Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 71 (3.9.1935)
- Date
- 1935-09-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 71 / Jahrgang 40 Preis 25 Rpf. JÜDISCHE RUNDSCHAU Schflftl«It1uB|,Vt1i11g s« A0ft«ig«averwalt1mg 1 Barlln W15, Melntka1tr.il Femrul: Semmci-Nr• Ji Bismarck 3181/82,7165/70.7240/42. — Bezugspreis einschL Bestellgeld je Monat RM 2,-, je Vierteljahr RM 5,75, bei Abholung BM 1,88 b7w. RM 5,39• — Postscheck. Konten der Vertriebs - Abteilung: Berlin 71573 (für GroÄ ־ Berlin), Berlin 17392 <Iür das übrige Reich). In Fällen höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Erstattung etwa schon gezahlter Betttgsgebühren. — Erscheint jeden Dienstag a&d Freitag• BERLIN ה׳ אלול תרצ״ה DIENSTAG, 3. SEPTEMBER 1935 Anzeigenpreiallste Nr• 2 gttltlg. Die 12 gespaltene mm-Zeile 20 Rpf, für Familiennachrichten 15 Rpf- Aufnahme von Anzeige•« »11 bestimmten Tagen oder Stellen und in bestimmte Ausgaben kann nicht gewährleistet werden. Einzelanzeigen nur bei Vorauszahlung aut Postscheck - Konto Berlin 71618 oder bar Montag bis Donnerstag 9 — 18 Uhr, Freitag 9—16 Uhr. Annahmeschluß für die Dienstag.Ausgabe Montag 10 Uhr, für die Freitag-Aus• gäbe Mittwoch 13 Uhr (Für Famtlienanzeigen am 'lag vor Erscheinen 12 Uhr) Dar Zionismus erstrebt für das indische Volk die Schaffung einer Sffentllch - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. (Baseler Programm) Weizmanns Wiederkehr Rabbi Kuk Jerusalem, 31• August 1935« Der Oberrabbiner von Palästina, Rabbi Kuk, ist heute nachmittag 5 Uhr in Jerusalem gestorben. Luzern, 1. 9. 35 Alte Kongreßteilnehmer wissen, daß der zweite Kongreß-Schabbat der eigentlich entscheidende Tag des Kongresses ist. Die erz.wungene Arbeitspause gibt die Möglichkeit zu etwas ruhigerer und intimer Besprechung der Kongreßprobleme, und insbesondere die mit der Leitungsfrage zusammenhängenden persönlichen Fragen werden an diesem Tage in kleinerem Kreise geklärt. Es war ein herrlicher Schabbat, nach wochenlangem Regen strahlte zum ersten Male die Sonne von einem wölkenlosen Himmel auf den Vierwaldstätter See und das unvergleichliche Panorama der Berge. Und er wird, so wurde in später Nachtstunde von einer ganzen Reihe von repräsentativen zionistischen Sprechern gesagt, ein denkwürdiger Tag in der Geschichte des Zionismus bleiben. Als nach Eintritt der Dunkelheit Delegierte, Gäste und Pressevertreter wieder in das Kongreßhaus strömten, war eine Frage auf allen Zungen: wie steht es um Weizmanns Kandidatur? Daß die für Sonnabend Abend angesetzte Plenarsitzung nicht stattfinden wird, war vorauszusehen, da ja infolge der Schabbatruhc gar kein Material zur Beschlußfassung vorliegen konnte. Aber ob Plenarsitzung oder nicht, das trat für jeden zurück hinter der Frage, ob eine Entscheidung über die Leitung gefallen ist. Demi alle wissen, daß im wesentlichen der Kongreß diese eine Aufgabe hat, und daß alles andere nur Beiwerk ist. Ein ״Parlament", das alle zwei Jahre für zwei Wochen Zusammentritt, kann nicht ״regieren", es kann nicht einmal, da ja das Geschehen nicht voraussehbar ist, für die künftige Arbeit bindende Beschlüsse fassen, aber es kann die Arbeit in die Hände legen, die die größte Möglichkeit einer erfolgreichen Führung bieten. Noch niemals war ein Kongreß so einmütig der Meinung, daß der Führer der Bewegung Chaitn Wcizmann ist und sein muß. Man kann annehmen, daß selbst die Opposition, die anders spricht, nicht daran zweifelt. Aber für Wcizmann ist es ein sclnverer Entschluß, aus persönlichen und sachlichen Gründen. Und