Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 72 (6.9.1935)
- Date
- 1935-09-06
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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jüdische Rundschau Berliner RnndNchan NR. 72. 6. SEPTEMBER 1935 Das Fest der Jugend Sporttag der jüdischen Schulen Zum erstenmal seit ihrem Bestehen haben die jüdischen Schulen Berlins am Mittwoch ein gemeinsames großes Sportfest gefeiert, das nach Möglichkeit auch in den kommenden Jahren regelmäßig begangen werden soll. Die Einrichtung eines solchen Sporttages, an dem sich die Sportler gleichen Jahrgangs und aus gleichen Interessengebieten treffen und ihre Kräfte messen können, bestellt durchweg im öffentlichen Leben; insbesondere der ״Dies acadeinicus“, an dem sich die Studenten aller Hochschulen treffen, ist hierfür ein Beispiel. Und da der letzte Sinn eines solchen Tages nicht in den aufgestcllten Rekorden, sondern in der gegenseitigen Annäherung besteht, so freuen wir uns, daß auch den jüdischen Schulen jetzt Gelegenheit gegeben wurde, Bild 1: Repräsentanten der älteren Generation unter den Kameraden ermuntert. — Bild 3: Einmarsch der Schule Bild 5: Stafettenlauf der Kleinen. sich näher kennen zu lernen und das Gemeinschaftsgetühl zu vertiefen. Zwölf Schulen waren bei dem Fest vertreten: sämtliche Anstalten der Gemeinde sowie alle jüdischen Privatschulen Berlins. Aul dem Sportplatz der Gemeinde im Grunewald herrschte schon ain frühen Morgen reges Leben. Schätzungsweise waren über 2000 Kinder anwesend. Es war ein farbiges, bewegtes Bild, ein munteres, Treiben, und es herrschte die ungeteilte Kinderglücksstimmung eines seltenen Tages. Nach den Vorkämpfen ging der Einmarsch der an den Kämpfen beteiligten Schüler vor sich; jede Schule hatte sich eine eigene Sportkleidung ausgedacht, so daß die Eimnarschierenden einen hübschen Anblick boten. Leider war dieser Aufzug etwas zu ״still“, cs hätte nach unserem Empfinden ein hebrä- 1 sch CS Lied dazu gehört, wie man überhaupt die ganze Zuschauern. — Bild 2: Die Wettkämpfer werden von ihren Kaiserdamm. — Bild 4: Eine kleine Stärkung tut gut. — Fotos; Abraham (3׳ ,(ג) Sache etwas festlicher hätte gestalten können. In einer kurzen Ansprache begrüßte für den Schulvorstand Dr. Alexander die Schüler und wünschtc ihnen für ihr Vorhaben ein gutes Gelingen. Und da das Wetter prächtig war, so ließen sich die jungen Menschen das nicht zweimal sagen, sondern gingen mit Feuereifer und dem frohen Bewußtsein, ״daß Mittwoch keine Schule ist“ (wie es in einem bekannten (jetlicht über Friedrich den Großen heißt), ans Werk. Dies ist ein unzüuftiger Sportbericht. Was an einzelnen Resultaten in den verschiedenen Hebungen erzielt wurde, konnten wir nicht mehr erfahren, da die Preisverteilung erst sehr spät erfolgte. Aber es ist auch nicht ansschlaggebend, welche Schule sich als die beste erwiesen hat (wobei man übrigens die interessante Beobachtung machen konnte, daß die Schulen (Jic meisten Erfolge errangen, die schon die längste Tradition besitzen). Dieser Wettkampf war weniger sportlich als menschlich wichtig. Man muß die Begeisterung miterlebt haben, die die Kinder bei jedem Kampf von neuem offenbarten, die Spannung beobachtet haben, mit der jeder Spurt und jeder Sprung verfolgt wurde, das Aufatmen mitenipfundeii haben, das durch die Klassen der Schule ging, die gerade irgendeinen Sieg errungen hatte. Kampf wechselte mit Kampf, jeder spannend und ereignisreich. Die Kinder schwammen in Wonne. (Obwohl morgen wieder Schule ist.) N. * Von fachsportlicher Seite erhalten wir über das Fest noch folgenden Bericht: Der Uosamteiiulruck der Vorführungen zeugte von einer überraschend guten I»11 r e h s e 1111 i 11 s a 11 s h 11 d u 11 g. Besonders hcrvor/.