. I. 07 fa mvf. Aufgabe Nr. 6 wurde richtig gelöst von Dr. A. Lichtwitz in Guben. Die Aufgaben Nr. 6 und 7 wurden richtig gelöst von: Erich Ruhensohn in Hannover, R. und M. Süßermann in Berlin, Dr, K. in Pirmasens. Jüdisches Melstertumier. Die Scliachabteilung des Bar Kochba in Leipzig plant für die Weihnachtszeit ein jüdisches Meisterturnier, wozu voraussichtlich an zwölf Meister und erstklassige Amateure, die in Deutschland wohnhaft sind, Einladungen ergehen werden. Auf diese Veranstaltung bezügliche Anfragen sind an Erwin Jaffe, Leipzig, Funkenburgstraße 15, zu richten. Das Internationale Musikfest in Prag Vor kurzem fand das diesjährige Musikfest der Inter-!1 a t i o n a 1 e 11 Gesellschaft für neue (zeitgen iiäsiiclic) Musik in Prag statt. Es war erst für Karlsbad anberaumt und alle Vorbereitungen waren getroffen, als es in letzter Minute abgesagt, 'aber durch Bereitschaft der Prager Bell erden doch noch ermöglicht wurde. Die Aufgaben der 1( 1N'M. sind heute wichtiger denn je. (iewiß, es sollte, wie jedes Jahr, der Welt ein leeberblick gegeben werden, was an neuer .Musik entstanden und im Lniaielien ist, und durch ein kiiiwtleriwhes Panorama eindmiglidi gezeigt werden, was!׳es,, h.iffen wurde; aller vor ailem sollte dmi /. F. unverstandenen und mißverstandenen Musikern neuer Mut und fnicht bau; Anregungen gegeben werden. Wir dürfen von dem A r b e ifsantell der Juden in der KAM. sprechen, ohne ihre Rolle zu überschätzen. Sie waren immer nur eme kleine Gruppe unter den anderen. Aber die Aktivität so vieler jüdischer Musiker hei der Griiiidunp und Weiterentwicklung der Gesellschaft darf hier erwähnt werden. Es fanden in Prag 'zwei Orchester- und zwei Kammerkoti/erie statt. Durch die Verlegung mußte ein drittes Orchesterkonzert (mit Welken engiischer Komponisten und des Deutschen van Borck) ausfallen. Dafür waren die Festteilnehmer Gäste der tschechoslowakischen Oper, einmal bei ״Hansens Königreich“ (Text nach Tolstoi) des kürzlich verstorbenen, höchst verdienstvollen Dirigenten Ostreil, ein anderes Mal bei ,.Rusalka“ von Dvorak. Die Orchesterkonzerte waren interessant und lehrreich; sie wiesen eine Produktion von Könnern auf, ohne eklatante Üebcrraschiingen zu bieten. Im Mittelpunkt dieser Konzerte stand je ein Werk der Ackeren: im ersten Konzert die Orchestervariat i o 11 e 11 op. 31 von Arnold Schon borg (er hat voriges Jahr die Sechzig erreicht), im zweiten die Lulusuite des S c 11 ö 11 b e r g s c 11 hier s Alban Berg (er ist gerade 50 Jahre alt geworden). Der Schon borg wurde 1928 in Berlin von Furtw iinglcr iiraufgeführt. Bei der Prager Aufführung applaudierten besonders die Musikschüler auf der Galerie; das war ein gutes Zeichen, und wir können alle Hoffnung haben, dal) die Variationen Eigentum der nächsten Generation sein werden. Popularität dürfen wir nicht erwarten, dafür sind sie zu kompliziert, zu konzentriert. Aber alle großen Schöpfungen (und wir ahnen, daß dieses Werk Schönhergs zu ihnen gehört) haben den Hauch der Einsamkeit um sich. Wer polyphon hören kann, der wird von keiner ״kalten Konstruktivität“ erschreckt, der nimmt die konsequente Linearität (— man könnte sie fast schon Heteronhonie nennen —) als gegeben bin, als Stilmerkmal und dringt zu Wesentlicherem vor. Welche Bereiche tun sich dann auf: Linien von stärkster indischer Intensität — ein ״romantisches“ Schwellen und Schwelgen der Stimmen — ein llebereinanderlagern dynamischer Kraft bahnen von Reinheit und Gewalt. Fs gehört viel Zeit und innere Ruhe dazu, um Schönberg nahezukommen. Fine derartige Versponnenheit, wie er sie hat, ist