Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 70 (30.8.1935)
- Date
- 1935-08-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2651273-2653827-2653888--27261-2688690- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
ר ך-י ן . j /1 ל *✓־ 7 •יאÖ x Jahrgang 40 JÜDISCHE RUNE Preis 2$ Rp£ Schriftleltung,Vmrlag u. AjiccifcnvtnrRlttiig t Btrlla W1S, Milnakutr.il F#mrul׳- Sammvi'Nr. )1 Bismarck 3181/02,7165/70,7240/42. - Bezugspreis •mach!» Bestellgeld je Monat RM 2,-,!e Vierteljahr RM 5.75* bei Abholung RM 1,88 btw. RM 539. — Postscheck. Konten der Vertriebs Abteilung: Berlin 71573 (für Groft - Berlin), Berlin 173 92 (für das übrige Reich), ln Pallen höherer Gewalt besteht kein Anspruch aui Nachlielerunf oder Erstattung etwa schon gezahlter Bezugsgebühren. ־* Erscheint Jeden Dienstag «ad Freitag. BERLIN א׳ אלול תרצ״ה FREITAG, 30. AUGUST 1935 Dar Zionismus erstrebt für das indische Volk die Schaffung einer öffentlich ־ rechtlich gesickerten Heimstätte In L, für oder Einzel, «der bar ichiuA für Aue 12 Uh») rogramm) anreigen n Montag bis die Dienstag - gebe Mittwoch 13 Nach der ersten Woche Schluß der Generaldebatte ־־ Weizmann spricht Misrachi-Konflikt beigelegt — Die Kommissionen arbeiten Von unserem K o ngr e ß - S ond e r b e r i ch t er s t a 11 e r Luzern, 28. August Wo bleibt die Reform? Es scheint, daß die Gewohnheiten des Kongresses unabänderlich sind; trotz aller guten Vorsätze geht auch diesmal die Arbeit denselben Weg wie sonst. Bekanntlieh hatte die Exekutive angekündigt, daß nach einer kurzen Generaldebatte die neue Exekutive gewählt werden soll, so daß diese schon nach Ablauf der ersten Kongreßhälfte mit ihrem Programm vor den Kongreß treten kann. In Wirklichkeit kam es anders. Wieder hat man, um die für die Vorarbeiten erforderliche Zeit zu gewinnen, die Generaldebatte hemmungslos wciterlaufen lassen. Doch ist zu berücksichtigen, daß hierdurch wichtige Resultate ermöglicht wurden; vor allem gelang es in letzter Stunde, eine Einigung mit dem Misrachi zu erzielen- Der Misrachi-Konflikt hat den Kongreß mindestens drei Tage gekostet und jeder wird sich den von einigen, Rednern ausgesprochenen Hoffnungen, daß diese Angelegenheit jetzt endgültig beigelegt sein möge, anschließen. Die Zahl der Redner der Generaldebatte ist gar nicht mehr zu übersehen. Auch die guten Reden kommen im Rühmen dieses Massenbetriebes nicht zur Geltung. Kurt B 1 u in e n f c 1 d fand große Aufmerksamkeit. Sehr eindrucksvoll war Josef Baratz, einer der ältesten Arbeiter des Landes (aus der Kwuzah Dagania), einer jener Typen der alten Garde der Arbeiter, die menschlich und jüdisch unmittelbar wirkt. Dr. Ludwig Pinncr hat interessante und sachverständige Darlegungen über die Ansiedlung des Mittelstandes gemacht. Man hatte erwartet, daß auch Dr. Landauer seinen ausführlichen schriftlichen Bericht über die Gesamtarbeit der Ansiedlung der Juden aus Deutschland mündlich in der Generaldebatte erläutern wird, leider ist dies bisher nicht geschellen, und es ist zu hoffen, daß die Kongreßleitung dafür noch eine Gelegenheit finden wird, da es sich um eines der sachlich wichtigsten Arbeitsgebiete der letzten Kongreßperiode handelt, das vielen Delegierten keineswegs in seinen Details genügend bekannt ist. Der Holländer Bernstein, einer Opposiiionsgruppe angehörend, spendete der Finanzpolitik der Exekutive Beifall. Es sprachen Vertreter fast aller Länder, auch Südafrikas (Abrahams), USA (Rothenberg und Lipsky), Vertreter der Sefardim und der Jemeniten usw.; man muß dem Jemeniten üluska zitstimmen, wenn er darüber klagt, daß für Angelcgenheiten des Jemen zu wenig Interesse besteht, lin Grunde müßte man der kleinen, aus 13 (nicht wie ursprünglich gemeldet 11) Mitgliedern bestehenden Gruppe der Judenstaatspartei eine Prämie aussetzen, daß sie durch ihre Opposition die Debatte gespeist hat, denn auf ihre zwei Redner wurden ganze Wasserfälle von Antworten der Mehrheit ausgeschüttet. Antworten der Exekutive Auch die Antworten der Exekutive waren ium großen Teil an die Adresse der Judenstaatspartei gerichtet. Der Organisationsreferent