Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 75 (17.9.1935)
- Date
- 1935-09-17
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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JODISCHE RUNDSCHAU NR. 75,17. SEPTEMBER 1935 Literatnr- Blatt Jüdische Literatur in Amerika Unser xyz-Mitarbeiter in Neuי York wird von nun an ständig über die jüdische oder mit Juden zusammenhängende Literatur Amerikas berichten. Wir veröffentlichen heute den ersten dieser Beiträge, (Red.) XYZ., New York, im August Infolge des wachsenden Schwergewichtes des atnerikanischen Judentums innerhalb der Wcltjudenheit ist das kulturelle und literarische Leben der arnerikanischen Juden von jüdisch-allgemeiner Bedeutung. Wir wollen versuchen, von Zeit 7u Zeit einen Uc-berblick über die wichtigsten Ersehe!- nun,gen amerikanisch-jüdischer Literatur in englischer Sprache zu geben. Allgemeine Einleitung Wenn man die literarische Produktion der Juden Amerikas mit der in Deutschland vergleicht, muß man, um gerecht zu sein, verschiedene Wertmalistäbe anlegen. Die. Juden Deutschlands können auf eine moderne kulturelle Tätigkeit seit 150 Jahren zurückblicken. Während dieser 150 Jahre standen sie in innigstem Kontakt mit dem so überaus reichen geistigen und kulturellen Lelwn des deutschen Volkes. Sie hatten Zeit und Gelegenheit, eine deutsch-jüdische geistige Tradition zu schaffen und den Boden vorzubereiten, auf dem jene Leistungen der Wissenschaft, Philosophie und Literatur erblühen konnten, die dem Judentum Deutschlands im 19. Jahrhundert und im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts die kulturelle und geistige Führung im Judentum gesichert haben. Die amerikanische Judenheit ist erst ein Erzeugnis der letzten fünfzig oder besser sogar vierzig Jahre. Sie setzte sich aus iuden zusammen, die aus verschiedenen Ländern und Kulturreisen nach Amerika kamen, sie hatten keine gefestigte einheitliche geistige Tradition und fanden keine vor. Amerika war in den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts noch ein Land im Aufbau, und die stürmische Entwicklung des wirtschaftlichen Fortschritts, die Ausdehnung des Landes über die riesigen Flächen des Kontinents, die Lockung der unerschöpflichen Reichtümer, die zu heben waren, ließ cs in Amerika zu keiner Atmosphäre kultureller Intensität kommen. Die Juden beteiligten sich an dem Aufbau. Aus dein alten Europa kommend, hatten sie Jahrzehnte vor sich, in denen alle ihre Aufmerksamkeit auf die Einordnung und auf die erste allgemeine Beteiligung am amerikanischen Leben, an den neuen außerordentlichen Möglichkeiten und an den ungewohnten Freiheiten des weiten Kontinents, gerichtet war. Zu einer Vertiefung des kulturellen Lebens bestand weder Zeit noch Möglichkeit, noch aber eine Verleitung oder Nötigung durch die Umwelt. Dies ist in den letzten Jahren anders geworden. Amerika befindet sich nicht mehr im Aufbau, sondern im Umbau. Die Amerikaner wissen, daß sie heute politisch und wirtschaftlich der mächtigste Staat auf Erden sind. Vielleicht der einzige Staat, dem kein Krieg und keine Wirtschaftskrise ernstlich etwas anhaben kann. Die einzigartige geographische Lage mit ihren Sicherungen, die unerschöpflichen Bodenschätze und Reichtümer des weiten, fruchtbaren und nur dünn besiedelten Landes, die Energie, Initiative und technologische Meisterschaft der Bevölkerung sichern Amerika seine führende Weltstellung. Der Amerikaner