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Jüdische Rundschau · 1935-08-30 · Heft 70 (30.8.1935) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 70 (30.8.1935)
Date
1935-08-30
Page
– (sequence 7)
Language
German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Literatnr - Blatt NR. 70, 30. AUGUST 1935 Neue Lyrik Hilde Marx, eine junge Dichterin, verbreitet in einem Band ״Dreiklang“ (Philo-Vcrlag) zunächst religiöse Poesie, worin sie üott mit Ewigkeit, Tag und Nacht und anderen nie versagenden Requisiten ausstattet, bedauert, daß ״zu viele sind, die nicht mehr sehen wie Kinder“, Gott bittet, .,uns in allem Demut finden“ zu lassen, befürchtet, ״daß ich nicht stark genug bin zu erfüllen“, was Gott verlangt, und um Gott« ״Hand“ fleht, ״wenn ich wanke“. Fm zweiten, erotischen Teil des Buches wünscht die Dichterin zu liehen und geliebt zu werden: ״wie eine Libelle die andere bebt“, hier versichert sie, für diese Liebe sei ihr ״kein Wort zu groß, kein Sinn zu weit", hier reimt sic die ״weiten Fernen“ auf ״golilnen Sternen“, ״die Nacht“ auf ״erwacht“, ״Herz“ auf ״Schmerz“ und bekennt: ״Wo die Liebe endet, fangen Lieder an.“ Im dritten Teil überschlagen einander Einfälle wie: daß einmal ״wir die Alten sein“ werden, daß es ״seltsam“ sei, ״Mensch zu sein“, daß wir den Weg gehen, ״der uns gegeben“, und daß ״die kleinen Lieder“ doch das Innigste und das ״Minnigste“ seien, ״das je ein Herz erdacht". Den Schluß bildet ein ״Sprechchor der jüdischen Frauen in Deutschland“, den die Künstlerhilfe der Gemeinde preisgekrönt hat; nach dessen Lektüre fragt man sich nur, wie dann erst die nichtpreisgekrönten Sprechchöre sein mögen. Fritz Rosenthal (Ben-Chorin: ״Das Mal der Sendüng", Verlag B. Heller, München) ist anspruchsvoller. I lüde Marx sprudelt vor sich hin, was sich eben reimt, jedes Allerweltswort ist ihr recht, Rosenthal drechselt Verse, sie nippt unbekümmert von jedem Gänseblümchen am Rande des Weges, er hat ernste Absichten, proklamiert, er wolle ״als Richter mein Volk mit Gott versöhnen“, und ist dazu nur leider nicht wort- und gedaiikenmächtig, nicht Richter, nicht Simson genug, um uns zu überwältigen. Wenn er mit der Versicherung beginnt, sein Lied sei ״anders als eures, . . . ein ungeheures Ringen um mein teures Volk“, und dann sich droht: nimmer ruhe ״mein Kampf um das Judentum; ehe ich Schönes rede, mache Gott mich stumm -׳״■“, so erwartet man trotz der schon in diesem Programm eher propagandistischen und prospektmäßigen Ausdruckswäsc doch wenigstens Ausbrüche, Gefühle, Visionen. Aber dann folgen nur Reflexionen des allgemeinsten religiösen Wortgutes und Versifizierungen unseres gang-und-gäbe-historischen Materials in nicht immer reinen Rhythmen und Reimen. Adam verhüllt ״die ungekannte Blöße und wußte plötzlich um das Böse“, Josef ״wurde königlich und wurde groß fast über Nacht", den Moses ״suchte Gott sich auf der weiten Erde, ihn hatte er zum Werkzeug sich gemacht“, Samuels Seele ist voller Bilder ״wie voll Vogelzügen, die entfesselt aus dem Bauer(!) fliegen“, Ruth singt ihrem Kind: ״Schlafe, mcinOwed — groß werde und stark gleich Jeliudas Bergen“, Esther wird angesprochen: ״So gehst du still durch die Jahrhunderte“, und die Esther-Rolle wird um des Reims auf ״Größe“ willen mit dem falschen Imperativ empfohlen: ״Nimm die Bibel in die Hand und lese So geht’s in mehr lind