Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 66 (16.8.1935)
- Date
- 1935-08-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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. 19. 3.1335 I {/ י Nr. 66 / Jahrgang 40 Preis 25 RpL JÜDISCHE RUNDSCHAU Schrlftl«lt1M1(,Verl«( n. Anxoljf0»v®rw.ltnng: BcrllnWll,Mcl11ck..tT. 10 Fernruf: Sammel-Nr. J1 Bismarck 3X81/82, 7165/70, 7240/42. ~ Bezugspreis einacHL Bestellgeld je Monat RM 2,-, je Vierteljahr RM 5,75. hei Abholung RM 1,88 bzw. RM 539. — Postscheck - Konten der Vertriebs - Abteilung: Berlin 71573 (für GroR. Berlin', Berlin 17392 (liir da» übrige Reich). In Fällen höherer Gewalt besteht kein Anspruch aul Nachlieferung oder Erstattung etwa schon gezahlter Bezugsgebühron. — Erscheint jaden Dienst■( and Freit■(. BERLIN י״ז אב תרצ״ה FREITAG, 16. AUGUST 1935 Antetffcnpr«tali1t• Nr. 2 »ültlff. Die 12 zonpaltvne mm - Zeile 20 Rpf, iüt Familiennachrichten 15 Rpl. Aufnahme von Anzeigen an bestimmten Tagen oder Stellen und in bestimmte Ausgaben kann nicht gewährleistet werden. Einzel■ an/eigen nur bei Vorauszahlung auf Postscheck - Konto Berlin 71618 oder bar Montag bis Donnerstag 9-18 Uhr, Freitag 9 — 16 Uhr, Annahmeschluß für die Dienstag ־ Ausgabe Montag 10 Uhr, für die Freitag - Ausgäbe Mittwoch 13 Uhr. (Für Familienanzeigen am Tag vor Erscheinen 12 Uhr) Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. (Baseler Programm) ״Der Friedensstifter“ Betrachtung zum Luzerner Zionistenkongreß Antisemitismus und Zionismus Die Aufmerksamkeit der Juden aller Länder ist auf den Kongreß in Luzern gerichtet. Mußte einmal der Zionismus den Palästina-Oedanken in schweren Kämpfen innerhalb der Judenhcit zur Geltung bringen, so ist es heute fast eine Selbstverständlichkeit geworden, daß jeder Jude Palästina bejaht. Wir machen die Beobachtung, daß auch frühere Gegner, ja Mensehen, von denen man annehmen muß, daß sie auch heute noch in Wahrheit Gegner sind, Formeln suchen, um vor der jüdischen Oeffentlichkcit, und sei cs noch so verklausuliert, in irgendeiner Form sich zum Palästina-Gcdanken zu bekennen. Dabei kommt es oft zu fast grotesken Erscheinungen, die zur Erkenntnis der Pathologie des jüdischen Zustandes beitragen können; da man das zionistische Palästina nicht bejahen will (aus der Befürchtung, den Zionisten, die man jahrelang als Parteigegner bekämpft hat, dadurch eine Kon- Zession zu machen), so sucht man irgendeinen ״Ersatz“. Leider bietet sich zu diesem Mißbrauch zuweilen das Wort ״religiös“ an. Und so können wir jetzt häufig von ״religiöser Palästina-Arbeit“ hören, obwohl diese, gegen die wir natürlich nichts sagen, doch nur dann einen Sinn haben kann, wenn es eine jüdische Gemeinschaft von Fleisch und Blut in Palästina gibt. Die komische Entgleisung, daß eine zum größten Teil aus unreligiösen, jedenfalls nicht orthodox lebenden Juden bestehende, ganz andere Spezialzwecke verfolgende Organisation kürzlich zur Förderung des extrem-orthodoxen Judentums in Palästina aufgefordert hat, ohne die innere Unwahrhaftigkeit dieser Haltung zu empfinden, gehört in dieses Gebiet. Die jüdische Gesamtheit wird aber nicht zulassen, daß an Stelle des echten Palästina-Gedankens solche Verzerrungen dargeboten werden, aus denen die Betreffenden eine wohlfeile, zu nichts verpflichtende Legitimation ableiten wollen, auch in Palästina-Fragen mitzusprechen. Wir glauben, daß keine Gruppe ein ״Monopol“ auf Palästina hat; das ganze jüdische Volk hat daran mitzuarbeiten. Aber dies muß mit dem notigen Ernst und mit dem Bewußtsein der lebensändernden Wirkungen dieser Idee geschehen. Der Palästina-Gedanke hat im Judentum heute eine große einigende Macht. Obwohl die gemischte Jcwish Agency aus Gründen, die wir schon oft ausgeführt haben, nicht viel Positives geleistet hat, weil die zu ihr gehörigen nichtzionistischen Kreise nur zum kleinen Teil mit wirk- Iichem Elan in die Arbeit eintraten, bleibt die Agency doch eine große Chance und das Symbol des sich neu formierenden Judentums, das sich ein neues Ideal gesetzt hat. Das Judentum des 20. Jahrhunderts steht im Zeichen Palästinas, so wie das Judentum des 19. Jahrhunderts im Zeichen der bürgerlichen Emanzipation stand. Aber