der Exekutive, Locker, hatte einen guten Tag und seine schlagfertige witzige Rede fand Resonanz und Beifall. Unter anderem erklärte er, wieso Zionisten verschiedener Richtung und Anschauung im Zionismus zusammen arbeiten können. Jeder Zionist ist ja nicht n u r Zionist, sondern auch sonst ein Mensch, der in verschiedene Lebenskreise eingesponnen ist und demgemäß auf verschiedensten Gebieten seine Anschauungen und Verpflichtungen hat; aber hier, auf dem Kongreß, ist er nur Zionist, und nur dadurch ist überhaupt der Zionismus als Organisation möglich, daß alle mit dem Teil ihres Wesens und ihrer Interessen, die den Zionismus betreffen, sich zu gemeinsanier Arbeit vereinigen. Locker hat damit auch einigen seiner eigenen Parteigenossen eine gute Antwort gegeben, die solche ״fremde“ Elemente, sei es auch nur um der Demonstration willen, in den Kongreß zu bringen versuchten. Vor allem kann man dies auf einen späteren Redner beziehen, nämlich auf Stephen W i s e, der seine Anschauungen als amerikanischer Liberaler und ״Radical“ in den Kongreß hineinzutragen, nicht unterlassen konnte. Wise ging sogar so weit, an einigen Stellen seiner Rede das Judentum schlechthin mit dieser seiner persönlichen amerikanisch - politischen Anschauung zu identifizieren, obwohl er selbst davon sprach, w׳clche unliebsamen Konsequenzen sich aus einer unrichtigen Identifikation für das Judentum ergeben. Denn das Judentum ist sehr umfassend, auch sehr konservative, ja sogar reaktionäre Elemente gehören dazu, lind sogar in Palästina sind die liberalen Gedanken, die Stephen Wisc für ״typisch jüdisch“ erklärt, alles andere als selbstverständlich. Auf dem Zionistenkongreß jedenfalls hat seinen legitimen Platz nur das, was mit dem zionistischen Ziele, der Errichtung einer jüdischen Heimstätte, zusammenhängt. Dies hat auch der Schlußredner der Exekutive, Mosche Schertok, in einem anderen Zusammenhang klar rum Ausdruck gebracht: der Zionistenkongreß und die Zionistische Organisation als solche können sich nicht der politischen Behandlung der Lage der einzelnen jüdischen Minderheiten in den verschiedenen Ländern widmen, sondern ausschließlich den Angelegenheiten des jiidisehen Nationalheims, und den anderen Dingen nur insofern, als sie direkt mit der Palästina-Wanderung zusammenhängen. In dem Schlußwort von Schertok ist der Teil hervorzuheben, der sich mit dem Verhältnis zudenArabern beschäftigt. Der Redner hatte den Mut, diese heikle Frage, die häufig verzerrt oder demagogisch dargestellt wird, wenigstens in einem bestimmten Aspekt offen zu behandeln. Er wandte sich gegen jene, die die Knappheit des Bodens nur auf äulkre^jiründe, wie die Bodengesetzgebung der Regierung, die Spekulation, die arabische Agitation usw. zurückführe 11; all das spiele mit, aber die Hauptsache ist die, daß wir in ein bewohntes Land kommen, und daher können wir nur dadurch Boden gewinnen, daß die Araber allmählich zu einem höheren Wirtschaftsniveuu erzogen werden und demgemäß mit weniger Boden auskommen als früher. Int Gegensatz zu einer Bemerkung Ussischkins betonte der Redner, daß wir direkt an einem wirtschaftlichenAufstieg der a r a b i s c h c 11 L a 11 dbevölkert! ng interessiert sind. Die jüdische Kolonisationsinstanz muß demgemäß in immer höherem Maße die Araber in ihre Projekte einbeziehen. So ist es im Hule geschehen, so wird es an anderen Stellen des Landes, vor allem im Süden, geplant. Nur so können wir die Ausdehnung des Landes und seine Aufnahmefähigkeit erweitern. Schertok hat wohl, trotz, des Lärms der Opposition, ein allgemeines Gefühl ausgedrückt, wenn er abschließend die Meinung aussprach, daß dieser Kongreß die Gegensätze gemildert und die Gruppen einander näher gebracht hat. Zar deutschen Judenlrage Im Rahmen der Debatte ist auch die deutsche Juden frage berührt worden. Sie nahm b e i w e i t e m nicht den Raum ein, wie wir in Deutschland uns manchmal ein reden. Eine gesamtjüdische Instanz hat andere Sorgen in Fülle, und die Auseinandersetzung palästinensischer Streitfragen nimmt im Grunde alle Aufmerksamkeit in Anspruch. Niemand