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Jüdische Rundschau · 1935-09-10 · Heft 73 (10.9.1935) · page 14

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 73 (10.9.1935)
Date
1935-09-10
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seife 14 JODISCHE RUNDSCHAU Nr. 73, 10. IX. 1935 Zeltschriftenschau Judentum und Geschichtsforschung Im Septeinberheft des ״Deutschen Volkstums“ vcröffentlicht Wilhelm Grau, der als Verfasser einer Studie über die Regensburger Juden im Mittelalter bekannt geworden ist, einen Aufsatz mit dem Titel: ״Die Judenfrage als Aufgabe geschiehtlieber Forschung“. Die Geschichte der Juderif rage ist ihm nicht nur ein Teil der jüdischen Geschichte, sondem in viel stärkerem Malie noch ein Teil der deutschen. Deshalb seien fiir die Forschung die jüdischen QiicHen, die mehr für die .,imierjüdisclie Geschichte״ bestimmt seien, weniger wichtig als die deutschen Quellen. ״Die Forderung, daß deutsche Gelehrte sich das Problem der Jtulenfragc angelegen sein lassen, liegt also schon in der Anlage des Proolcms und in der Art seines geschichtlichen Stoffes beschlossen.“ Grau legt dam! dar, daß diese Forderung bisher umbeachtet geblichen sei. weil die Wissenschaft' zum Judenproblem überwiegend t b e o I o g i s e h orientiert gewesen sei und weil ״die I tl e o I o g i e des Liberalismus das Dasein einer Judenfrage nicht für vereinbar mit ihren weitanschaulichen Grundsätzen hielt und demgemäß auch in der Geschichte vor dun unerwünschten Problem die Äugen zudrückte.“ Die wissenschaftliche Kritik über jüdische Werke sei fast ausschließlich in den Händen von Juden gewesen. Wahrend so die deutsche Wissenschaft ihre Aufgabe nicht erkannt habe, habe die jüdische Forschung zahlreiche Stauda rd werke 11 er\orgeln acht. Von (iraetz Ins Dubtiow und den großen F11/yklop.idien werden ״aller Welt in eindringlieber W eise die Ergebnisse judi-cher Forschung, vor allem auch auf dem (ieliiet der Judenfrage" gekündet. Für die Not \v e n <1 i g k c i f di e s e r Forschung spreche die poiit 1 -die׳ Balcin 11111: der Judenfrage, Fs sei das Versäumnis der d! ,ig-shen (ie-chichtswissenscha t't, daß, ״wo es höch-te /ei' geworden war, die |:e.U nfr.ige in I)eutschland politisch in Ordnung /11 b! in;!■>!, ein großer Teil des deutsehen Volkes 1111,1 der;:roßte IVii des Au-Iandrs geistig völlig 11 11 v o r b c!eitet der 11;!!t11 dein n I.ösiing der Judenfrage!lach dem Grunds,0׳/ der reinlichen Schrtd ׳!nt; gegeniibcrepiml. In I )riitwhlaml wie in riet׳ Welt war seit über hundert Jahren di■• (!!'{entliehe Meinung gespeist mit den Frgi!missen der jn.li-1.11cn Wi->en-el1,1ft, und unsere Historiker haben dazu!״1■״-rh\v iegen, . . Mn wahres geschichtliches Bild von der juiienliago si deshalb ein nationales I:rl'urderiiis, zu dem wissenschaftliche um! staatliche Behörden zusammenwirken mußte;!. Grau verlangt, daß die Zahl <p. r Behrsiuhle für SemilMik!erringen und dafür ,,der historisgluii Disziplin in einigen jipiln-oj י!> idu 11 I!kn't :Gn ein A 11 f t r a 1: f 1! r Geschichte der | 11 d r 11 t r;! :: r" a11g'cglicj*Tt wird, bin Seminar a ■ 1 t״l!u־r lim ö! Mt vt /ur 1 rfoi -c Innig der Judenfrage M׳i ein 1iri:1::t‘11.ß'. i7.