Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 66 (16.8.1935)
- Date
- 1935-08-16
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 10 JQDISCHE RUNDSCHAU Nr. 66, 16. VIII. 1935 Begegnungen mit Unbekannten Von Oskar Wolfs b erg, Jerusalem Solange ich in Europa lebte, habe ich es vermieden, mit Unbekannten ins Gespräch zu kommen. Nie habe icli mich mit einem Friseur unterhalten, niemals auf Reisen, selbst bei ausgedehnten Bahnfahrten, an den Gesprächen teilgenominen, die sich so zwanglos und selbstverständlich entwickeln, oft wenige .Minuten nach Beginn der Fahrt. Wohl war ich ein interessierter Zuhörer und Beobachter. Aber die Teilnahme vermied ich, wich sogar aus, wenn ich apostrophiert wurde. Die Schranke zwischen dem Ich und dem Du war bei mir recht hoch und nur schwer zu überschreiten. Erez Israel hat mir auf diesem Gebiete eine große Wandlung gebracht. Ich werde angesprochen und reagiere. Ja, soll icii es gestehen? Berührungen dieser Art, flüchtig in ihrer Tatsächlichkeit, aber aufschlußreich für die Be- Ziehung von Mensch zu Mensch unter Juden dieses Landes, gehören zu den freudigen Ueberraschiingen, die mir hier zuteil geworden sind. Ich teile einige dieser Begegnungen schmucklos und ohne irgendein Prinzip der Darsteilung mit. Die Namen der Menscheu sind mir bis heute unbekannt geblieben. I. Ich sitze in einem Autobus, der mich von einer entfernten Schechnna in das Zentrum Jerusalems znruckbringen soll. Es ist schon recht dunkel aber dennoch erkennt mich von der Straße eine Lehrerin meiner Tochter, mul da noch einige Minuten bis zur Abfahrt waren, steigt sie ein, um mit mir einiges zu besprechen. Die I hitcriiaitimg betraf vor allem den T’nach-Unterrieht am Lelirerimieiiseminar und die Rolle der klassischen Kommentare, die Rolle der Exegese überhaupt. — Wir verabschieden uns. der Autobus setzt sich in Bewegung, und der < .lianl'ieur, der die ganze Zeit stumm im Wagen gesessen iiat. äußert sich, ohne sich unmiweuden, über I-r/icliung'.prnhlcmc. Voll freudiger Bewegung lobt er das vertiefte Studium der Mädchen, das früher immer vernachlässigt war. Wer hatte das geglaubt■׳ Früher sei selbst die Kenntnis des schlichten hebräischen Textes der Thora den Mädchen fremd gewe.-cn, und mm wetteiferten sie mit den Jungcns im Studium der Kommentare und der Mischna! Rasclii, Nachmanides! Bis wir nach Macltanci jehuda gelangten, kam er von dem Thema nicht los.! ).1s Publikum horte ihm still zu keiner widersprach. .Mich erfüllte die Szene mit Freude. Trotz allem, was hier ernste Kritik verdient eist doch ein gutes Zeichen, daß so etwas geschehen kann, daß .schlichte Menschen so theoretischen Dingen gerne nachgehen. Ich hatte eine Bekanntschaft geschlossen. II. Hei meinem sephaidischefi Barbier ist der Enden voll, und inan muß warten. Während ich eine Zeitung lese, reicht mir ein orientalische! Jude, der mir!! einige Tage vorher auf der Straße angespi ochen hatte ׳ es hatte Bezug auf einen Vortrag, den er von mir gehört hatte , einige Bogen mit Maschinenschrift herüber. Fs handelt sich um eine Reihe von sprachlichen Neubildungen, die z. T. ganz ausgezeichnet sind. Ich lese sie sorgfältig durch und diskutiere mit ihm über das eine und andere Wort. Wir sind gute Bekannte — aber seinen Namen weiß ich