ühcbeii ist das technische Können bei (.len Starts und Staffelwechseln, das zum Teil hervorragenden Sport ermöglichte. Eine Reihe von Begabungen konnten hei den einzelnen Hebungen beobachtet werden, so /. B. erreichte ein noch nicht ganz 1 äjtiln iger Schüler der Adaß-Jisrod-Schule heim II0chsp1־uug 1,50 m und heim Kugelstoßen 11 ,öS m; ein!;)jähriger Schüler vom Landschulheim tlaputh stich die Kugel 11,65 m weit und gewann den 100-m-J auf in H.3 Sekunden — für sein Alter eine respektable und vielversprechende I eistung. Die Gvmiiastik vor füll run geil der Mädchen boten ein schönes Bild, das Disziplin und gute Schulung bewies. Zu erwähnen sind noch die Staffel w e r 111 n ge 11: Bei den Jungen siegle die Mittelschule mit 15 Punkten vor der Schule Kaisrnkmim mit Ö Punkten; bei den Mädchen gewann die Adaß-Schule mit 1(1 Punkten wiederum vor der Schule Kaisenlam 111 mit 7 Punkten. Im ganzen also war die Veranstaltung auch vorn sportliehen Gesichtspunkt aus ein Gewinn und eine Hoffnung für die Zukunft. Ein polnisch-jüdischer Verband Auf Initiative eines engeren Komitees, zu dem der ״Neu- Sande/er lieimatvereiii e. V.“ in Berlin, sowie die Herren Kornfeld und Dr. Mcitiis hinzuge/ogeti waren, fand am 31. August in den Räumen des Zenlralverb;indes Ostjudisclier Organisationen in Berlin, Linienstraße öd, die Gniiulungsversammlung des ״V e r b a!1 d e s Polnischer J ti d e n“ in Berlin, statt. Der ins Leben gerufene neue Verband ist Überparteilieh und verfolgt keine politischen Ziele. Er hat sich als seine vornehmste Aufgabe die Sammlung aller polnischen Staatsbiirger jüdischer Nationalität zu einer a u i b a mv i 11 i g e 11 sozialen und konstruktiven A r b e i t, gestellt. Auch die spezifischen kulturellen Belange der polnischen Juden Berlins sollen weitgehendste Berücksichtigung iin Rahmen der Verbandstätigkeit finden. Die Generalversammlung hat die neuen Statuten genehinigt und einen fünfgliedrigen V o r s t a n d sowie eine Kontrollkommission gewählt. Es ist in Aussicht genommen worden, eine erneute Generalversammlung zu einem späteren Zeitpunkt einzubcrufen, bei der der jetzige Vorstand entsprechend ergänzt werden soll. Der Berliner Verband will, unabhängig von der Arbeit unter seinen Mitgliedern, die Initiative ergreifen, um in kürzester Zeit eine Reichsko/ilerenz sämtlicher Prmin/verbände cinzuberufen, eine engere Fühlungnahme mit ihnen herzustellen und eine Dachorganisation sämtlicher bestehender Vereinigungen zu schaffen.' Den Be rhner Interessenten stellt das Sekretariat, Linien- Straße öü, zu weiteren Auskünften zur Verfügung. b. S. ' t Aber der alte Jechiel wollte nicht weiter ruliören. Er stand auf und schüttelte sein wildes, weißes Haar. ״Ein Heer von Kapital und Herrschaft, Leutnant Harris, das, wenn der Tag kommt, wie Asche auf die Erde des Oedlands gesät wird, wie es seit, je und je war. \on innen zersetzt sich dieses Heer, Leutnant Harris. Der Sohn der Wüste verläßt dann sein Zelt, pfeift das wahre Geheimnis des uralten Oedlands heran, den Schakal und den Geier, die die Tat der Vernichtung vollenden, ohne daß ein Schwert aus der Scheide gezogen wird. Dann zieht sich der Geist des zivilisierten Mensehen in seine Grenzen zurück, denn er hat noch nicht den reifen Glauben, der das Oedland unterwirft, der die Wüste zum Leben ruft; denn er hat noch nicht das Heer der ganz nur dem Menschen Ergebenen aufgestellt. Aber im Namen dieses Glaubens werden zu den Söhnen des Oed lands die Braunen, Schwarz- und Gelbhäuligrn kommen, wo immer sie auch seien.“ Leutnant Harris warf die Zigarette weg, erhob sich und sagte kurz; ״Nicht Dinge der Diskussion sind das. Es sind Dinge der IfemchaftstradiUon." Und während er sich in den Sattel schwang, beeilte sich Jechiel ihm zu erwidern: ״Nicht Dinge der Diskussion sind es, Leutnant Harris, es sind Dinge der Glaubcnstradition.“ Stumm erhob sich auch Abnor und entfernte sich lang- »am von dem Feuerstoß und dem Alten, und Awiwi ging ihm nach, denn auch in der Luft der Nacht herrschte Stille *ic nach einem Beben, das dem Gebargenheilsgefühl des Menschen die Botschaft des Schreckens bringt Als Awiwi ihn lachend nach dem Gespräche des alten Jechiel fragte, schwieg Abrier. — — Nach einigen Tagen ging die Nachricht von dem Werke Um, das im Oedland entstehen sollte. Abu er nahm sich hei dieser Nachricht ein Herz und ging, um den Schöpfer des Werkes zu sehen. Sein Gesicht war rot und schweißüberslrömt In schwerfälliger Haltung stand er und horchte auf die Worte, die wie aus dem Sprachrohr eines Kapitäns an sein Ohr drangen: ״Bist du berwit, überall hinzugehen, wohin der Befehl lautet‘:'“ fragte Ingenieur Agar kurz. ״Ja!