־:!nr!m-. d, 1 “-u: I־M 1״:>lic Bibliothekeu aut dic.-em < ic liic; 1 ־mnliiu 111/110 an;mfu eben. Au. b zur 1’1״ ׳ hi : e!11 s t e I I 11 n g!der Arbeit gibt Grau einige Hinweise, Du■ I or<eb!!ng!1n1s.se die Beweggründe und Ideen für die Lbistcll.mg des Volks /׳.!ui iudeilproblem erforschen und ins])(.11< ,,,־,Ptv -■ ur 11 dem ,.geiGesg csdiichiliclien und wirfseliai't'gesilii ht'iehen I liiitergnmd des großen 111 i t ז c 1 a I t e r 11 c 11 c 11 I. ö s u 11 g s v e r s u c It s. der bis zum Untergang des erste!! Reiches gültig׳ war״, /!!wenden. Ferner seien die Judeupolitik der deutschen Kaiser, <iie Fragen 11er Mischehe und Taufen zu untersuchen. Audi die neueste Zeit verlange ein eingehendes Studium der Juden frage seit der Emanzipation. Lehrer und Jadenfrage Das letzte Heft der sächsischen Lehrer/eitting ״P o I i - t i s c 11 e Erzieh 11 n g“ ist der Judenfrage gewidmet. Reichs- Statthalter M 11 t s c h in a 11 11 sagt in einem Vorwort: ״Erst wenn jeder Lehrer die (jefahr des Judentums für Volkstum 1HK! Rasse gründlich studiert und erkannt hat, wird die Gewähr gegeben sein, daß das junge < iesehledit im (leiste eines unfehlbaren KassebewuliPcins heramvaclist,“ Arno Schickedanz schildert 111 einem Aufsatz ״Die indenfrage" die Juden a.ls!,;tra-iten, Rauher usw, zu allei! Zeiten ihrer Geschichte. 1. (,) 11 e n 1 i 11 stellt in einem Beitrag ״Politische Erziehung zur Judentra;.:c“ den I iiifluß der Juden auf das öffentliche I eben in tniheier Zeit dar, 11.111•־. K e r d i 11 g den Einfluß der Juden aut die Presse. J. v. b e e r s stellt in Seinem Aufsatz ,,Der Jude als Lehrer״ fe-t: ,Meine tiefe Abneigung gegen Tradition und Geschichte der anderen Völker... machen es ihm unmöglich, Kinder fremden Volkstums nach dessen Er/ichungsidealen zu erziehen.“ Blick aber die Grenze In der Londoner ״Contemporary Review“ (Septemberheft) veröffentlicht S. Maecoby einen interessanten Aufsatz unter detn Titel ״Modern Anti-Semitism“, in dem er aut die Vorgeschichte des heutigen Antisemitismus eingeht und die geschichtlichen Zusammenhänge darlegt. In wenigen Tagen erscheint der PALÄSTINA-KALENDER SB96 תרצ״ו I93536׳ Die Zionistische Vereinigung für Deutschland gibt zum ersten Male für das kommende Jahr einen künstlerisch ausgestatteten Kalender heraus. Die Gesamtredaktion des Kalenders hat Herr Dr. Joachim Prinz, Berlin übernommen. Die Bilder stammen von Herrn Dr. Nadhum Gidal aus München und den Photographen Kluger und Sonnenfeld. Hier werden auch einige Szenenbilder aus dem Film ״Das Land der Verheißung" zu finden sein. Der hervorragend ausgestattete Kalender ist ein neuer Versuch, den Juden in Deutschland den Geist der zionistischen Bewegung und die Schön* heit Palästinas und seiner Menschen zu zeigen. Preis RM 1.60 Zu beziehen durch den Buch» handel oder vom Verlag JÜDISCHE RUNDSCHAU BERLIN W15. MEINEKESTRASSE 10 Der Jude im Aberglauben Ein interessanter Lexikon-Artikel . Das ״Handwörterbuch des deutschen Aberglaube ns", das noch nicht völlig abgeschlossen vorliegt, verspricht das fachlich maßgebende Werk dieses Forschungsgebietes zu werden. (Verlag Walter de Gruytcr, herausgegeben von Hanns Bächtold-Stäubli und Eduard Hoffmann-Kraver unter Mitarbeit zahlreicher Fachgelehrter.) Eine