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Jüdische Rundschau · 1935-09-20 · Heft 76 (20.9.1935) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 76 (20.9.1935)
Date
1935-09-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
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ג« r Vir. 76/ Jahrgang 46 Praia 25 Rpi JÜDISCHE RUNP MrUtt.ltn(,V«b| a. Aanliwrannatui 1 Bwlia W1I, MalnakaatT.l• Fexnml: S1nuael*N1> }I Binaattk 3181/82,7165/7^ 7240/42. — Bwug#jw.i• ainscbl( Bem.Ug.ld i* Monat RM 2,-, J« Vler1.li.hr RM 5.75. h«i Abholung RM 138 bn. RM 539. -- Pom.ch.ck- Konten der Vertrieb. - Abteilung: B.rlir, 71573 (für Gro* - Berlin), Berlin 17392 (lür du übrig. Reich). In Pillen höherer Gew.lt besteht kein Anspruch eui Nichli.lerun( oder Erst.nung etw» •ehe» gezahlt» Bezugsgeb&hr.n. — Er.ehelni Jede■ Ul.kRt.g aad Freitag. BERLIN כ״ב אלול תרצ״ה FREITAG, 20. SEPTEMBER 1935 Der Zionismus erstrebt für das indische Volk die Schaffung einer öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte In Paia ״Tröstet tröstet mein Volk *1 <. für a oder Einzel «dar bar «chluft für Aua• inan 12 Uhr) */ rogramm) anzcigan n< Montag bii di« Dieait gab• Mittwoch 13 lAu tt 0 0 0 Jesaja 40,1 Schabhate des Trostes — Wochen des Trostes sind es, die das jüdische Volk in dieser Zeit begeht. An allen Orten, in allen Ländern, in denen Juden leben, bis zum fernsten Rand der Erde lesen und sprechen Juden die Worte Jesajas, die dem Volke in der Zeit seines tiefsten Falles Trost geben sollten, und die sich im Ablauf des jüdischen Jahres dort einfügen, wo wir über den Untergang unserer Freiheit, über den Fall des Tempels geklagt haben. Die gewaltigen Worte des Propheten führen den Juden aus der Stimmung des Zerbrochencn in eine andere Welt, eine Welt freudiger und glanzvoller Zukunft, in der Zion und das Volk wieder auferstehen und leben werden. Wir Juden brauchen diese Stärkung unseres Willens und unseres Gefühls heute mehr denn je. Das jüdische Volk bedarf des T rostes in einer Welt, die für große Volksteile gewiß nicht hell und licht ist, in der Millionen Juden den Platz zum Leben nicht finden, ln dieser Zeit braucht das Volk die Besinnung auf das, was in ihm liegt, auf die Kräfte des Lebens, die seine eigentliche Chance für die Zukunft sind, auf den Eigenwert, der die Aussicht bietet, daß unsere Hoffnung nicht verloren ist, und daß in unseren Tagen, aus unserem Willen der Ansatz zur Auferstehung des Volkes geboren wird. Besinnung auf den Eigenwert und Arbeit für uns selbst — das sind in der Tat die beiden Faktoren des Trostes, die das jüdische Volk in dieser Zeit nötig hat; und dennoch: Wie schwer ist für viele von uns, besonders für viele Juden in Deutsch- 1 a 11 d, der Weg dorthin! Besinnung auf unser einenes Wesen zu fordern, ist eine leichte Sache, wenn es eine Angelegenheit der Rede ist, aber ernst genommen ist es für diejenigen schwer, die sich selbst entfremdet lebten, die seit Generationen aus dem jüdischen Zusammenhang herausgelöst waren. Wessen Herz leer ist, der kann sein Schlagen nicht empfinden, und wenn wir von Besinnung auf Eigenwerte reden, dann müssen wir wissen, daß es viele gibt, die uns fragen: Welches sind diese Werte? Wo finden wir sie und was ist ihr Inhalt? Viele von uns haben sich selbst vergessen. Das Leben hat sie in den Jahren und Generationen, die hinter uns liegen, vom jüdischen Standpunkt aus gesehen hart mitgenommen. Wohl brachte es sozialen und Wirtschaftliehen Aufstieg und für manche von ihnen Geltung in der großen Welt draußen, aber es riß sie von den Wurzeln ihrer Art und machte sie zu einem Spielhall der Anderen, eine Zeitlang von einem günstigen Wind getrieben und in das Tal der Verzweiflung gewürfen, als die Strömung umschlug. Heute bestimmt die Umwelt, daß wir Juden berechtigt sind, die jüdischen Farben zu zeigen. Sie spricht in maßgebenden Aeußcrungen davon, daß die Juden in Deutschland die Pflege ihrer eigenen Art als Aufgabe zugewiesen erhalten haben. So mancher Jude kennt nicht den Weg, der dorthin führt, weil ihm die eigene Art unbekannt ist, und weil er auch kaum mehr die Symbole dieses jüdischen Lehens kennt und nicht weiß, wie die Farben sind, die ihn führen können. Diese Menschen gilt