Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 74 (13.9.1935)
- Date
- 1935-09-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Preis 25 Rpfi. JÜDISCHE RUNDSCHAU IHlllMHiUHIKir S<hriftl«tt«nf»Verlag n, A111cI;«11v0mBlt«1|1 BerllnWlS,Metnek«atr. 10 FerafttJ: Ssmmel-Nr. 11 Bismarck 3181/82, 7165/70, 7240/42. - Bezugspreis einschL Bestellgeld je Monat RM 2,-, je Vierteljahr RM 5*75, hai Abholung RM 1,88 bzw. R14 5.39. יי— Postscheck - Konten der Vertriebs - Abteilung: Berlin 715 73 (für Greift- Berlin', Berlin 17392 (für das übrige Reich). In Fällen höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlielemng oder Erstattung etwa schon gezahlter Bcmgsgebtihren• — Erscheint Jtdao DUgltag and Freitag. BERLIN ט״ו אלול תרצ״ה FREITAG, 13, SEPTEMBER 1935 Anz«!g,npre!a!l,ta Nr. 3 gfllttg. Die 12 gespaltene mm Zeile 20 Rpf, fii• Familiennachrichten 15 Rpf. Aufnahme von Anzeigen »n bestimmten Tagen ©de* Stellen und in bestimmte Ausgaben kann nicht gewährleistet werden. Einzel* anzeigen nur hei Vorauszahlung auf Postscheck - Konto Berlin 71618 oder bar Montag bis Donnerstag 9-18 Uhr, Freitag 9 — 16 Uhr. AnnahmeschiuS für die Dienstag - Ausgabe Montag 10 Uhr, für die Freitag - Aus* gäbe Mittwoch 13 Uhr. (Für Familienanzeigen am lag vor Erscheinen 12 Uhr] Dev Zionismus erstrebt für das indische Volk die Schaffung einer öffentlich יי rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. (Baseler Programm) »» Judenschulen“ Ein Wendepunkt Der Erlaß des Reichserziehungsmini- Sters über die Schaffung; von ״J uüenschulen“, über den wir untenstehend berichten, stellt eine der tiefgreifendsten Maßnahmen dar, die bisher auf dem Gebiete der Neuregelung der jüdischen Existenz in Deutschland getroffen worden sind. Die durch den Erlaß in Aussicht genommene v ö I - lige Trennung der jüdischen Jugend von der Gesamtheit der jungen Generation muß naturgemäß von weitreichenden Folgen begleitet sein. Das gilt zunächst für die Judenheit Deutschlands selbst. Die kommende Generation wird auf geistigem und auch gesellschaftlichwirtschaftlichem Gebiet der nichtjüdischen Umwelt gegenüber in einer ganz anderen Lage sein, als es ihre Väter waren, die durch den gemeinsamen Schulbesuch von früher Jugend an Kontakt mit Nichtjuden hatten. Auf der anderen Seite kann auch nicht geleugnet werden, daß die Berührung zwischen Juden und Nichtjuden, die in der Schule erfolgte, wenigstens in gewissem Umfange Verständnis für die Art des jüdischen Menschen wecken konnte, weil ja gerade bei der Enge der Be- Ziehungen, die die Schuljahre brachten, auch manche positiven Bindungen entstanden. Die Zukunft wird all dies ausschließen. Das ist für manche Juden in Deutschfand gewiß ein schmerzlicher Vorgang. Oie gemeinsame Schute galt vielen Juden als ein Gut der neuzeitlichen Entwicklung, das von großem Werte ist. Und wenn in der Vergangenheit, noch bis zum Jahre 1933, die Forderung nach der jüdischen Schule von zionistischer Seite gestellt wurde, so begegnete gerade sie der stärksten Abwehr seitens all derer, die in ihr eine Distanzierung gegenüber der deutschen Umwelt und ein wichtiges Mittel zu der von ihnen im tiefsten Grunde abgelelmten jüdischen Erneuerung sahen. Diesen Kreisen gegenüber haben wir nicht erst in den letzten zwei Jahren, sondern schon seit Jahrzehnten die Forderung vertreten, die ein Kernpunkt des zionistischen