ungeheure, streng wissenschaftliche Arbeit hat eine Fülle dds interessantesten Stoffes aufgehäuft. Da kann inan sich zum Beispiel aut <las genaueste über die Sitte des ״Johannisfeuers“ unterrichten, oder über all das, was über den .,Jüngsten Tag“ oder das ״Tal Josaphat“!111 Volksglauben umging, oder über alle die mythischen Vorstellungen, die sich um die Erscheinung des ״Irrlichtes“ gesammelt haben, usw. Keine kleinste Tatsache wird unbelegt gegeben, zu jeder wird, in Form einer Anmerkung, die betreffende Quelle nachgewiesen. Der Artikel ״Jude, Jüdin", eine kleine Monographie für sich, ist ein Mosaikbild aus 314 Finzelzügen, von denen jeder authentisch ist. Aus Raumgründen können wir von dem reichen Inhalt des Artikels hier keinen zureichenden Begriff geben. Auf gut Glück greifen wir ein paar Finzelfieiten heraus. Sie betreffen zunächst die Anschauung, daß Gegenstände jüdischer Herkunft Zauberkräfte haben, und sodann auch anderes: Im Posenschen wird erzählt, daß ein geweihter jüdischer Paradiesapfel die Geburt König Friedrieh Wilhelms IV. von Preußen erleichtert habe. Die (nichtjüdische) Soubrette Josefine Gallmcyer trug auf einer Wallfahrt nach Mariazell eine Mesusa. Maz/ert dienen dazu, die Feuersbrunst zu stillen oder das Haus vor Feuer zu bewahren (Oberpfalz, Saarland), schützen vor Blitzschlag und Hagel (Schwallen), und helfen gegen das Gefrieren einzelner Körperteile (Westböhmen). Auch Brot, mit hebräischen Buchstaben beschrieben, stillt das Feuer. Der Teufclspakt wird mit Judenblut geschrieben (Ungarn). Ein jüdischer Groschen ist nötig, wenn man Zauberer werden will. Gibt man einem Juden eine schwarze Henne, kann man seinen Feind totbeten (Westböhmen). Die Kabylcn glauben, daß die Juden aus dem Verkehr von Witwen mit ihren toten Männern hervorgegangen sind (siehe Leo Frohemus, ״Atlantis“). Juden kommen nicht in den Himmel, sondern nur auf die ״grüne Wiese“ (Oberpfalz, Nieder-Oesterreich). Der Storch, der Vogel Gottes, mag nicht auf einem Jtidenhause nisten (Schwaben). Gelegentlich wird das noch imgetaufte Kind dem Juden gleichgesetzt und gesagt: im Taufwasser werde der Jude weggeschvemmt (siehe Peter Rosegger), wie die ersten Haare des Kindes auch Judenhaare heißen (Alt-Aussee). Wenn die Juden am Karfreitag die Knochen des Fleisches, von dem sie gegessen haben, nicht ins Wasser werfen, stirbt eins aus der Familie. Wenn ein Jude stirbt, wird er durchs ganze Haus getragen und gegeißelt, daß er nicht wiederkommt; in Hessen gilt das nur - - nach mündlicher tJeberlieferung — wenn er Sonnabend stirbt, ln den Sarg bekommt er Geld, es dem Messias zu geben, im Bergischen Hammer, Zange, Kupfermünzen tmd Brot, in Schlesien außer Geld und Steinen einen Topf Essen, Scherben auf die Augen und ein Schloß vor den Mund. Begegnet einem als erster Mensch am Tage ein Jude, so bedeutet das in Hessen und im Böhmer Wald Glück, besonders am Neujahrstage (Ungarn), aber in Ostfriesland, Franken und im Erzgebirge bedeutet es Unglück oder einen Prozeß. Natürlich bucht der Artikel auch eine große An7,a!hl weniger harmloser Meinungen über die Juden. Aber alle schließen sich zusammen zu dem völlig eindeutigen Eindruck: Hier fabuliert das Volk, der deutsche bäuerliche Mensch, dichtet, raunt und macht sich seine Gedanken über ein fremdes Volk, das mitten unter ihm lebt, eben weil es ihm durch seine Fremdheit so sehr auffällt und so sehr zu denken gibt. Dr. Franz Leppmann. Juden und Jüdisches im Rundfunk Dienstag, 10, September: Luxemburg (1304), 20.10: U. a. Offen- Ikhti; 20.45: V. a. Mos7.kow.