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Jüdische Rundschau · 1935-09-06 · Heft 72 (6.9.1935) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 72 (6.9.1935)
Date
1935-09-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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11 9.1335 Kr.72 / Jahrgang 40 Preis 25 RpL. JÜDISCHE RUNDSCHAU $chrlftleitang,Verlag n« AoKfelgenverwaHviig« BerllaWlS, Metnekeair. 19 femrdi: Sarompl-Nr. 11 Bismarck 3181/82, 7165f70, 7240/42. — Bezugspreis einschL Bestellgeld je Monat RM 2,-, je Vierteljahr RM 5,75, hei Abholung RM 1,88 bzw. RM 539. -״־ Postscheck - Konten der Vertriebs-Abteilung: Berlin 715 73 (für GroS - Berlin), Berlin 17392 /für das (ihrige Reich). In Fallen höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Erstattung etwa schon gezahlter Bezugsgebühren. — Eracheint jaden DU&ittf und Freilag• BERLIN ח׳ אלול תרצ״ה FREITAG, 6. SEPTEMBER 1935 AnzeigenpreisJiste Mr, 3 gültig. Die 12 gehaltene mm - Zeile 20 Rpf, für Familiennachrichten 15 RpL Aufnahme von Anzeigen an bestimmten Tagen oder Stellen und in bestimmte Ausgaben kann nicht gewährleistet werden״ Einzelanzeigen nur bei Vorauatahlung auf Postscheck - Konto Berlin 71618 oder har Montag bis Donnerstag 9-18 Ohr, Freitag 9 16״ Uhr. Annahraeschluß für die Dienstag * Ausgabe Montag 10 Uhr, für die Freitag - Auagäbe Mittwoch 13 Öhr. (Für Familienanzeigen am Tag vor Erscheinen 12 Uhr) Der Zionismus erstrebt IQr das indische Volk die Schaffung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. (Baseler Programm) Der Kongreß der Versöhnung Die neue Leitung Von unserem Kongreß-Sonderberichterstatter Luzern, 4. September Unmittelbar nach Schluß des Kongresses ist es noch nicht möglich, die Resultate der angestrengten Ver- Handlungen dieser zwei Wochen objektiv abzuschätzen. Die letzten drei Tage und Nächte sind stets der schwerste Teil des Kongresses, fieberhaft wird an den letzten Entscheidungen gearbeitet, immer wieder wird die Schlußsitzung hinausgeschoben. Es war schon eine wesentliche Neuerung gegenüber den letzten sechs Kongressen, daß die Schlußsitzung nicht erst um 7 Uhr früh, sondern schon um 1 Uhr zu Ende war — freilich einen Tag später als erwartet. Man darf wohl sagen, daß alle Teilnehmer des Kongresses (das gilt auch für die Pressevertreter) in einem Zustand der Erschöpfung und Uebermüdung Abschied nehme»; freilich ist nicht für alle die Arbeit zu Ende, es gibt noch ein Nachspiel, die Council-Sitzung der Jewish Agency. Aber das ist schon eine weit kühler temperierte Angelegenheit, große Meinungskämpfe sind liier nicht mehr zu erwarten, im wesentlichen dürfte es sich um Bestätigung der Kongreßbcschlüsse, vor allem der Beschlüsse Wirtschaftlicher und finanzieller Natur handeln. Weizmanns Wiederwahl Als die wichtigsten Resultate des Kongresses sind festzustellen: Weizmann ist wieder Präsident der Zionistischen Organisation und der Jewish Agency. Diese Tatsache wird von der zionistischen Welt und gewiß auch darüber hinaus vori der jüdischen Welt mit Freude und Genugtuung aufgenommen werden. Denn Weizmanns Führerqualitäten und politische Begabung sind weit über den zionistischen Kreis hinaus anerkannt. Jeder weiß, daß es für Weizmann ein Opfer war, dieses Amt anzunehmen. Abgesehen von Erwägungen persönlicher Natur gibt cs sachliche Gründe genug; es stehen wahrscheinlich sclnvere Zeiten bevor, und Weizmann hat die bitteren Erfahrungen eines Jahrzehntes, daß