konnte in den letzten zwanzig Jahren sein Augenmerk der Dürftigkeit des amerikanischen Lebens auf kulturellem Gebiete zuwenden, dem Mangel an Schönheit in diesem Leben, in den rasch gewachsenen Städten, in dem hastigen Rhytlimus eines expansiv-quantitativen Erwerbsstrebens. Mit einer Intensität, die man in Europa oft übersieht und die mit nichts vergleichbar ist, was ich in europäischen Ländern gesehen habe, hat die führende Intelligenz Amerikas, aber auch Kreise, die nicht berufsmäßig zur ״Intelligenz“ gehören, die Aufgabe des kulturellen Aufbaus Amerikas in Angriff genommen. Mit einer mir in Amerika bekannten Großzügigkeit ist der Ausbau des Schulwesens auf allen Stufen begonnen worden, die Hebung des Niveaus und der Leistungen der Hochschulen und anderer Erziehungs- und Forscliungsanstalten, die vor dreißig Jahren hinter den führenden europäischen weit zurück standen und ihnen heute zumindest ebenbürtig sind, der Bau von Bibliotheken und Museen (dem Museums- und Bibliothekswesen auch der kleineren Städte Amerikas hat Europa nichts auch nur entfernt Ebenbürtiges an die Seite zu stellen), die Fürsorge für Erwachsenenbildung״) ׳Adult F.ducation“) auf dem Gebiete der Wissenschaften und der Künste. Wenn der Europäer heute an Amerika denkt, denkt er häufig noch an das Amerika von vor vierzig Jahren. Es ist durchaus keine kühne Voraussage zu behaupten, daß in zwei oder drei Generationell Amerika eine ähnliche Stellung auf kulturellem Gebiete einnehmen wird, wie es sie heute auf politischem und wirtschaftlichem ein nimmt. Noch vor vierzig Jahren war die amerikanische schöne Literatur ein unbeachtetes Anhangsei der englischen. Heute kann die amerikanische Literatur auf dem Gebiete der Lyrik, der Erzählung und des Romanes zumindest die Ebenbürtigkeit mit der englischen beanspruchen. Dieses wachsende intensive und schöpferische kulturelle Lehen Amerikas wird zweifellos auch das kulturelle Leben der amerikanischen Juden beeinflussen und uiiigestalteii. Das amerikanische Judentum konnte bis heute aus den Gründen, die ich oben angeführt habe, keine kulturellen Leistungen aufzeigen, die seiner zahlenmäßigen und wirtschaftlichen Bedeutung entsprächen. Das amerikanische Judentum ist heute noch zu wenig in das allgemeine geistige Leben Amerikas hineingewachsen, New York ist nicht Amerika, sondern liegt in vielen und gerade entscheidcnen Dingen außerhalb Amerikas, ein Einwanderungstor, in dein aber ein großer Teil der Juden verbleibt, ohne in das amerikanische Lehen einzudringen. Amerika, das sich in der! fünfzig Jahren zwischen 1870 und 1*120 aus vielen Rassen auf Grundlage der Freiheits- und Menschenrechte der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung aufgebaut hat, ist jetzt in eine Periode der kulturellen Konsolidierung ein getreten. Das amerikanische Judentum wird zweifellos schnell nachfolgen. Wir können damit rechnen, daß in ein oder zwei Generationen das amerikanische Judentum auch kulturell für die V׳eltjudenlicit von Bedeutung sein wird. Darum lohnt es schon jetzt, dein geistigen Leben der amerikanischen luden volle Aufmerksam- Reit zuzuwenden. Auf der anderen Seite wäre es sicher von größter Bedeutung, wenn man in geeigneten Atiswahlhänden die geistigen Leistungen des Judentums in D e u t s c h I and den amerikanischen Juden zugänglich machen könnte. Die jüngere Generation der Juden in Amerika liest nur noch englisch, viele deutsch-jüdische