Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 77 (24.9.1935)
- Date
- 1935-09-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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%*. 77 x Jahrgang: 40 Preis 25 Rpf. JÜDISCHE RUNDSCHAU fduriftlaUfcuig,Vertag au Anzelg»nverwalt«mg 1 Berlin W1S, Mehtekeitr.lO Fet&rai: Sammei-Nr. J1 Bismarck 3181/82,7165/70,7240/4Z - Bezugspreis tinadhL Beststlgtld je Monat RM 2!•, je Vi#rtelj*hr KM 5*75« bei Abholung RM 1,88 fcrw. RJM 5*39- — Postscheck - Konten der Vertriebs. Abteilung: Berlin 71573 (Hir Groft ־ BerlmX Berlin 17392 (für das Sbrige Reich), ln Fällen höherer Gewalt beweht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Erstattung etwa schon gezahiatr Bansfsgebührea. — Erscheint jaden Dianstag and Freitag. BERLIN כ״ו אלול תרצ״ה DIENSTAG, 24. SEPTEMBER 1935 ABX.l1.Brnl.Uato Nr. 3 gültig. Die 12 xeap.11«» nm- Zeile 20 Rpf, lü, Fatnilienoachricfiten 15 Kpl. Aufnahme von Anzeigen au Wstimniten Tagen odei Stellen und in bestimmte Ausgaben kann nich! gewährleistet werden. Kin/oianaeigen nur bei Vorauszahlung auf Postscheck. Konto Berlin 71618 oder bar Montag bis Donnerstag 9 — 18 Uhr, Freitag 9—16 Uhr. Annabmeechluß lür die Dieaatag - Ausgabe Montag 10 Uhr, iür die Fr ei tag-Au»• gäbe Mittwoch 13 Uhr (Für Familienanzeigen am Tag vor Erscheinen 12 Uhr) D«r Zionismus erstrebt fdr das iOdlsche Volle die Schaffung einer öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. (Baseler Programm) Das Programm Erklärung der Reichsvertretung Die Rei c h s v e r t re t u n g der Juden in Deutschland gibt folgendes bekannt: Am Beginn der nationalen Bewegung des jüdischen Volkes steht die Erkenntnis von der Notwendigkeit 4er Auto emanzipation. Schon vor zwei Menschenaltern haben Juden, die die Geschehnisse ihrer Zeit zu deuten verstanden, erkannt, daß kein Volk seine Freiheit von anderen geschenkt bekommt und daß jedes Volk unter den Bedingungen lebt, die seinen eigenen Kräften entsprechen. Das Geschenk der Emanzipation der Juden, das am Beginn des 19. Jahrhunderts stand und das westliche Judentum in eine Welle der Begeisterung über die Güter Europas und der Lossagung vom Judentum hineinriß, wurde von diesen Kreisen schon damals als ein ungewisses Gut erkannt, als es der Mehrheit der Juden noch sicher dünkte. Selbstbefreiung und Selbsthilfe waren und sind die Parolen, unter denen die zionistische Arbeit von ihrem Beginn angeführt wurde, gewiß nicht in dem Sinne, daß der Zionismus glaubt, unabhängig von den Kräften der Umwelt, von ihrem Wohlwollen und ihrer Abneigung seine Arbeit tun zu können, aber in der Erkenntnis, daß Gelingen oder Mißlingen aller unserer Aktionen, das Schicksal unseres Volkes im Kernpunkt von uns selbst abhängt. Diese Erkenntnis hat auch den Zionismus in Deutsch- »land seit den Frühjahrstagen 1933 geleitet. Er proklamierte schon in der Zeit des Umbruches die Forderung der Rückkehr zu unseren eigenen Kräften, die ebenso sehr Elemente der materiellen Selbsthilfe wie der seelischen und geistigen Haltung sind. Die Geschichte der Juden in Deutschland in den letzten zwei Jahren ist — von innen her gesehen — ein immerwährender Kampf um die Durchsetzung dieser Forderung und der ihr zugrunde liegenden Erkenntnis. Nur unvollkommen ist dies bisher gelungen. Allzu viele glaubten, die Lage mit Palliativmitteln meistern zu können, und sie gaben Parolen aus, die leere Worte waren, wenn man sie auf ihren