Arbeitsprogramms für die Gemeinde und das Leben der Juden in der Galuth ist: Schaffung der eigenen jüdischen Schule! Bis zum Jahre 1933 ist die Verwirklichung dieser Forderung nur in sehr geringem Umfange gelungen, und selbst nach dem Umbruch mußten wir den Ausbau des jüdischen Schul- Wesens gegen starke Widerstände im jüdischen Lager durchsetzen. Mit dieser Forderung hat der Zionismus niemals — und auch heute nicht! — die Meinung vertreten, ein kulturelles, ein Schul-Ghetto zu schaffen. Die jüdische Schule kann und soll ja nicht eine Schule der Enge sein, in der Menschen herangebildet werden, deren Gesichtskreis eingeschränkt, deren Wissen um die Dinge der Welt verdünnt und deren Charakter verbogen ist. Im Gegenteil, die jüdische Schule, die im Geiste des jüdischen Volkstums wurzelt und sieh bemüht, alle Werte der jüdischen Vergangenheit und Gegenwart dem Kinde zu vermitteln, ist einzig und allein dem jüdischen Kinde angemessen, weil sie es versteht, seine Seele im Eigenen Wurzel schlagen zu lassen und ihm den Halt zu geben, der für die Aushildung des Charakters nicht nur des Einzelnen, sondern auch der Gesamtheit notwendig ist. Der eigene Standpunkt, der jüdische Ort in der Vielfalt der Erscheinungen des Lebens — I er soll von der jüdischen Schule vermittelt werden, ■ damit der junge Mensch von ihm aus in die große 1 Welt hineinblickt und ihre Erscheinungen zu ordnen I und zu begreifen vermag. Eine Schule, wie sie das nationale Judentum verlangt, ist und bleibt daher weit- ״ffen, der Eigenart unserer Jugend angemessen, um ihr den Platz im Leben anzuweisen. Die Lösung dieser Aufgabe ist vom Judentum Deutschlands unter Führung von Zionisten in Angriff genommen worden. Das private und gemeindliche jüdi sehe Schulwesen, das heute in Achtung gebietender Stärke vorhanden ist, stellt einen der wichtigsten Bausteine des jüdischen Lebens in Deutschland dar. Die Gemeinden und das .Schulde 7. ernat der Reichs- Vertretung haben, insbesondere infolge des an dieser Stelle von zionistischer Seite ausgehenden Antriebes, dieses Werk geschaffen. Trotzdem stellt es nur ein Bruckstück eines umfassenden jüdischen Schulwesens in Deutschland dar und erfaßt — schon im Hinblick auf die räumliche Zersplitterung der Juden Deutschlands und die ihrer selbständigen Arbeit gesetzten finanziellen Grenzen — nur einen Teil der jungen jüdischen Generation• Die von staatlicher Seite nunmehr angekündigte Schaffung weiterer jüdischer Schulen kann als ein neues wichtiges Glied dieses Werkes begrüßt werden. Gcwiß werden dabei noch manche Probleme zu lösen sein. Wir hoffen dabei, daß die Schulen nicht allein Anstalten sein werden, in denen jüdische Kinder und Lehrer zusainnierigefaßt sind, sondern daß diese ״Judenschulen“ zugleich jüdische Schulen sein werden, deren Geist den Bedürfnissen unserer Jugend angepaßt ist. Auch die jüdische Schule, die in Zukunft neu geschaffen wird, muß eine Charakterschule sein! Das liegt nicht zuletzt im Interesse des Staates und der nichtjüdischen Welt selbst, die heute allgemein erkannt hat, daß die Schule in erster Linie der Vermittlung charakterlicher Werte dienen muß. Der Inhalt des Unterrichtes, der Geist, der von Schule und Lehrern ausgelit, bestimmt die Art der Jugend, die die Schule verlaßt. Die kommende jüdische Generation darf nicht haltlos sein, vom Leben der Umwelt