Kritiker beanstanden in der amerikanisch-jüdischen Literatur einen Mangel a11 Tiefe, sie bleibt an der Oberfläche und ist nicht gewohnt, die ganze Schwere und Kompliziertheit der Probleme zu durchdenken. Das ist bisher richtig, es ist aber fraglich, ob es auch für die Zukunft gilt. Es bestehen sicherlich Unterschiede des deutschen und des amerikanischen Denkens, und die Juden jedes Landes sind weitgehend von der Denkform bestimmt., die in dem Lande vorherrscht, in dem sie wohnen. Doch werden in den Kreisen christlicher Theologen und Philosophen Amerikas Karl Barth und Martin Heidegger heute oft und gründlich erörtert. Es ist nicht einzusehen, warum Martin Buber und Franz Rosenzweig nicht auch dem amerikanischen Judentum nahegebracht werden sollten. Wenn, wie ich voraussehe, der Schwerpunkt des kulturellen Lebens der Judenheit in absehbarer Zeit von Deutschland nach Amerika sich verlegen sollte, wäre es wichtig, daß die Kontinuität der Leistung dadurch gewahrt bleibe, daß die wesentlichen modernen Werke aus der hebräischen und deutschen Sprache in das Englische übertragen werden. Zeitschriften In der zahlenmäßig reich entwickelten amerikanisch-jüdisehen Presse gibt es doch nur eine Zeitschrift von ansehnlichem Niveau und im Format der großen Monats- oder Vierteljahrsschriften. ״The Menorah Journal“ steht im 23. Jahrgang, aber leider hat diese Zeitschrift schon lange aufgehört, eine •Monatsschrift zu sein und erscheint mir noch in unregelmäßigen Abständen, etwa zwei- oder dreimal im Jahre. Jede Nummer ist aber nicht nur durch ihre typographische Ausstattung, die den höchsten Anforderungen gerecht wird, sondern auch durch den Inhalt bemerkenswert. Die Zeitschrift, die seit ihrem Beginn von Henry Hurwitz hcrausgegeben wird, ist keiner Parteidoktrin verpflichtet. Gerade ihr Versuch, wichtige Fragen von mehreren Gesichtspunkten aus zu behandeln und ihr Mut, auch heikle Fragen kritisch oder von neuen Seiten 11er zu beleuchten, verdient Beachtung. Es ist bedauerlich, daß •das amerikanische Judentum nicht imstande ist, einer solchen Zeitschrift ein rcgelmäßiges Erscheinen zu sichern. Neben der ״Menorah“ verdient eine neue Monatsschrift genannt zu werden, ״The Jewish Frontier“, die in ihrer Aufmachung mehr an die amerikanischen Wochenschriften gemahnt und die den Standpunkt und die Interessen der zionistischen Arbeiterschaft in Palästina vertritt, daneben aber auch einer breiten Betrachtung des amerikanischen Lehens und amerikanischer Probleine Raun gewährt und zweifellos einen beachtenswerten Fortschritt in der zionistischen Publizistik darstellt. Das Reformjudentum Die lebendigste Kraft des amerikanischen Judentums war bisher das R e f o r m j u d e n t u in, eine charakteristische Anpassung an die allgemeinen sozialen und geistigen Verhältnisse der Vereinigten Staaten, wie sie in den letzten fünfzig Jahren bestanden haben. Das Reformjudentum in Amerika unterliegt heute genau so einer II mwandl u n g wie das gesamte Judentum dieses Landes, Daher ist es sehr zu begrüßen, daß Beryl Harold Levy in seinem Buch ״Reform Judaism in America. A studv in Religious Adaptation“ (New York, Bloch Publishing Company, 1933) eine zusammenfassende, kenntnisreiche, wohidokiimenticrte und sachliche Dar- Stellung der Theologie dieser Bewegung gibt. Der erste Teil des Buches behandelt die Geschichte des Gebet budies des Reformjudentunis, wobei nicht vergessen werden darf, daß