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Jüdische Rundschau · 1935-07-16 · Heft 57 (16.7.1935) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 57 (16.7.1935)
Date
1935-07-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nr. 57 ✓ Jahrgang 40 Peis 25 RpE. JÜDISCHE RUNDSCHAD Schrlftleltiing,Verlag a. Auitgunnriilhm( 1 Barllm W15, Mainakaatr.1• Fmrnii: Saramcl-Nr. [1 Bijni.rck 3181/82,7105/70,7240/42. - BMuc«prei« «mehl. BMteUgald je Monat RM 2,-, ja Vlnrteljahr RM 5,75, b«i Abholung RM 1,88 biw. RM 5,39. - Poalach.ck-Konten det Vertriebt• Abteilung: Berlin 71573 (lür Gr. Berlin), Berlin 17392 (liir das übrige Reich). - Erscheint Jeden DlenaUg and Freitag. BERLIN ט״ו תמוז תרצ״ה DIENSTAG, 16. JULI 1935 Anzelgenprelallat« Nr. 2 gültig. Die I2Cr,P. mm-Zeile 20 Rpi, für Familie» nachrichten 15 Rpl. Einzelanzeigen nur bei Vorauszahlung au( Postscheck - Konto Berlin 71618 oder bar Montag bis Donnerstag 9-18 Uhr, Freitag 9—16 Uhr, Annabmeschluß lür die Dienstag.Ausgabe Montag 10 Uhr, lür die Freitag. Ausgabe Mittwoch 13 Uhr (Für Familienanzeigen am Tag vor Erscheinen 12 Uhr) Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. (Baseler Programm) Der verbannte Jude Zum Tode von Alfred Dreyfus Am 12. Juli ist in Paris Alfred Dreyfus gestorben, der Held der großen Affaire, die um die Jahrhundertwende im Mittelpunkt des Weltgespräches stand. Nur wenige haben vielleicht überhaupt noch gewußt, daß dieser Mann lebte, der nach dem Ende des politischen Schauspiels, in dessen Zentrurn er stand, wieder ganz und gar ins Privatleben zurücktrat. Er taucht heute wie ein Schatten aus einer Vergangenheit auf - - nur wie ein Schatten? Für uns ist seine Gestalt vielleicht noch aktueller und lebendiger, als sie für viele seiner Zeitgenossen war. Vielleicht aktueller als für ihn selbst. Denn Drcvfus hat den eigentlichen Sinn seines Schicksals im tiefsten Grunde wohl nicht erkannt, und er lebte ein Leben, das neben sich selbst hcrlief. Giemenceau, der in dieser Affaire eine große Rolle spielte, hat es einmal vortrefflich ausgedrückt, indem er von Dreyfus sagte: ״Er ist der einzige, der nichts davon verstanden hat. Er stand klaftertief unter der Affaire. Das war übrigens viel besser so. So kann man uns wenigstens nicht vorwerfen, daß wir uns von seinem Fluidum haben hinreißen lassen. Denn er hatte nicht für einen Groschen Fluidum.“ Aber kann man 111m, dem Offizier, der sich im Grunde um Dinge nicht kümmern wollte, die außerhalb seiner beruflichen Sphäre lagen, hieraus einen Vorwurf machen? Denn auch die Welt, die große Welt in Frankreich und draußen hatte den Sinn seines Schicksals nicht oder nur unvollkommen begriffen. Wohl wußte jedermann, daß der beschuldigte Dreyfus ein Jude war, und auf den Gassen der Städte schrie es das Volk laut genug, aber dennoch kämpften gerade die Besten unter den ״Dreyfusards“, die sich für die Rehahilitierung des Hauptmanns einsetzten, für Ideale, die gewiß auch angegriffen waren, die aber doch nicht im eigentliehen Z e 111 r u m der Sache standen. Zola und J a ures und alle anderen fühlten sich als Vorkämpfer des Ideals der Gerechtigkeit gegen ein starres Prinzip der Staatsraison, und sie wollten die Grundlagen der französischen 1) e m o k r a t i e