es zu leiten. Sie sollen neu lernen, was Judentum ist, damit das Wort von der jüdisehen Ehre, die wir als die Basis unseres Lebens betrachten, mögen die äußeren Bedingungen wie immer beschaffen sein, einen Inhalt, einen Sinn und ein Ziel bekommt. Heute gilt es, erneut und mit viel größerem Anspruch als alle Zeit vorher den Anspruch auf Umkehr zu stellen und den Weg zu sich selbst zu bahnen. Das ist für uns nichts Neues. Wir, die wir die Verankerung des einzelnen Juden durch sein tiefstes Wesen und auch nach seinem äußeren Schicksal im Judentum und im jüdischen Volke erkannten, haben stets gefordert, daß der Jude sich diesem Volksleben praktisch zugehörig fühle. Wir begnügten uns niemals mit einem bloßen Bekenntnis dazu, sondern versuchten, einen Weg zti weisen, wie auch der Jude des Westens, der volksfremde Wege gegangen war, den Anschluß an ein lebendiges jüdisches Volk finden kann. Diese Forderung galt und gilt für uns unabhängig von der Konjunktur und der Begrenzung unseres äußeren Lebens. Auch damals — und damals erst recht! —, als es vielen Juden gut ging und die materielle Lage der Juden in Deutschland, ihre soziale und politische Stellung der heutigen entgegengesetzt war, haben wir sie mit aller Kraft vertreten. Nur ein Teil derer, zu denen wir sprachen, hat uns damals gehört. Nicht alle, die uns gehört haben, besaßen die Kraft, uns zu folgen, weil der Strom des Lebens — scheinbar — in andere Richtung ging. Heute ist es offenbar geworden, daß man sich getäuscht hat. Um so schmerzlicher empfinden gerade w i r es, wenn die Umwelt, Menschen aus anderen Völkern, die unsere eigensten Sorgen nicht mitempfinden können, uns hierauf hinweisen! Aber nicht darum, weil andere es uns sagen, muß das jüdische Volk in Deutschland den Weg zu sich selbst finden, sondern weil es schon immer diesen Weg als die wahre Aufgabe vor sich hatte, und weil in allen Momenten unserer Geschichte diese Aufgabe zu lösen ist! Allein von hier aus ergibt sich auch die Möglichkeit, die praktischen Sorgen des Tages zu lösen, die von der materiellen Seite her auf uns lasten. Es gibt keinen Weg der wirtschaftlichen Selbsthilfe, der beruflichen und sozialen Umschichtung und der Auswanderung, keine Möglichkeit der Scßhaftmachung von Juden in der Welt, der Kolonisation und des Palästinaaut'baus, der nicht von der Idee verwirklichten Judentums erhellt wird. Nur mit einer unerhörten Anstrengung unserer Kräfte können diese Fragen gelöst werden; aber nur dann werden wir aus uns selbst solche Kräfte entfesseln, wenn sie nicht aus einem Ressentiment heraus in Bewegung geraten und nicht von dem Gefühl der Ausweglosigkeit gespeist werden, sondern wenn wir das jüdisehe Schicksal bejahen und von der Liebe zum eigenen Volk und seinen großen Kulturgütern getragen werden. Darum gilt es in dieser entscheidenden Stunde der Geschichte der Juden Deutschlands, alle Kräfte ungehemmt in dieser Richtung einzusetzen, die die Voraussetzungen zur Bewältigung der großen Aufgabe besitzen. Diese Voraussetzungen liegen in zweifacher Richtung: Einmal muß die Führung der Juden in Deutschland von der Uebcrzeugung getragen sein, daß sie nicht Kärrnerarbeit leistet und etwas tut, was sie eigentlich im Grunde ablchnt, was aber durch die Not der Stunde erzwungen ist, sondern sie muß empfinden — bei aller Schwere, die ihre Maßnahmen für den Einzelnen oft bringen mögen —, daß unter dem Gesichtspunkt der jüdischen Gesamtheit Positives geleistet wird und die Juden Deutschlands in den Prozeß der jüdischen Renaissance hineinzuziehen sind. Heute müssen die vorangehen, die nicht aus Taktik und aus Anpassung an den Willen der nichtjüdischen Umwelt den Juden Deutschlands neue Lebensgrundlagen und eine neue Willensrichtung geben wollen, sondern die, die dies Werk aus der Ueberzeugung heraus tun, daß die Tage der Sorgen, die wir erleben, ihren Sinn in einer neuen jüdischen Existenz der Zukunft finden werden. Dazu kommt natürlich, daß der Erfolg dieser Kollektivanstrengung nur dann gewährleistet sein kann, wenn die Arbeit planmäßig vorgenommen wird, wenn nicht vage Vorstellungen, sondern ein konkretes Program in ihr zugrunde liegt, und wenn Kräfte in sie eingesetzt werden, die seit Jahrzehnten