in den anglosächsischcn Kulten das ״prayer-book“ eine beherrschende Rolly einnjpmt und noch heute in England z. B. den Gegenstand schwerwiegender Auseinander- Setzungen im Parlament bildet. Versuche dieser Art, die ihren Ursprung zum Teil in der deutsch-jüdischen Reform nahmen, mündeten in der Abfassung des ״Union Prayer Book“, das heute in allen Refornitenipein der Vereinigten Staaten benützt wird. Der zweite Teil des Buches behandelt die verscliiedenen Versuche von Isaac Mayer Wise bis zu Kaufmann Kollier, eine Theologie des Reformjudentums zu entwickeln. Die Theologie des Reforinjudentums in Amerika war in ihrem Anfang nicht so sehr von dem Rationalismus der Aufklärung, als von der deutschen idealistischen Philosophie hestimmt. Es war das deutsche Denken der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, das viele der ersten Reformrabbiner bestimmt hat. Noch 1S79 erklärte David Einhorn im New Yorker Tempel Beth-El: ״Deutschland ist mein Heimatland, und wenn ich jetzt mit Tausenden anderer von dort gekommen bin, bin ich ein Iwri, ein Wanderer und folge meinen Brüdern zu dieser gottgesegneten Republik.״ Oer dritte Teil des Buches behandelt dann einzelne Fragen, wie die der Einhaltung des Schabbats, der Schaffung einer autoritären Synode und das Verhältnis zum Zionismus, in den letzten Jahren hat sich die Stellung vieler führender Reformrabbiner zum Zionismus grundlegend geändert. In dem Tempel in Cincinnati, wo Isaac Meyer Wise (der radikale Reformer und Gründer des Hcbrew Union College) wirkte, wirkt jetzt James Heller, ein eifriger Zionist. Die neue Generation des Reformjudenft!ms ist stark von den Ernetierunigsgedaiikeii des Zionismus beeinflußt, und auch der Palästinagedanke hat sich durchgesetzt. Die Schwäche des Reformjudentums in Amerika liegt nicht in seinen theologischen Grundlagen, die der Ausdruck der philosophischen und religiösen Grundhaltung der Zeit seines Ursprungs waren, sondern in seiner soziologischen Besonderheit. In der sich schnell wandelnden amerikanischen Welt von heute wird sich auch das Reformjiidontiitn grtindlegend wandeln müssen, sowohl in seiner geistigen wie in seiner sozialen Haltung. Viele der jüngeren Intellektuellen des amerikanischen Judentums sind aus dem Reformjudentum hervorgcganjgcn, aber in den letzten Jahren von ihm weit weg gewandert. Fs wird sich zeigen, ob es eine Möglichkeit zur Verjüngung des Reformjudentums überhaupt gibt oder ob das amerikanische Judentum im Zusammenhang mit dem W'andel des amerikanischen Lebens im allgemeinen nicht wird völlig neue Wege zur kulturellen Stärkung und Belebung suchen müssen. Ke These, daß die Umwelt nirgends den Juden wohlgesinnt sei und überall die Tendenz habe, sie auszuschaltcn, zieht sich durch das ganze Buch. An Polen, Westeuropa und insbesondere Amerika zeigt Browne die immer wictlcrkebrenden Versuche, die luden aus dem öffentlichen Leben auszuschlicßen, obwohl sie sicfi mit voller Kraft in die Kultur ihres Woluilandes hineinstclltcn trnd an ihrer Förderung mitwirkten. Diese fortwirkende Abneigung zwinge die Juden, ob sie wollten oder nicht, ein von den anderen getrenntes Volk zu bleiben. Nach einem Kapitel, in dem Browne Vorwürfe gegen die jüdische Religion, die jüdische Rasse usw. zuriiekweist und die Meinung vertritt, daß die Juden weder eine einheitliche Rasse noch eine Nation im allgemeinen Sinne, nooli überhaupt eine kulturell« Gemeinschaft sind, bemüht