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Jüdische Rundschau · 1935-08-23 · Heft 68 (23.8.1935) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 68 (23.8.1935)
Date
1935-08-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
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r ד י* גט / , / /t Preis 25 Rpl. JÜDISCHE RUNDSCHAU IdirlftltltvngtVerlag n. AozelgeDvevwiltsnp B«rllnWI5,Melnek«str. 1® Peroral: Satmnel-Nr. f1 Bismarck 3181/82, 7165^70. 7740/42. - Bezugspreis einschU Bestellgeld je Monat RM 2,-, je Vierteljahr RM 5,75. hei Abholung RM 1,88 b/w. RM 5,39. — Postscheck - Konten der Vertriebs Abteilung: Berlin 71573 (für Groß-Berlin), Berlin 17392 (für das übrige Reich), ln Fällen höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Erstattung etwa schon gezahlter Berugsgebühren. — Erscheint jeden Dienstag and Freitage. BERLIN כ״ד אב חרצ״ה FREITAG, 23. AUGUST 1935 Anx.lg.npr.UUat. Nr. 3 gBlttg. Di* 12 Kupahen• mm - Z#il« 20 Rp!, tat FamilirnnacHrichlrn 15 Rpl. Auinahme van AnvriRen an heutimnHen Tagen oder Stellen uml in hcMimmte Ausgaben kann nicht gewährleistet werden. Einzelanzeigen nur hei Vorauazahlung auf Postscheck - Konto Berlin 71618 oder bar Montag hw Donnerstag 9-18 Uhr, Freitag 9 — 16 Uhr. AnnahmeschiuS Kir die Dienstag - Ausgabe Montag 10 Uhr, htr die Freitag - Auagäbe Mittwoch 13 Uhr. (Für Familieninreigen am Tag vor Erscheinen 12 Uhr) Der Zionismus erstrebt für das (Odlsche Volk die Schaffung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. (Baseler Programm) Weizmann Kongreß ־ Präsident Die Eröffnung des Luzerner Kongresses Sokolows großer Tag — Ben Gurions Prograxnmrede Von unserem Kongreß-Sonderberichterstatter Luzern, 21. August Der Luzerner Kongreß bietet ein etwas anderes Bild als seine Vorgänger. Einmal mußte der Moment kommen, wo der Generationenweclisel sinnfällig in Erscheinung tritt. Noch ist dieser Moment nicht da, die Formen und Sitten sind zum großen Teil noch die von der älteren Generation geschaffenen, einem anderen Zeitalter entstammend, aber es ist deutlich, daß ein neues Stadium sich vorbereitet. Immer mehr von den alten repräsentativen Figuren des klassischen Zionismus verschwinden von der Bildfläche, Gesichter, ohne die man sich einen Kongreß gar nicht denken konnte, fehlen diesmal, und merkbar gleitet der bestimmende Einfluß auf die nachfolgende Schicht über, wenn auch einige markante Gestalten der alten Garde auch heute noch führen und uns durchaus unersetzlich erscheinen. Es ist mehr als ein bloßer ״Generationenweclisel“, was hier vor sich geht- Die Menschen, die um die JtlWltutfdertwende, als Palästina eine ferne Utopie war, Um die ideologische Durchsetzung des zionistischen Gedankens in der Judenheit zu kämpfen hatten, die in den ersten zwei Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts die Traditionen des ersten Kongreßzionismus in unermüdlicher Propaganda und in Pietät zu den. alten Einrichtungen weiterführten, hatten zur Judenfrage und zun! Zionismus naturgemäß ein anderes Verhältnis als eine Jugend, die schon in einen fertigen Zionismus hineingeboren wurde und dessen Verwirklichung als persönliche Lebensaufgabe vor sich sah. Der Kongreß als solcher ist seinem Wesen nach eine Schöpfung der Ideologen, die das Bedürfnis nach Diskussion und Propaganda empfinden und sich diese Tribüne dafür geschaffen haben. Was fängt die neue Generation mit dieser Tribüne an? Ihre Sache ist nicht mehr das Reden, sondern das wirkliche Leben. Der repräsentative Typus des Zionismus ist nicht mehr der Propagandist, so wichtig auch seine Rolle heute noch ist und immer bleiben wird, sondern der in Erez Israel lebende oder sich für dieses Leben vorbereitende arbeitende Mensch. Der Arbeiter, der den Boden bebaut, der Häuser und Straßen errichtet, der Handwerker und Ingenieur, auch der geistige Arbeiter, dessen Gegenstand nicht mehr die ״Judenfrage“, sondern die ganze Fülle eines neu erwachenden Volkslebens in einem neu erwachenden Lande ist, sie sind — oder werden immer mehr die eigentlichen Träger der Bewegung. So kann man vielleicht auch die Zusammensetzung des Luzerner Kongresses in einem tieferen Sinn deuten als durch bloße Gegenüberstellung von Parteien und Fraktionsziffern. Die Arbeiterfraktion ist die größte des Kongresses, das heißt eben, daß die Vertreter der arbeitenden Menschen oder der sich mit ihnen eins fühlenden, zum