noch am Freitag standen die Dinge so, daß die Agenturen in die Welt telegraphierten, Wcizmann scheide endgültig aus den Kombinationen aus. So täuschen sich über die Situation nicht nur die in diesem Kongreß zahlreich vertretenen Greenhorns, die noch nicht wissen, daß auch in solchen Fragen die Situation sich jede Stunde ändert und daß man vor dern Ende nichts Voraussagen kann, sondern auch erfahrene Beobachter. Kurz nach 9 Uhr sah man Weizmanns hohe Gestalt in den Couloirs auftauchen. Bald darauf war kein Zweifel mehr, daß er die Führung der Bewegung übernimmt. Und in später Nachtstunde versammelten sich die Führer der beiden Gruppen, die für Weizmanns Kandidatur schon lange eingetreten sind, der Arbeiterfraktion und der Weltvereinigung der Allgemeinen Zionisten, um Weizmanns Antwort entgegenzunchmcn. Es war ein großer Moment, als er seine Bereitschaft, wieder als Präsident der Zionistischen Organisation zu kandidieren, in bewegten Worten bekannt gab. Der Vorsitzende der Ver- Sammlung, Rev. Ooldbloom (London), nannte diesen Schabbat einen Sehabbat gadol, einen großen Schabbat, und ein führendes Mitglied der ehemaligen amerikanisehen Brandeis-Gruppe, die vor vier Jahren entscheidend bei Weizmanns Sturz mitgewirkt hat, nannte den Tag für sich einen Sehabbat schuwa, den Schabbat der Umkehr, ln der Tat hat die Umstellung der amerikanischen Brandeis-Gruppe und der Hadassah die Wiederkehr Weizmanns sehr erleichtert. Es sprachen in dieser Ver- Sammlung die Vertreter der Allgemeinen Zionisten (Gruppe A) aus den wichtigsten Ländern, es sprachen die Führer der Arbeiterbewegung, alle würdigten Weizmanns zionistische Leistung in der Vergangenheit und knüpften daran ihre Hoffnungen für die Zukunft. Es war eine Stunde menschlicher Wärme und jenes Vertrauens, das eine unerläßliche Voraussetzung jedes Füllrertums ist. Es ist unmöglich, in diesem Moment alle diese Aeußerungen wiederzugeben. Nur zwei Momente möchten wir hervorheben: Das eine: Josef Sprin/ak erinnerte daran, daß in dem gleichen Augenblick, in allen Funkten der Arbeit und des Aufbaus in Palästina Mensehen in ihren Gedanken beim Kongreß weilen und die Rückkehr Weizmanns erwarten. Könnten wir doch, so sagte Sprin/ak, in diesem Moment verbunden sein mit Nahalal und Ejn Charod, mit Daganiah und Mischmar Haemek, — dort würde diese Stunde ihre erhebende Resonanz finden. Und das andere: zweier Männer wurde gedacht, die nicht mehr unter uns sind und die wie wenige in der Bewegung Weizmanns Rückkehr ersehnt Luzern, 2. September vorm, (tcleph.) Von unserem Kongreß-Sonderberichterstatter Die Nachricht vom Tode Rabbi Kuks traf in Luzern telephonisch Sonntag nachmittags ein und rief beim ganzen Kongreß größte Bestürzung hervor. Die Trauer und Niedergeschlagenheit über das Hinscheiden von Rabbi Kuk umfaßte alle Teile des Kongresses. Es ist bemerkenswert, daß auch unter den Linken und den Mitgliedern der Arbeiterpartei viele die Persönlichkeit des Dahingcschiedeiien besonders wiirdigten. Bekannt ist, daß einige tler Arbeiterführer, die auch bei dem Kongreß in der Fraktion der Linken eine große Rolle spielen, Schüler Rabbi Kuks waren und in ihren freien Stunden gern bei ihm lernten, denn es gab keine Persönlichkeit in Palästina, insbesondere nach dem Tode Bialiks, die so tief mit der Tradition und der gesamtjüdischen Literatur verbunden war wie Rabbi Kuk. Besonders gerühmt wird von denen, die ihn kannten, seine echte Religiosität, die verbunden war mit einem echten messianischen Glauben. Unter diesem Gesichtspunkt sah er auch die