gegen ihre Feinde schützen. Auch die Juden unter ihnen, die naturgemäß an dein Ausgang der Affaire besonders interessiert waren, verschanzten sich hinter diesen Ideengängen und wagten es nicht, offen zu bekennen, daß sie in dem Kampfe um Dreyfus für ihre Existenz als Juden ihren Mann standen. Die meisten haben es auch später nicht erkannt, nur wenige haben aus der Dreyfus-Affaire und aus vielen, allzu vielen ähnlichen Anlässen die Lehre gezogen, die in jenen Tagen einer mit aller Klarheit empfand: Theodor fierzl. Darum ist die ״Affaire“ ein Stück jüdischer Geschichte geworden, sie hat einen Juden, der an ihr als Zuschauer teilgenommen hat, im Innersten erschüttert und ihm Erkenntnisse gebracht, die nicht nur für ihn selbst entscheidend waren, sondern das Schicksal des ganzen jüdischen Volkes niitzubestimmen berufen waren: Die Erkenntnis vom nationalen Charakter der Juden frage, vom Wesen des Judentums als Volks-!ei n heit und von der Lösung der J u d c n f r a g e durch nationale Konzentration des Volkes im eigenen [ Lande — diese Gedankengänge worden in Herzl wach, j als er das Schicksal des unglücklichen Hauptmanns miterlebte und sich von ihm in tiefster Seele angerührt empfand. Damals, so wissen wir, entstand in ihm der Plan zum ״Judenstaa t“. Das Wesen der ״Affaire“ hat er im Jahre 1897 in seinem Aufsatz ״Französische Zustände“ mit aller Klarheit bezeichnet: j,... Stellen wir uns einen Augenblick auf den Standpunkt, er habe das ihm zugemutete Verbrechen wirklich begangen. So verrucht waren vor ihm auch andere, ja kurz vor seiner Verurteilung gab es in der französischen Armee noch ein paar ähnliche Fälle. Man hat nichts davon gehört, daß diese Missetäter mit solchem Kannibalengeheiil zum Grabe ihrer Ehre geleitet worden wären. Aber auf ihn warf man sich mit einer wollüstigen Wut. Am liebsten hätten sie ihn geteert und gefedert und ich weiß nicht welche Scheußlichkeitcn an seinem Leibe begangen. ... Und sie waren auch gleich fertig mit der allgemeinen Anklage. Nicht ״Nieder mit Dreyfus!“ johlten sie, sondern ״Nieder mit den Juden!“ Das war es vom ersten Augenblick an, und das ist es geblieben. Jawohl, der Kapitän Dreyfus wurde auf Grund des einen Schriftstückes, jenes heute von aller Welt als verdächtig erkannten ,Bordercaus‘, vor ein Tribunal von sieben Ehrenmännern der französischen Armee gestellt. Aber diese richtenden Offiziere standen unter einem furchtbaren Drucke. Gerade weil die Verhandlung eine geheime gewesen, war der Druck der öffentlichen Meinung ein ungeheurer. Diese sieben Tapferen, denen um ihr Leben gewiß nie bange war, mögen damals ebenso gewiß Angst gehabt haben um ihre Ehre. Denn draußen auf der Gasse, vor dem Kriegsgericht lauerte schon sprungbereit die Verleumdung. Zeigte es sich denn nicht schon vom Anbeginn, das böse, das listige Märchen vom Judengelde, das den Verräter befreien wolle? Armer Jude, beladen mit dem Fluch des Geldes, mit dem Fluch des Geldes anderer. Er hatte nichts mit ihnen zu tun, sie nichts mit ihm, und doch wurde augenblicklich eine Beziehung zwischen ihm und ihnen hergestellt. .Wenn man die nicht greifen kann, die man haßt, so haßt man diejenigen, die man greifen kann. So hat uns der Fall Dreyfus einen angcsammelten Judenhaß