Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 56 (12.7.1935)
- Date
- 1935-07-12
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr 56 12. VII 1935 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 11 Arthur Segal 6() Jahre Am 13. Juli feiert Arthur Segal, der bekannte expfcssionistische Maler, seinen 60. Geburtstag auf der Mittelmeerinsel Mallorca. Wir alle, die Arthur Segal — Maler und Lehrer und unermüdlich selber lernend — durch viele Jahre Rennen, wundern uns nicht, wenn wir hören, daß er immer wieder vor neuen Aufgaben steht. Helläugig, mit sehr klaren, starken, guten und ruhigen Augen, zwar mit grauem Haar, aber innerlich jung uml immer in der vorderen Reihe mit der jungen Kunst, so ist er an den anregenden ״offenen Sonntagen‘‘ der liebenswürdigste Gastgeber Berlins gewesen. Bei Arthur Segal erfuhr man von den neuesten Arbeiten von M a r i n e tt i und Picasso, sah Broschüren, hörte kiinstlerische Vorträge und lernte die Richtungen der neuen Kunst verstehen. Seit 1920 war Arthur Segal wieder in Berlin. Vorher war er von 1914 bis 1920 in Ascona und seine Ascona-Holzschnitte waren daher das erste, das ich von ihm sah. Schon 1917 zeigt ein Winterbild mehr Glicderung in der Komposition. als es in dieser Zeit der chaotischen Bilder üblich war, und das Gemälde seiner Frau Aus dem Jahre 1918 zeigte den Geniesnrung, der die Entwicklung späterer Jahre bis in Einzelheiten vorausnahm: Die Bildteilung, die Verwendung kubistisclier Formclemente. das Element der Teinen und starken Farbe in der typischen Abstufung und auch die Plastik. Die Plastik, erst viel später programmatisch fixiert, war allerdings schon in den bekannten expressionistischen Gemälden das erste, das auffiel. Am bekanntesten waren damals die Gemälde aus der von א׳: Selbstbildnis Uptisrh»‘ l’iaslik von Arthur S^gal (Jüdisches Museum, Berlin) ihm selbst bezcichnetcn Epoche der ״optischen Gleichwertigkeit“, d. h. daß jeder Bildteil gleichwertig dem Ganzen eingefügt ist wie ein Teil der Natur, die man ja auch nicht als Biklausschnitt sieht. Dies war der erste entscheidende Schritt zu Arthur Segals eigenem Weg. Und in jedem der vielen Quadrate, in die jene ersten Bilder geteilt waren, wirkten die Farben unerhört stark und plastisch, denn durch Abstufungen modellierte Arthur Segal in sie den Raum hinein. Wichtig war es, daß diese erste Stufe schnell weiter führte. Er vereinigte mit der Theorie der Gleichwertigkeit später seine Lehre vom Blickpunkt und noch einige Zeit später die Theorie der Prismenfarben, die seine farbenstarken und reinen neuen Bilder ermöglichte. Blickpunkttheorie heißt nichts weiter, als datt mit der Entfernung vom dominierenden Punkt die Gegenstände dunkler und undeutlicher werden. Bei seiner Meisterschaft der Abstufung bedeutete das weitere Exaktheit und später bei Stil'cben und Selbstbildnissen einen feinen Schleier, der sich über die starke Leuchtkraft seiner glühenden Orangen und roten und grünen Aepfel legte, der aber bei Interieurbildern und Köpfen gute Modellierung ermöglichte. Dies war dann die Reihe der ״optischen Plastik“. Schon 1928 hatte Arthur Segal Gemälde ohne Bildfeilung begonnen. Von dieser Zeit bekennt Arthur Segal, daß er beim Biickpunktmalen zum erstenmal nach der Natur gemalt hätte, vorher ״malte ich nicht Natur, sondern Impressionismus“. Schon 1925, bei seinem 50. Geburtstag, schrieb ich, ״das reine Weiß und das starke Emailblau wären kaum weiterer Steigerung fähig“. In der Farbe hat das im Hinblick auf seine Exp imente wahrscheinlich gestimmt bis 1933 — doch wird die Sonne von Mallorca hoffentlich noch strahlendere Bilder schenken! Aber das Naturstudium in der Reihe der Blickpunktbilder hat ihm einen neuen Weg geöffnet. In der Zeit der optischen Plastik waren auch Stilleben entstanden und viele Selbstbildnisse. Die Selbstbildnisse in allen Stimmungen: lustig und ernst, zornig und gelassen. Es ist wundervoll zu sehe״, wie fast jedes Bild eine Steigerung Universitäten und Juden Anläßlich des Huches von Prof. Guido Kisch ״Die Prager Universität und die Juden 1348 bis 4848" (X., 239 Seiten; Mährisch-Oslrau 1935). Die Geschichte des inneren und äußeren jüdischen Anteils an den Universitäten Westeuropas, namentlich in den letzten hundert Jahren kann noch nicht geschrieben werden. Dazu fehlen uns noch die systematischen Bearbeitungen der einzclnen Universitäten, ihrer Akten und Matrikel. Die Rolle, die den mitteleuropäischen Hochschulen beim Aufstieg der Juden zu wissenschaftlicher Bildung zufiel, wäre indes noch nicht annähernd erschöpfend dargestellt, wenn die streng methodische quellenmäßige Registrierung der Studenten und Dozenten, die saubere historische Belichtung des urkundlichen Hin und Her behördlicher Zulassungs- und Verweigerungsreskripte, der Anträge und Einwendungen von der anderen Seite, ferner der Gutachten und Promotionsakten geglückt wäre. Dann käme erst das Hauptthema: Das jüdische Bildungsprinzip (übrigens ein Eigengewächs ersten Ranges) -- Das dcutsehe Bildungsprinzip als Typ moderner Hochschulbildung - Die Entstehung und Weiterentwicklung jüdischer und europäischer ״Bildung“ .