weniger gelungenen Gelegenheitsgedichten durch die jüdische Vorsfcllungswclt, am sympathischsten, wenngleich sprachlich auch anfechtbar, wirkt ein Gedicht an die ״Mutterspräche“, die IJebertragiingen sind schön, der Christus- Zyklus, mit dem der Autor die kaum gewonnene Tradition bewußt durchbricht, ijt nur im Rahmen des jüdischen Buches originell. (Der aktuelle Gesinnungswert des Ganzen Wird natürlich von keiner Geschmackskritik berührt, aber eben um der Gesinnung, um des Willens zum Judentum willen und wegen des unbestreitbar vorhandenen dichterischen Empfindens auch in diesem Autor ist es nötig, daß wir uns nicht gar zu billig zufrieden geben; wir wollen einen jungen Dichter und die junge jüdische Dichtung in deutscher Sprache an Werfel, Lasker-Schüler, Wolfskehl, Beer-Hofmann messen.) Rachel Grünberg (״Schweigen zwischen den Toren“, Saturn-Verlag, Wien) schlägt in die gleiche Kerbe, bedichtet biblische Figuren und rituale Situationen, viel ungelenker als Rosenthal, gar nicht schnell fertig mit dem Wort wie Hilde Marx und doch meist ebenso mehr vom Wort inspiriert als vom Erlebnis, nur vom expressionistischen Wortfall getragen, aber manchmal bricht ein faszinierend menschlicher, indischer Her/tou durch (״O mach Hawdalah nicht!“), manchmal dringt sie mit abrupten Worten fast in die Tiefe (״Lots Töchter“), und es gelingt ihr, mit ihrem erstaunlichen Hang zum knappsten Ausdruck ein unheimlich lebendes Bild zu zeichnen wie das von der Muhme: Sie wählt mit bloßen Händen in den Kohlen Die Kinder glauben äugig dieser Allen Künste. Nichts kann erwärmen hier die roien Dünste. Die Kinder schleichen weg auf irren Sohlen. Dem Rami ״Gedichte“ (Vortrupp-Verlag) von George A. O 0 1 d s c h I a g, der voriges Jahr jung gestorben ist, hat Dr. M. Swarscnsky ein leider nur rühmendes (statt sachliches, biographisches) Vorwort beigegeben, worin der Tote ״an Platen und Rilke geschult“ erscheint. Dazu aber war Goldschlag wohl zu realistisch, und wenn er selbst diesen Band hätte zusamnienstellen können, wären vielleicht alle Reste solcher Schulung, das Kothurnigc wie das Sentinientale. fortgcblicbcn. Um so klarer sieht man nun den weichen, romantischen Gcfiihlsgrund, von dem Goldsclilag darin liegt seine Bedeutung sich wegentwickelte, seine Sätze verknappte, statt Empfindungen Bilder, statt des Privaten, Unverbindlichen das Greifbarste, Unbedingte, heraushob. Von Busch, Liliencron, :Morgenstern, Kästner ist seine präzise, unmittelbare, dingliche Anschauung beeindruckt. Gold- Schlags Eulenspicgel-Liedcr, ein paar von seinen Stadtbildern, die wenigen religiösen Gedichte und ״Moses“ sind echte Gedichte, auch die ״Vision״': Manches Mal beteegt sich groß An der Sonne dicht vorüber Gottes Umriß, grenzenlos — Und dann wird ihr Leuchten trüber. t'nd der kühle Schauer lockt UTo ein Abendtvind vom Hafen .Seine Schöpfung, die schon stockt, 7,u verdämmern, einzuschlafen. ... Arthur Zänker (״Die Ernte mit den vier Geräten“, Saturn-Verlag) ist von weicherem, versonnenem Naturell, Goldschlag zeichnet, ritzt, schraffiert seine Bilder aus Tinien, Zänker setzt mit nicht minder raschen, knappen Zügen Farben aufs Papier, Aquarellfarben, Zwischenfarbtöne der Zartheit, Innigkeit und Blässe der Erinnerung an die Kindbeit aut ländlicheni Erlebnisgrund, ״hang, ich konnte mich verspäten“, vom Großelterndorf, von der russischen (Je* fangcnschaft, von Buch-Erlebnissen, alle diese Aufzeichnungen sind merklich feiernhencllich, nach den Wahrnehmungen, in den Pausen des Lebens festgehalten, nicht das wortgewordene Erleben selbst, «in kleines, feines, oft geschmacklollcs Nebenlcben mit stimmungsvollen Beiläufigkeiten wie: Feuerlilie, Hinge Ihlumc, Flammen!;resse, reitet Mohn Wie aus einen1 lleHigtmne Dringt der Hummel Orgelton, Ernst Simon: Ch. N. Bialik Des Werkes und Wesens eines volkstümlichen Dichters und volksführenden Denkers, wie es Bialik war, mit nsychologischen Mitteln habhaft werden 71־! rollen, ist deshalb ein besonders schwieriges Unternehmen, weil immer die Gefahr besieht, daß aus der inneren Gliederung leicht eine äußere Klitterung oder aus der Erklärung eine Verklärung wird. Dieser Gefahr ist Ernst Simon in seiner ״Einführung in Bialiks Leben und Werk“ (Schockenverlag, Berlin) in weitem Bogen ausgewichen, indem er jede Phase von Bialiks Ent- Wicklung, soweit es der Raum und die begrenzte Aufgabe einer ״Einführung“ zuiieß, dokumentarisch belegt und durch sich selbst sprechen läßt — indein er die Reichweite dieses eindeutig klar aufwachscnden Lebens und Schaffens nicht besingt, sondern knapp beschreibt, dafür aber seine Inhalte nach ihren Motiven und Effekten mit der liebevollsten Präzision nachzciclmet und gerade im Literarisch-Zeichnerischen ein Porträt herzustellen versucht, das nur deshalb eine Skizze bleibt, weil es eine von vielen Vorarbeiten für das von Simon wahrscheinlich und hoffentlich beabsichtigte große Bialik-Werk ist. Aber dies ist auch das Anziehendste an dem Buch, daß es last aut jeder Seite Hintergriintle der psychologischen Erhellung erkennen läßt, die vorläufig noch nicht ausgeschrittei! und ausgeleuchtct werden. Man erkennt den mannigfaltig erprobten Nachspürer und Vorfühkr Simon in diesem seinem skizzenhaften Versuch am besten, so wie man oft an Skizzen bedeutender Maler das werdende und geplante Gemälde intimer erkennt wie durch das fertige Werk. Hier ist die Ge׳ stalt nach Verheißung und ihre Psychologie noch ganz in heiße Liebe gebettet.... Die Schwierigkeit and Größe dieses vollendeten kleineren und des erwarteten großen Werks über Bialik hängt am engsten mit der Volkstümlichkeit des zu beschreibenden Mannes und seines ganzen Wesens, Lebens und Schaffens zusammen. Es handelt sich aber dabei nicht um jen«, wenn auch noch so einwandsfreie, so doch oft billig erkaufte und billig bestrittene Art von Volkstümlichkeit, die aus einem klipp und klaren. Einvernehmen zwischen Mann und Volk, sozusagen aus einem ungeschriebenen, aber von Anfang an geltenden Vertrag, zwischen beiden auf Gegenseitigkeit, nämlich auf gegenseitige Liebe, Verehrung und Förderung hervorgeht und heraufwächst. Bialiks Volkstümlichkeit hat total andere Vorzeichen und Kennzeichen. Sie ist eine organische, gar nicht wegzudenkende Voraussetzung dafür, daß Bialik überhaupt eschrieben und gedichtet hat, ja schreiben und dichten onnte. Sic gehört zu den objektiven Befunden seines Lebens — in dem Sinn, daß er Dichter und Denker geworden ist, weil er die geistigen Kräfte seines, des jüdischen Volkes in sich verkörperte und alle volksgcinäßc Körperlichkeit in sich vergeistigte, auch jene Kräfte und jene Körperlichkeit, die, während er seine Arbeit tat, noch nicht sichtbar waren, und erst durch ihn, den Traditionsvollen, wieder ans