״ flackerte es bündig und entschieden in den Augen Abncrs. Und bevor er noch mit dem Munde antworten konnte, durchbohrte ihn jener mit den Augen und rief: ״Geh und halle dich bereit, jeden Augenblick anzulrelen!" Von da au ändert(- sich die 11 all ung \ hin-j-s und er wurde ein anderer. Er glich einem, der sich verirrt halte und schließlieh einen geebneten Weg findet. Und seitdem er sich auf gerüttelt hatte, sagten seine Kameraden einstimmig: ״Almer ist wieder er selbst geworden." Nur Awiwi nahm ihn manchmal unter den Arm und redete auf ihn ein: ״Almer. Ideal für sich und praktisches Lehen für sich. Ich habe von dem Werk, das im Oodland vorbereitet wird, gehört, aller mein Hat ist, daß du dich noch rechtzeitig eines andern besinnst. Das Werk ist eine schwere Kampffront mit der Wüslnis, eine offene Kampffront der Arbeit, und wer weiß, wer von beiden siegen wird. Alver Ahn er blickte diesmal Awiwi gerade iri die Augen und sagte: ״Du hast recht, Awiwi. Das Werk wird eine offene Kampffront mit dem Oedland sein, und wer weiß, wor von beiden siegen wird." Seit jenem Tag flatlerlen auch in seinen schwarzen Augen Funken der Tatkraft. Die jungen Mädchen staunten heim Anblick des schönen Jünglings: flackert das Feuer ihretwegen oder wegen einer andern Gestalt, die in seinem Herzen nistet? Da erfanden die Mädchen die Geschichte von einer schönen Orient alin, die zu Abner Neigung gefaßt habe und ihr Vaterbau* verlassen wolle, um ihm überallhin zu feljen. ״Pascha Abner", klopften ihm die Kameraden auf die Schulter und zwinkerten ihm zu. Aber auf seinem hraunni Gesicht war schwer zu erkennen, 01» die Kameraden sein Geheimnis erraten hatten und dies ihn beunruhigt und verwirrt, oder ob es überhaupt in seiner Welt etwas anderes gibt als die tanzenden Funken in seinen Augen. Fs (lauerte nicht lange, da gelangte der Befehl an seine Adresse: ״An dem und dem Tag(-, um sechs I hr morgens, bitte am Arbeitsplatz bereit zu sein!" Seitdem halt(' sich Almer in das Werk gestürzt. Das Merk sprach zu seinem Herzen, seiner Phantasie, und er sah in ihm das Traumbild für;11!(-. Die Ausmaße und der weile Schwung nahmen ihn völlig ge fangen. ,IrdeMiial, wenn er Ingenieur Agar auf dem Areal des Werkes v orObeigehcn sali, fühlte er doppelte Tatkraft, doppelte VrliciMülngkeit. Ivr hatte den Glauben, dal» Agar alles w Km* und um fasse, was jm Oedland getan werden müsse, und daß sein 1 )enken stark genug sei, die, Einzelheiten der Arbeit von Anfang bis zu Ende zu bcherrschen. Die Männer des Lagers bemerkten sofort den aufrechten und mageren Jüngling, denn er kann((' keine Ermüdung, lind liebevoll warnten sie ihn: .,Abner, langsam, bewahre deine Kräfte!“ Und als Almer mit I ssar, dem Führer der l^okomolive H 1, ziisanmientraf, predigte, dieser ihm von seiner 1/okomotive herab Worte eines erfahrenen Mechanikers: ,,Wenn der -Mechaniker ruhig ist, läuft die .Maschine gut; aber wenn der Mechaniker hastet — bleibt die Maschine stehen und rührt sieh nicht vom Platz....“ Und indem er die Bäder der Maschine ölte, fuhr Issar fort: ״Wenn sie ,schwitzt‘, übersehlägt sie sich auch auf chenein W ege, lmrnrr fehlt ihr eine Schraube oder Oel, Wasser oder Kohle, und Dampf gibt es zur reell len Zeit nie, ha-I1a]״ Abner horrlil auf die Worte Issars und versieht, daß man ins Oedland nicht übereilt kommen darf. Zuerst muß man das Areal des Werkes mit Chausseen in die Städte verbinden, Wege für die Maschinen pflastern, und je besser die Vorbereitungen sind, desto schneller dringt man mit geringeren Opfern ins Herz des Oedlands vor. Eine starke IIand, ein scharfes Auge ifnd ein kühles Gebim müssen bei diesem großen Plan die Herrschaft haben. (Fortsetzung folgt)