gar nicht so ein Sonderfall, — sie kommt auch in der Literatur vor, — denken wir nur an den späten Rilke, der vielen nicht mehr zugänglich ist. Dirigent der Variationen war Dr. Heinrich Jalowetz» einer der Getreuen aus dem Wiener Schönbergkreis. Eingerahint war der Schönberg von einem Klavierkon/ert mit Blechbläsern von Slavko Osterc (Jugoslawien), das auf Bewegung und scharfen Klang gestellt ist, zwischen Laut- und Choralthcniatik abwechselt, von einem Cellokonzert von Karel Häba (CSR.), einem relativ gemäßigten! fundierten Werk, von ״Miserac“ von Karl Amadeus Harfinann (Deutschfand) und einer überraschend traditionsgebundenen, alfreskohaften Sinfonie von V. Sebalin (USSR.) (Dirigent: Jeremiaä). Das zweite Orchesterkonzert war weniger ergiebig als das erste. Am Anfang standen das Poeme hiroique des Bergschiilers Jet van Durme (Belgien) und eine Sinfonie von Pierre Octave Ferroud (Frankreich), die beide aut glän- /ende Orchesterwirklingen gestellt sind, ohne eindringliche thematische Erfindung; Pavel Borkovec zeigte in seinem Klavierkonzert (der wunderbare Interpret heißt Firkuänv) eine lockere, leichte, fast elegante Thematik und Gestaltung, Alois Häba, der Führer der jungen tschechischen Komponistenschule, ließ eine symphonische Phantasie ״Der Weg des Lebens“ — wir hätten gern seine Vierteltonmusik gehört — spielen, eine regelrechte symphonische Dichtung (anthroposophische Ideen) mit neuen Tonmitteln (u. a. unthematischer Stil). Im Mittelpunkt des Konzerts stand die I.ulu-Suite von Alban Berg (Oesterreich) (aus der neuen, dem Lehrer Schöriberg gewidmeten Oper ״Lulu“, nach Wedckind), die vor einiger Zeit in Berlin unter Kleiber uraufgeführt wurde. Sie hätte unmittelbarer gewirkt, wenn sie durch eine szenische Vorstellung (— die Einführung im Programmbuch konnte ein Ersatz sein —) hätte nsychologisch motiviert werden können. Die überaus strenge musikallsche Durchforschung erhält (ganz wie im Woz/ek), bei allem Eigenwert, erst ihren ■Sinn durch das Drama, d. h. den Raum menschlicher Schicksale und ihrer Plattform, des Theaters. Berg versucht, die Schön herrschen Ausdrucksmittel für die Gestaltung spastischer Geschöpfe und Situationen fruchtbar zu machen. Bemerkenswert, ja sensationell an dieser höchst persönlichen Transformation ißt, daß er soziale Problematik klanglich erfaßt hat (Wozzek: Lulu). Wer hätte je gedacht, daß man einen Wedekind, einen durch seine dargestellten Widersprüche anklägerisch wirkenden Stoff komponieren könnte! Nach dieser Suite zu urteilen, muß die Oper ״Lulu“ ein ebensolches Ereignis werden wie es der (jetzt schon fast populäre) ״Wozzek“ war. Dirigent des schwierigen Werkes war Georg S z c 1 f. — Das Orchester des Prager Rundfunks und das der tschechischen Philharmonie, die die äußerst komplizierten Werke, nach ganz wenigen, erst in letzter Stunde angesetzten Proben vorzüglich ausführten, verdienen höchstes Lob. Die zwei Kammerkonzerte waren im Durchschnitt mannigfaltiger und ergebnisreicher als die Orchesterkon zerte. Für die Jungen scheint die Kammermusik seit Jahren noch immer ein fruchtbares und ihren Tendenzen adäquates Gebiet zu sein. Gewinn des ersten Abends war ■ein Streichquartett ״Dialectic“ von Alan Bush (England); hier war kein Cienietum, sondern ein bescheidenes Verwalten abgegrenzter Qualitäten, eine vornehme, dabei gesunde Musik, traditionell im besten Sinne: Bush scheint Anregungen der englischen Musikkultur des 16. Jahrhunderts aufgenommen zu haben. Ein Divertimento für 5 Instrumente und Sopran (nach Texten aus dem 13. Jahrhundert) von Luigi Dallapiceola (Italien) zeigt bei