-ki; 21.05: Der Mes.-ias, von Üän- 1101. -— K3]uik1I>01־g (1261), 21.35: V. a. MumK-Lsuhn. — Rom (421), 22: 1;.;1. Ruhln-n-m. Mittwoch, II, September: Wien (507!, 14: V. a. Ruhmsieiii; 16.05: Sch.illnla׳ tri!, 1!. a. Wuinbo! <g׳i׳, llvrmann Jadlowker. — Riga (515), 17.30׳: Iba. Mcymbcer. — Hiii n18.45 ,(325) ״: U. a. < )ffenbai'li. — Kalnmibor^ (1261), 20: Samson und Dalila von Saint Saotw. — Reval (41(20-30 ,(׳: W a. Die SinUluU von Saint Saein, Meyerbeer. Huk.uc-4 (365), 20.45: V. a. Die Jüdin, von Halevy. — Ruwmbnrg (1304), 21.45: . a. Mendelssohn. Donnerstag, 12. September: i u\< mbui;.; (1304), 13.35: U. a. Mendehsohi!. Kainn<i!׳H>rg (1261), 14.45: V. a. OflVnbarh, —־ Wien (507), 16.05: U. 11. Mevurbuvr. BmuimiHor (540), 20.10: Roniana liumbrigk biijn Lieder und Arien. — Luxemburg (1304): 21.20: U. a. Rubinoein. Freitag, 13. September: \Wn f&07b 12: U. 0. ()Ideubach. v♦* Rnig (470), 32.30: U. a. Der Prophet, von MeyerbtxT. *־־־״ Brussel (ilami.'t’li, 322), 18.45: Goidmark; 20: Mundtlss;>1111. -— Stockholm (1389), 20: V. a. Sambia und Der Mu.xm:h, van Hände!. In Frankfurt a. M. starb im Alter von 70 Jahren der Rabbiner der Synagogengemeinde Bad Homburg, Dr. Jakob Wresch n e r. Der Verlag Kodein, Berlin-Charlottenburg, hat mit der Herausgabe von Jugendliteratur begonnen. Als erste Voröffentiiehung erscheint am 10. September das Buch ״Helden der Kwu/ah“ von S. Böhm. Als nächstes Buch erscheint in zirka zwei Monaten ,,Das l.iehthaus im Walde‘' von Leo Hiisch. ״Der gedeckte Tisch” ,,/(!1,1)1,( Kit, 7 ISCU" — l urinf innen über ein jüdisches 7 henm uhnc Ende, ein Huch aus ih r I eder een Micha M i c h a l o te i t z, erscheint demnächst im 1 ee/og der Hnnuhisscfnii I'crlu^sunshilt, Berlin, War entru Innen dem Huch mit Erlaubnis des l ’erhu'es das nach füllende Knfdh!. fUedj rrcitugabcnd Lnniiiiii.:keil, mlm1״,U׳, mi; iv. :.׳er Kindschaft begnadete Frömmigkeit. W'k .sich dm vn stnmitr, ge.scgiieier Wein, flj111a׳l!1.l1•, iliis-ig.■ 1׳u 11; ,lein■ Noimciigliil, der Körper sog ihn lief in sich ein, bi. in du■ I iiigrr-ph/iii hinein — und mit gv:■•■ hliiooH'ii Augen, mit der G, in•!heit von wissenden Blinden ta-iete man sieii zu ( 1״u . . . ITci:ngabeml. Innig stille Si'habbatlVier, IL iligung . . . immer w jeder. Von Urvatcrzeitcn her.,,;!inner w ieder ... Nie ward man seiner müde; nie trug er ehe halhieiien Spuren tieiger Gewohnheit; immer zitterte hei st mein Nahen eine Welle stiller Erregung und schmier! rc, artung. Und alle La in i!i ciik ra hs, alles (lezeter 11;tl Gemaule fanden hier ein 11,11!11־liehet Liule. Und überall Hehl. Auf dem Tisch, an dem inan sieh endlich zum l 'ste 11 iiietle! ließ, auf der Komm;ule, auf dem kleinen Abstelltisch, überall in silbernen, kupfernen oder auch nur messingnen Leiiehterii, flarkep-des, warmes, süßes Lieht... und die selnveie Last des All.ags versickerte ins Wesenlose. So