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Jüdische Rundschau · 1935-08-27 · Heft 69 (27.8.1935) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 69 (27.8.1935)
Date
1935-08-27
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nr. 69, 27. VH1. 1935 jüdische Rundschau Seite 7 Wandlungen im jiddischlslisclien Lager (Von unserem Korrespondenten) 8. Warschau, 23. August Bel der soeben geschlossenen Konferenz des Jiddisch- Wissenschaftlichen Instituts in Wilna, hielten noch (außer den bereits hier erwähnten Referenten) interessante Vorträge: Jacob Leschtschinsky über die Perspektiven der ökonomisehen Entwicklung der Juden, F. Schncursohn über dringende Schicksalsprobleme der jiddischen Wissenschaft, T seherikower über Antisemitismus, Noach Prilutzky über das Verhältnis des Jiddischen zur deutschen Sprache. Prilutzky suchte nachzuweisen, daß ״Jiddisch“ phonetisch, stilistisch und syntaktisch eine ganz selbständige Sprache sei. Mit dem Referenten polemisierte Mathias Mieses, welcher behauptete, den Kern des Jiddischen bilde die hebräische Sprache und die jiddische Volksliteratur nehme ihren Anfang nicht erst Im Mittelalter, sondern schon in den uralten Zeiten jüdischer Geschichte. Im allgemeinen hat die Wilnaer Tagung auf Wissenschaft• llchem Gebiet Nützliche, geleistet, und sehr viele wertvolle Anregungen zur Forschung und Sammlung gegeben. Die Be• deutung dieser Jubiläumstagung liegt aber dann eben darin, daß in den Berichten der Leiter und Mitarbeiter des JWO, und in den sich daran knüpfenden sehr ausführlichen und zeit• weilig stürmischen Debatten eine Wandlung zum Ausdruck kam, die symptomatisch und begrüßenswert sei. Das Jiddisch-Wissenschaftliche Institut in Wilna entstand als Instrument und Bollwerk der jiddischistischen Bewegung, die mit der Sprachkonferenz in Czcrnowitz im Jahre 1908 (einberufen auf Initiative von Dr. Nathan-Birnbaum) begann und seither in den osteuropäischen und amerikanischen Ländern einen Kreis von enthusiastischen Anhängern unter der jüdisehen Intelligenz und Arbeitermasse fand. Diese Bewegung, die sich oft extrem gebärdete und offen gegen die hebräische Kulturrenaissance auftrat, hat auch manches Positive geleistet, und zwar auf dem Gebiete der Erforschung und Pflege der jiddischen Sprache und Literatur. Das Jiddisch-Wisscnschaftliche Institut in Wilna hat in dem Bestreben, diese sach• liehe Kulturarbeit auszubauen, Verbindungen mit jüdischen und nichtjüdischen Gelehrten, Forschungsinstituten, Lehranstalten und dergleichen angekniipft, Hilfe und Anregung bei allen Volksteilen gesucht und vielfach gefunden und hat tatsächlich im Laufe der vergangenen zehn Jahre, wenn man die wirt• schaftlichen Bedingungen, zumal in Polen, in Betracht zieht, Staunenswertes auf dem Verlags-, Forschung«־ und Samniel• gebiet geleistet. Allmählich kamen die Leiter des Instituts zur Ueberzeu• gung, daß diese rein wissenschaftliche Tätigkeit seine Hauptaufgabe sein und im unpolitischen, streng objektiven Geiste geführt werden müsse. Die antizionistische und antihebräische Tendenz wurde immer seltener, der Umfang der vorgenomme• nen Arbeiten immer breiter und allseitiger. Die Mehrheit der Delegierten insbesondere aus Amerika hat nun bei der letzten Konferenz dieses Programm des Instituts gutgeheißen und in Prof. Dubnow, der auf den bes,t ä ndigen Kuiturdualismus in der jüdischen Ge• schichte hin wies, einen Verteidiger dieses Systems gefunden. Gegen die Leitung und deren Anhänger trat scharf eine Opposition auf. Sie forderte eine streng jiddischistische, nur die jüdische Arbeiterbewegung in der Diaspora berücksichtigende Kultur- und Forschungsarbeit, die in erster Linie die Tagesprobleme und sozialen Fragen der jüdischen Volksmassen behandeln solle. Die Opposition blieb in der Minderheit. IWO-Weltkonferenz beendet