gezeigt, den wir in solcher Fülle in Frankreich gar nicht vermutet hätten. Wer trägt daran die Schuld? Doch nicht der strebsame Artilleriehauptmann aus dem Elsaß, der bereit war, für Frankreich sein Leben auf dem Sclilachtfelde zu lassen. In der republikanischen Kammer dieses Landes ist ein Abgeordneter mit dem Anträge aufgestanden, daß fortab kein Jude ein Staatsamt bekleiden dürfe. Ein ähnlicher, wenn auch etwas mehr verschleierter Antrag war schon vor einigen Jahren nach der Panamagescliichte eingebracht worden und hatte gegen 100 Stimmen vereinigt. Wenn dieser Antrag jetzt zur Verhandlung kommen sollte, wieviel Anhänger mag er haben? Frankreich ist heute durch und durch antisemitisch, darüber kann man sich nicht mehr täuschen.... Von den Hoehkonservativcn bis zu den Hochrevolutionären fliegt ein Ruf durch das Land: ,Gegen die Juden!‘ Fes ist eine Stimmung wie in Aufruhr/eiten. Die es angeht, sind aber wie mit Blindheit und Taubheit geschlagen, und sie meinen noch immer, es werde vorübergeheii. () ja, das wird es, denn alles geht vorüber; die Frage ist nur: wie?... Nur an den Opportunisten haben die Juden noch einen Halt, der nicht der Rede wert ist — denn die Opportunisten schweigen verschüchtert. Man pflegt zu sagen, der Opportunismus sei an den Juden zugrunde gegangen. Richtiger mag sein, daß umgekehrt die Juden am Opportunismus zugrunde gehen.“ Die Dreyfus-Affaire war gewiß ein wichtiger Abschnitt in der Entwicklung der französischen Republik; sie zeigte den wahren Charakter der Menschen, die an ihr beteiligt waren, und Verworfenheit, Edelmut und Tapferkeit kamen in ihrem Verlauf zu stärkstem Aus- Der französische Gencralstabskapitän Alfred Dreyfus, der im Mittelpunkt der berühmten Frankreich und die *Welt erschütternden ״Affaire“ stand, wurde am 10. Oktober 1859 in Mülhausen im Elsaß geboren und optierte, ebenso wie seine Eltern, nach dem Deutsch-Französischen Kriege für Frankreich. Seit 1892 arbeitete er als Kapitän im fran- «i.sisehen Generals(ab, wo er der erste jüdische Offizier war. Am 15. Oktober 1894 wurde er unter der Anklage der Spionage zugunsten einer fremden Macht, nämlich Deutschlnnds, verhaftet. Man hatte den Akten des Militärattaches bei der deutschen Botschaft in Paris, von Schwartzk oppen, eine Notiz, das berühmt gewordene ״bordedruck. Dennoch glauben wir, daß sie ihren zentralen Sinn in unserer eigenen Geschichte, der des jüdischen Volkes findet. Sie brachte den Beginn einer Selbst- Besinnung der Juden in den I.ändern des Westens. Die Judemiot im Osten hatte in jenen Jahren bereits starke Bewegungen erzeugt, die einen Ausweg aas der unerträglichcn l äge der .Massen suchten. Auch Palästina war dabei in den Gesichtskreis des Volkes getreten. Im Westen dagegen ging es der Mehrzahl der Juden verhältnismäßig gut. Sie profitierten an dein Wirtschaftliehen Aufstieg der 1 ander, in denen sie lebten, und wiegteil sich seihst in eine Sicherheit, die auch damals in Wirklichkcit nicht bestand. Die Affaire des Hauptinann Drevfus wirkte in jener Welt wie ein Alarmsignal. Nun erkannte Herzl und mit ihm eine wachsende Zahl von Juden in allen I.