Erfahrungen auf diesem Gebiet gesammelt haben, die das Kommende voraussahen und sich darüber Gedanken machten, wie die jüdische Not einst zu bewältigen sein würde. Dieses Programm kann und darf nicht einseitig sein. Es beginnt mit den Aufgaben moralischer und seelischer Art, deren Inhalt und Bedeutung wir anzudeuten suchten, die das Leben des einzelnen Juden lebenswert und ihn zu einem brauchbaren Glied unserer Gemeinschaft machen können. Die Möglichkeiten der Erziehung stehen auf diesem Gebiete voran. Die Formung unseres Schulwesens, sein intensiver Ausbau nach der inhaltlich-jüdischen Seite hin, liegen hierbei im Vordergründe, insbesondere auch deshalb, weil nur so eine Jugend erzogen werden kann, die fällig ist, außerhalb der alten Heimat ihr Leben als Jude zu führen und in Palästina ein Baustein des neuen Volkslebens zu sein. Von dort aus führt ein gerader Weg zu den Problemen der jüdischen Wirtschaft, der Sozialpolitik und der Behebung unserer Sorgen durch die systematische Lenkung und Förderung der Auswanderung. ■Dabei muß es klar bleiben, daß das Judentum Deutschlands nur dann in der Lage sein wird, einen erheblichen Teil seiner Menschen ins Ausland abzugeben, wenn es <>k o 11 o m i s c h lebensfähig bleibt. Ein seiner Hilfsmittel entblößtes Judentum ist picht mehr imstande, sich selbst eine neue Heimat zu schaffen, und es gilt daher, in dem Programm unserer Arbeit auch die Gebiete zu berücksichtigen, die der Aufrechterhaltung der materiellen jüdischen Existenz in Deutschland selbst dienen. Zu diesem Werke und seiner Vertretung nach außen müssen heute alle aufbauwilligen Kräfte der Juden in Deutschland zusammengeführt werden. Manches ist in dieser Hinsicht in den letzten Jahren bereits geschehen. Trotzdem glauben wir, daß das Tempo der Arbeit eine entscheidende Beschleunigung erfahren muß, und daß ihre Ziele den Juden Deutschlands mit viel größerer Klarheit und Plastik vor Augen zu führen sind, als es bisher der Fall war. Die Zeiten, in denen man mit nebelhaften For m 111 i e r u 11 g e 11 a n der Wirklichkeit vorbei kam, sind v orbei! Die Flucht in leere Worte kann heute nur noch denen imponieren, die sie im Munde führen, aber keinem Juden mehr bei der Bewältigung seiner eigenen Lebensprobleme etwas helfen. Das können nur die, die mit Klarheit im Ziel und mit Entschlossenheit in der Durchführung die Geschicke unseres jüdischen Volksteils in die Hand nehmen wollen Und begreifen, daß cs sich dabei nicht um einen E i 11 ze I f a 11 handelt, sondern um jüdisches Schicksal, das über Zeiten und Länder das gleiche ist. Wird das Judentum Deutschlands die Kraft zu dieser Umkehr, zu solcher Selbsthilfe finden? Wir hoffen es. Die R e i c h s v e r t r e t u n g der deutschen Juden hat in dieser Stunde eine Aufgäbe von historischer Tragweite zu losen. Wie sie uns mittcilt, hat sie bereits Maßnahmen in die Wege geleitet, die für eine planvolle Gestaltung jüdischen Lebens von entscheidender Bedeutung sein werden. Sie beabsichtigt, ihre Pläne nach Fühlungnahme mit den berufenen Stellen bekanntzugeben. Wir hoffen, daß dieser Ankündigung Taten auf dem Fuße folgen werden. Die Stunde erfordert keinen Streit der Parteien, sondern eine Zusammenfassung aller Kräfte. An dem Werk, das vor uns steht, müssen alle Juden mitarbeiten, und all die sollen es mittragen, die — unbeschadet ihrer Anschauungen, die sie einst vertreten haben — fähig sind, die neue Zeit zu begreifen, und sich der Leitung derer anschließen, die von jeher ein lebendiges jüdisches Volksleben erstrebten und das Judentum Deutschlands als Teil dieses Volkes betrachteten. Vor uns stehen Wochen der Entscheidung. Es ist die Aufgabe unserer Instanzen und unserer Verantwörtlichen, die Arbeit zu lenken, es ist die Sorge und das Glück des Einzelnen, diesen Weg durch seine Anteilnähme zu verbreitern und die Rückkehr zu sich selbst, zuni Erbe der Vergangenheit im eigenen Herzen, zu den Kräften der Zukunft zu vollziehen. Die Wochen des Trostes, die mit dem Ausruf beginnen, den wir heute als Motto gewählt haben, enden mit einem Anruf, der unserer Generation mehr denn je gilt und ihre Aufgabe bezeichnet: ״Bahnet dem Volke den Weg!“

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