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Jüdische Rundschau · 1935-08-27 · Heft 69 (27.8.1935) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 69 (27.8.1935)
Date
1935-08-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
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für• ®f7' Jduftag 40 Preis 25 RpE. JÜDISCHE RUNE M1riltlait111flV«’l«| u» AsnlgravomaltflBr 1 B«rl!■ W15, IUlBtkMtr.ll Ftmnii: Sammet-Nr. J1 Bismarck 3181/82,7165/70,7240/42. - Bezugspreis eüatchi. BeeteUgeld |e Monat RM 2,-, je Vierteljahr RM 5,75. bei Abholung RM 1,88 bzw. KM 539• — Postscheck - Konten der Vertriebs - Abteilung: Berlin 71573 (für 006-Berlin), Berlin!7392 (für das übrige Reich). In Fallen höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Erstattung etwa schon gezahlter Basvg■gebährea. — Erscheint iedaa Oieaittf «ad Freitag. BERLIN כ״ח אב תרצ-ה DIENSTAG, 27. AUGUST 1935 Dar Zionismus •rstrabt (Or das JQdlschs Volk dl• Schaffung •Iner Öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstatt• ln anzeigea Montag die Dienstag •T gäbe Mittwoch 33 7. ffir 1 oder Einzel• oder bar schlnA für ag - Ana* anen 12 Uhr) rogramm) Generaldebatte in Luzern Wenig Politik Luzern, 25. August Noch nie standen bei einem Kongreß organisatorische Fragen so stark im Vordergrund wie diesmal. Das leidenschaftliche Interesse an der Politik, das frühere Kongresse beherrschte und zerriß, scheint sich verflüchtigt zu haben, und die üblichen politischen Be- Pachtungen und Beschwerden erheben sich in keiner Weise über ein Durchschnittsniveau ohne prinzipiellen Charakter, ln der sogenannten Generaldebatte, die nun schon drei Tage die Plenarsitzungen in Anspruch nimmt und bei Abgang dieser Zeilen noch lange nicht beendet ist, wurden die politischen Fragen kaum mehr als gestreift, obwohl die meisten Redner es für nötig hielten, ihre Gegnerschaft gegen die Einsetzung eines Legislative Council für Palästina zu betonen — eine Frage, in der ohnedies alle einig sind. Nur ein oder zwei Redner haben zugleich auch angedeutet, daß diese Ablehnung, wenn sie aus dem Stadium der Proklamation in die praktische Politik übergeleitet wird, eine Menge von Problemen enthält, die jetzt noch nicht ohne weiteres fühlbar sind. Denn die ״Kooperation mit der Mandatarmacht“, über deren günstige Entwicklung in den letzten zwei Jahren beinahe Uebereinstimmung besteht, wird eine Krise durchmachen, wenn auf einem nach Ansicht der Mandatarmacht so wichtigen Gebiet die Juden von sich aus die Kooperation ablehnen. Es ist auf de® Zionistenkongreß, wo die Mandatarmacht nicht mitredet, natürlich leicht, zu bestimmen, in welchen Fragen man kooperieren will und in welchen nicht. Zur Kooperation gehören aber zwei, und es ist anzunehmen, daß auch der andere Teil in dieser Sache seine Wünsche haben wird. Dieser Gedankengang wurde aber, wie gesagt, nur von ganz wenigen Rednern, die itn übrigen selbstverständlich ihre scharfe Ablehnung des Legislative Council kundgaben, vorsichtig angedeutet. Daß, wie ein Redner der kleinen Oppositionsgruppe der Judenstaatspartei meinte, nur eine feierliche Proklamierung der Forderung auf Errichtung eines Judenstaates ein Mittel sei, um den Legislative Council in Palästina zu verhindern, zeigt die Irrealität des Denkens bei manchen Gmppen. Sie wollen nicht der Tatsache ins Auge sehen, daß die von ihnen empfohlene