ausgeschlossen und im Jüdisehen nicht beheimatet, sondern sie muß gegen die G ן - fahren der Assimilation gewappnet sein, durch jüdisches Wissen und durch den Willen, ihr Leben als Juden zu führen. Nur wenn diese Gefahr durch die innere Ausgestaltung der Schule beseitigt ist, kann die kommende Generation ihr Verhältnis zur deutsehen Umwelt richtig einschätzen, die Distanz wahren, auf der die Existenz von Juden in Deutschland in Zuku 11 ft aufgebaut sein wird, und vermag auch die Vorausset/ungen zu erwerben, die ein sehr großer Teil der Jugend bedarf, um insbesondere nach Palästina auszu wandern und sich dort ökonomisch und kulturell einzugliedern. Die i!1 dem Erlaß des Reichserzichungsministers angekündigten Schulen werden vor der Bewältigung dieser Fragen ebenso stehen, wie es bei den durch die jüdische Eigeninitiative geschaffenen Schulen der Fall ist. Die Aus dem Erlaß des Reichser/iehimgsmmisters über die Einrichtung von Judensclmleij zu Ostern 1936 teilt der ״VöJkisclie Beobachter" vom 11. September folgendes mit: ״Eine Hauptvoraussetzung für jede gedeihliche Erziehung!»- arbeit ist die rassische Uebereinstimmimg von Lehrer und Schüler. Kinder jüdischer Abstammung bilden für die Einheitlichkeit der Klassengemeiuseliaft und die ungestörte Durchfiihrmig der nationalsozialistischen Jugenderziehung auf den allgemeinen öffentlichen Schulen ein starkes Hindern i s. Die auf meine Anordnung bisher vorgenommenen Stichproben in einzelnen preußischen (iebietsteilen haben gezeigt, daß die öffentlichen Volksschulen noch immer in nicht unerheblichem Maß« von jüdischen Schülern und Schülerinnen besucht werden. Vornehmlich ist dies der Fall in den größeren Städten; aber auch auf dem platten Lande finden sich Gebiete, die mehr oder minder stark mit Juden besiedelt sind. Auch die über das Volksschulziel hinaus führenden Schulen sind trotz der Zulassungsbeschränkungen des Gesetzes vom 25. April 1933 (Reichsgesetzblatt 1 S. 225) noch immer von einem an einzelnen Orten verhältnismäßig hohen Anteil jüdischer Schüler und Schülerinnen besucht. Eür die Entwicklung des nationalsozialistischen Schul- Wesens ergeben sich hieraus schwere Hemmungerl. Die Errichtung öffentlicher und privater jüdischer Schulen bat zwar an einzelnen Orten zu einer gewissen Sonderung derjenigen jüdischen Schulkinder geführt, die der mosaischen Religion angehören. Die Trennung nach Konfessionen i»t jedoch für ein nationalsozialistisches Schulwesen nicht ausreichend. Die Herstellung nationalsozialistischer KlassengeiTieinsdiaften als Grundlage einer auf dem deutschen Volkstumsgedanken beruhenden Jugenderziehung ist nur möglich, wenn eine klare Scheidung nach der Rassezuge• 11 ö r i g k e i t der Kinder vorgchommen wird. Ich beabsichtige daher, vom Schuljahr 1936 ab für die rcichsangehörigen Schüler aller Schularten eine möglichst vollständige Rassentrennung durchzuführen. Lösung der Probleme ist gewiß nicht immer einfach. Sie dürfte in gewissem Umfange dadurch erschwert sein, daß die neuen Schulen nicht nach dem Gesichtspunkt der Religionszugehörigkeit aufgebaut werden, sondern nach dem der Rassen Zugehörigkeit, so daß auch Auf Grund einer Anordnung des Präsidenten der Hcichsprc.ssekammer kann ab 1. Oktober die .. J ii d i s c 11 e R u 11 d s e 11 a u “ nicht mehr, wie bisher, im Straßen- oder Bahnhofs- Buchhandel einzeln