Wilna, 22. August. (JTA.) Nach sechstägigen Beratungen wurde die erste vom Wilnaer Jiddischen Wissenschaftlichen Institut eitibcrufcne Weltkonferenz für jüdische Wissenschaft, Kunst und Literatur geschlossen. Nach Beendigung der allgemeinen Aussprache nahm die Konferenz die Wahl eines 20gliedrigen Hauptvorstandes des Jiddischen Wissenschaftlichen Institutes vor. Gleichzeitig wurde ein ständiger Weltrat des IWO gewählt, dem Vertreter von 20 ländern angehören. Der Rat hat die Funktionen der Weltkonfcrenz in denjenigen Jahren zu erfüllen, in deren diese nicht Zusammentritt. ln mehreren Schlußansprachen wurde betont, daß der eindrucksvolle Verlaut der Konferenz von dem Widerhall gezeugt habe, den die Arbeit des Jiddischen Wissenschaftliehen Instituts überall in der Welt finde. Die Konferenz werde der Fortsetzung der jüdischen wissenschaftlichen und Kulturarbeit starke Impulse geben. Nach Schluß der Konferenz trat die neugewählte Hauptleltung zum erstenmal zusammen. Es wurden praktische Beschlüsse für die Durch'hrung der Arbeit in der nächsten Zeit gefaßt. Für das an das Jiddische Wissenschaftliche Institut angegliederte Kunstmuseum wurde ein Komitee gebildet, dem u. a. Mark Chagall, Jankel Adler und Noah Prilutzki angehören. Die Quäker für Auswandererhille London, 22. August. (JTA.) Die Gesellschaft der Freunde (Quäker) richtete an die Auswärtigen Aemter aller Staaten ein Memorandum, in dem ein Programm für internationale Auswandererhilfe unter den Auspizien des Völkerbundes vorgeschlagen wild. Es soll den Auswanderern durch entsprechende Vorkehrungen ermöglicht werden, von einem Land ins andere zu reisen. Auch sollen sie Aufenthaltsbewilligungen und Arbeftserlaubnisse erhalten. Das Exekutivkomitee des Europäischen Nailonalltäten-Kongrcsses hat den diesjährigen Kongreß nach Gent zum 2. bis I. September einberufen. J. Opatoschus Novelle ״Ein Tag in Regensburg“ ist, von Dr. J. Schipper übersetzt, in polnischer Ausgabe erschienen. Der Staat Illinois hat 600 000 Dollar für die Bibliothek von Chikago bewilligt. Ein Teil des Geldes »oll verwendet werden, um die jüdische Abteilung der Bücherei zu vervollständigen. Berichtigung. Die in der vorigen Ausgabe veröffentlichlen 4 Photos von jemenitischen Typen in Palästina stammen von dem Photographen Lasar Dünner, Tel-Awiw. Die wirkliche Aufgabe des Zionismus Mit dem Auszug der Revisionisten aus der Zionistischen Organisation haben die inneren Auseinandersetzungen innerhalb des Zionismus keineswegs ihr Ende gefunden. Gerade wie man diese Tatsache bewertete, daran schieden sich die Geister. War der Austritt der Revisionisten nur ein zufälliges Ereignis, Produkt eines zufälligen Kräfteverhältnisses und daher nur eine Frage der Taktik, oder ging cs hier um mehr, um die Reinhaltung des Eigentlichen im Zionismus? Gewisse Gruppen sehen die Zionistische Organisation als Rahmen, als formalen Begriff an, der jede Strömung, die nach Palästina will, umfassen kann, ganz gleich, welche menschlichen und jüdischen Werte in ihr enthalten sind. War das nun der ursprüngliche Sinn der Organisation oder sollte sie eine Bewegung sein, die von einem Ziele beherrscht wird, der Erneuerung der menschlichen und jüdischen Werte, die einen Maßstab schafft, dem sich die einzelnen Parteien unter* werfen müssen? Geht es also nur um Fragen der Taktik oder gibt es bestimmte sittliche Werte, die durch den Zionismus verwirklicht werden sollen? Eine besondere Schwierigkeit besteht hierbei für die R e - 11 gi Ösen. Nach unserer Auffassung hat das jüdische Volk eine ganz bestimmte Aufgabe zu verwirklichen und auch die Politik kann nicht von dieser Aufgabe, die den ganzen Lebensbereich des Einzelnen und des Volkes beansprucht, losgelöst werden. Danach könnten wir eigentlich nicht mit Menschen aus anderen Lagern Zusammenarbeiten, die