Geschehnisse der Welt, und darum war er kein weitabgewandter, nur dem Jenseits zugekehrter Mann, sondern er wollte das Werk Gottes im Tatsächlichen des Diesseifs erkennen. Persönlich lebte Rabbi Kuk., so wird von ihm gerühmt, in ärmlichsten und bescheidensten Verhältnissen. Sein Gehalt wurde, kurz nachdem er es bekommen hat, von ihm zu einem großen Teil an die Armen verteilt. Der Kongreß war gerade inmitten der Verhandlung über die Beschlüsse der Kommissionen, als der Vorsitzende, Vize- Präsident Dr. Mossinsohn, sich erhob und von der eingelaufenen Trauernachricht Kenntnis gab. Die Sitzung wurde zum Zeichen der Trauer unterbrochen, und cs wurde bestimmt, daß bei der Fortsetzung um 9 Uhr abends zunächst eine Trauerfeier für Rabbi Kuk stattfinden soll. Um 9 Uhr abends erhob sich dann tler Kongreßpräsident, Dr. Wcizmann, und teilte 11:111 Kongreß nochmals die Traucrnacliriclit mit. Fr sagte, daß wir einen Mann von hervorragender Autorität, großer Frömmigkeit, echter Güte, tiefen ethischen Werten und großer Toleranz verloren haben. Zu Ehren des Verstorbenen hatte das Kongrellprhsidiutn zwei Redner gebeten, einige Worte zu ׳‘sprechen. Als erster ergriff Ussischkin das Wort, Mit ticUr Ergriffenheit schilderte er seine erste Bekanntschaft mit Rabbi Kuk, der als Vierzigjähriger vor '30 Jahren nach Palästina gekommen war und in der damals kleinen Gemeinde in Jaffa das Rabbinat iibernominell hatte. Bialik hat nach seiner ersten Palästina-Reise darüber berichtet, daß in dieser Gemeinde Jaffa ein Mann von seltenen Qualitäten, von einer umfassenden jüdischen und weltlichen Bildung, eine erstrangige Persönlichkeit von seiteuer Tiefe der Gedanken und Kraft des Ausdrucks lebe, Ussischkin beschreibt ein Gespräch mit Rabbi Kuk fo'gendermaßen: Fr war voll von leuchtenden und funkelnden Gedanken auf allen Lebensgebieten. Wenn tuan mit ihm sprach, haben: Chaim Arlusoroff und Shmarya Levin. Arlosoroff war es, der gleich nach dem Basler Kongreß von 1931, nach seiner Wahl in die Exekutive, zu Weizmann nach (iasteiu fuhr und seine Hilfsstellung für die neu gewählte Leitung erbat. Er betrachtete sich, wie er von der Kongreßtribüne erklärt hatte, als Schüler Weizmanns. Der Vorsitzende Goldbloom erzählte voll Rührung von seinem letzten Besuch in Erez Israel vor einigen Monaten, wie Shmarya Lev in ihn sofort beiscite nahm und ihn fragte: Wie bringen wir Wcizmann zur Führerschaft zurück0 Und jeder Freund Shmarya Levins kann bestätigen, daß dies der Gedanke war, der ihn unaufhörlich beschäftigte. Die Versammlung erhob sieh zur Ehrung des Andenkens dieser beiden Toten von den Sitzen. Für die Zionisten Deutschlands konnte Kurt Binnt c nfeld versichern, daß diese stets die Führung Weizmanns erstrebt haben. Sie haben ihm noch besonders zu danken für das Amt, das er in den letzten zwei Jahren verwaltet hat, das Amt eines Leiters der Aktion Letzte Nachrichten Siehe Seite 3 so erfüllte er den ganzen Raun! des Gespräches, so daß der zweite nicht selbst reden konnte, sondern nur zäheren und dabei einen solchen Reichtum empfinden,!laß er nicht immer imstande war, sich zu konzentrieren und alles wirklich aufzunehmen, da die Gedanken mit zu großer Schnelligkeit aus dem Munde dieses Mannes kamen. Immer verließ man das Zimmer mit dem Gefühl, innerlich tief bereichert worden zu sein und neue Gedanken mit zun 011 m cn, konnte man nun im einzelnen /!!stimmen oder nicht. Us-ischkin ruhmte dann Kuks große Toleranz, insbesondere gegenüber der chalu/ischen Jugend, die nicht selbst religiös ist. Bekannt geworden ist