Licht gehoben und ganz neu sichtbar gemacht wurden. Das Volk also dichtete in ihm, dachte durch ihn und ward also durch ihn erst lebendig. Bialik ist volkstümlich, weil er das vergangene und werdende jüdische Volkstum repräsentiert. Und darum muß die Darstellung des Lebens und Werkes Bialiks die Darstellung in nu<c des jüdischen Volkes sein, jenes Volkes im Osten nämlich, das nach Westen schaute, und jenes Volkes, das im Westen sein heute fragwürdig gewordenes Gluck der Assimilation erlebte, und das schließlich aus Osten und Westen nach Palästina zog und dort eine Heimstätte fand. Von alledem war etwas, und zwar etwas Entscheidendes in Bialik versammelt, und das alles war in ihm verschmolzen mit dem jüdisch Urtümlichen, mit dem Wesen und Zauber des Biblischen und der es überlieternden Schriften. Alle diese Linien, ihre Uebersehneidungen, Paralieüsmen, Kreuz- und Querverbindungen deutet Simon in seinem kleinen Buch behutsam an und legt so die inneren Konturen des Bialik-Wescns schon fest. Dabei bleibt er immer seiner Aufgabe bewußt, einen nicht bloß jüdischen, sondern wahrhaft ״hebräischen“ Menschen den Juden des deutschen Kulturkreises verständlich zu machen und so nahe zu bringen, dal, die Gesamtexistenz und das Gesamtschaffen Bialiks für diese, für uns als Aufruf und Aufmunterung wirkt. Bialik war in und für sich ein Sammler alles Jüdischen, alles jüdisch Trächtigen, ri. h. alles Vergangenheits- und Zukimftsvollen im Judentum, und somit ist er auch im Zeichen der Sammlung aller jüdisch erschlossenen Alcn-chen dur/ust! llen. Daß dies Ernst Simon gelungen ist, schon in liie-wm ersten Wurf der Skizze, macht den Wert seines Buches ,aus, Dabei darf man, voll Dank für das Empfangene, anmerken, daß Simon bei der Ausdeutung des < iediehtswerks Bialiks einen \oriaufig zu starken Ton auf du׳ p-ycliolog.i-chc Erfassung legt. Man könnte sagen, er sei mir zu westlichen Mitteln an dieses Werk hetangegangen. (iewilt wird er im Weiterschreiten auf das große Buch zu auch dahin kommen, das Mvthologische der Erscheinung Bialiks cor das Psychologische zu stellen, womit er -ich gleichzeitig den in diesem Dichter selbst wirkenden I faiiptkr,alten anmdieni wird. Denn diese haben vor allem andern du• Gnade erfahren, daß sic, ohne einseitig religiös und rituell gebunden zu saun, den jüdischen Mythos, nämlich den .Mythos ' om jüdischen Mensdien und Volk, neu durchblutet, »eicht und geschaffen haben, daß sie das Konventionelle ries jüdischen!).!-.eins, wie mit Hilfe eines Zauber-talrcs, ins heutig Fruchtbare, I ruchtebringende gewandelt haben. Das Bild Bialiks wird nicht, wenn es nicht zugleich ein Vorbild, ein erstes mul höchstes Bild jüdischen Lebens ist. Ls prägt sieh im Lernen und 1 ehren, im Schweigen und Schaffen auf die neuen Tafeln ein, nach denen wir alle ein neues I eben zu beginnen haben. Den deutschen ries Hebräischen noch nicht mächtigen Juden sind bisher nur Bialiks Essais und ein Teil seiner Gedichte, diese in zum größten Teil unzulänglicher liebertragung, zugänglich geworden. Das Buch Simons nun hat ihnen Bialiks dichterische und menschliche Gestalt ins erste Licht gerückt - ein Beweis dafür, wie dienlich und wie erfüllend dieses Buch wirkt. Es ist eine treue Aussage über den ■Mann, eine nachzeichnende Erfüllung dessen, was er geschaffen hat und gewesen ist. Es sollte in. die Hände aller gelangen, denen das Judentum ein neuer Begriff und Lebensinhalt geworden ist. hs. und mit einem schmalen jüdischen Segen vor dem Eingang: ״Alme und Urahne hielten sehen das Gewürzbiichslein mit der silbernen Fahne ...