nicht diese Auffassung vom jüdischen Volke haben. Anfang September erscheint der PALÄSTINA-KALENDER der Zionistischen Vereinigung für Deutschland Die Zionistische Vereinigung für Deutschland gibt zum ersten Male für das kommende Jahr einen künstlerisch ausgestatteten Kalender heraus. Die Gesamtredaktion des Kalenders hat Herr Dr. Joachim Prinz, Berlin übernommen. Die Bilder stammen von den Photographen Gidal, Sonnenfeld und Kluger. Einige Szenenbilder aus dem Film ״Das Land der Verheißung" werden auch hier zu finden sein. Der hervorragend ausgestattete Kalender ist ein neuer Versuch, den Juden in Deutschland den Geist der zionistischen Bewegung und die Schönheit Palästinas und seiner Menschen zu zeigen. DA/T 1 AH Zu beziehen durch den BuAi rciS IvlVI l.UU handel oder vom Verlag JÜDISCHE RUNDSCHAU BERLIN W15, MEINEKESTRASSElü Und doch steilem wir uns bewußt und vorbehaltlos in die Zionistische Organisation hinein, weil unser jüdisches Ideal ohne die Basis des Volkes und des Landes nicht zu verwirklichen ist. Wir betrachten Volk und Land als notwendige Elemente, durch die die Thora überhaupt erst Ciestalt gewinnen kann. Wir arbeiten mit den andern gemeinsam, um die Voraussetzungen zu einem jüdischen Volkskörper zu schaffen. Er wird uns erst sinnvoll in seiner Bereitschaft, die Forderungen des Judentums zu verwirkliehen; seine Existenz schlechthin ist aber notwendig, damit die Forderung gestellt werden kann, und zwar vom Beginn des Aufbaus an. Wir brauchen deswegen auch unsere Mitarbeit nicht von der religiösen Haltung der anderen abhängig zu machen. Hieraus folgt aber nicht, daß nun der ganze Rahmen der Zionistischen Organisation völlig säkuiari iert, den politischen Gebilden der anderen Völker gleich wird. Gerade für die Religiösen kann der Zionismus eine große Gefahr bedeuten. Durch ihre Entscheidung, auch mit Nielitreligiösen zusammenzuarbeiten, können sie dazu kommen, auf jede ideelle Voraussetzung zu verzichten, Politik völlig von ihrer Weltanschauung zu trennen und jeder Strömung im Zionismus ihr relatives Recht zuzuerkennen. Oder aber sie sehen im Gegenteil völlig über alle Spannungen zwischen Idee und Wirklichkeit hinweg und erblicken in pseudomessianisclier Verblendung in allen heutigen Parteien echte Glieder des jüdischen Volkes. Gerade wir würden uns dabei schuldig machen, den Zionismus, der von Anfang an eine hohe menschliche und jüdische Aufgabe zu erfüllen hatte, seines eigentlichen und tiefen Gehaltes zu berauben und ihn zu einer rein formalen Judeiistaatsbewegung zu machen. Wenn auf (fern Kongreß von Mitteln zur Stärkung des Ansehens der Zionistischen Organisation gesprochen wird, so sollte man doch auch an die tieferliegenden geistigen Voraussetzungen, die sich trotz, allem, in negativer oder positiver Hinsicht, auch auf dem politischen Gebiet nicht ausschalten lassen, denken. Denn gerade diejenigen, die die formale Vollständigkeit der Bewegung fordern, die alle Lager umfassen und daher jedes ideelle Moment ausschalten soll, tragen am meisten zur Auflösung des zionistisehen Rahmens bei, weil sie ihn formalisieren und jedes tieferen Inhalts berauben. Sie wollen den Zionismus schützen vor allem auch in außenpolitischer Hinsicht; sic höhlen ihn in Wirklichkeit von innen her aus und erreichen daher nur das Gegenteil. Was ist nun der Maß st ab, der uns die Möglichkeit der Bewertung gibt? Negativ dürfen wir es dahin bezcichnen, daß der Zionismus keineswegs sich begnügen oder auch nur als seine wesentliche Funktion ansehen kann, die Massen aus der Gola zu erretten. Gewiß, er darf sich freuen, daß Erez Jisrael heute bereits in großem Umfange diese Aufgäbe erfüllen kann. Nicht dies aber kann der Sinn des Zionismus sein, die Menschen, wie sic sind, am der Gola nach Erez Jisrael zu bringen und sie dort in einem Gemeinwesen