Methode den Zustand psychologisch und politisch nur verschlimmern könnte, und sie wollen die Grandlage der britischen Politik in Palästina, die in Uebereinstimmung mit dem Weißbuch von 1922 soeben wieder durch eine Depesche des neuen Kolonialministers an den Kongreß formuliert worden ist, nicht zur Kenntnis nehmen; von einem Kolonialminister, der als ein aufrichtiger Freund des Zionismus sich in der Vergangenheit schon bewährt hat. Inzwischen wird man sich zuweilen der Tatsache bewußt, daß schwere Wolken über dem Nahen Orient hängen. Nur ein Redner der jüngeren Generation erinnerte daran, was die Gefahr eines neuen Krieges für uns bedeutet. Schließlich ist Palästina ein Grenzland des Roten Meeres, und was für Verwicklungen sich im östlichen Mittelmeer vorbereiten, ist nicht abzusehen. Es ist begreiflich, daß auch die Frage des Schutzes der jüdischen Bevölkerung bei unvorhergesehenen Ver- Wicklungen in die Debatte geworfen wurde, allerdings von einem Redner, der schon seit 20 Jahren an diese Idee fixiert ist. Charakteristisch äst auch, wie wenig über die Gesamtkonstellation im Vorderen Orient und in der arabischen Welt gesprochen wurde. Der erste Redner der Arbeiterpartei Sprinzak machte einige Bernerkungen darüber, daß es notwendig sei, die chinesisehe Mauer niederzureißen, die zwischen Juden und Arabern besteht. Wie man das aber macht, und welche Voraussetzungen auf jüdischer Seite dazu gehören, darüber sagte selbst dieser kluge Redner nichts. Und von anderen, selbst von führenden Mitgliedern der Exekutive, hörten wir bisher nichts anderes als die zur Phrase erstarrte Versicherung, daß wir eine ״Verständigung mit den Arabern“ wünschen, verbunden mit einem zionistischen Maximalprogramm, in dessen Rahmen von ten Arabern nicht mehr die Rede ist Organisatfons -Schmerzen Diesen Kongreß interessiert zum erstenmal die Frage der Zukunft der zionistischen Bewegung und der Neugestaltung ihrer Organe. Die Reformbedürftigkeit ist seit Jahren schmerzlich fühlbaT, aber vielleicht wurde erst durch den Austritt der Revisionisten das Bewußtsein der Unmöglichkeit einer Fortsetzung des extremen Parteicnspiels wach. Das starke Anwachsen der Arbeiterpartei hat auch dieser selbst zu denken gegeben. Die Größe der Gruppe macht einen reinen Fraktionsgeist unmöglich. Mit Recht hat der Redner der kleinsten Gruppe des Kongresses, Meir Großmann, zu der größten Fraktion gesagt: Ihr seid die Mehrheit nur solange, als wir (die Minderheit) da sind; wenn wir Weggehen, seid ihr keine Mehrheit 'mehr, sondern gar nichts. Natürlich ist das etwas übertrieben ausgedrückt, denn beim Abgang einer Oppositionsgruppe, wenn man schon mit so einen! Gedanken spielt, würde sich bald eine neue Oppositiou bilden. Aber es ist doch ein Körnchen Wahrheit darin, auch der Parteigegner muß der Judenstaatspartei, die in ihrer kleinen Minderheit standhält, ihre loyale Haltung zur Zionistischen Organisation zugute halten. Innerhalb der Arbeiterpartei geht die große Auseinan-dersetzung zwischen der Parole der ״nation a 1 e n Einheit“ und den separatistischen Tendenzen vor sich, ln Fraktionssitzungen, die meist den größten Teil der Nacht in Anspruch nehmen, werden diese Fragen vor einem großen Forum erörtert, nicht immer konzentriert und wesentlich, oft belastet mit einer Fülle lokaler Details, aber es geht hier für die Linke um eine wesentliche