nicht. III. Meine Tochter geht in ein Schreibwarengeschäft, um ihren Füllfederhalter reparieren zu lassen. Nachdem dies Werk geschehen ist, schreibt sie zur Probe einige Wörter. Wie so oft bei solchen Schreibiibungen, ist es der eigene Name, der auf dem Papier stellt. Da es unseren Brüdern auch frier nicht an Neugierde fehlt, liest der Inhaber des Ladens den Namen. Als meine Tochter min fragt, was sie schuldig sei, stellt er wieder nicht untypisch ־— eine Gegenfrage: ״Bist du vielleicht die Tochter von .?“ Sie bejaht und er lehnt nun eine Bezahlung ab. Audi dieser Matin ist mir gänzlich unbekannt. IV. Am Peßaeh 5601 war ich mit meinen Söhnen in der Synagoge ,,Jcschurui!" in Jerusalem. Nach der Beendigung des Gottesdienstes begrüßt mich ein Mann etwa mit folgenden Worten: ,,Wenn ich Sie mit ihren Sohlten hier beten sehe, so hin ich In r/licli froh und preTe den Namen Gottes, daß er Sie hierher geiuhrt hat.“ (Hebräisch klingt das alles vici pathetischer, denn dieser (iedankengaiig suggerierte meinem (iespnichspaitm׳r eine Wendung, diedem Kaddiseh- Gehet entnommen war.) ich dankte ihm für seine I ier/lichkeit und wollte seinen Namen wissen. Fr aller erwiderte: ,,Was kann Sie mein Name interessieren? Ich lese Ihre Beiträge im ,Haarez‘, icli höre gelegentlich einen Vortrag von Ihnen und freue mich Ihrer Aeußernogen. Das genügt.“ (Man sicht, die Situation hat eine gewisse Achnliclikeit mit biblischen Stellen, wo der Befragte sich weigert, seinen Namen zu nennen; so der Engel, der mit Jakob rang.) Auch diese Begebenheit ist anspruchslos und unscheinbar. Mir aber ist sie, gleich ähnlichen Vorkommnissen, Künderin einer besseren Gemeinschaft, deren äußere Macht gleich Null ist, deren verborgene Existenz aber das unsterbliche Palästina repräsentiert, das prosperityfest ist, und die uns zusainmenlrindet nach Gesetzen, die nichts mit Nutzen und Vorteil 711 tun haben. So haben diese kleinen Erlebnisse für mich neben der unmittelbaren Freude auch symbolhafte Bedeutung erhalten. Sie machen nicht nur manche Enttäusch ung wett, sondern weisen auf soziale und sittliche Möglichkeiten hin, die kaum irgendwo bisher erfüllt sind. Bündnis der Anonymen, Nähe der einander Unbekannten, im Tiefsten Vertrauten — das ist eine Hoffnung! Zur palästinensischem Altertumskunde Journal of the Jewish Palestine Exploration Society (Gedenkschrift für Dr. A. Mazie) (hebräisch), Jerusalem 1935. (Verlag R. Maaß, Jerusalem.) Die ,.Jewish Palestine Exploration Society“, die seit nun־ mehr 15 J;!Irren mit an vorderster Stelle in der E rforschung jüdischer Altertümer in Palästina stellt (Freilegung der dritten Mauer in Jerusalem, Ausgrabungen in Tiberias, bei ernsalem usw.), ist mit einem stattlichen hebräischen Sammeland von fast 40!) Seilen wieder vor die jüdische Oeffentlichkeit getreten. Neben den regelmäßig erscheinenden wissenschriftlichen Bulletins und der Herausgabe von Brandenburgs ״Fcisarchitektiir bei Jerusalem“ veröffentlichte die ״Gesellschaff׳ im Jahre 192S ein .Sammelwerk, dein Andenken von Ahr. M. L u 11 z gewidmet. Das vorliegende Werk ist dem An- (lenken des 1930 verstorbenen Jerusalemer Arztes und Gclehrten Dr. A. M. Mazie gewidmet, dem zu Ehren sich hier über 20 namhafte Gelehrte (Archäologen, Historiker, Philologen usw.) mit neuesten