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Jüdische Rundschau · 1935-09-03 · Heft 71 (3.9.1935) · page 10

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 71 (3.9.1935)
Date
1935-09-03
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Sette W JÜDISCHE RUNDSCHAU ■ ftr. 71, 3. IX. t935 Wie gestalte Ich den Schabbat? Für Schabbat, 7. September Wochenabschnitt ״KI Teze" 5. B. M. 21, 10 - 25, 19. Die Sidra enthält eine Reihe von Gesetzesbestimmungen, von denen wir uns mit einigen, wegen ihres hohen ethischen Wie sozialen Gehaltes, eingehender beschäftigen wollen. Das an der Spitze der Sidra stehende Gesetz über die Ehclichung eines kriegsgefangenen Weibes zeugt, besonders i!n V. 11, von einem überaus humanen Geist. Insbesondere lehrreich sind für uns die Bestimmungen über die Pflichten der Nächstenliebe, die im Kan. 22, 1 ff. niedcrgelcgt sind. So u. a. die Forderung der Bergung und Zuriickerstattung «ines dem Eigentümer verloren gegangenen Tieres. Man sollte das Tier so lange bei sich behalten, bis der Eigentümer danach tragt. Man \ erglciche hierzu die Stelle im 2. B. M. 23,4,5, wo das Gesetz stark erweitert ist und selbst auf Tiere eines Feindes Anwendung findet. Auch die Gesetze im Kap. 21, 6 ff. atmen den Geist hoher sozialer Gerechtigkeit. Das Individualrecht muß zuweilen vor dem Gemeinsoiaftsrecht zurücktreten, tmd das Wohl des Volksganzen wird ihm übergeordnet. Dabei darf natürlich das ungeschriebene Volksrecht und Volksemptimlen nicht zu Willkürakten und zu einseitiger Rechtlosigkeit des Einzelnen führen. Maßgebend dafür ist und bleibt das im jüdischen Volke lebendige soziale Gefühl und das starke Reehtsbewußtsein, das ihm als göttliches Gesetz gilt. Der Einzelne hat tun der berechtigten Forderung seines Privat recht es vor einer Ursch«! tertmg der Existenz des ihm Verschuldeten znruek/iistelien. So darf der Gläubiger dem Schuldner die 1 iamlinuble nieht als Pfand nehmen, denn das hieße sein l.eben selbst zum Pfand nehmen. -׳- Es ist gut, sieh in diesen! Zusammenhang die soziale und Wirtschaftliehe Struktur des biblischen Menschen, besonders des Landmannes, zu vergegenwärtigen, für den der Mühlstein unentbehrlich war, da 111a 11 in jeder Haushaltung das Mehl zum Brutbackcn selbst mahlte. Audi sonst hat sich der Gläubiger rücksichtsvoll und brüderlich seinem Schuld 11er gegenüber zu verhalten. Er darf nicht das llaus des Schuldners betreten, um sieh das Pfand aus/U'.ueheii, sondern muß sich von diesem das herausbringen las-en. was er am besten entbehret! kann. Hat er nichts weiter als einen Mantel zu verpfänden, so soll er vor Sonnenuntergang zuruckerstattet werden, weil er ih!11 als Decke für die Nacht dient. Man vergleiche hierzu die Steile im 2. B. M. 22, 23, 2(1 und versuche, die ergänzenden Be- Stimmungen hei ,uis/u.n beiten. Allein die soziale Gesetzgebung bleibt nicht nur auf den jüdischen Menschen beschrankt, sondern findet Anwendung auch auf den Fremden, der das Gastrecht genießt, imperalivisch klingt der Satz im V, 17: 1)1! sollst nicht das Recht eines Fremden und eines Waisen beugen und nicht das Gewand einer Witwe pfänden. Den soz.ial Schwächeren und Hilflosen wird jede Ifillc gewährt. Und aufhordien läßt uns jene, sieh immer wiederholende Mahnung vom Sklavengeschick des jüdischen Volkes. ״Sei eingedenk dessen, daß du ein Sklave im Lande Aegypten warst, daher gebiete ich dir dies zu tun.