“ Diese Ernte jüdischer Lyrik in deutscher Sprache — und man darf die hier nicht erwähnten Bücher unseres Nachwuchses da/urecluicn — ist nicht eben reich. Wenn jetzt ein Geist herniederstiege und uns Rechenschaft, uns das jüdische Gedicht unserer Tage abverlangte, so wären wir gleichwohl nicht in Verlegenheit und gäben ihm Karl Wolfskehls schmales Schockcn-Bändchen in die Hand. I. H. Schicksale jüdischer Wörter Die Sprachen der Völker sind voll von den Geheimnissen und Schicksalen ihres Werdegangs. Wer an die Sprache rührt, wer ein Wort aus der Abgeschliffenheit seines Alltagsgebrauehs heraushebt und es untersucht, dem öffnet sich nicht mehr und nicht weniger als alle Welt- und Kulturgcschichte. Der bekannte Analytiker A. J. Storfcr hat in diesen Tagen ein Werk erscheinen lassen, an dem er schon über ein Jahrzehnt arbeitete, und das den Titel ״Wörter und ihre Schicksale“ trägt (im Atlanti>- Verlag, Berlin-Zürich), ln einer polyhistorischen Form, die im Gälischen so gut Bescheid weiß wie im Berliner Dialekt oder im Pariser Argot, gibt er die Lehensgeschichte einer großen Zahl von Worten, die dem Leser eine Ahnung von der organischen Verflechtung allen Weltgeschehens vermittelt. Bei <10111 großen Einfluß, den das Hebräische und Jiddische im Original uml in ihren Abwandlungen vielfach gehabt haben, muß Storfcr naturgemäß häufig auf diese beiden jüdischen Sprachen zuruingreifen. Wir zitieren im folgenden zwanglos ein paar Interessante Erklärungen und Ableitungen, können aber bei der Fülle der Storfersehen Untersuchungen natürlich immer nur Stichworte geben. Daß schofel vom hebräischen s c 11 a f a 1 kommt, ist ia nicht unbekannt, weniger bekannt ist schon, daß cs bei Bürger, V0B, Gottfried Keller, Jean Paul vorkomnit, als schoffeli (nachlässig) ins Schweizerische übergegangen ist und als s jo fei im Holländischen und Dänischen «in Eigenleben fiihrt. lieber den antisemitischen Ruf ״ ׳h c p hep“, den Kampfruf der Würzburger Studenten gegen den judenfreimdlichcn Professor Rrendcl, gibt es zahlreiche Auslegungen, deren populärste das H. E. P. aus Hicrosolyma est perdita ist, Daneben soll hep nur eine Abart von heb sein. Dieses heb wird gedeutet als halt oder als der Feldruf der bayerischen Hieselbanden (Her eure Batzen!). Aber hepbep ist auch der mitteldeutsche Lock- und Neckruf für Ziegen. In manchen Mundarten heißt Ziege Heppe, der fudenbart als Ziegenbart hätte hier zu dem Spottruf geführt. In Süddeutschland gebrauchten die Juden selbst untereinander bisweilen den Spitznamen 1 )״ a i s r c b b e 1 e“. Der Name Ghetto existiert erst seit 1516. Viele Sprachforscher vertreten seine Ableitung vom talmudisch-hebräisohen gjict gleich Absonderung, Scheidung (sich glichen gleich sich scheiden lassen). Neben anderen Hypothesen klingt noch Klndar und (Item ■M trag«)- »tert von dtm ft«HM Jüditehen Mal• u. Lesebach Halbleinen RM. 2.2 * uurch elfe Buohhdl. oder Verlag Erwin Löwe, Berlin W 50 als annehmbarste jene, narb der Ghetto ursprünglich Gießerei (ghettare, jactare) bedeutet. Das Viertel, das den Juden in Venedig zugewiesen wurde, hieß Ghetto nach einer he• nach barten Kanonengießerei. Wer kennt