gekauft werden. W ir hitten diejenigen unserer Leser, die die Zeitung einzeln bezogen haben, uns nunmehr ein Abonnement aufzugehen. Wir liefern den neu hinzutretenden Beziehern unsere Zeitung bis zum 30. September kostenlos, auf Wunsch auch die bereits erschienenen Teile des laulenden Romans: ..Das Werk im Oedland“. Be '.zen Sie bitte den Bestellschein auf S. 19 n i c h t j ü d i sc h e Nichtarier ihnen zugewiesen werden können. Wir glauben aber, daß dieser Punkt wie manche andere Fragen durch organisatorische Maßnahmen gelöst werden kann. Für uns Juden, insbesondere die Reichs- Vertretung, entstehen dabei große Aufgaben, die man gewiß ungesäumt in Angriff nehmen wird. Die Ausgliederung unserer Jugend aus den deutsehen Schulen und ihre Zusammenfassung in ״Judenschulen“ beendet eine Entwicklung, die vor 150 Jahren einsetzte und zu einer fast völligen Vernichtung des jüdischen Schulwesens geführt hatte. Sie kann nicht bedeuten, daß jener Zustand wieder herbeigeführt wird, der in den Jahrhunderten v o r 11 e r bestand, da sich das Rad der Geschichte nicht /uriickdrehen läßt. Aber die Neuregelung kann und wir meinen, daß das Interesse daran allen beteiligten Stellen evident sein wird — zu einer menschlich vertieften Erziehung der jüdischen Jugend führen, w enn die Schulen, die in 11 aller Zukunft geschaffen werden, einen wahrhaft jüdischen Char a k t e r tragen. K. L. Bei den Pfliditselnilen ist mit Rücksicht auf die auch für Nichtarier nach wie vor bestellende Schulpflicht eine Verweisung auf private Volksschulen nicht angängig. Vielmehr wird die E r r i c I! t ti 11 g ö f f e 11 t I i c h e r Volksschulen für Juden erforderlieh werden, ln diesen Schulen werden alle diejenigen Schüler und Schülerinnen zusammen- 711 fassen sein, bei denen entweder beide Elternteile oder ein Elternteil jüdisch sind. Die sogenannten Viertelnden, bei denen ein Grolkdterntcil jüdisch ist, beabsichtige ich, bei der auf dem Gebiete des Schulwesens vorzunehmenden Rassentrennung außer Betracht zu lassen. Voraussetzung für die Errichtung einer öffentlichen jiidisehen Volksschule ist das Vorhandensein einer zur ordmingsmäßigen Beschulung hinreichenden Zahl jüdischer Kinder innerhalb einer Gemeinde oder eines unter Berücksichtigung zumutbarer Schulwege abgegrenzteu Gebietes (Stadt- oder Landgehietcs). Dabei müssen gegebenenfalls mehrere oder sämtliche Jahrgänge in einer Volksschulklasse zusammengefaßt werden. Als eine zur ordnungsmäßigen Beschulung hinreichende Richtzahl wird die Zahl von 20 Kindern anzunchmcn sein. Um einen Ucberblick zu gewinnen, in welchem Umfange die Errichtung öffentlicher jüdischer Volksschulen erforderlich b/w. möglich ist, ersuche ich, in allen öffentlichen und privaten Volksschulen Ihres Aiifsichtsbcrriclies für sämtliche Jahrgänge Feststellungen über die Rassezuge• hörigkeit der die Schulen zur Zeit besuchenden Kinder zu treffen. Hinsichtlich der nicht zu den Pflichtschulen ^gehörenden Schulen erwäge ich eine Abänderung der durch das lieberfülhmgsgeset/ vom 21. April 1933 getroffenen Bestimmungen in Richtung einer verschärften Abtrennung.“ * Zu diesem Erlaß macht das Deutsche Nachrichtenbiiro folgende Ausführungen: ״Pie-er in enger l'iilihingnahmc nii' dein R.i-wnpoliti'chen Amt der NSDAP, »!!־gearbeitete lirl,115 bereuet einer» weiteren wichtigen Der Erlaß des Reichserziehungsmimsters