“ Das einstige Sklavensclmksal verpflichtet besonders zu Milde und sozialer Gerechtigkeit. Religionswie kulturgeschichtlich interessant ist der Abschnitt (25, 5 — 10) von der Institution der Schwager- oder Lex iratsehe (lat. levir - Bruder des Mannes). Der überlebende Bruder hat die Witwe des kinderlos Verstorbenen zu eheliehen, und der erste Sohn dieser Verbindung soll dem verstorbeiua Bruder ziigereclmet werden, damit dessen Name in der Gemeinschaft seines Volkes nicht erlischt,!dieser Sitte begegnen wir bei verschiedenen Völkern des Ostens; über ihren eigentlichen Ursprung gehen die Meinungen sehr stark auseinander. Viele wollten die Wurzel dieser Silte im früheren Ahnenkult sehen, wobei alles darauf ankommt, daß keiner ohne Nachkommen (und zwar männliche, die allein kudbercchiigt sind)!!leihe. Vielleicht konnte man hier als Analogie die Vorstellung heran/iehen. die noch heute in Osteuropa weit verbreitet ist. wonach jeder Jude einen ״Kaddiscli“ haben muß. Der Sohn, der Kaddischsager nach dem Tode seiner Litern, ist der direkte Eoitsitzer der väterlichen Linie. Aehiilichen Vorstellungen Tt. gvgnen wir auch im westeuroixiisclien Kultu!׳kreis. .Manche wollen den Ursprung der Leviratsehe in der Institution der Kaufe!!,» sehen in der mit dein!'ihrigen Vermögen des verstorbenen Gliedes der Sippe auch seine Frau dem Nächstberechtigten zufiel. Die in diesem Kulturkreis nachweisbare Sohnesznrechnung findet im Wunsch der Sippengenossen, daß keiner von ihnen ohne bleibende Nachwirkung für die Gemeinschaft sterbe, ihre hinreichende Erklärung. — In unserer Bestimmung ist die Leviratsehe bereits von all den Beimischungen primitiver Vorstellungen gereinigt und hat eine Wendung ins Ethische und zugleich ins Soziale erhalten. Die Verbindung mit dem Bruder des Verstorbenen wird im Interesse der alleinstehenden Witwe, die zuweilen mittel- und schutzlos geblieben ist, verlangt. — Der Bruder des Verstorbenen kann sich aber dieser Ehe nach biblischem Recht entziehen, wenn er die schimpfliche Zeremonie der sog. Chaliza (Schuhauszieiien und Anspeien) erduldet. — Man vergleiche die Chaliza-Handlung im alten Israel an Hand des Berichtes in Ruth 4, 1 ff. — Durch das Vordringen der Monogamie ist die Sitte der Leviratsehe völlig außer Gebrauch gekommen. .- Die Sitte der Chaliza, die bis auf den heutigen Tag bindend ist, hat sich im Osten noch erhalten. Als Haftarah zun! heutigen Wochenabschnitt lesen wir Jes. 54, 1—10. Die Tage des Elul- Monats Mit dem Monat Elul geht das jüdische Jahr zu Ende, und es trennen uns mir noch wenige Wochen von den hohen Festtagen des Tischri. Auch der Elul hat seine besondere Stellung innerhalb des jüdischen Lebens und wird durch eine Reihe von Bräuchen und Sitten ausgezeichnet, die in diesem Rahmen besprochen werden können. Die Tage des Elul stellen besonders bei den Frommen unter dem Zeichen der Einkehr und der Büßfertigkeit. Sie sind von Gebeten, von Mildtätigkeit und guten Vterkcn ausgefüllt. Fis ist die stille, aber eindringliche Vorbereitung auf die kommenden großen Tage zu Beginn des neuen Jahres, an denen, nach den! jüdischen Volksglauben, das Schicksal des Menschen bestimmt wird. Zum Zeichen der inneren Sanimlung ertönt an diesen Tagen bereits mahnend die Schofarstimme und ruft die wachsamen Herzen zur Besinnung und Einkehr. Das Morgengebet erfährt in diesem Monat eine Erweiterung durch allerlei