Entscheidung. Konkret drückt sich das aus in der Stellungnahme zu den Anträgen Ben Ourions, gemeinsame zionistische Verbände statt der selbständigen Einzelparteien zu schaffen, ein Problem, das besonders für die Länder der jüdischen Massensiedlung, also Polen, Rumänien, Vereinigte Staaten von Bedeutung ist, und naturgemäß auch die Delegierten dieser Länder am stärksten beschäftigt. Wenn Großmann in seiner temperamentvollen Oppositionsrede die Ambitioneu Ben Gurions mit denen MacDonalds verglich, der sich aus einem Führer der Arbeiterpartei in einen nationalen Führer verwandelt hat, so ist dabei etwas Richtiges; und man darf nicht vergessen, daß MacDonald von vielen seiner alten Genossen als ״Verräter“ betrachtet wird. Eine logische Folge der Parole der nationalen Einheit ist der Gedanke der großen Koalition. Die Parteien der alten Koalition haben auf dem Kongreß eine Zweidrittelmehrheit. Trotzdem fühlen sie deutlich, daß die Parole der nationalen Einheit nur dann verwirklicht wäre, wenn auch die heute außerhalb stehenden Gruppen einbezogen werden können. Vorläufig ist man Letzte Nachrichten Luzern, Montag, 2&. August, 5 Uhr (teleph.) Von unserem Sonder-Kongreßberichterstatter Der ganze Montag war mit Verhandlungen mit dem Misrachi ausgefülit, um eine Einigungsformel zu finden. Der schließlich vom Misrachi vorgelegte Text, der als sehr loyal bezeichnet werden muß, wird gegenwärtig von der Arbeiterfraktion beraten. Gewisse Kreise innerhalb der Arbeiterfraktion sind in dieser Frage ganz unnachgiebig, da sie darin eine prinzipiell« Angelegenheit der Gewissensfreiheit sehen. Es ist aber anzunehmen, daß bis zum Abend ein Kompromiß gefunden sein wird, so daß auch die Redner des Misrachi noch in der Generaldebatte sprechen dürften. Sämtliche Kommissionen haben sich wegen dieses Konfliktes auf morgen vertagt, um erst nach Wiedereintritt des Misrachi ihre Arbeit zu beginnen. Auch über die Kandidatur von Welzmann werden schon inoffizielle Verhandlungen geführt. Eine Gruppe von palästinensischen Arbeitern hat Weizmann um Annahme der Präsidentschaft gebeten. Weizmann hat sich Bedenkzeit Vorbehalten. Es ist anzunehmen, daß er Bedingungen sachlicher und persönlicher Art stellen wird. Es ist fraglich, ob er seine Entscheidung wirklich bereits bis heute abend mitteilen wird. Im Rahmen eines Empfanges der Hab imah setzte heute Leopold J e ß n e r sein Programm für Palästina auseinander. Als erstes Werk wird er den ״Kaufmann von Venedig“ inszenieren. in dieser Hinsicht noch nicht weitergekommen. Die Gruppe B der Allgemeinen Zionisten (״Weltverband“) weigert sich, das Prinzip einer einheitlichen Histadruth in Palästina zu akzeptieren, eine Forderung, die für die Arbeiterpartei unerläßlich ist. Und was den Misrachi betrifft, so steht er bisher völlig abseits. Der Misrachi Die Auseinandersetzung mit dem Misrachi ist auch ein organisatorisches Problem, das den Kongreß vielfach beschäftigt. Zum erstenmal beteiligt sieh der Misrachi, bei den ersten Nachkriegskongressen die stärkste Fraktion, überhaupt nicht an den Arbeiten und Debatten. Freilich ist die Fraktion nicht ganz einheitlich. So z. B. haben die Misrachisten aus Deutschland bei den Präsidiumswahlen für Weizmann gestimmt, obwohl der Misrachi als solcher sich an den Wahlen nicht beteiligt hat. Die religiösen Forderungen des Misrachi werden auch