er sich in einein Kapitel unter dem Titel ״Wie Juden wirklich sind“ darzulegen, daß ihre heutige Art und Lage■ nur aus ihrer 150()jährigen städtischen Lebensweise zu erklären sei, die sie der körperlichen Arbeit entfremdet habe. Ihre stetige Diskriminimuig habe sie z.11 höheren Leistungen gezwungen. Vor allem habe sich diese Entwicklung deshalb so zagespitzt, weil die Welt überwiegend ländlich eingestellt sei, d. h. mehr oder weniger unbewußt in der Stadt'eine gesellschaftliche Verfallserscheinung sehe. Und die Lösung? Browne sieht sie in zwei Rankten: das jüdische Lehen müßte ״e 111 s t a d t c r t“ werden und die nichtjiiclische Welt ״c n t b a 11 e r t“, d. h. in ihrem Denken fortschrittlicher werden. Dafür, daß bei den Juden der Prozeß der Rückkehr zum Lande bereits im Gange ist, gibt Browne als Beispiel Birobidschan und Palästina an, die er als gleichwertig behandelt. Dennoch ist die liegeisterung, mit der er Palästina schildert, bemerkcU'-wcrt Fr wiederholt zwar die bekannten Argumente der Nicht/ioni-deit gegen Palästina, verkennt aber nicht die ungeheure seelische Kraft, mit der das Aufbauwerk vollbracht wird. Das Buch ist ein Zeichen dafür, daß! das J1 ulenschicksal, wie es die Cie schichte jetzt wieder der Welt vonlrimmrtrietT, allseits zum Nachdenken zwingt. Die Forderung nach der Rückkehr zum Boden ist der erste Schrift. Die Erkenntnis, daß es eigener Boden sein muß, auf dem allein sich eine eigene Kultur verwirklichen laßt, muß der zweite sein. Dr. Gerhardt ücumann Jüdische Selbstbesinnung Zu einem amerikanischen Buch Ein Buch des amerikanischen Juden Lewis Browne ,,11׳ w Odd of God“ (im Verlag John Laue The Bodley Head, London 1935־), erweckt unser stärkstes Interesse. Der Titel, der einer populären Strophe des englischen Dichters W. N. Fwcr entnommen ist (sie lautet: ״How odd of God to cliaose the Jews“ — ״Wie seltsam von Gott, die Juden zu erwählen“), gibt bereits etwas von der GrinnEdiinniung des Buches wieder: ein Erwachen, ein Sichbesinnen, ein Erstnuntsein über die Tat- Sache, daß man Jude ist und einer alten Kultur angehört. ln sieben Kapiteln schreitet der amerikanische Verfasser durch die jüdische Geschichte und bemüht sich immer von neuem, dem Anteil der Umwelt am jüdischen Schicksal darzulegen. Insbesondere am Schicksal der Marannen zeigt er, wie stark die Umwelt dazu hei getragen hat, den Versuch einer Flucht aus dem ludentum zu verhindern, ohne freilich hinreichend zu der Trage Stellung zu nehmen, inwieweit auch psychologische Gesetze daran beteiligt waren, daß die Marannen eigentlich nie ganz aus dem Judentum herauskamen. ״Im Zeichen der Wiedergeburt“ Abraham Schlesinger: 1 m Z e i e h e ״ der W i e d e r g c b u rt. Jüdische Essays. Verlag Kodein, Berlin 1915. Die Kultur-Debatte auf dem Zionistcn-Kongrell in Luzern hat bei den Dek'gieiteu nur wenig Aufmerksamkeit gefunden; sie kam! einer nachträglichen Beachtung oindringlieh empfohlen werden. Der Traum Aehad llaams von einem geistigen Zentrum in Ercz Israel ist keineswegs ausgeträumt. Ein paradoxer Zug in der indischen Welt der Gegenwart ist allgemein heute•. Dem stürmischen zivilisatorischen Aufbau des letzten Jahres im Heiligen I and stellt in dem!..and des jüdischen Abbaus eine intensiver werdende Bemühung um autonom jüdische geistige Werte, ein fast rührend animitendes Ringen mit der hebräischen Sprache, die wiedergewonnene Zeit für echtes Fernen und für