Qehalt prüfte, Ausflüchte in das Reich der Phantasie, weil man der harten Wirklichkeit nicht ins Auge schauen wollte. Kreise, die um jeden Preis iin jüdischen Bezirk an der Macht bleiben wollten, über-? nahmen wohl dieses oder jenes Stück aus den praktischen Forderungen, die von zionistischer Seite aulgc-!stellt wurden, aber sie weigerten sich, die Gesamt- Konzeption anzuerkennen, die Judenfrage so, wie sie ist, zu sehen und den Weg des Neubeginns zusammen mit denen zu beschreiten, die allein innerlich befähigt sind, die Juden Deutschlands zu führen. Zeit, viel kostbare Zeit ist dadurch verloren gegangen, und Energien! wurden bei inneren Auseinandersetzungen vergeudet, ■ die besser für das jüdische Gemeinwohl eingesetzt vvorden wären. Trotzdem hat die zionistische Bewegung in Deutschland niemals aufgehört, diesen Kampf im jüdischen Gesamtinteresse zu führen. Auch nach der Neuregelung der jüdischen Situation durch die Nürnberger Gesetze hat sie mit aller Klarheit ihr Programm der Arbeit formuliert. Wir haben dies in der vergangenen Woche mit aller Ausführlichkeit an dieser Stelle getan und können in diesem Zusammenhänge auch auf die Dar- Stellung des zionistischen Programms verweisen, über das in einer großen Berliner Kundgebung am Sonnabend berichtet wurde. Dies Programm umfaßt sowohl einen sachlichen wie einen personellorganisatorischen Teil. Es geht von der Not- Wendigkeit aus, den in Deutschland lebenden Juden eine materielle Existenz zu erhalten, ihnen ein Leben in Würde zu ermöglichen, und schlägt hierfür eine Reihe I umfassender Maßnahmen vor. Darüber hinaus erkennt ן cs, daß der Abbau der jüdischen Substanz durch eine 1 i geregelte Auswanderung, die in erster Linie nach Pa- ■ lästina führen muß, die Ergänzung dieses ersten Punktes :j ist, und entwickelt hierfür einen auf eine Reihe von Jahren berechneten Vorschlag. Die Durchführung dieser Aktion ist aber nur dann aussichtsvoll, wenn sic von (lenen getragen wird, die in klarer Erkenntnis der Judeni frage sich von jener um ihre Lösung bemüht und Er- | iahrungen dabei gesammelt haben, die nicht aus der 1 Not eine Tugend machen, sondern glauben, daß die Stunde gekommen ist, in der das Judentum Deutschlands; den Anschluß an das lebendige jüdische Volk und seine I großen Aufgaben finden kann! I Die Reichsvertretung der Juden in 1 Deutschland hat inzwischen die in unserer letzten 1. ״Die vom Reichstag in Nürnberg beschlossenen Gesetzt haben die Juden in Deutschland aufs schwerste betroffen. Sie sollen aber eine Ebene schaffen, auf der ein erträgliches Verhältnis /.wischen dem deutschen und dem jüdischen Volke möglich ist. Die Reichsvertretung der Juden in Deutschland ist willens, hierzu mit ihrer ganzen Kraft beantragen. Voraussetzung für ein erträgliches Verhältnis ist die Hoffnung, daß den Juden und jüdischen Gemeinden in Deutschland durch Beendigung der Diffamierung und Boykottierung die moralische und wirtschaftliche Existenzmöglichkeit belassen wird. Die Ordnung des Lebens der Juden in Deutschland erfordert die staatliche Anerkennung einer autonomen jiidisehen Führung. Die Reichsvertretung der Juden in Deutschland ist das hierzu berufene Organ. Hinter ihr stellt bis auf geringe Ausnahmen die Gesamtheit der Juden und jiidisehen Gemeinden, insbesondere alle Landesverbände und alle Großgemeinden, sowie die freien jüdischen Organisationen: Zionistische Vereinigung für Deutschland, Centralverein der Juden