Palästina allein ist noch nicht Z i o - nismus. Die nichtz.ionistischen Palästina-Anhänger nchmen gewissermaßen das fertige Resultat, die werdende Palästina-Siedlung, hin; sie beachten aber nicht, daß, um dieses Werk zu schaffen, gewaltige Triebfedern vorhanden sein mußten. Die Kraft, die das jüdische Volk in Bewegung setzte, war die Juden not. Aber Judennot gab es durch viele Jahrhunderte, und sie hat Unglück und Tränen gebracht, nicht aber ein konzentriertes Aufbauwerk. Worauf es ankam, war dies: die Judennot und ihre Gründe erkennen, Abhilfe durch eigene Tat suchen und die seelischen Energien, die im jüdischen Volk seit Jahrtausenden schlummern, in bewegende Kraft zu verwandeln. Dazu bedurfte es einer Aufwerfung der Judenfrage. Darum war es das Eoochale, daß der Zionismus vor 38 Jahren den Kongreß als ein Forum der öffentlichen Diskussion der Judenfrage geschaffen hat. Vor jedem Zionistenkongreß sollte man das Protokoll des l. Kongresses (Basel 1897) wieder vornehmen und studieren. Das wäre nützlich nicht nur für die sogenannten Neu-Zionisten oder die junge Generation, sondern auch für viele Zionisten, die jene Zeit noch mitgemacht oder aber in ihrer Jugend die Geschichte des Zionismus studiert haben; denn sie vergessen leicht die entscheidenden Prinzipien, die schon dem I. Zionistenkongreß zugrunde lagen. Heute ist ein Kongreß etwas ganz arideres als damals, denn die p r a ktischen Aufgaben stehen iin Vordergründe, eine ungeheure Fülle von Einzelheiten und Realitäten des palästinensischen Lebens, auch ganz praktische Interessen verschiedener palästinensischer Bevölkerungsgruppen beherrschen die Tagung. Trotzdem ist auch heute noch ein Teil des Kongresses der Dar- Stellung der Jude 11 frage gewidmet; aber es besteht die Gefahr, daß heute, wo man das jüdische Volk nicht mehr von der Notwendigkeit Palästinas zu überzeugen braucht, manche Zionisten aus dem Geleise der klassischen zionistischen Argumentation und Darlegung herausspringen, ja sich sogar von einer jüdischen Haitung bestimmen lassen, die dem Zionismus als solchem fremd ist. ' ' Denn eine Erörterung der Judenfrage, die im Sentimentalcn stecken bliebe oder aber ״Proteste“ gegen einen Teil der nichtjüdischen Außenwelt für eine wesentliehe Tat hielte, oder aber, ohne Sinn für geschiehtliehe Gegebenheiten, für Formeln, die aus einem frübereit Jahrhundert stammen, sich cinsctz.tc, wäre von den zionistischen Grundprinzipien a b g e ־ wichen. Der Zionismus erkannte das Aussichtslose einer solchen Haltung, er erkannte die lllusioneu des immer nur um die Erhaltung einer formalen Gleichberechtigung besorgten Emanzipations-Judentums, denn der Zionismus als das erneuerte Geschichtsbewußtsein des jüdischen Volkes weiß, daß auch der Status der Juden in der Diaspora nur ein Produkt der politischen, ökonomischen, sozialen und geistigen Verfassung der nichtjüdischen Umwelt ist. Das Judentum in der Diaspora ist vollständig abhängig von der nichtjüdischen Umwelt. Es ist nur Objekt lind nicht Subjekt des Geschehens, seine Stellung wird nicht von den Juden selbst, sondern von der Umwelt bcstimmt, die dabei von ihren eigenen Notwendigkeiten ausgeht, nicht aber von den jüdischen Not- Wendigkeiten, Dies galt in der liberalen Aera genau so wie in nichtliberalen Zeiten; in der liberalen Zeit hat es sich zugunsten einer jüdischen Gleichberechtigung und eines relativen jüdischen Wohlergehens ausgewirkt, in nichtliberalen Zeiten wirkt es umgekehrt. Aber immer Großer Erfolg: des Palästina ־ Films in Venedig Am Abend des 13. August wurde, wie uns aus Venedig telephoniert wird, der Palästina-Tonfilm ״Land der Verheißung“ im Rahmen der großen internationalen Filmausstellung vorgeführt. Die Aufführung gestaltete sich zu einem außergewöhnlichen Erfolg und wurde mit großer Begeisterung aufgenommen. Die Leitung der Aus- Stellung hat beschlossen, den Film wegen seines besonderen Wertes und Interesses noch ein zweites Mai im Rahmen der Ausstellung zur Aufführung zu bringen. Das italienische Ministerium für Propaganda und Pressewesen hat sich an die Produktionsfirma mit der Bitte gewandt, den Film auch für die große internationale Ausstellung für politische und