politische Schwierigkeiten meist ihm zur Last gelegt werden. Eine ehemals zionistische Gruppe, die sich jetzt von der Zionistischen Organisation abgesplittert hat und in den nächsten Tagen ihre Gründlingsversammlung abhält, steht in unversöhnlicher Feindschaft zu Weizmann und wird es sich wohl nicht nehmen lassen, auch jetzt eine demagogische Kampagne gegen die von ihm geführte Bewegung einzuleiten. Dies wäre nicht weiter schlimm, wenn man sicher sein könnte, daß nicht in den Reihen der Zionistischen Organisation selbst noch Gesinnungsverwandte der Revisionisten sitzen. Man muß jedenfalls hoffen, daß Auseinandersetzungen, wie sie in der vorigen Weizmann-Aera vor fünf oder mehr Jahren stattfanden, sich i!1 Zukunft nicht ereignen werden. In gewisser Hinsicht hat der Austritt der Revisionisten klärend gewirkt; auch die Nachbargruppen des Revisionismus sind zur Besinnung gekommen, und man könnte hoffen, daß das Einheitsgefühl nicht schwächer, sondern stärker geworden ist. Die ״große Koalition“ Dieses Einheitsgefühl — und das ist das zweite große Ereignis des Kongresses — fand seinen Ausdruck in der sogenannten ״grollen Koalition“, die die neue Exekutive bildet. Mit Ausnahme der 13 Delegierte Umfassenden Judenstaatspartei, die sich als offizielle Opposition abgegrenzt hat, sind alle Kongrdlparteien in der neuen Leitung vertreten. Es war nicht leicht, dies zustande zu bringen. Und wenn man schon das Prinzip amiahm, so kostete es sehr große Mühe, die Klippe einer großen Exekutive von etwa 20 Mitgliedern zu umschiffen, die noch vor zwei Tagen als das wahrscheinlichste Resultat erschien. Die Notwendigkeit dieser großen Zahl hätte sich daraus ergehen, dali man auf gewisse Persönlichkeiten in der Leitung nicht verzichten wollte, die Parteifiihrer aber darauf bestanden, diese betreffenden Personen in den Verhältnisscliliissel einzubcziehcn, so daß dann auch die anderen Gruppen entsprechend mehr Vertreter hätten haben müssen. Wenn z. B. Brodetsky, Grünbaum, Lipsky und Ruppin, die sämtlich der Gruppe A angehören, gewählt worden wären, hätte die Arbeiterpartei mindestens sechs, die Gruppe B und der Misrachi zwei oder drei Vertreter verlangt. Nach langen Verhandlungen wurde ein Ausweg gefunden, der in der Kongrcßgeschiehte ein Novum darstellt. Eine Reihe von Persönlichkeiten wurden nicht in die Exekutive gewählt, sondern für ganz bestimmte Aufgaben vorgeschla- Luzern, 4. September In der Sitzung des Kongresses am 3. September wurde auf Vorschlag des Vorsitzenden des Permanenz-Ausschusses Remez folgende neue Exekutive gewählt: Dr. Chaim Weizmann, Präsident der Organisation, Nahum Sokolow, Ehrenpräsident der Organisation, Präsiden; des Keren Hajessod und Leiter der Kulturarbeit, M. M. Ussischkin, Präsident des Aktions- Comitös mit beratender Stimme in der Exekutive. David Ben Gurion, Mosche Schertok, Elieser Kaplan, Jizchak Grünbaum, Professor Selig Brodetsky, Dr. Fische! Rottenstreich, Rabbi J. L. Fisch mann. Mit dem Amt des Delegierten der Zionistischen Organisation in Genf, mit Sitz in der Londoner Exekutive und Stimmrecht in den Angelegenheiten, die sein Ressort betreifen, wurde Dr. Goldmann betraut. Ferner wurde als neues Amt mit beratender Stimme in der Exekutive das eines Bevollmächtigten der Exekutive in Amerika geschaffen. Dieses Amt wurde dem Ehrenpräsideuten der Zionistischen Organisation Amerikas und bisherigen Mitglied der Exekutive der Jewish Agency, Louis L ips k