kann annehmen, daß die Gölus-Frage der deutschen Juden den Kongreß gleichgültig läßt. Der Kongreß fühlt sich als eine Instanz, die für die jüdische Ehre und die jüdische Volks- Substanz verantwortlich ist. Aber gerade darum fühlen viele Delegierte, daß Reden zur deutschen Judenfrage wenig Sinn haben. Es gilt nicht zu reden, sondern zu handeln, und zwar im Sinne des zionistischen Aufhaus. Der Ausgangspunkt zur Erörterung der deutschen Judenfrage ist bei den Bemerkungen, die dazu gemacht wurden, meist der Boykott g e d a n k c. Einige w enige Redner der äußersten Linken und der äußersten Rechten haben im Plenum den Boykott befürwortet, und die Judenstaatspartei hat eine Interpellation wegen der Verwendung deutschen Zements beim Bau der Anglo Palcstine Bank (der offiziellen zionistischen Bank) in Tel-Awiw eingebracht. Jugendliche Mitglieder der Judenstaatspartei oder Revisionisten haben anscheinend gegen die Bauleitung protestiert und sind dabei in Konflikt mit der Polizei geraten, was Herr Großmann vor den Kongreß zu bringen wünschte. Es war ein interessantes Symptom für die Haltung des Kongresses zu dieser Frage, daß der Antrag Großmarin, seine Interpellation sofort zu behandeln, mit großer Mehrheit abgelehnt wurde. Vor dem Hause wurden Flugblätter eines Boykottkomitees verteilt; die Verbreitung im Kongreßsaal wurde verboten. In der Debatte haben zahlreiche Delegierte, auch Mitglieder der Exekutive, die Methode des Transfers, die mit dem Import deutscher Waren zusammenhängt, verteidigt. Es sei sinnlos, so wurde betont, von der Notwendigkeit einer starken Einwanderung aus Deutschland nach Palästina zu sprechen, und gleichzeitig jene Maßnahmen zu brandmarken, die eine Voraus- Setzung der geordneten Ein- und Auswanderung sind. Dieser zwingenden Darlegung scheint sich der Kongreß nicht zu verschließen. Die große Mehrheit des Kongresses fühlt, daß der Kongreß nicht zum Demonstrieren da ist, sondern zu produktiver Arbeit. Natürlich gibt es auch andere Meinungen, und der prononcicrteste Vertreter der anderen Meinung ist der Amerikaner Stephen Wise. Er spielt im amerikanischen und amerikanisch-jüdischen Leben eine ganz bestimmte Rolle, er ist ein ,Meister der pathetischer! Rede, und es war zu erwarten, daß er auch die Tribüne des Kongresses dazu benützen wird, um eine Rede zu halten, die vor allem für seine amerikanische Anhängerschaff ■und für die f)Öffentlichkeit Amerikas gemünzt ist. Wer Wise kennt, hat den Eindruck, daß er sich auf dem Kongreß Zurückhaltung auferlegt hat, wohl mit Rücksicht auf den Ort, von (lern aus er sprach. So /. B. hat er in seiner Rede ver* mieden, d i e B o v k o 11 p a r o Ic a 11 c 11 nur /. u e r ■ wähnen. Seine Rede hatte mehr einen deklaratorisehen Charakter. Dr. Wise, der schon vor vielen Jahren in Amerika gegen die Ungerechtigkeiten des Friedens von Versailles aufgetreten ist, empfindet die deutsche Judenfrage besonders schmerzlich. Er betrachtet sie nicht als deutsche oder deutsch-jüdische Frage, sondern als eine Weitfragc, denn ihr Kern sei die These von der Inferiorität der jüdischen Rasse schlechthin, und damit seien alle Juden der Welt betroffen. Daher, so sagt er, ist die Tragödie der deutschen Juden unsere Tragödie. Er polemisierte dann gegen diejenigen deutschen Juden und deutschen Zionisten, die der Ansicht sind, der Kongreß solle sich nur mit der Abhilfe der Judennot, also der Auswanderung nach Palästina befassen, nicht aber die Probleme der Juden in Deutschland selbst erörtern. Dr. Wise ist anderer Ansicht. Aber ein deutsch-jüdischer Hörer mußte bei kritischer Betrachtung seiner Rede erkennen, daß zur l äge der Juden in Deutschland selbst keinerlei schöpferischer Gedanke und kein Ausweg in ihr enthalten war. Und der Kongreß nahm die Rede mit großer Zurückhaltung auf, und Beifall kam im wesentlichen mehr von den Galerien als aus dem Saale selbst. Wise betrachtet die deutsche Judenfrage ganz und gar aus dem Gesichtswinkel des Liberalen, und daher kann er auch zu der Frage der Gestaltung des jüdischen Lebens in einem erundsätzWch nicht liberalen Lande nichts 4