in Deutschland, Reichsbund jüdischer Frontsoldaten, Vereinigung für das religiös-liberale Judentum, die organisierte Gemeinde-Orthodoxie, Jüdischer Frauenbund, Reichsausschuß der jüdischen Jugendverbändc. Die dringendsten Aufgaben der Reichsvertretung, denen sie in energischer Verfolgung des bisher von ihr eingeschlagenen Weges mit aller Hingabe nachgehen wird, sind: 1. Das eigene jUdische Schulwerk muß der Er- Ziehung der Jugend zu religiös gefestigten, aufrechten Juden dienen, die aus bewußter Verbundenheit mit der Jüdischen Gemeinschaft, aus der Arbeit an jüdischer Gegenwart und dem Glauben an jüdische Zukunft die Kraft schöpft, den schweren Anforderungen zu entsprechen, die das Leben an sie stellen wird. Ueber die Wissensvermittlung hinaus muß die jüdische Schule der planvollen Vorbereitung für den künftigen Beruf dienen. Mit Rücksicht auf die Aus- Wanderungsfähigkeit, insbesondere nach Palästina, wird dabei die Hinführung zu handarbeitenden Berufen und das Erlernen der hebräischen Sprache im Vordergründe stehen. Die Erziehung und berufliche Ausbildung der weiblichen Jugend muß darauf hinzielen, sie zur Erfüllung ihrer Aufgaben als Erhalterin der Familie und als Mutter der künftigen Generation vorzubereiten. E'n eigenständiger Kulturaufbau muß den kunstand Kulturschaffenden Juden Betätigungsmöglichkeiten geben und dem kulturellen Eigenleben der Juden in Deutschland dienen. 2. Dem gesteigerten Aus wanderungsbedürfn i s ist mit einer großzügigen Planung zu entsprechen, die vor allem Palästina, aber auch alle anderen in Frage kommenden Länder einbezieht und besonders der Jugend gilt. Hierzu gehört die Sorge für die Vermehrung der Auswanderungsmöglichkeiten, Ausbildung in für die Auswanderung geeignetem Berufen, insbesondere Landwirtschaft und Handwerk, die Schaffung von Möglichkeiten zur Mobilisierung und Liquidierung des Vermögens wirtschaftlich Selbständiger, die Erweiterung bestehender und die Schaffung neuer Transfermöglichkeiten. 3. Die Erhaltung und Betreuung der Hilfsbedürftigen, der Kranken und der Alten muß in Ergänzung der staatlichen Fürsorge durch weiteren systematischen Ausbau der von den Gemeinden getragenen jüdisehen Wohlfahrtspflege sichergestellt werden. Ausgabe von ihr angekündigten Maßnahmen in Angriff genommen. Wir veröffentlichen heute ihre Mitteilungen über einen Arbeitsplan, der als Richtlinie für die Zukunft gedacht ist. Die Erklärung enthält zwei Teile, ln ihrem ersten beschäftigt sie sich mit der Lage der Juden in Deutschland und den sich daraus ergebenden Aufgaben, während der zweite Teil von organisatorischen und personellen Maßnahmen handelt. Wir glauben, daß der Inhalt dieses von der Reichsvertretung angenommenen Programms, das in allen seinen Teilen die Unterschrift 4. Diesen vielfältigen und schwierigen Aufgaben ist eine verarmte Gemeinschaft nicht gewachsen. Die Reichs- Vertretung wird mit allen Mitteln versuchen, die wirtschaftliche Kraft der Juden dadurch zu sichern, daß die vorhandenen E r w e r b s m ö g 1 i c h k e i t c n erhalten bleiben. Die wirtschaftlich Schwachen sind durch weitere Ausgestaltung wirtschaftlicher Hilfsmaßnahmen wie Arbeitsnachweise, Wirt- Schaftsberatung, sowie Personal- und Realkredithilfe zu stärken. 