y, übertragen. Dr. Arthur R u p p i n wurde zum Leiter einer Kommission für Wirtschaftsforschung und Wirtschaftsplanung, ferner zum Leiter des neu geschaffenen Kolonisations-Amtes gewählt, mit Sitz und Stimme in der Exekutive bei der Behandlung von Wirtschaftsfragen. Schließlich wurde l.eonard Stein, London, zum politischen Berater der Exekutive in London gewählt. gen mit der Maßgabe, daß sie Sitz, in der Exekutive und unter Umständen auch Stimmrecht in den von ihnen zu bearbeitenden Angelegenheiten besitzen. Auf diese Weise hat man es ermöglicht, eine Exekutive von nur sieben Personen zu wählen, unter ihnen drei Mitglieder der Arbeiterpartei (Ben Gurion, Kaplan, Schertok), zwei Mitglieder der Gruppe A (Brodetsky und Orünbaum), einen Vertreter des Misrachi (Raw׳ Fisclimnnn) und einen Vertreter der Gruppe B (Dr. Rottenstreich). Eine Neuerung bildet es auch, daß der Präsident des Aktions-Comites diesmal vom Kongreß gewählt wurde und als ständiger Berater der Exekutive ohne Stimmrecht fungieren soll. Diese Maßnahme wurde mit Rücksicht auf die Persönliclikeit getroffen, die für das Amt in Betracht kommt. Als Nachfolger von Chajes und Motzkin wird Ussischkiii Präsident des A.-C. Es war Dr. Weizmanns Wunsch, Ussischkin für die Palästina-Exekutive zu gewinnen, uni so diesen Kongreß zu einem großen Kongreß der Versölinung zu machen. Ussischkin hat jedoch diese Wahl abgelehnt und hat es vorgezogeu, ohne Stimmrecht in der oben erwähnten Weise sich in den Dienst der neuen Leitung zu stellen. Die Hauptaufgabe, die er gemeinsam mit Weizmann und der Exekutive haben wird, ist die Herstellung des Friedens innerhalb des palästinensische » J udentu 111 s. Der Zustand des ״latenten Bürgerkriegs“, über den Dr. Weizmann in einer seiner letzten palästinensischen Reden Anklage geführt hat, muß beendet werden. Alle sind sich darüber einig. Wir verkennen nicht, dali hier große Schwierigkeiten zu überwinden sein werden, aber der Zionismus hat seine besten Menschen hierfür in die vorderste Kanipflinic gestellt, am Bewußtsein, daß cs um Sein oder Nichtsein geht. Ehrung für Sokolow Eine besondere Ovation und Ehrung wurde dem abtretenden Präsidenten Sokolow zuteil. Sokolow hat trotz seines Alters die schwere Last der Präsidentschaft in den letzten vier Jahren mit Würde getragen. Seine einzigartige Persönlichkeit, seine überlegene Weisheit, reiche Erfahrung und vielseitige Bildung, sind ein unschätzbares Aktivum der Bewegung. Sokolow wurde zutn Ehren- Präsidenten der Zionistischen Organisation und der Jewish Agency gewählt, ln dieser letzteren Funktion ist er der Nachfolger Baron Edmond Rothschilds. Aber dieser Ehrenposten ist kein Ruheposten. Der Unermüd- Darauf wurden auf Vorschlag des Vorsitzenden des Noml■ nations-Ausschusses, Dir. Ettinßen, die Mitglieder des Aktions- Comites, deren Stellvertreter und eine Reihe anderer Funktionäre gewählt. Die Schlußsitzung trug einen sehr feierlichen Charakter, Vor den Wahlen wurde eine Reihe von Erklärungen abgegeben. Die Judcnstaats-Partei erklärte, sie werde sich an den Wahlen nicht beteiligen, weil der Kongreß ihren Antrag, das Ziel der Bewegung im Sinne der Judenstaats- Parole zu definieren, nicht angenommen hat. Demgemäß erfolgte die Wahl Weizmanns mit allen gegen sechs Stimmen. Nach der Wahl Sokolows, Weizmanns und Ussischkins gab der Haschomer Hazair die Erklärung ab, daß er sich der Stimme bei der Wahl der Exekutive enthalten wird, weit seiner Gruppe im