ändern, daß der Judenhaß an die Existenz der Juden gebunden ist, wo immer sie in der Welt leben und unter welchen äußeren Bedingungen ihr Dasein stehen mag. Nicht nur die jüdische Armut erzeugt den Antisemitismus, sondern ebenso sehr der jüdische Reichtum und der Aufstieg in Aemter, die Macht und Ansehen verbürgen. Ja, es sind gerade Reichtum und Aemter, die die Feindschaft gegen die Juden um so mehr erregen! Diese Feindschaft ist nicht an einzelne Länder gebunden, sondern sie wird überall dorthin verschleppt, wohin Juden auf ihren Wandcrzügen gelangen. Dies hat Herzl in der Einleitung zum ,,Judenstaat“ in bezug auf Dankreich vortrefflich ausgedrückt, wenn er sagt: ״Die Judenfrage bestellt überall, wo Juden in merklicher Anzahl leiten. Wo sie nicht ist, da wird sie durch hinwandernde Juden cingeschleppt. Wir ziehen natürlich da hin, wo man uns nicht verfolgt; durch unser Erscheinen entsteht dann die Verfolgung. Das ist wahr, muß wahr bleiben, überall, seihst in hochentwickelten I .ändern Beweis F'rankreich solange die Judenfrage nicht politisch gelöst ist.“ Dreyfus lebte als ein Gefangener und Verbannter viele Jahre hindurch auf der Teiifelsinsel. Er wurde damit zu einem Symbol für uns Juden überhaupt. An ihn knüpfte sich Her/Is Erkenntnis, daß wir in der Verbannung, in der Ga Int 11 sind. Wir sind als eine Minderheit stets in einer labilen I nge, auch wenn es Zeiten gibt, in denen diese t.'nsieherheit nicht so stark ins Auge fällt. Wir sind von dem wirklichen Leben der Völker, das in ihren tieferen Schichten vor sich geht, ausgeschlossen, auch wenn einzelne Juden Ansehen und holle Stellungen besitzen mögen. Und wir sind in diesein Zustand nicht dazu fähig, zu einem in sich geschlosscnen, vollwertigen Eigenleben zu gelangen, weil uns dazu die Voraussetzungen der Zahl und der natürliehen Bedingungen in dm־ Zerstreuung fehlen: Ein V o 1 k in d e r V c r b a n 1111 11 g. I >as Schicksal eines seiner Angehörigen, das durch die besonderen Umstände des Falles in das Ficht der Weltöffentlichkeit trat, hat zu seiner Zeit vielleicht nur cin/elue Juden aufgerüttelt. Aber es hat in unsere (jeschichte hineingewirkt und durch den geheimnisvollen Mechanismus, dessen Enträtselung uns niemals möglich sein wird, dessen Resultate wir aber als Rückblickende feststellen können, eine gewaltige Triebkraft im jüdischen Volke ausgelöst: die Kraft der S c I b s 111 i 1 f e, der Selbst befreiung und des Wiederaufbaus einer neuen Existenz auf dem Boden der alten Heimat, der Weg aus der Verbannung in die Freiheit eines ungebrochenen Lebens. K. L re au“ entnommen, in der von sechs Dokumenten die Rede war, die zum Verrat übermittelt worden seien. Auf Grund eines llandschriftenvergleiehs wurde Dreyfus als Verfasser verdächtigt und nach einer geheim geführten Untersuchung, in der eine Reihe militärischer Stellen sich gegen ihn wandten, trotz voneinander abweichender Gutachten der graphologischen Sachverständigen angeklagt, nachdem die antisemitisch gerichteten Presseorgane, die von dem ihm feindlich gesinnten Oberst Henry unter der Hand informiert waren, den Fall publiziert hatten. Der Kriegsminister Mercier selbst gab in der ()Öffentlichkeit Erklärungen ab, in denen er Dreyfus’ Schuld als feststehend bezeichnete. Alfred Drcvfus Foto: Jödiiches Lexikon t5 AfcÄ Die ״Affaire“

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