Bußgebete, und am Schlüsse des Gebetes erfolgt das Schofarblasen ohne eine Benediktion. Die Sitte des Scliofarblascns im Elul scheint älteren Datums zu sein. Der Verfasser des berühmten Gesetzes-Kompcndium ״Schibbole ha-Leket“, R. Zidkija b. Abraham aus Rom (13. Jabrli.), weiß zu crzälilen, daß das Schofarblasen an den Abenden der Neumondstage des Elul erfolgt. Auch andere Quellen wissen zu berichten, da(5 an den beiden Neumondstagen Schofar geblasen wurde, und nicht den ganzen Monat, wie es heute noch mancherorts üblich st. In verschiedenen Ländern besonders des Ostens hat sich der Brauch eingebürgert, daß man in diesem Monat die Gräber von frommen und heiligen Männern, auch die seiner Ahnen aufsucht und dort Gebete verrichtet. Den ganze!! Monat Elul, bis nach dem Hoschana-Rabba• Feste, wird am Schluß des Tagesgebetes der Psalm 27 gesprachen. Wir lesen gemeinsam diesen wunderschönen Psalm und verfolgen die stille religiöse Zuversicht, die aus ihm spricht. Wenn der Betende in noch so großer Not, umgeben von einer Unzahl von Frevlern ist, er hofft doch zu Gott, der ihn errettet. J. M. Juden und Jüdisches im Rundfunk Dienstag, 3. September: Luxemburg (1304), 13: SdmllplaUen: Der IVophef, von Mcvcfbeer. — Prag (470), 16.55: U. a. Rubinstein, Mo-zkow vki. -. Wien (507), 14: Suhaüplatten, u. a״ K«׳>rngol<!, Ofiuübauh: 17.30; u. a. Mcyurhcwr» Oi'feiäbarli. —-״ Luxemburg (1304), 20,T0: I'. a, OffYiiLarh, Rubinstein. —- Katurxüiorg (1261), 22.05: u. a, Mrn<tc1'*!bn. Mittwoch, 4. September: Wien (507), 14; Schallpla? len: BronMaw I lubrrmnnn, I;׳na/ Frirrlmann. — Rni«־sc! (fr:mz., 484), 12.30; SehallpkiMcn: (roHnuuk. — Paris Radio (1648), 19.20: Schallplatten: Darm-, MiHumci. — Bukarest (365), 21.05: U. a. Offenhach. - Budapest (550), 21.45: ü. a. Goldmark» Meyerbeer, Men- Donnerstag, 5. September: Wien (507), 14: U. a. Meyerbeer. — Sti.ilMmrg (310}, 18.30: t\ a. MundrLsohn. —- Brüssel (Hämisch, 322). 19.15: S־׳l1,ii!platt»-u: Alexander Kipnk -- Prag (470), 20/20: L. a. (ü1!1l!n,!1k. - Totilonc■ (329). 21; Ate Holtmanns Ki/ihlungiMi, von < ))icnhdeh, — Budapt^t II (840), 21.30; U, a. Mundei -ohn - - Adiron. Das Ergebnis des Warschauer Schachturniers Der Ländcrkampt des Weltschach bund es in Warschau hat USA den Sieg gebracht. Der Schlußstand ist: Amerika 54, Schweden 52jä, Polen 52, Ungarn 5t, Tschechoslowakei 40, Jugoslawien 45D, Oesterreich •13(4, Argentinien 42, Lettland 41, Frankreich 38, Estland 37(3, England 37, Firn!־!and 35, Litauen 34, Palästina 32, Dänemark 31 Vs, Rumänien 27(״, Italien 24, die Schweiz 21 und Irland 12. Das Turnier um die Damenweltmeisterschaft endete mit dem Siege der bisherigen Inhaberin des Titels, Vera Menchik, die alle neun Partien gewann. Der amerikanischen Mannschaft gehörten die jüdischen Schachspieler Fein, Kupschick und Horvitz an. Außerdem haben folgende jüdische Schachmeister In den einzelnen Ländergruppen teilgcnommcn: Polen: Dr. Tartakower, F. Friedmann, Neudorf und H. Friedmann; Tschecho- Slowakei: Flohr, Oppocienski und Pelikan; Ungarn: Steiner, Lilienthal, Hawasi und Reti; Jugoslawien: Kostic und König; Oesterreich: Spielmann, Elikases und Parhorscr; Argentinien: Balaban und Plczi; Lettland: Feigin und Hasenfuß; Frankreich; Cohn lind Reismann; Litauen: Wistameczki und Lukis; Erez Israel: Foerder, Enocli, Dobkin, Winz und Scherniak; Rumänien: Silbermann, Ichis, Brodi und Papo; England: Golombek. Förderung der Ausbildung jüdischer Krankenschwestern. Der Bcrut der jüdischen Krankenschwester gehört zu den Frauenberufen, die nach wie vor aufnahmefähig sind. Es besteht ein Bedürfnis nach jüdischen Krankenschwestern, die in den jüdischen Krankenhäusern, In der Krankenpflege in den Familien, auch im Ausland - vor allem in Pa״ lästina — Bcschäftigiingsmöglichkeiten finden können. An״ gcsichts dieser Tatsache hat die Reichsvertretung der deutsehen Juden, Abteilung Zentralwohlfahrtsstelle, beschlossen, die Ausbildung von Krankenschwestern zu fördern. Eine Reihe jüdischer Scliwesternlieime und Krankenhäuser hat sich bereit erklärt, über ihren eigenen Bedarf hinaus zusätzlich Lehrschwestern aufztmehmen und unter besonderen Bedingungen auszubildcn. Die Ausbildungsdatier beträgt zwei Jahre. Ferner soll die Lehrschwester nach beendeter Ausbildung drei Pflichtjahre in einem Krankenhaus oder in einem Schwesternheim als Krankenschwester arbeiten. Jedoch kann sie nach mindestens einem Pflichtjahr diese Arbeit vorzeitig beenden, sofern sie nachweislich ihren Wohnsitz in das Ausland verlegt. Bei der Aufnahme als Lehr- Schwester ist ein Pfiegesatz. von monatlich 60 HM. zu entrichten. Sollten die Lehrschwestern selbst nicht in derLage sein, die Ausbildungskostesi in voller Höhe aufzubringen, übernimmt die Reichsvertretuiig innerhalb ihres Berufsausbildungswerks und nach Maßgabe der von der Abteilung Berufsausbildung und Berufsumschichtung aufgestellten Riehtlinien die Gewährung von Zuschüssen und damit die Sicherung der Ausbildung. Die Bewerbung als Lehrschwester stellt allen körperlich gesunden jüdischen Mädchen frei, die mindestens das 18. und möglichst das 20. Jahr vollendet haben und nicht älter als 30 Jahre sind. Bewerbungen sind an das Krankenhaus hzw. Scliwcsternheim direkt zu richten; Auskunft über freie Ausbildungsplätze erteilt auch die Reichs- Vertretung der deutschen Juden, Abteilung Zentralwotilfahrtsstelle (Berlin-Charlottenbürg 2, Kantstr. 158). Anträge auf Bezuschussung der Aushildungskosteri nehmen die für den Wohnsitz der Anwärterin zuständigen jüdischen Bezirksstellen* für Berufsausbildung entgegen. Der Jüdische Kulturbund Bezirk Rhein-Main legt Wert darauf, festzustellen, daß der in Frankfurt a. M. am 28. August von der Staatszionistischen Organisation veranstaltete Vortrag mit dem Jüdischer! Kulturbund nichts zu tun hat. Unbefugterweise und ohne das Wissen der Kulturbundsleitung und des Vorstandes wurde das Büro des Kulturbundes als Vorverkaufsstelle veröffentlicht. Ankündigungen aus dem Reich Cosel (Oberschlesien). Am 22. September, 11 Uhr, findet auf dem Jiidi-chen Friedhof eine Seelenfeier unter Leitung von Kantor Lomnitzer statt. Familien - Nachrichten Frau Isabella H e i m a n n, geh. Stern, Köln—Tcl-Aviw, ben-Jehuda- Strafe 95, bf-geht. am 8. Scptr!her den 70. Geburtstag. Herr Saionmn W estheimer• Kauf m a n n, Karlsruhe, Kriegptraiie 70, begeht am 15. September den 80. Geburtstag.;ililiäncn grgeiiiiber: eine kleine Siedlung, einige wenige llä!1nt, eine St!׳aß״•, die /11 beiden Seilen iro freie I old führt, in eine < irg.-nd uni l r! e I Io■!׳!!! G״-triipp uns Lotus und Azerillen, die de und dort •..׳!,!inen. Hingaim herrscht Stille. Die Fit li! Ile de״ Krieges diel über;liier a IlSger( inmit. Die | ,eilte von Tema giJii'n wie Si’liallen einher und sagen einer zum andern : ...b l/( I! ei!!!!