zusammenzufassen. Oerade die nationalen Bewegungen bei den anderen Völkern sind aus einem allgcmein-menschliehen Ursprung, aus einer Sehnsucht nach universaler Erneuerung erwachsen, gerade diese Verbindung gab der natio nalcn Bewegung ihre Kraft und ihren eigentlichen Sinn. Große nationale Bewegungen standen niemals gleichgültig den Pro blemen der Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur gegenüber. Und gerade w i r sollten uns damit begnügen, die anderen Werte abzustreifen? Diese Forderung läßt sich nur aus einem politischen Minderwertigkeitskomplex erklären, der ja immer die Haiiphviirzel für die Assimilation gewesen ist, die Sehnsucht nach einem Gemeinwesen, wie es alle anderen Völker haben. Noch weniger als bei anderen Völkern würde eine derartige Anschauung bei uns irgendwelche Berechtigung haben, sie widerspricht allem, was wir als Eigenart des Jüdischen, wie es sich in der Geschichte entfaltet hat, kennen. Die Halacha als die religiös-ethische Forderung sollte das ganze Lehen des Menschen "und des Volkes verpflichtend gestalten; eine Verselbständlivliung irgendeines Gebietes durfte es nicht geben. Und nur solange das Volk bereit war, auch sein nationales Dasein und seinen Staat sich dieser religiösethischen Forderung zu unterwerfen, hatten diese ihr Recht auf Existenz. Bewegungen, die sich mit der Verpflanzung der Menschen begnügen, in dieser Chance der Rückgewinnung des nationalen Bereiches aber nicht vor allem neue For• derungen an den Einzelnen und die Gesamt• heit sehen, müssen allem Jüdischen als völlig fremd er• scheinen. Statt Gestaltung und Bändigung des Nationalen wird hier freies Ausleben, Anarchie in wirtschaftlicher, pol!- tischer und geistiger Beziehung. Was wir bei anderen Völkern fanden, war in einem noch ganz anderen Maße beim jüdischen Volke der Fall. Die Zeiten, da unser Staat unabhängig war, waren relativ kurz, und reichten, wenn man die Epoche der Könige und der Makkabäer mit der Epoche der Pcrscrheri־schalt (INra und die folgenden üeschleelitcr) oder der RöiiiiTherrsehaft vergleicht, bei weitem an innerer Gestaltungskraft und Wirksamkeit nicht an slie Epochen heran, da man /war völlige innere Selbständigkeit hatte, nach außen aber au eine Weltmacht gebunden war. Die eig'entliehe Aufgabe des Propheten bestand doch gerade darin, gegen den Formalismus, gegen die Autokratie des nationalcn Lebens, gegen eine heidnische Staatsvergötzung und gegen einen rein formalen Einheits- und I'riedensgedanken zu kämpfen. Die Sehnsucht nach Erez Jisrael in den Jahrtausenden der (inla war nicht die Sehnsucht nach, einem Territorium, sondern vor allem nach dem jüdisch erfüllten nationalen Leben im Heiligen Lande. I '!t>! deswegen kann auch der Zionismus leine Staatgg!umiiingsbewegung sein, ohne vor allem seine große menschliche und jüdische Aufgabe zu sehen. Um so befremdlicher vom Standpunkt der ju lischen Tradition aus mul! der Versuch religiöser Kreise erscheinen, eine Verbindung /wischen nationalem Formalismus und '1 horawchanscliaiiuiig lierziistclleu. Diese äußerliche Verbindung muß eine schwere Entweihung und Entstellung der jüdischen Tradition verursachen. Wir wissen, d.aß durch objektive historische Ursachen die Massen dem Judentum entfremdet sind; der Aufbau Palästinas wird von säkularen Kräften beherr-ehf. Wir können nicht diesen heutigen Stand anerkennen; das jüdische Volk ist im Aufbau begriffen, das Volk, das ja erst zu seiner Einheit und zu seinem Lande allmählich zuriiekkehrt, muß erst wieder seine innere Formung linden. Wir müssen von der kulturellen Formlosigkeit, von der Säkularisierung ausgehen, aber desvyegen sind gerade wir verpflichtet, alle Antriebe zur sozialen und ethischen Gestaltung, mögen sie auch anderen gedanklichen Voraussetzungen entspringen, zur Rcgu- Herling und inneren Ausfüllung