wissenschaftliche Beschafftgung mit den geistigen Güten gegenüber, deren Vernachlässigiing in Palästina eben anläßlich jener Kulturdcbatte so lebhaft beklagt wurde. Da sitzt int Wiirttembergischen — in Buchau am Federsee — der Rabbiner einer Kleingemeinde und beschäftigt sich tagaus, tagein außer mit der modernen philosophisehen und sonstigen geisteswissenschaftlichen Literatur mit dem hebräischen Schrifttum der letzten 50 Jahre. Abraham Schlesinger ist den Lesern der ״Jüdischen Rundschau“ kein Unbekannter: in diesen Blattern erschienen seit 1923 seine wichtigsten Anfs.itze über Bialik und Ad)ad Ilaani, über die brennendsten jüdischen Kttiturfrageii, über die hebräischc Sprache und vom richtigen ״Lernen“. Sein jetzt erschicnencr Band ״jüdischer Fssays“ — unter dem Titel ״Im Zeichen der Wiedergeburt“ — ist viel mehr als eine Sammlung von losen Abhandlungen geworden, liier spricht ein guter und beseelter Kenner •der hebräischen Literatur und unserer wichtigsten jüdischen Büdiingsprobleme in einer edlen, einfachen Sprache vom wahren Sinn des Judentums, von seinen religiösen Nöten, vom ״Glauben“ I;n Judentum, von der grollen Frage der ״Säkularisierung‘‘ der alten religiosen Volksgemeinschaft, vor allem aber von den eigentlichen Trägern der jüdischen Wiedergeburt, den hebräischen Dichtem und Denkern der letzten Vergangenheit. Das Ganze ■— 21 bedächtige und gefeilte Stucke ist ein l 'e bei blick unserer Sorgen mul Hoffnungen um eine bleibende Fundamcntierimg der jüdischen Idee. Keinem Ieicht liingeworfeuern Schlagwort, keiner sieh noch so fiel gebärdenden ״Ideologie“ verfallt dieser gründliche mul zäln,׳ Denker bei der von ihm vorgcnominenen ״Fieenwertsbeftitniming" des Judentums. Wie er zu formulierten Ergebnissen ober die kaum lösbaren Fragen des wahren ,,Historischen Judentums“, des Wesens jüdischer Religiosität, der richtigen Jugend- und Volkser/ielning, vor allem zu einer nie in dieser Einfachlieit und Eindringlichkeit gehörten Erkenntnis über das sehr umstrittene Wesen des Rabbiners als öffentlichen Volkslehrers kommt, verdient die aufmerksamste Beachtung. Der gröllcrc Teil des Buches von Schlesinger gilt den ideellen Fragen Palästinas, der hebräischen Sprache und den Gestalten wie Achad Haani, Bialik sowie der Wesensfrage des ncuhebräisclmi Schrifttums. Auch hier ist die Starke des Verfassers eine klare, schlichte Sprache und scharfe Definitionen der Begriffe; als Ergebnis bleibt die Erkenntnis, daß das hebräische literarische Schaffen selbst in voller Freiheit geschehen muß, volle Eutfaltungsfreiheit braucht. Die Bereicherung, die unsere jüdische Literatur durch den wichtigen Essay-Band erfährt, ist auf jeden Fall hoch ein/uschät/en. Die letzten Jahre haben uns viele gut gemeinte, manchmal auch fesselnd geschriebene Linführungswerke über Lehren und Lehen des Judentums gebracht; alle religiösen und jüdisch-politischen Richtungen, aber auch alle Temperarnentc und Sprachstile waren dabei vertreten; ohne Einschränkung darf man die neue Sammlung ״Im Zeichen der Wiedergeburt“ als eines der geglücktesten Werke zur Führung in die Vielgestaltigkeit und verwirrenden Fülle der geistigen Fragen um uns empfehlen, auch wenn man strenge Maßsfähe aniegt. Ludwig F e u c 11 t w a n g e r Alle Ihre Bücher von der Buchhandlung am Zoo Fritz Ring Charlottenburg, Joachimsthaler Straße 43-44 Mitglied der jüdiachen Gemeinde Telefon Bumartk 6506 Zusfnriuo; aadh allen Stadtteilen »