•1׳ י,!' Oeillaud, uns und die Mühe unserer Hände. M011 Ei!)111־1111 ״ vs!■g. " ,.I nd die Malana needi( uns den (larati«.“ Die \ ei,/w ei fl 1111g, die Oede schlugen den Geist Abnors und machten ihn wrsrfilm-en und los(, gieriir, Täler zu durchschreiten und jenseits der Berge und der M 11.40 ins Meile zu koiiiinon. Seiiu• Gedanken gärtoii ausweglos, und sein jugendfichcs Verlangen reifte in der schweren F.insaiiikeii. Abner ermannle sieh erst, als er mit den gleichaltrigen Kameraden in (lim Krieg hineingerissen und mit seinem Itegiment auf (hm Straß״•!! des t)ri!mls umhei■geschleudert wurde. Damals lern!(• er die Gefilde des Orients von Angesicht zu Augesiebt kennen: auf seinen M'ecren in der Wüste ohne Wegzehrmig und Masse!■; im I>iens!e eines Auftrags seiner Vorgesetzten auf den Märkten des Ostens: beim Ansclileiclien an die holicilaollo Siillo der Kuppeln einer Moschee; wenn er hei einer Ta*-e Kaffee saß. sie behaglich schlürfte und seine Augen an riiiliker I'inclil weidete; wem! er an Märkten vorüberkaiu und der Bratei■ heliimde die E10i*(i!diirke an Spießen briet, der Rührer linier lautem Singsang die 1,eckerhissen ans Linsen und Kielicrerhseii rührte, der W’fmer mit grünem Pfeffer und Sellerie würzte, und der Flinscr Plinsen fmk und den Essenden vorsetzte. Auf den Trottoiren der Märkte schläft in den Nachten verkommenes Gesindel zwischen dem Schutt des Marktes; zwisehen den hängen(len Stücken Srhafsllei-rh Ininmeln sich Schwärme von Schmeißfliegen; ein siecher Armer wälzt sieh auf dem Schutthaufen in seiner Krankheit, kriecht auf dem Bauche, während seine Hand narb Almosen »usgesdrerkt ist; Gruppen sitzen enggedrängt und matt auf den kleinen geflociitenen Stühlen und atmen den Tombak-Rauch und das süße Nichtstun in sich ein; junge Leute gehen umher, den Fez auf der Spitze ihres Schädels, verschränken Finger in Finger und aus ihren! Blick spricht. Einbildung und List,-- Beim Waffenstillstand kehrte Abner mit der Bahn, die die Wüste durchschnitt, zum Oedland zurück. Er saß einsam in den von .Menschen. Gesprächen und Gesängen tosenden Wagen. Braun-schwarze Söhne des üedlands stiegen an den Bahnhöfen von ihren Stufen und brachten Schweißgeruch des Pferdes, Wolfgerucli des Zeltleppirhs, das Schweigen der weithin zcrslreuten Zelte mit in den Wagen -- (len Argwohn, die Einfalt und Verschmitztheit, mit denen der Sohn des Oedlands sieh der Maschine nähert. Offiziere und ZK illeul(( saßen da und, die Fez« über den halben Schädel gezogen, die seidene Kofi je über das vergoldele Kopfham] ge sei! lagen — jubelten sie, gröhlten und klatsch len in die Hände. Die mmaliharim Männer der Zelte zogen tior'um'il 1*e nie breiten Bänder ihrer Mäntel an sieh; l.eulo mit verwilderten Haaren ließen naiv ihre Augen umlierschweifert; Effondis des Oedlands, schlugen Bein über Bein, reihten lässig und eingebildet, die Perlenkette auf — alles scharte sich zusammen, frohlockte und war außer sich. Frei h eit i in 0 e d 1 a n d! Es wehen neue Winde, die abschließende Scheidewand ist beseitigt. Die erwachte Menge scheint wie weiches, gutes Material, und wer eine, geübte Hand hat, knetet und formt es nach seinem Millen. Fürwahr, wenn einer kommt und Feuer ins Werg wirft, so entfacht sich die Flamme, und das Feuer verzehrt den Mann und sein« Brüder. Mit doppelter Sorge denkt Almer an das kleine Teura, das am Bande des Oedlandes liegt. Eine