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Jüdische Rundschau · 1935-08-30 · Heft 70 (30.8.1935) · page 11

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 70 (30.8.1935)
Date
1935-08-30
Page
– (sequence 11)
Language
German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Palästinensische IJmsichan NR. 70, 30. AUGUST 1935 Moderner Wohn Hausbau in Palästina / Von Dr. Erna Meyer, Haifa Wenn hier vom neuen Bauen in Palästina die Rede sein soll, so liegt uns nicht an einer umfassenden Darstellung des Standes der hiesigen Architektur — eine ganze Aufsatzreihe wäre dazu nötig. Uns soll vielmehr im nachstehenden nur das rein Praktische beschäftigen, gesehen vom letzten Konsumenten aus, vom Blickpunkt des Mieters oder Bauherrn eines Etagen- oder Einzelhauses her. Vor allem sei zunächst der irrigen Auffassung entgegengetreten, dali Palästina auch auf dem Gebiet des Hausbaues das auf den Import angewiesene Kolonialiand sei, das zu dem Bezug von Ideen, Menschen und Material aus dem kultur- Wohn’.aas und Cajö in Tel-Awiw; Architekten: Joseph Neufeld und J. Jarost, Tel-Awiw. '׳־!**ד f»־«1 .. gesättigten Europa gezwungen ist, und das — bestenfalls —• den Eindruck eines bescheidenen Ablegers von diesem mit entsprechend provinzlerischen Bauten machen muß. Wenn irgendwo, so ist diese Einstellung grundverkehrt auf dein Gebiet der Architektur. Denn dadurch, daß Palästina Neubauland in einem Grade ist, wie es in dem letzten Jahrzehnt kein europäisches Land sein konnte, hat sich in einem geradezu atemraubenden Tempo alles entwickelt, was mit dem Hausbau Zusammenhänge und man kann ohne Uebertreibung sagen, daß hier zeitgemäßes Bauen aut einer relativ viel breiteren Basis durchgcführt wird, als irgendwo im alten Europa. Nirgends tritt im jüdischen Palästina das Auf- und Vorwärtsstreben unbekümmerter in die Erscheinung als bei der Schaffung der Bauten in Stadt und Land. Kein Wunder, daß solch rasches und manchmal wohl gar zu unbekümmertes Vorvvärts auch manche Schattenseiten zeitigt — keineswegs immer nur auf Konto der Architekten, oft genng gerade!■Bauherrn zur Last zu schreiben! — aber im ganzen bleibt -doch, ein überraschend positiver Gesamteindruck, denn es ist unbestreitbare Tatsache, daß nicht mehr die geringsten Hindernisse bestehen, Bauten in Palästina mit aller Vollendung auszuführen, die es in irgendeinem anderen Land der Welt geben kann. Wenn die Wirklichkeit mit dieser Möglichkeit nicht immer übereinstimmt, wenn man sogar häufig Klagen darüber hört, daß die Häuser nicht gut genug ausgeiührt seien, besonders im handwerkiiehen Teil, so liegt das durchaus nicht am Fehlen von Materialien oder geeigneten Handwerkern, sondern der Hauptgrund ist — wie auf der ganzen Welt — die Preisfrage. Wer sich außer einem erstklassigen (inländischen) Architekten *•״-״c ,‘■'׳־ *. ־’1״ץיל׳יזי C ,*kffcisiv״ . . ׳ . ShH■■ Kooperative Haussiedlung in Tel-Awiw; Architekt: Ar je Sharon, Tel-Awiw. us-?:1*?**m.; ■י■ ־ ff auch eine gute Baufirma und eine prima Qualität der Bauausführung leisten kann, der bekommt für sein gutes Geld genau so die beste Ware wie irgendwo sonst auf der Welt, wenn Bauten manchen Mangel aufweisen, und wenn die Mieter besonders von städtischen Etagenhäusern in Einzelheiten der Ausführung über manche Unsolidität klagen, so hat das seine Ursache nicht im Unvermögen des Landes, sondern in einer oft übertriebenen Sparsamkeit. Itn ganzen gesehen kann man zur Preisfrage sogar sagen, daß inan in Palästina teilweise billiger baut als anderswo, daß man also mit derselben investierten Summe mehr erreicht. Das liegt zum Teil an den günstigen klimatischen Verhältnissen, die z. B. die Anlage eines Kellers und in vielen Gegenden eines Schornsteinsystems überflüssig machen und auch auf eine allzu dicke Mauerstärkc wie auf manches andere verzichten lassen. Um nur die den Bauherrn am meisten interessierende Zahl zu nennen: man rechnet zur Zeit mit einem Kostenaufwand von 4 0,5 Pfund je Quadratmeter bebauter Fläche (es wird hier nicht nach Kubikmeter umbauten Raumes gerechnet, wobei