historische Filme, die im September in Barl statt findet, zur Verfügung zu stellen. (Der Film zeigt bekanntlich das jüdische Volk bei der Arbeit des Aufbaus des Jüdischen Nationalheims.) Die Jüdische Gemeinde Venedig hat beschlossen, den Herstellern des Films den besonderen Dank auszusprechen für die Ehre, die sie durch diesen Film dem gesamten Judentum errungen haben. sind bestimmend nicht jüdische Kräfte. Der Zionismus ist zum ersten Male ein Versuch, das Geschick des Judentums durch jüdische Kräfte zu bestimmen. Dies ist nur möglich, indem er, wa s i ni m er geschehe, in erster Linie seine Kraft und seinen Willen auf die jüdische Aufgabe der Regeneration des jüdisehen Volkes und Errichtung des N a t i o n a 1 - heims in Palästina konzentriert hält. Nicht das, was man früher (und zum Teil noch heute) ״Bekampfung des Antisemitismus“ nannte, ist seine Aufgabe. Der Zionismus ist kein ״Verein zur Abwehr des Antisemitismus“, er hat von solchen Versuchen niemals viel gehalten. Selbstverständlich empfindet der Zionist die furchtbare Tragik des Judenloses und die Last des Antisemitismus mindestens ebenso wie jeder andere Jude. Ja der Antisemitismus hat bei der Entstehung des Zionismus eine große Rolle gespielt. Zuerst war das verletzte Ehrgefühl da. Bei dem ersten Zionistenkongreß wurde das ausführlich behandelt, sowohl von Herzl in seiner Eröffnungsrede als auch von Max Nordau, der in seiner Rede über die ״Lage der Juden“ besonders die seelischen Wirkungen des Antisemitismus auf die feiner empfindenden Westjuden darstellte. Auch Herzls Eröffnungsrede des I. Kongresses, ein historisches Dokument ersten Ranges, spricht von diesem seelischen Leiden, das der Antisemitismus den Juden verursacht hat. Aber seine Worte sind keine Polemik, denn er ist darüber hinaus. Er sagte (man bedenke, im Jahre 1897): ״Unsere Gegner wissen vielleicht gar nicht, wie tief im Innersten sie gerade diejenigen unter uns verletzt haben, die sie möglicherweise nicht in erster Linie treffen wollten. Das moderne, gebildete, dem Ghetto entwachsene, des Scliacherns entwöhnte Judentum bekam einen Stich mitten ins Herz. Wir können das heute ruhig sagen, ohne uns verdächtig zu machen, daß wir an die Tranendrüsen unserer Gegner anpellicreii wollen. Wir sind mit uns im Reinen.“ ״Wir sind mit uns im Reinen“! Ein stolzes Wort. Aber dadurch, daß wir uns zum Judentum zurückfanden, daß wir eine seelische Heimat wieder erlangten, den Wertmaß st ab für das Judentum nicht mehr von der Umwelt, sondern von uns selbst nahmen, war es möglich, auch die Judenfrage ohne Scheu und Verbitterung zu behandeln. Was immer der einzelne Jude empfinden mag, wir haben gelernt, hart gegen uns und objektiv zu sein. Der Antisemitismus ist uns eine Realität, die bestimmte Wurzeln in der Wirklichkcit hat. Seine tiefere Ursache ist die anormale Situation der Juden, und wir befassen uns daher nicht mit dem Antisemitismus, sondern mit dieser anormalen Lage der Juden. Alles, was der Alltag uns an antisemitischen Manifestationen darbringt, ist hierfür eine tragische Illustration. Natürlich sind wir besorgt um unseren Volkskörper, und jeder einzelne Jude ist gewissennaßen Sorgenkind der Gesamtheit, besonders in Zeiten, wo der Antisemitismus heftige Formen annimmt. Aber man kuriert nicht Symptome, man muß an die W urzel herangehen. Es geht um eine Gesundung der politischen, sozialen und vor allem seelischen Lage der Juden. Die Verkrüppelung, die durch die innere Un- Sicherheit Infolge eines ständigen Abhängigkeitsgefühls entstand, muß überwunden werden. Das ist es, was der Zionismus für die Juden leisten will. Aber der Zionismus leistet damit nicht nur etwas Gewaltiges für das jüdische Volk, sondern auch für die anderen Völker; ist doch der Antisemitismus nur ein Zeichen dafür, daß die Völker gleichfalls unter der Judenfrage leiden. In diesem Sinne sprach Herzl in seiner hier schon zitierten ersten Kongreß-Rede davon, daß der Zionismus ״der Friedensstifter“ sei, der aus den objektiven Schwierigkeiten der Judenfrage den Ausweg weist und dadurch auch für die Nichtjuden die Möglichkeit zu einer leidenschaftslosen, realpolitischen Betrachtungsweise eröffnet. Auf diesem Wege kann # 4