nicht das Wiener ״Griechenbeisl“? Beisl, allgemein für kleine Gasthäuser gebraucht, stammt von dem hebräischen bajis (Haus). In Baden und der Schweiz gibt cs noch oft das Wort Beize für Kneipe. Wie Beisl zum Restaurant verhält sich in Wien das Tsehechcrl 7111« Cafchaus. Tsehechcrl stammt von s e 11 a c h a r, berauschen (hiervon kommt schiker, berauscht, und das internalio- 11:*!e Wort cider, cidre, cidro für ()!ist-, besonders Apfelwein). Woher das Wort Rasse kommt, war lange ungeklärt 'ctzt steht fest, daß es das arabische ras (gleich Kopf, 1 'r.-prung, hebräisch roscli) ist. Daraus wurde ra/a, raz7a und raec. Line sehr interessante Herkunft hat der jüdische Familiennanic Kappaport. 1111 Rotwelsch heißt dir Rrzeiohnimg für Ar/t Rauf, gleich Rot, der Heilende. Rnppaport ist der Arzt aus dem Hafen, ,aus Porto. Das Schicksal ries Wortes Srhibolcth bat hidorisclic Parallelen. Im Deutschen ist cs im Sinne von Losungswort durch Herder und Goethe bekanntgeworden. Das Wort Srhibolcth (sowohl Ach re wir Strom) mußte nach Richter 12, 5, 6 auf Anordnung Jephtna» von jedem, der die Jordan- Furt passieren wollte, nacligespmchen werden. Wer sihole111 sagte, verriet sieh als Fphraimit und wurde erschlagen. Dieselbe Probe machten dir Sizilianer bei der si/111 inischen Vesper 1252, indem sie das Wort rireri (vgl. Kichererbse, Cicero) aussprccben ließen. Die angclialteiu-11 Franzosen, sagten statt ischitscheri siscri oder schischeri und büßten das mit ihrem!.eben. Niehls zu tun mit lauf oder doof hat das berlinische Eigenschaftswort t o f f, das auf das hebräische tow, tatiw gleich gut zurückgeht. Wer erinnert sich 110111־ des Liedes, das da begann: ״Mittwochs mache ick mir toff — fahre raus nach Tempelhof“? Von toff dürfte dufte kommen. m. g, Predigten nach 193k Der Joachim-Gold stein- Verlag, Berlin, hat vor kurzem mit der Herausgabe einer Sammlung ״Die Bücher der Erneuerung“ (Herausgeber: Willy Leven) begonnen, deren 1. Band ״Predigten an das Judentum von heute“ enthält 15 Predigten verschiedener Rahbiner, orthodoxer und liberaler Richtung, sind in diesem Bande vereinigt. Unter den Namen der orthodoxen Rabbiner ragen hervor: Dr. Altmann, Trier, Dr. Altmann, Berlin, Dr. Carlebach, Altona, und Dr. Horovifz, Frankfurt. Von den liberalen Rabbinern sind zu nennen: Dr. Warschauer, Berlin, Dr, Mavbaum, Frankfurt, Dr. Swarsenskv, Berlin, und Dt. I emie, Frankfurt. Die Auswahl ist offenbar von mancherlei Zufälligkeiten abhängig gewesen, besonders auffällig ist das Fehlen einiger bekannter zionistischer Vertreter der neuen Rabhinergeneration. Inhaltlich ergibt sich aus der Lektüre dieser Reden ein Bemühen um Anseiiiandersef/!mg mit den Fragen unserer Tage, die teils rein religiös, teils geschichtlich behandelt werden, ohne daß man sagen könnte, durch die Predigten einer Lösung näliergekomnicn zu sein. Die meisten dieser Predigten schein«! die Aufgabe gehabt zu haben, in bestimmten Situationen Trost zu spenden und jüdische Menschen aus einer schwierigen Lage durch die Kraft der religiösen Werte hmus/uführen. Aber man möchte meinen, daß eine solche Sammlung doch auch einen anderen Sinn haben könnte: nämlich die Auseinandersetzung, das Ringen der geistigen Kräfte im Judentum gerade in dieser Zeit zu zeigen. Diese Aufgabe erfüllt das Buch leider nicht. Dr. N.

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