die Schwankungen hauptsächlich abhängen vor! örtlichen Verhältnissen, insbesondere Entfernung vom Materiallager, Beschaffenheit der Zufahrt»- Straßen usw. Vorherrschend in der Bauweise ist — wenigstens in Tel-Awiw, anders in Jerusalem und zum Teil in Haifa — der Betonbau. Hier, wo die Natur in unbegrenztem Maße den wichtigen Betonbestandteil, den Sand (der von zahllosen Kamelkarawanen vom Meer gebrachte Muschelsand ist besonders brauchbar), liefert, ist das natürlich■ Immerhin gibt cs auch gebrannte Ziegel und vor allem die billigeren sogen,•mnten Zementziegel. Diese werden auf ganz primitive Weise durch Vermischen von Sand mit Wasser und Pressen dieser Masse in Hohlformen hergestellt, und zwar oft genug von den Bauherren und ihren Familienmitgliedern selbst (nicht etwa nur beim selbstgcbauten Siedlerhaus). Andere Bauweisen, wie vor allem das auf dem Lande in vieler Beziehung zweckmäßige Holzhaus, sind dann nicht billiger, wenn wirklich gute dem Steinhaus entsprechende Qualität garantiert werden soll und bergen manche Gefahren in sich, wenngleich z. B. die der Ungezieferbegünstigung meist überschätzt wird. Eine erhebliche Preissteigerung erwächst dem Bauherrn, wenn er statt eines gewöhnlichen Außenbcwurfs die Fassade (bzw. die ganze Außenmauer) mit den einheimischen Kalksteinen belegen lälit, die teure Steinmetzarbeit verlangen. (Dies kommt in dem in reiner Sandgegend liegenden Tel- Awiw nicht in Betracht.) Solche Bauten sind mit ihren mehr oder weniger regelmäßig behauenen Quadern in fast weißen bis tiefrosa Tönungen die größte Zierde des Landes, und Jerusalem, wo in manchen Teilen nur solche Außenmauern gestattet sind, wirkt gerade durch diese Fassaden auch in neuen Vierteln edel und für die Ewigkeit gebaut. Den Neueinwandercr beunruhigt oft die Frage, ob auch den Schwierigkeiten des Klimas in genügendem Maße Rechnung getragen wird. Das kann man mit gutem Gewissen bejähen, wobei natürlich Ausnahmen die Regel bestätigen. Im allgemeinen sorgt man dafür, daß die meisten Zimmer Querliittung haben, daß es keine Küchen nach Osten oder Süden gibt und alle Öffnungen des Hauses der vom Meer kommenden Westluft zugänglich sind. An jeder Wohnung spielen die Balkons und oft sehr großen Terrassen eine grolle Rolle; fast stets sind sie auch in der obersten Etage mit Sonnendächern versehen, und eint Teil ist im Winter mit Glasfenstern zu schließen, so daß man auch in der Regenzeit einen weiteren Wohnrauin gewinnt. Das Dach des Hauses wird fast immer flach gestaltet; als Erholungs- und oft als Schlafplatz ist es in der Stadt und vielen Gegenden kaum entbehrlich und ja auch die im Orient bodenständige Bauform. Kein Wunder, daß die Technik seiner Herstellung, die durch das Vorherrschen von Betonbauten an Privatvilla in Tel-Awiw; Architekt: Carl Buhin, Tel-Awiw. Folo: Walter Kristaller sich begünstigt wird, schon so gut durchgebildet ist, daß man die oft billigeren (weil in schlechterer Qualität gclieferten) Ziegeldächer vermeidet, weil die Handwerker darin nicht genügend Erfahrung besitzen. Falsch ist es, zu glauben, daß das Flachdach hier deshalb verbreitet ist, weil man cs aus klimatischen Gründen weniger wetterfest zu machen braucht. Man hat zwar nicht mit Schnee und Eis, aber doch mit sehr großen Tempcraturdiifercn/.en zu rechnen und außerdem mit dem sintflutartigen Regen der Wintermonate; eine gute Abdichtung und Vorsichtsmaßregeln sind daher unvermeidlich. Die U n b i I d c n de r R c g c 11 z e i t wurden früher bei Bauten sehr wenig beachtet. Da man '■! Jahr lang schönes Wetter hat, ignorierte man den Rest, und es ist Tatsache, daß man auch heute noch im Winter nirgends so iürchterlieh frieren kann wie hier — dem! bestenfalls gibt es einen Pctroleumofen. Neuerdings beginnt hierin eine Aenderung Platz, zu greifen. Sa werden in dem neuen Wohnviertel Jerusa-!eins, in Rechaviah, schon die meisten Häuser mit einer Ocl-Zentralheizung oder wenigstens einer von jeder Partei selbst bedienbaren Etagenheizung versehen, womit für diese SIX) in hoch liegende Stadt mit ausgesprochenem