Forschungsergebnissen ihres Spezialgebiets vereinigt haben. Der Herausgeber dieses Bandes, Naliuin S 1 o 11 s c 11, eröffnet die Reihe der Aufsätze mit einer umfassenden Würdigung von A. M. Ma/.ies Leben und Wirken und rollt noch einmal die einzelnen Phasen dieser seltenen <jeIe 11 rtenpersönlichkeit auf. Die verdienstvollen Archäologen der ״Gesellschaft“ B. Maisler und M. St ekel es führen mit ihren Berichten über die letzten Ausgrabungen in Ramat Rahel und Khirbat Sahli direkt in die eigentliche Tätigkeit der ״Gesellschaft•‘ ein. E. L. Sukenik, der Archäologe der Hebräischen Universität, gibt Rechenschaft von den neuesten Synagogeiifunden in Hamath-Gadara und bei Khirbat Kancf im (i01:111 und berichtet auch von einer jüdischen Grabeshöhle auf dem Skoptis. In einer umfassenden Studie behandelt S. Klein die biblischen Zufluchtsstätten und die Städte der Priester und Leviten auf Grund der gesamten biblischen und talmudischen Literatur. Den samaritanischen Altertümern sind zwei Artikel von J. Ben-Zwi gewidmet, über drei samaritanische Thorarollen und über eine samaritanische Inschrift des 11. Jahrhunderts. Zu den Fragen des Sinai-Alphabets liefert J. L e i b owitz unter dem Titel ״Sinai und Midjan“ wichtiges Material. S. J eibin übersetzt die ״Annalen des Thutmosis III“ ins Hebräische, denen höchst aufschlußreiche Erklärungen beigefügt sind, N. ftchalom untersucht das Wesen des biblisciien ״Choschen“ (Brustsehild tles Hollepriesters) — ein Beitrag zur biblischen Steinkunde. Topographischen Fragen sind die Aufsätze von J. Press, B. Maisler, |. Klausner gewidmet. H. Tor c zv n er gibt eine Erklärung von Ezechiel 13, 18/21. A. Z. Ashkoly und AU Narkis verzeichnen die einzelnen Funde bei den Ausgrabungen in Tiberias (!920 1921), Narkis prüft außerdem die Echtlieitsfrage einer idiitnäischen Statue, jetzt i 111 Bezaleimuseum. Die umfassende Arbeit von D. Saliternik behandelt Strabos Kapitel über Erez Israel und Nachbarländer; der Verfasser, ein Absolvent der Hebräischen Universität, gibt eine hebräische UebersetzunR der entsprechenden griechischen Stellen mit ausführlichen Erklärungen. Von besonderem Interesse zur Erkenntnis der Lage der Juden in Erez Israel sind die Beiträge von J. B r a s 1 a w s k i über ״Die jüdische landwirtschaftliche Bevölkerung im Palästina des lb. Jahrhunderts“ und von N. Slo lisch, der eine portugiesische Quelle des 16. Jahrhunderts über die Bevölkerting Palästinas und Syriens exzerpiert. Rah S. Assaf veröffentlicht mehrere Briefe aus der Genisa, die neues Material für die Geschichte der Juden Aegyptens und Palästinas liefern. Naturwissenschaftliche Fragen Palästinas behandeln M. Av- KALENDARIUM 1935-33. Woche 5695 — 44. Woche* Freilag 16. August 17. Aw Samstag 17. עקב ״ .18 Sonntag 18. 19. Montag 19. ״ 20. Dienstag 20, ״ 21. Mittwoch 21. ״ 22. Donnerstag 22, ״ 23• 19. Augod 1845: Edmond de Rothschild geb. 20. Aagust 1915: Pake! Ehrlich, Nobelpreisträger för Medizin, geb. 11. August 1939: Erfiflnung des IS. Zionisten Kongresses in Prag. Schabbat-Ausgang Berlin*1‘ Breslau 7“ Frankfurt a. M. 8», Mündien **. ni me lech (Verbreitung von Schnecken) und Dr. Ashbel über die Wasserverdunstung Palästinas. Den Abschluß des Werkes bilden zwei französisch geschriebene Aufsätze: Pc re Vincent erklärt Jeremija 31, 33/40, R. N euville berichtet auf Grund seiner neuesten prähistorischen Funde in Palästina über die Anfänge der palästinensischen Landwirtschaft. Es sei nocli hervorgehoben, daß der Druck des Werkes und die zahlreichen Abbildungen tadellos sind und dem hebräischen Druckwesen ein gutes Zeugnis ausstellen. Walter Fisch e I, Jerusalem Ueber die Londoner Konferenz der ״Freilandbewegung“, von der in der ״J.R.