Gegensatz zur Mehrheit der Arbeiterfraktion die Koalition mit dem Misrachi untragbar erscheint. Die Exekutive wurde dann en bloc gewählt, mit allen gegen die 6 Stimmen der Judenstaats- Partei bei 37 Stimmenthaltungen. Nach der Wahl wurde eine Reihe von Ansprachen gehalten, und zwar sprach zunächst der Ehrenpräsident der Zionistischen Organisation Sokolow, der in einer launigen Rede die Tatsache würdigte, daß er nicht auf einen Ruheposten gestellt wurde, sondern auch Arbeit bekommen habe. Er sagte, ein Abschied dieser Art enthalte immer auch einen bitteren Tropfen. Aber er werde in Zukunft aut seinem neuen Gebiet genug Arbeit vorfinden. Dr. Ha Ipern dankte dem Präsidium des Kongresses für die geleistete Arbeit. Von dem Tage an, so sagte «r, da Weizmann das Präsidium übernommen hat, waren wir sicher, daß der Ausgang des Kongresses ein glücklicher sein wird. Sodann sprach Ussischkin für die Parole der Einigkeit, Ben Gurion und zum Schluß Dr. Weizmann. Die Reden Ben Gurions und Dr. Weizmanns bringen wir an anderer Stelle. (Weitere Nachrichten im Innern des Blattes.) liehe wird weiter arbeiten. Er übernimmt das Präsidium des Keren Hajessod und obendrein das Präsidium der neu geschaffenen Kulturinstitution, die den Namen Bialiks trägt. Der Meister der hebräischen Sprache, der wie mir ganz wenige unter den heute Lebenden das große jüdische Geistes- und l.iteraturgut beherrscht, ist der legitime und berufene erste Inhaber dieses grollen Amtes. Die I lultligungeii, die Sokolow /um Schluß des Kongresses immer wieder zuteil wurden, und die svnipathische und noble Art, wie er sein neues Amt übernahm, waren echt und aufrichtig. Die Beschlüsse des Kongresses Die letzten Tage des Kongresses waren mit Arbeit allgefüllt. Auf allen Gebieten wurden eine große Anzahl v o 11 Beschlüsse n 1111 d Resolutionen gefaßt, niancliina! will es einem .scheinen, daß hier des guten sogar etwas zu viel getan wird. Die Beschlüsse werden in den Kommissionen vorbereitet, im Plenum finden diese Abstimmungen kaum die gebührende Aufmerksamkeit, und so ist es auch eine alte Erfahrung unserer Kongresse, daß sich so manche Resolution einschleicht, die von bestimmten Interessenten forciert wird, ohne daß die Mehrheit des Kongresses sich über das Gemeinte völlig im klaren ist. Wer könnte denn auch alle die verschiedenartigen Materien in ihren Details beherrschen! Es wäre vielleicht ratsam, daß der Kongrell sich künftig auf wirklich grundsätzliche Entschcidüngen beschränkt und die Fülle des Einzelmaterials der Exekutive überläßt, zumal wenn diese ohnedies aus Parteivertretern besteht. Unter den politischen Resolutionen ist die wichtigste zweifellos die bedingungslose Ablehnung des Legislative Council in Palästina, also einer Maßnahme, die die britische Regierung als Mandatarmacht schon für die nächste Zeit diirchzufiihren gedenkt. Man muß hoffen, daß es gelingt noch im letzten Moment die Argumente des Kongresses auch bei der Mandatarmacht durchzuset/en, obwohl ja der jüdische Standpunkt der Maiidatarinacht ohnedies längst bekannt ist. Sollte dies nicht gelingen, sollte die Regierung doch im Herbst den Legislative Council einsetzen, dann wird eine sehr heikle Situation entstehen und die staatsmännische Kunst Dr. Weizmanns wird auf eine harte Probe gestellt sein. Weizmann hat in seiner Schlußrede nochmals betont daß die Kooperation mit der Mandatarmacht auf allen J

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