sein Ausspruch, als ihn ein berühmter orthodoxer Rabbiner fragte, wieso er mit 1k׳u nichtreligiosen Mensehen im Zionismus Zusammenarbeiten kann. Die Antwort Rabbi Kuks war: Zur Zeit, als der Tempel stand, gab cs verschiedene Räume für jeden einzelnen Teil des Volkes. Das Allerheiiigste durfte nur der Hohepriester an wenigen Tagen des Jahres betreten. Während aber das Heiligtum gebaut wurde, gab cs keine Scheidewand, sondern die Maurer arbeiteten überall.!11 derselben läge sind wir heute. Wir sind in der Zeit des Baues am Heiligtum. Es gibt keine Scheidewände. Das Volk muß niitbauen. Ussischkin erwähnte dann die Tatsache, daß auch die palästinensische Jugend und die Arbeiterschaft sich za Rabbi Kuk hingezogeti fühlte; zu Simchath Thora kanten extrem linke Jugendliche zu ihm, um mit ihm zu Ehren der Thora zu tanzen. Er war viel mehr als nur Oberrabbiner von Erez Israel, er war eine tler größten rabbinischen Autoritäten des Judentums überhaupt. Vor einiger Zeit hat das Direktorium des Keren Kajemeth beschlossen, anläßlich des bevorstehenden 70. Geburtstages eine Si cdlung auf den Namen von Rabbi Kuk zu errichten. In dieser Siedlung sollen orthodoxe Juden leiten, die in ihrer Wcltauffassimg Rabbi Kuk nahestehen. Rabbi Kuk selbst war von der Bedeutung der Landwirtschaft für die jüdische Siedlung durchdrungen. Nim ist Rabbi Kuk kurz, vor seinem 70. Geburtstag (dei irrtümlich schon im Februar angesagt worden war, weshalb du in als auch die ״Jüdische Rundschau" eine Würdigung brachte A. d. R.) gestorben. Ussischkin schlägt dem Kongreß vor, diese Siedlung anläßlieh seines! iinscheidens zu errichten. Nach Ussischkin sprach Rabbi Meir B e 11 ׳ i n, der in bewegten Worten der Trauer Ausdruck gab. Fine ganze Generation von Juden Palästinas ist verwaist. Fs ist eine Größe des jüdischen Geistes, der Thora und des Glaubens dahingegangen. Rabbi Berlin erklärte, daß eine I.ticke entstanden ist, die nicht ausgefnilt werden kann. Für eine solche Persönlichkeit ist kein Nachfolger zu finden. Der Kongreß hörte die beiden Trauerreden mit!'!'griffenheit an. Nach der Rede von Rabbi Berlin unterbrach Präsident Wcizmann die Sitzung auf weitere 10 Minuten zum Zeichen der Trauer. (Einen Nachruf für den Verstorbenen bringen wir an anderer Stelle.) für die Ansiedlung von Juden aus Deutschland. Die Leser der ״Jüdischen Rundschau" werden sich noch erinnern, daß in einer Versammlung der Gruppe Kidrnah in Tel-Awiw, über die wir eingehend berichtet haben, Zionisten aus Deutschland es waren, die als erste öffentlich die Parole einer neuen Kandidatur Weizmanns aufgcstcllt haben. Wcizmann übernimmt ein schweres Amt. Vier Jahre lang hatte er keine offizielle Verantwortung, und in dieser Zeit konnte die Bitterkeit überwunden werden über die Umstände, unter denen nach jahrelangen inncreu Kämpfen Weizmanns Sturz vor vier Jahren zustande kam. Es hatte sich zwischen ihm und der Bewegung eine Kluft gebildet, die schließlich nicht mehr zu überbrücken war. Das schwerste Versäumnis des Nachkriegs- Zionismus bestand ja darin, daß es nicht gelang, die breiten Massen der Bewegung zu einem politischen Realismus zu erziehen, und nur zu oft wurde der Unwille über die Schwierigkeiten, die sich dem Zionismus entgegenstellten, auf das Haupt des Führers entladen — der Weg des geringsten Widerstandes für die Massen, die mit der Außenwelt keine Berührung haben, aber ihre eigenen Führer steinigen können. Der äußere Anlaß zum Rücktritt Weizmanns war bekanntlich das englische Weißbuch vom Oktober 1930, das sogenannte Passficld-