geheimnisvolle M öge des Lebens hat seine wenigen Bewohner dorthin geworfen und hat in ihr Herz den naiven Glauben gepflanzt,, daß ihr Pflug das Oedland erobern wird. Und wie er ins Dorf kommt, umschwlrrer! ihn seine Kameraden und erzählen ihm von den großen Dingen, die seil Ende des Krieges sich im Dorfe ereignen, von den neuen Kolonisten, die iinmerforl hinzukommen, von den Hausern, di« gebaut werden, von ihrem Ziele seil je, das jetzt seiner Erreichung cnlgegengeht, denn in wenigen Tagen werden sie auf den ersehnten guten Boden hinabziehen, A w i wi, sein Jugendgenosse, war inzwischen groß geworden und herangerciff. Er ist erfahren in Feldarbeit und führt Abner durch die Mb‘risch ,׳!ft seines Hauses, um ihm das Resiiltat seiner Arbeit zu zeigen: ״Nicht wie früher sind diese Tage, mein Lieber. Bei uns wird alles mit Uebcrlegung gemacht Siehst du? Dies Feldstück habe ich freigelassen, um später das Hat» zu erweitern. Kapitalisier! kommen jetzt zu uns, die ihre Unternehmungen planmäßig ausführen. M'eißt du, von ihnen kann man lernen. Sie kommen nach Teura, gehen durch die Straßen, boirachten das Oedland, fragen und prüfen, wie eben Leute der Praxis an ein großes Wirlscliaftsunicrnehnien herangehen." Awivvi schaut auf Abner mit verklärten! Blick. ״Bei dieser fieberhaften Bewegung ringsum“, sagt Awiwi weiter zu Ahne!•, ״darf man nicht mit verschränkten Armen dasitzen und den rechten Zeitpunkt, verpassen.“ In der Tat ist der Kalk an den Münden der Veranda, auf der sie sitzen, noch nicht trocken, sind die Bäume, die am Eingang gepflanzt, sind, noch zart. Als Awiwi Abner vcrslörl mnl traurig sitzen sicht, klopft er ihm lachend auf den Bücken: ״Koniin, Abner, ich will (lieh zu einem Alten führen, der dir gefallen wird. Der Mann ist reich und erst vor kurzem gekommen. ■Sein Haupthaar und seinen Bart hat er sich wild wachsen lassen und er schwärmt In den Bergen umher; wir haben ihn den ,allen JechieP genannt. Wir wollen ihn an einem der Abende besuchen und du sollst das Gespräch dieses ,Gol Lsuchors* Ilöre.n. ״ An einem der Abende brachte Awiwi Abner auf den Weg, der von Teura an den Fuß der Berge hinabfülirl. Als der ״a 11 e ,1 c c 11 i e 1" in Teura erschien, staunten die Leute über sein ehrwürdiges Gesicht, die jungen, hinter einem M’ald von weißen Haaren leuchtenden Augen, seine breiten Schultern, seinen aufrechten Gang. Es ging ein Gerücht um, daß er im Oedland ein neues Dorf gründen wolle. Aber eine« Tages hatte Jechie! Teura verlassen und war zu ihm nicht mehr zurückgekelirt. Als man ausz.og, ihn zu suchen, fand man ihn am Fuß des Berges in einem kleinen, mit trockenen Zweigen ninzäiinlen M aoliterhiiiischen. Die Leute waren über seine sonderbaren Taten verwundert, und als er vor ihnen auf stand und sagte, daß dies seine neue Wohnung sei, unterdrückten sie ihr Lachen und kehrten •zurück, wie sie gekommen waren. Es vergingen Tage, und der ״alte JechicI" erschien hie und da in den Straßen teuras, um 1,ebensmittel einzukaufen. Seine Haare wurden immer weißer, silberne Locken fielen ihm auf Nacken und Brust. Die Leute beredeten ihn anfangs, hörten dann aber auf, da die täglichen Geschäfte sie den querköpfigen Alten vergessen ließen. Wenn sie ihn kommen sahen, barfüßig, in seiner weißen, mit Flicken übersäten Bluse, hedauerten sie ihn kopfschüttelnd. (Fortsettang׳ folgt)

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