“ schon die Rede war, werden jetzt noch Einzelheiten bekannt. Dem Komitee gehören eine Reihe bekannter n i c 11 t j ü d i s c h e r Persönlichkeiten an. Es wurden verschiedene Vorschläge gemacht, darunter der, daß die englische Regierung aufgefordert werden soll, die noch unentwickelten Teile der englischen Kolonien zur Atisiedlung von Emigranten zur Verfügung zu stellen. Interessant für unsere Leser dürfte auch die Rede des Dichters Alfred Dublin sein, der aiisführte, daß die Juden keineswegs von Haß gegen den Antisemitismus erfüllt sein dürfen, vielmehr seien die Juden durch die Ereignisse der letzten Zeit gezwungen worden, in den S p i e g e 1 zu s e 11 a u e!1 und zu erkennen, daß sie Juden sind und auch durch den höchsten Grad von Emanzipation dem Judenschicksal nicht entgehen können. Keren-Hajessod-Aktion in der Bukowina. Uns wird ge• schrieben: Zwei Jahre hintereinander wurde Herr Dr. Kontors/czyk vom Kercn-Hajcssod-flaupkiircktoriurn mit der Leitung der Keren-Hajessod-Aktion in der Bukowina hetraut. Hat schon das Ergebnis der vorjährigen Aktion eine beträchtliche Erhöhung im Verhältnis zu den letzten Jahren erfahren, so stellte die diesjährige Aktion einen Rekord auf, der nie bisher hier erreicht wurde. Mit besonderer Anerkeniiuiig soll der ehrenamtlichen Mitarbeiter Erwähnung getan werden, die die Aktion tatkräftig tmierstützt haben. In der Hauptsache aber ist der Erfolg Dr. Kontorszczyk zu danken, der alle Schichten der jüdischen Bevölkerung ßukowinas, mit denen er in Berührung kam, in seine:: Bann gezogen hat. Das Palästina-Amt teilt mit: Zahlreiche Anfragen haben ergeben, daß Unklarheit darüber besteht, ob die am 1.12.35 in Kraft tretende Lizenz sperre auch für Zahnärzte gilt. Die Jewish Agency teilt hierzu mit, daß die Lizenzsperre nur für Aerzte, aber nicht für Zahnärzte gilt. Oskar Neumann, ״Gottes Zigeuner“, Verlagsanstalt Eos, Bratislava 1935. — Preßburg, die Heimat dieser Gedichte, wird zum Nainen auch ihres geistigen Bezirkes: an der Grenze slawischen und österreichischen Volkstums entstanden, sind sie den Traditionen beider Völker verwandt, ja, man vermeint in ihrer Schwermut selbst die ungarische Nachbarschaft »1 erkennen, jene Melancholie, die auch L.enaus Werke geadelt hat. Entscheidender aber ist Neumnnns deutliches Bekenntnis zu jüdischer Vergangenheit und Zukunft. Die Gestalten der Bibel werden mit großen, einfachen Linien festgellalten, ihnen zur Seite aber treten die Erniedrigten und Verbannten dieser Tage. Hier ist es vor allem die Not und Glaubensinbruntst der karpathorussischen Juden, die sich in den schönsten und wichtigsten Gedichten des Bandes aussprechen. h. p. Gern!903 , Neuzeitliche g 1^4׳*״** Wohnungseinrichtungen Einzelmöbel, Köchen f» Moderne Polstermöbel Berlin N 54, Neue Schönhauser Sir. 19 B. 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