5. Kraft in der Gegenwart und Hoffnung für die Zukunft gibt das lebensvolle F o r t s c h r e i t e 11 im Aufbau des jüdischen Palästinas. Um das Judentum in Deutschland noch mehr als bisher in diese Entwicklung hineinzustellen, tritt die Reichsvertretung als solche dem jüdischen Aufbauwerk e. V. (Keren Hajessod) bei und fordert die jüdischen Gemeinden und Verbände nachdrücklichst auf, ihrem Beispiel zu folgen. Die Reichsvertretung erklärt sich bereit, die organisatorische Verbindung der Körperschaften der Judenheit in Deutschland mit dem Aufbauwerk in Palästina herzustellen. * lm vollen Bewußtsein der Größe der Verantwortung und der Schwere der Aufgabe ruft die Reichsvertretung alle jüdischen Männer und Frauen, die gesamte jüdische Jugend zur Einigkeit, zu jüdischer Haltung, strengster Selbstzucht und größter Opferbereitschaft auf. II. Einem im Präsidialausschusse der Reichsvertretung gestellten Antrag entsprechend, werden Reichsvertretung, Landesverbiindc und Gemeinden ersucht, unverzüglich in enger Zusammenarbeit die organisatorischen und personellen Maßnahmen zu treffen, die in den jüdisehen Körperschaften erforderlich sind, um eine kraftvolle una konsequente Durchführung des neuen Arbeitsprogramms durch alle jüdischen Instanzen sicher/.ustellen.“ * Den vorstehenden Entschließungen des Prasklulaus- Schusses der Reichsvertretung haben ihre a u s d r ü c k 1 i c 11 e Z u s t i m m u 11 g gegeben : Pmilli.scher Landesverband jüdischer (uineimlen durch Kammergerichtsrat Volt! und 1)1־, Alfred Klee; Verband bayerischer Israel. (ieiiieinden durch <)bcrMLmdc-.geriehtsrat Dr. Ncunicyer-Munchen; Sächsischer isacl. (ienieimleverband durch Wilhelm Breslauer-[.eip/ig; Landesverband der israel. Religioiisgenieinclcii Hessens durch Koinm cr/iem at Mayer- Mainz; Oberrat der israel. Religionsgeineinschalt Win Itembergs durch Leopold I.evi-Stnttgart: ()berrat der Israeliten in Baden durch Prof. Dr. Stein-Karlsruhe; die (iemeindevertretung der Hansestädte durch Rechtsanwalt I )avid-l laut bürg und Dr. Manasse-Altona; Obcrrat der Israel. Lniidesgc'meinde Mecklenburg-Schwerin durch Dr. Josepliv-lö; dock; Jüdische Gemeinde Berlin durch Direktor Stahl; jüdische Gemeinde Breslau durch Herrn Lachs; jüdische Gemeinde Frankfurt a. M. durch Jusfi/rat Blau; Jüdische Gemeinde Köln durch Dr. Callmann; Jüdische Gemeinde Mannheim durch Rabbiner Dr. Grünewaki; Jüdische Gemeinde Essen durch Dr. Hirschland: Jüdische Gemeinde Nürnberg durch Kommerzienrat Rosenzweig; Jüdische Gemeinde Königsberg durch Geh. Rat Falkenhcim; Zionistische Vereinigung für Deutschland durch Dr. Moses; Central-Verein der Juden in Deutschland durch Justizrat Brodnitz; Rcichshuud jüdischer Frontsoldaten durch Dr. Leo Löwenstein; Vereinigung für das religiös-liberale Judentum durch Rechtsanwalt Stern; Die organisierte Gemcinde-Orthodoxic durch Rabbiner Dr. Iloffmann-Frankfurt a. M.; Jüdischer Frauenbund durch Frau Ottilie Schönewald; Hilfsverein der Juden in Deutschland durch Max Varburg; Palästina-Amt der Jcwish Agency durch Dr. Franz Meyer; Rcichsausschüß der jüdischen jugendverbünde durch Dr. Friedrich Brodnitz. der maßgebenden jüdischen Instanzen— Landesverbände, Großgentcindcn und Spit/cnorganisationcn — gefunden hat, einen Weg darstellt, der als kraftvolle Selbsthilfe an gesprochen werden darf. Besonders wichtig ist, daß in dem zweiten Teil dieses Beschlusses sämtliche in Frage kommenden zentralen Organisationen ersucht werden, die für die Durchführung der Arbeit erforderliehen Maßnahmen zu treffen. Wir Zionisten werden die Verantwortung, daß aus dem Plan Wirklichkeit werden kann, nur übernehmen,