Arbeitsleben hinstrebenden Massen, maßgebend geworden sind. Die Fraktion der Arbeiterpartei mit ihren über 20t) Delegierten ist für sich allein ein kleiner Kongreß, und naturgemäß nicht so einheitlieh wie eine kleine Gruppe sein kann, ln ihren Reihen spiegeln sich die verschiedenen Differenzierungen der Anschauung und der Interessen wider, und doch umfaßt sie ein einheitlicher Gedanke, der noch etwas mehr ist als bloß die zionistische Idee, die ja den ganzen Kongreß beherrscht. Es liegt nahe, daß diese so stark angewachsene Gruppe sich über ihre eigenen Funktionen im Volksganzen Gedanken macht, und die Besten von ihnen empfinden, daß mit althergebrachten Begriffen die veränderte Situation eines veränderten jüdischen Volkes nicht zu meistern ist. Die Funktion dieser Arbeiterschaft innerhalb des Ganzen ist das Hauptproblem des Kongresses — und wohl der Bewegung. Ein neues spezifisches Moment dieses Kongresses ist das Fehlen der Revisionisten. Ihr Auftreten und die durch sie hereingetragene Nervosität gaben den letzten Konferenzen das Gepräge und viel von ihrer Unruhe. Nun sind die Revisionisten ein eigenes Haus bauen gegangen. Das alte Haus ist aber nicht kleiner geworden, es sind mehr Delegierte als je und sie repräsentieren mehr Schekelzahler als je. Die Eröffnung Die Eröffnungssitzung a111 Dienstagabend tritt mit dem Anspruch auf Feierlichkeit in Erscheinung, die soleben Veranstaltungen eignet- Es ist aber eine etwas erzwungene Feierlichkeit, den meisten Teilnehmern ist gar nicht danach zumute. Auch das äußere Bild des Kongresses präsentiert sich etwas anJjrs als ...st, weil die übliche Abendkleidung fast nur auf der Estrade sichtbar ist, Exekutive, Ehrengäste, Aktions-Comite. Nur wenige Delegierte treten hinzu, auf der großen linken Hälfte des Hauses sieht man auch die einfache Arbeits- Kleidung. Die Eröffnungssitzung rollt nach der alten Schablone ab, und alle empfinden, dall diese Form nicht mehr lebendig ist. Von Mal zu Mal ist man enttäuscht, aber es fehlt die Initiative zu einer Neugestaltung. Man findet sich mit der Uebermacht der Routine ab. Den alten Kongreßteilnehmern ist diese Sache im Grunde gleichgültig. Der Kongreß ist zur Arbeit da und nicht zu Demonstrationen; und die Eröffnungssitzung, einstrrials ein erhebendes Ereignis, wird als eine notwendige Konzession an das Publikum mit in Kauf genommen. Dies ist gewiß ein Fehler, und Formlosigkeit ist keine Tugend für eine Bewegung, die ideelle Güter zu verwalten hat. Schließlich will jedes Volk auch gewisse Momente feiern‘, mul man sollte einen Augenblick seelischen Atemschöpfeus an den Beginn einer großen Tagung steilen. Es ist an der Zeit, daß die für die Organisation verantwortlichen lustan/eii sich die Frage einer Reform dieser Eröffnung -■zeremoniell ernsthaft vorlegen. Es gab in der Sitzung einige Momente, die Widerhall weckten, aber die ganze Stimmung blieb eine recht matte. Rührend war die Ansprache des Vertreters der Schweizerischen Bundesregierung, eines älteren Herrn, der sieh noch persönlich des ersten Zionistenkongresses und der Wirkung der Persönlichkeit Theodor Herzls in der Schweiz erinnert. Er sprach davon, daß das Schweizer Volk mit seinem uralten Freiheitsdrang die Befreiungsbewegung der Juden verstellen kann, und er ahnte wohl nicht, daß der größte hebräische Dichter ßialik durch seine Uehersetzung von Schillers Wilhelm Teil auch der hebräisch aufwachseiideii palästinensischen Jugend, die sonst von europäischen 1 )ingen nicht viel unmittelbar keimt, den schweizerischen Erciheitskanipf nahegebracht hat. Der Vertreter der Mandatarmacht verlas ein Telegramm des K o I o n ia I in i 11 i s t e r s, das die klassische Formulierung des ״doppelten“ Ziels der Palästinapolitik in Erinnerung rief, so gewissermaßen ein Vorspiel zu den politischen Erörterungen bietend. Einen Sonderapplaus erhielt auch der Emigraiitenkommissar James Mae Donald, wohl mehr als Anerkennung guter Gesinnung als als Quittierung besonderer Erfolge, deren ja leider diese Institution sich nicht zu rühmen vermag. Und es ist wie eine Ironie, daß der Kommissar dem Zionistenkongreß für die Unterbringung von Emigrauten in Palästina dankt eine Funktion, die der Zionismus um seiner seihst willen erfüllt. Sokolow Die zentrale Figur der Eröffnungssitzung ist Nahum Sokolow. Mit jugendlicher Frische und mit heller, durchdringender Stimme beherrscht er, von dem