aller reinen Klanglichkeit ebenso Gesicht (Dirigent: Casclla) wie die herbe, eruptive, nicht immer gleichmäßig gespannte Phantasie für Streichorchester des Schweizer« W. Burkhard (Scherchen war der ausgezeichnete Interpret). Neben einer etwas akademischen Violinsonate von Badings (Holland), klanglich aparten Stücken für Gesang und Instrumente von Woytowicz (Polen), einem thematisch konventionellen (von Teilen des langsamen Satzes abgesehen) Konzert für zwei Klaviere von F. Finke (CSR.) standen Gesänge von H. W. Süßk ind, von einem mehr stimmungsmäßig als konstruktiv angewandten, daher etwas verquollenen Schönberg-Stil, auf deutsche Texte, die vom Komponisten selber verfallt waren. Zweites Kammerkonzert: das einzig Lustige, Witzige auf diesem so wenig übermütigen Musikfest waren die Bläserstücke von Alexander Moyzes (CSR ): eine entzückende, schelmische Dorfniusik, — ein einmaliger Coup. Die Varietude (Chaconne) und Etüde- Toccata von Wladimir Vogel (USSR.), neben Weill einer der begabtesten Schüler Busonis, scheint mir — nach einmaligem Hören — eine neue Art — kontrapunktisch stärkstens fundierter — Virtuosenmusik zu sein. Sic wurde von Eduard Steuermann, dem genialen Techniker, gespielt. Von nur wenigen verstanden, aber von einigen gewiß erahnt, war das Konzert für neun Instrumente von Anton Webern (Oesterreich) (Dirigent: Jalowetz). Webern verarbeitet die Anregungen seines Lehrers Schönberg auf andere Art als Berg; er geht auf dem Weg weiter, ohne aus ihm herauszufreten. So sind seine Werke, wie Jalowetz in der Festschrift andeutete, von aphoristischer Kürze, mehr gehaucht als gesprochen, von intimstem, persönlichem Charakter, für tief empfindsame Herzen berechnet. Von den virtuosen Interpreten nennen wir u. v. a. Jalowetz, Rudolf Ko lisch (Violine), Steuermann (Klavier). Private Bekenntnisse in der Art wie sic Chevrcuille (Belgien) in psychologischen Stücken für Streichquartett darbot, sind heute nicht mehr erträglich; vor 15 Jahren hätten sic als Studien in einer neuen Sprache vielleicht noch einen gewissen historischen Wert gehabt. Neben zwei eklektischen Kom- Positionen: einer, harmonisch dem französischen Impressionismus genäherten, Harfensonate des sonst viel produktiveren Alexander Jemnitz (Ungarn) und temperamentvollen, geschickten Stücken für zwei ()eigen der Irin Elisabeth Maconchy standen ein Streichquartett von Sandor Veresz (Ungarn), ein gutes Werk, von Kodaiyschem Geist, und ein Allegro für Violine und elf Instrumente des Italieners Goffredo Petrassi, eine formal sehr klare, thematisch etwas weniger gewichtige Komposition. Ausführende waren das Neue Budapester und das Prager Quartett, das Prager Bläserquintett. Am Ende der Musikwoche folgte noch eine wunderbar beschwingte Aufführung von Janaceks ״Jenufa“ in der deutsehen Oper; Dirigent: S z e 11, Regie: Renato Mordo, Bühnenbild: Pirchan, mit hervorragenden Sängern u. v. «. Rose Pauly; deutsche Uebcrsetzung: Max Brod. * Hier ist eine gute Gelegenheit, um auf die palästinensisclie Sektion der IG NM hinzuweisen. Es wäre von großer kultureller Bedeutung, wenn sie ihre Aktivität wieder aufnehmen würde. Sie könnte der Unterstützung aller auswärtigen jüdischen Musiker gewiß sein. Sie möge einen Vorschlag entgegennehmen: wie wäre es, wenn sie alle jüdischen Komponisten und Musiker, die ihr innerlich zugehören, organisatorisch zusammenfaßte, so daß eine Beteiligung bei Musikfesten, z. B. dem nächsten der IONM (wahrscheinlich 1936 in Barcelona), in geschlossener Front möglich sein würde? Dr. Haas Nathaa

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