ein gemummelt w ar man in diese wohlige Wärme, drill man fast schon zu vergessen heg,!im, wo man eigentlich war... hier sehen das Golus zu enden. Denn dies war die Kehrseite der Medaille, dieses Umbiegen einer ehedem großen Fache ins nur gefühlsselige, knochenerv, eichende . . . Das ans,!!einend!111 erschöpfliclie Kräftereservoir, diese gevabige, von (leneration zu Generation durch eit! sehr verwickeltes didaktisches System wehergereiehte S! 1 bst.au/ : mit vier 1 <1-.mß׳u1g vom mutterliehen Boden, auf dein sie gewachsen war, mit der Entfernung von der 1111 mitte II!,1r gelebten Wirkluiikeit, mußte sie sieh, in einer ihr völlig wesensfremden Umwelt, ins nur Vorgestellte und Begriffliche verflüchtigen. Aus Wutvoller Unmittelbarkeit, ohne erst zu unterlegenden Sinn, wurde traditionel!(:' Gestik und hieratische Gebärde, ein zu nichts verpflichtendes Spiel mit anheimelnden Formen, die einem doch wenigstens ,las wunderbar betäubende Gefühl verschafften, irgendwo, wenigstens seelisch, beheimatet zu sein. Aus dem Judentum als Inhalf wurde Judentum als Stimmung; ein (•cmütswert jedenfalls, von dem man sich nur sehr ungern trennte. Der von Heine mit allen zartheben Lyrismen hymnisch besungene Schalet, die von Onkel Mi Gebert kultisch verehrten Miirbekuclieii, und noch mancherlei aus dieser Reihe, wurden zum Ersatz, für geleugnetes Volkstum und an sich schon verdünnte Religion. Aber ihre letzte Würze bezogen sie vom — Transzendenten her. Schöner und bedeutsamer als Heine in der ״Prinzessin Sabbat“ kam» man das gar nicht zum Ausdruck bringen: ,,Speist der Prinz von solcher Speise, Glänzt sein Auge wie verkläret, Und er knöpfet auf die Weste, Und er spricht mit sel'gem Lächeln: ,Hör’ ich nicht den Jordan rauschen? Sind das nicht die Briißclbrunnen In dem Palmental von ßeth-El, Wo gelagert die Kamele? Hör’ ich nicht die Ilerdenglöchchen? Sind das nicht die fetten Hammel, Die eom Gilcathgebirge Abendlich der Hirt herab!reihtP “ Line höchst wunderliche Philosophie des Schalet... verwirrend und doch klärend zugleich. Was immer auch geschah, mochte man sich noch so sehr um das tägliche Brot quälen : am Freitagabend und am Schabbat besonders gut zu essen, war eine ״Mi/.wc“, und wer wäre abtrünnig genug gewesen, sich dieser Pflicht zu entziehen . ..! Es war auch ein stilles Gebot, Gäste bei sieh zu haben und die guten Speisen mit ihnen zu teilen. Fs gab Hausväter, die, mich Ansicht ihrer Frauen, sich hei der Ausübung dieser Pflicht immer etwas übernahmen . . . So erzählt man sieh von mittelalterlichen Rabbinern, sie hätten an den Freitagabenden ihre sämtlichen Schüler zu sich zum Essen eingeladen — von den ansonsten Zugereisten ganz zu schweigen; es waren eben mittelalterliche Rabniner ... Welch eine Zauberkraft lag dann in dm aufgetragenen Speisen! Graue und vergrämte Gesichter waren plötzlich wunderbar durchblutet, Sorgenfalten wurden glatt, traurigmüde Augen begannen zu glänzen - - iin schönen Wetteifer mit den vielen schimmernden Kerzen ringsum; aus gepriigclten Hunden wurden schwingende Menschen, flügellose, gefallene Engel mit der unstillbaren Sehnsucht im Herzen, einer möchte kommen und weiterfliegen mit ihnen in ein träumumsponnenes Zauberreich, in welchem es nichts jjab als Liebe nur und Güte ... aber nach dem Essen erst; denn was einem da in diesem immerhin gesegneten Augenblick auf der Zunge zerging, war schon so etwas wie ein Vorgeschmack der tiefersehnten paradiesischen Genüsse.Ein Mensch beim Essen ist ein gut Gesicht...