von anderen Gruppen einschließlieh eines großen Teiles der Arbeiter anerkannt. Man sträubt sich aber dagegen, die für das palästinensische Leben so wichtige Frage der religiösen Formen, die unsere besten Köpfe wie Bialik beschäftigt haben, durch formelle Kongreßbeschlüsse lösen zu wollen. Innerhalb der palästinensischen Arbeiterschaft kann man überzeugte Stimmen für die Einhaltung der religiösen Formen hören, sie wenden sich aber gegen die Forderung des Misrachi, bei einer solchen Sache ״Sanktionen“ anzuwenden. Obwohl auf beiden Seiten ein guter Wille vorhanden zu sein scheint, ist noch nicht abzusehen, wie. eine Lösung dieser Schwierigkeit zustande kommen soll. Reden and kein Eide Während über diese Fragen in den Fraktionen beraten wird und auch die Frage der künftigen Führer- Schaft bereits aktuell zu werden beginnt •— der Name Weizmann ist in aller Munde —, geht im Plenum die Generaldebatte immer weiter. Diese Debatte war immer schon ein IJebeij aber so sinnlos wie bei diesem Kongreß ist sie noch nie erschienen. Das mag daran liegen, daß diesmal mir fünf Gruppen auf dem Kongreß vorhanden sind, von denen eine sieh nicht beteiligt, so daß also von vier Gruppen — Arbeiterpartei, Allgemeine Zionisten A (Weltvereinigung), Allgemeine B (Weltverband), Judenstaatspartei - im Turnus immer weitere Redner auftreten und dasselbe Thema variieren. M an hat sogar der kleinen Judenstaatsgruppe noch eine Stunde mehr bewilligt, als ihr nach Zahl der Delegierten zu käme, um das Salz der Opposition zu verstärken, denn gegen wen sollten sonst die Mehrheitsredner polemisieren? Und Polemik ist ja das A und O solcher Debatten. Man fragt sich vergeblich, warum nach der sogenannten ersten Garnitur der Parteiredner immer weitere Personen derselben Gruppen zu Worte kommen müssen, ohne etwas Neues oder Interessantes zu bringen, ohne auch nur den Versuch, die Debatte auf ein höheres oder prinzipielles Niveau zu bringen. Alles, was hier gesagt wird, an Argumenten für die eine oder andere Partei, ist jedem unterrichteten Zionisten längst bekannt, und das Parkett der Delegierten besteht doch schließlich aus erfahrenen Partciieutcn. Die Vor- Stellung, daß jede Partei ihre Redezeit voll ausnützen muß, auch wenn nichts mehr zu sagen ist, daß dieselben Gesichtspunkte immer neu vorgetragen werden müssen, als ob cs nach der Menge ginge, scheint uns völlig absurd. Bedauerlich ist auch, daß man eigentlich immer nur die alten routinierten Parteiführer hört, die seit 15 Jahren die Wortführer auf Kongressen sind. Man hätte gewünscht, daß die veränderte Struktur des Kongrosses auch dadurch zum Ausdruck kommt, daß einmal die wirklichen Arbeiter und nicht nur die Parteiführer in Erscheinung treten und einen neuen Ton herein* bringen. Wahrscheinlich ist das aber eine vergebliche Hoffnung, denn die Institution der Generaldebatte als solche ist dafür gar nicht geeignet. Vielleicht wäre diese ungeheure Redemaschine schon zum Stehen gebracht worden, wenn nicht ein Bedürfnis bestünde, einige Zeit verstreichen zu lassen, während der in den Fraktionen die eigentliche Kongreßarbeit vorbereitet werden kann, die dann beginnt, wenn die Hauptfragen der zionistischen Arbeit zusammen mit konkreten Projekten und sachlichem Material den Kommissionen vorgelegt werden. Erfahrungsgemäß beginnt

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