des nationalen Lebens aufzttgreifen. Wir müssen unseren eigenen Weg gelten, weil wir ein eigenes geschlossenes nationales Ziel vor uns sehen, aber Zusammenarbeiten in einer zionistischen Bewegung können wir mit allen Kreisen, die politisch und sozial dieses Volk umwandeln, trnctier n wollen. Durch unser eigenes Werk haben wir die Möglichkeit einer religiösen und kulturellen Formung auch in unseren Tagen zu erweisen. Gerade daun, wenn man einen formalen Nationalismus, ein inhaltloses, geschichtsloses Nebcneinaiiderleben jüdischer Massen vermeiden will, muß man zu einer gewissen Anerkennung religiöser Forderungen im jüdischen Lehen kommen. Nicht dadurch, daß man sie einfach itt nationale Gebräuche umwamlelt oder ihre nationale Bedeutung erklärt. Sondern will man ein tieferes Miteiiiaiulerleben. eine (iw tnllim־.!, so kamt man sich nicht mit dem Prinzip begnügen, dal! jeder nach seiner Fasson selig werden kann, der Nichtreligiöse stellt ja keine Forderung an den anderen, darum ist ein Toleranz,׳tbkommen \on vornherein mir ein einseitiger Verzicht, es liegt aber im Wesen alles Religiösen, insbesondere des Jüdisch-Religiösen, daß Forderungen an den Nebenmenschen und an das nationale Leben gestellt werden, und Kreise, denen es auf dieses tiefere Miteinander der Men-ehen •ankommt, müssen darauf Rücksicht nehmen und diese Dinge weniger durch Deklarationen, als ernsthaft in ihrem nationalcn Leben cwbatien, schon auch deswegen, damit nicht völlige Be/iehungslosigkeit zu den Geschlechtern der Vergangenheit werde. F rieh Rosenblüth Deutscher Schriftsteller zur Judenfrage ln einem Buch ,,Deutsche vor Gott“ (Verlag Edwin Runge, Berlin) erörtert Friedrich von der Kopp die religiösen Fragen, die das deutsche Volk heute bewegen. Das Buch ist ein überzeugtes Bekenntnis zum Christentum. In einem Kapitel kommt der Verfasser auch auf die Judenfrage zu sprechen. Die christlich-theologischen Anschauungen des Verfassers werden natürlich von jüdischen I esern nicht geteilt werden können; aber es ist bemerkenswert, daß der Verfasser für das eigentümliche historische Schicksal des jüdischen Volkes und dessen Folgen ein starkes Verständnis hat. Er erkennt, daß die besondere Lage des jüdischen Volkes schwere Folgen für das jüdisch,e Seelenleben haben mußte, und er sieht auch die historische Zwangsläufigkeit und die nachteiligen Wirkungen d;er Assimilation. Aber der Verfasser bleibt nicht hei ■der Kritik stehen. Er meint, daß das deutsche Volk sich nicht auf ״Abwehr des Judentums“ beschränken dürfe, sondern auch eine große Verantwortung für die ״positive Lösung des jüdischen Problems“ habe. Als solche Lösung komme nur die zionistische Bewegung in Betracht, die als Anfang der Erneuerung des Judentums zu betrachten sei. Der Verfasser geht sogar so weit, für eine Aussiedlung der palästinensischen Araber einzutreten, damit auf diese Weise für das jüdische Volk Platz geschaffen wird. Eine Umsiedlung von Bevölkerungen sei seit dem Weltkrieg wiederholt erfolgt, und hier liege eine Notwendigkeit vor, der sich die christliche Welt nicht entziehen könne. Von der Ropp ist der Meinung, daß Deutschland ״die Engländer an ihre Verpflichtungen erinnern und von ihnen fordern soll, daß sie das Mandat Palästinas auch wirklich für die Juden verwalten“. Die letzte Lösung sieht der Verfasser freilich nicht im Zionismus. Das Judentum sei ״der bedeutendste Verkünder der Rassen- und Blut-Religion“, und daher meint der Verfasser, daß diese Position auch bei den Juden durch das Christentum überwunden werden müsse. Der jüdische Leser wird selbstverständlich in vielen Punkten der Auffassung des Verfassers dieses Buches nicht beipflichten; aber sicherlich verdient seine Stellungnahme, auch von lud lecher Seite registriert zu werden- 1.

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