Gebirgskiiina das Problem wenigstens für den gut situierten Teil der Neuankömmlinge gelöst ist. In den alten Stadtteilen und in vielen anderen Orten des Landes hat die naßkalte Regenzeit noch nichts von ihren Schrecken, verloren, da man sich 1111begreiflicherweise vor den geringen ,Mehrkosten der bescheidensten Scliornstcinanlage scheut, die das Anfstellen von Kohlen- Öfen da, wo Zentralheizung zu teuer ist, ermöglichen würde. Ueber die Innenausstattung der Häuser das Notwendigste in Stichwörtern die Zimmer höhe muß aus klimatischen Gründen höher sein als im gemäßigten Europa, Speise-, Versammlungs- und Wirtschaftsräume der Siedlung Beth Alpha im Ernek Jesreel; Architekt: Dipl.-Ing. L. Krdkauer, Jerusalem.; Siedlerhaus in Pardeß Channa; Architekt: Lotte Cohn, Tel-Awiw. Arbeiterhäuser der Palestinc Pottash Comp, am Toten Meer; Architekt: Richard Kaufjmann, Jerusalem. wodurch eine erfreuliche Raumwirkung erzielt wird. Die Behandlung der Wände in neutral getonten Leimfarben (leider oft schlechter Qualität), ergibt sich aus der vom Klima begirnstigten Ungeziefergefahr, Ebenso der Steinfliesenbelag des Fußbodens, der ein- oder mehrfarbige sehr hübsche Variationen zuläßt. Die Verwendung von Linoleum als Fußbodenbelag wäre sachlich in manchen Fällen zu wünsehen (so vor allem in Kinderzimmern, Krankenanstalten u. dgl.). Sie scheitert bisher meist an den bedeutenden Kosten des nur in bester Qualität in Frage kommenden Importartikels und auch am Problem sachgemäßer Pflege. Denn das einheimische Personal ist so ausschließlich an den mit Wasserfluten überschwemmbaren Steirifußboden gewöhnt, daß eine zweckmäßige Linoleumbehandliirig vorerst noch schwer durchzusetzen ist Trotzdem darf die Hausfrau aus Europa nicht glauben, daß sie in den neuen Häusern in Stadt und Land irgendwelche Leiden zu erdulden hätte oder sich mit rückständigen Unzweckmäliigkeitcn abzugeben hätte! In allen Neubauten sind die sanitären Anlagen, die den härtesten Abnahmebedingongen seitens der Baupolizei unterworfen sind, geradezu vorbildlich. Daß auf dem Lande Dusche und W'G oft in ziemlicher Entfernung vom Haus sich befinden, ist wieder lediglich auf die Preisfrage zuruekzuführen; denn eine itn Haus befindliche Toilette mit Bad verteuert dieses (u. a. wegen der strengen Bauvorschriften) um SO bis 100 Rund, und darauf müssen viele verzichten. Dafür aber gibt cs auch den Mietshäuser in Jerusalem; Architekt: Kucinshy. Fotos (6) Dr. Ern» M*y»r, Haifa einfachsten Neubau nicht ohne Dusche, die in der Stadt meist noch extra neben dem vom WC meist getrennten Bad vorhanden ist. Auch die Installation der sich rasch vorbreitenden Elektrizität mit den unter Putz verlegten Leitungen, modernen Kippschaltern und in reichlicher Anzahl angebrachten Steckdosen für Licht — oft auch für Kraitstrom — entspricht durchaus hohen Ansprüchen. Dasselbe giit von allen Beschlägen, den Tür- und Fenstergriffen aus Weißmetali, das alles Putzen überflüssig macht, den in zweckmäßiger Hohe angebrachten Griffen an Küchenschranktüren wie den meist metallenen Treppengeländern. Ein Wort noch über Küchen- und Wirtschaftsräume. Sie erfüllen im großen und ganzen die Wünsche der Hausfrauen, die in Europa lange diskutiert wurden. In den Etagenwolinungcn, nicht mehr als 5—7 qm einnehmend, liegen sie meist »ach Norden, haben stets ein Spülbecken aus Feuerton und ein oder zwei Arbeitsflächen aus Kunststein oder Marmor, die auf Konsolen aufliegen. Es fehlt ferner nie ein nach außen gelüfteter Speiseschrank, zu dem in einigen Häusern ,schon hie und. da der elektrische Kühlschrank und recht oft ein eingebauter Topf-, Geschirr- und Besenschrank kommen. Die Fenster haben entweder Kippflügel oder sic liegen so hoch, daß keine Arbeitsfläche darunter durch aufgehende Flügel unverwendbar wird. Fast überall gibt es die eine oder andere kleine Finesse, z. B. eine von innen verschließbare Durchreiche zum Treppenhaus, wo der Milch- und Semmelbote sich den Bestellzettel holen und seine Pakete ablegen kamt.

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