“ Oh diese Fische die Juden hatten es schon immer mit ihnen und infolgedessen hatten sie auch eine Jahrtausendtradifion, sie wunderbar schmackhaft zuzubereiten. Hechte gab cs da, Hechte, gefüllt und von verwirrendem Duft, Karpfen atu vielerlei Arten, blau mit gelben Butterkügelchen, oder mit einer Sauce aus Pfefferkuchen und Rosinen. Judenschicksai auf eine ausnahmsweise sehr genießbare Art. Und man tat sich gütlich. Demi für feine Speisen gibf's immer Raum im Leibe, wie cs im iraktat Mcgillali heißt, lieberdies wäre es ein Verbrechen gewesen, nicht genügend zu essen, womöglich hungrig aufzustchen; denn das hätte zur Folge gehabt, daß mail dann sehr unvollkommen und schlecht gebetet hätte... und in diese Gefahr durfte man sich doch nicht begehen -- nicht um die Welt... Man hatte gegessen, man hatte getrunken, sehr viel mehr gegessen als getrunken, in seliger Sattheit dehnte man die scliwergewoidenen Glieder, •׳ - wie sollte man da Gott nicht loben .. .! Und einer beginnt zu singen, . aber ״singen“ kann man das wohl nicht neunen, mit Kunst hat das gar nichts zu tun, dieses noch ganz primitive, fast kindliche vor sich hin und in sich hinein Gesumme, vielleicht ist es der Urheginn aller Kunst, ihre erste, ganz frühe Stufe. Kleine glucksendschluchzende Tone steigen auf, und unversehens wird eine Melodie daraus, ״tremolierend in des Nigens aiter Weise...“ Ganz unartikuliert ist das noch alles, als genügten Worte nicht, als wären sie viel zu körperlos für das, was man da atisdrüeken und aus sich Herausstellen möchte; am liebsten möchte man es tanzen, wie die frühen Chassidim es taten, diese mit ihrem ganzen Herzen, ihrer ganzen Seele und ihrem ganzen Verstände Gott ausgelieferten Mystiker in einer glücklicherweise noch sehr 1111 zivilisierten Welt. Aber dafür reicht man selber wohl nicht ganz mehr aus, man fühlt cs, ohne sich dessen ganz bewußt zu sein, und die Sehnsucht nach dem, was inan, ohne eine feste Vorstellung, sein möchte und nicht sein kann, löst dann dieses melodische Gcschluchz. aus der benetzten Kehle. Und dann sind auch plötzlich Worte da und werden eins mit dem Nie111!״, und was der eine so begann, nehmen die anderen auf und singen es mit näsclnd-gutturakin Schmetterton gloria in excelsis deo... zum Ruhme ihres alte!! Judengotfs. Ganz alte hebräische Lieder sind das, Schabbatlieder, Semirot, die sie da zwischen den Gängen so singen, ganz unprätentiös und absichtslos, so zwischen Zimmes und jungem Suppenhuhn... Und wenn sie auch das hinter sich haben, das Suppenhuhn nämlich und, wenn’s geht, zur Krönung des Ganzen noch eine mit ״Rosinkcs und Mandlen“ gespickte Nudelkugel hinterher dann endlich, uneingestandenermaßen wie erlöst, ruft der Hausherr: Ra baussei, wir wollen bensehen! Und dann betet man, indes die plmitadevollcn Finger sich selbständig machen und aus den übriggebliebenen Brosamen Kügelchen drehn.

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