man weiß, daß er rein physisch nicht mehr zu den Jüngsten gehört, den Kongreß. Alle Sprachen sind ihm geläufig. Er vermag es, jeden fremden Gast in seiner Sprache 7,u begrüßen; der Hauptteil der Eröffnungsrede wird von ihm englisch verlesen, über alles aber ist er wie immer ein Meister der hebräischen Sprache, ln Sokolows Figur verkörpert sicli ein großes historisches Kapitel der hebräischen Renaissance, und nichts ist natiirlicher, als daß er den Kongreß in hebräischer Sprache leitet. Es ist aber kein gewöhnliches Hebräisch, in dem er seine Vorträge hält, cs ist eine gewählte, mit dem Glanz aller möglichen literarischen Reminiszenzen erfüllte Sprache. Sokolow hält nicht nur die Eröffnungsrede, er leitet nicht nur die Sitzung und findet für jeden der Ehrengäste ein passendes Begriißungswort, er selbst hat auch noch den grollen Vortrag über die Lage der J u d e 11 in der Welt übernommen, den er gleichfalls in der Hauptsache in hebräischer Sprache hält. Es ist eine physische und geistige Leistung, die Staunen erregt. Der Inhalt seines Vortrages ist eine leidcnschaftslose und ernste Aneinanderreihung von Tatsachen: die l äge der Juden in fast allen Ländern der Welt wird in längeren oder kürzeren Ausführungen charakterisiert, um überzuleiten zu dem kurzen, aber wirkungsvollen, pathetischen Schlußkapitel, der Apotheose des werdenden Erez Israel, das allein Antwort geben kann auf die Judennot der Welt. Vielleicht scheint manchen Kongreßteilnehmern die Wiedergabe von Tatsachen nicht genügend interessant, denn man kennt ja schon die Nöte des jüdischen Volkes; aber es ist ein Auftakt zum Kongreß, dessen folgende Tage sich mit der sachlichen und prosaischen Seite dessen zu befassen haben, was im Schlußkapitel von Sokolows Vortrag angekündigt ist. Zur Lage in Deutschland Bei der Schilderung der Lage der Juden in den verschiedenen Ländern war naturgemäß ein längerer Abschnitt der Lage in Deutschland gewidmet. Sokolow betonte die Selbstverständlichkeit (die zu sagen doch nicht überflüssig ist), daß ״der Zionismus nicht daran denkt, in der internationalen Politik Stellung zu nehmen oder die inneren Angelegenheiten eines Staates •zu kritisieren“. Die Güter, um die es dem Zionismus zu tun ist so führte Sokolow׳ weiter aus —, sind die ewigen Werte der jüdischen Renaissance. Wir Xionisten sehen den Antisemitismus nicht als eine zufällige und plötzliche Erscheinung, sondern in Verbindung mit der Lage der Juden, und als ein Resultat von Ideologien, die ein Menschcnalter |n!1g sich geltend machten. Sokolow wirft einen Rückblick auf die Geschichte des Antisemitismus; er wendet sich mit Entschiedenheit gegen jede Schmähung der jüdischen Rasse, die ja nicht nur die Juden eines Landes trifft, sondern die Angehörigen der jüdischen Rasse, wo immer sie leben. Im weiteren Verlauf dieses Teils seines Referates besprach Sokolow das Problem der bürgerlichen Gleichber e c h t i g 11 n g der Juden, die er als ein unveräußerliches Postulat be/cichneie. Er wandte sicli gegen jene jüdisehen Gruppen verschiedener Länder, die den Zionismus beschuldigen, daß er bereit sei, die Gleichberechtigung zu opfern und sogar eine Verschlechterung der l äge der Juden in der Diaspora begrüße, weil hierdurch das Ziel des Zionismus gefördert werde. Einer solchen Auffassung gegenüber betonte Sokolow, daß der Zionismus nichts von einer verelendeten, innerlich gebrochenen Judenheit erwarte, sondern daß nur jüdische Menschen, die sich im Vollbesitz der persönlichen Freiheit fühlen, Erez. Israel wirklich aufbauen können, während Ghctlomenschcn, wie er meint, nur wieder ein Ghetto bauen können. Gegen diesen Teil der Darlegmigen ■Sokolows ließe sich nach unserer Meinung so manches ein wenden. Die Erfahrung lehrt, daß — im Gegensatz zu Sokolows These — vollemanzipierte Juden, die sich im Besitz aller bürgerlichen Freiheiten ihrer Länder fühlen, keineswegs dem Zionismus und der Idee des jüdischen Nationalheims nahe waren, während aus den Ländern mit stärkster Judennot — vor dem Krieg Rußland, später Im Turnus andere Länder — Juden mit all ihren moralischen und materiellen Kräften und mit dem Willen zum Aufbau einer neuen Existenz nach Erez Israel strömten und dort das schufen, was dort vorbanden ist. Ganz abgesehen von diesem Gesichtspunkt und ganz abgesehen auch von dem Problem der bürgerlichen

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