- Begegnung und gegenseitige Ausschließung der beiden Bildungsfornien. Vorläufig müssen wir bei der Wissensgrundierung und Stoffaufbereitung bleiben. Ein vorbildlicher Beitrag dazu liegt jetzt in der Arbeit des früheren Hallenser Rechtshistorikers Guido Kisch über die Prager Universität (1318 -1848) vor. Nur wenn in dieser geschulten Weise Akten und Urkunden zur Geschichte des jüdischen Universitätsstudiums, der Doktorpriifungen und der Zulassungen zum Lehramt künftig veröffentlich! und verwertet werden, kann der erreichbare Tathesfand zuverlässig gesichert werden; Folgerungen und Dentungen haben mir von dieser Fundierung aus historischen Wert. Professor Guido Kisch hat in seinen früheren Veröffentlichungen zum gleichen Gegenstand (״Universitätsgeschichtc und jüdische Faniilietiforschung“ im Selbstverlag des Verfassers, Halle a. S. 1931 und ״Der erste in Deutschland proniovierle Jude“ in der ״Monatsschrift“, 78. Band, Jahrgang 1934) die einschlägigen Quellen und Schriften, vor allem auch die bisherigen Mängel und Lücken der Forschung nachgewiesen. Die Nachlese, die der eigentlichen jüdischen Geistesgeschichfe aus solchen scheinbar trockenen, ja ledernen und ermüdenden Publikationen zuwächst, kann bei richtiger Aus- Wertung sehr ergiebig und fruchtbar sein. Man wird auch hier nicht in den Fehler verfallen dürfen, das allgemeine Bildungsstreben, das wegführt von dem jüdischen Urgrund, entweder panegyrisch zu preisen oder es nur als cmanz.ipaforische Auflösungserscheinung zu verdammen. Die Jahrhunderfe. die Kisch behandelt, bergen ja noch nicht die cigentaut dem Wege zur plastischen Darstellung ist. Die Landschäften waren 1933 Gemälde von der Ostsceküste. Schon 1931 sah inan die ersten, sie erinnerten an chinesische Motive. 1933 sah man es deutlicher. Diese Bilder, so einfach die Motive waren, wurden deutlicher, wenn man genauer hinsah. Diese Felder, diese Heuhaufen, die Wege, die Wolken waren sehr gut gemalt und geradezu überdeutlich. Arthur Segal hat die Blickpunkttheorie in die Landschaft übertragen, vertieftes Sehen nannte er es. In seinen Stillcben sah man es noch deutlicher. Die weißen Tennisbälle auf dem schwarzen glänzenden Tisch, die grünen Flaschen, die weißen Porzdlautassen, das waren ebcnsoviele Meisterwerke exaktester Sachlichkeit mit aller Materialtrcuc, die zu den Elementen der expressionistischen Schule gehört. Arthur Segal ist zwar Europäer, aber er hat viel Primitivität. Unter seinen Holzschnitten findet sich ein Bibelmotiv mit einem Asketen, und an die (iicbelwand einer Wegkapclle von Ascona hat er ein schönes Fresko gemalt in hellen Farben, eine einfache Szene ans dem Lehen der Heiligen, so schlicht und einfach und unbeschwert von Problemen, wie die einfachen Menschen selbst, für die das Bild bestimmt ist. Arthur Segal hat es eingerichtet, daß mail Bilder ״mieten“ konnte, nach eitii : :r Zeit sollten sie dann Eigentum werden. Bilder sind ihm Gegenstände wie Möbel, wird eins zerstört, dann malt man ein neues. Leider hat diese weltfreudige Anschauung noch nicht Schule gemacht. Arthur Segals Elastizität, die unbeschwert aufbriebt zu neuer Arbeit, könnte uns Juden der heutigen Zeit mir nützen. Ruth Morold liehe Problematik des jüdischen Hochschulstudiums im 19. Jahr* hundert bis auf unsere Zeit, vor allem noch nicht die wichtige Erscheinung des jüdischen Hochschulprofessors von Rang und Ansehen. Die zehn Kapitel bei Kisch füllen 68 Seiten Text, darauf folgt ein umfangreicher wissenschaftlicher Apparat (Urkunden, Register, Anmerkungen) von 170 Seiten. Die textliche Darstellung enthält die Illustration zu den typischen Seiten der Vorgeschichte mitteleuropäischer Juden-Emanzination: Der katholische Charakter der Prager Universität — wissensehaltspflege in der Prager Judenstadt . Berührungen der Prager Juden mit der Universität Jüdische Aerzte in Prag - Die Ausbildung der Prager jüdischen Aerzte bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts —• Prager Juden auf deutsehen Universitäten ■•- Die Aufsicht der Prager medizinischen Fakultät über das Mcdizinalwesen der Judenstadt in Prag — Zulassung der Juden zur Prager Universität .- Die ersten jüdischen Doktoren der Prager Universität - Die ersten jüdisehen Professoren an der Prager Universität. Hier lesen wir ein urkundlich belegtes Stück der Vorgeschichte zu dem noch nicht in Angriff genommenen großen Kulturellen mul soziologischen Problem des jüdischen Anteils an der europäischen Wissenschaft und Bildung in den letzten 100 Jahren. Der wachsende Zustrom zu den akademisehen Berufen, der immer stärker werdende Hochschulbesuch, die ungewöhnliche Zahl der jüdischen Doktor-Promotionen bis zu den bekannten und berühmten Lehrstuhl-Besetzungen durch Juden, das sind Etappen eines jüdischen Weges, der der unbefangenen erschöpfenden Beschreibung und Einreihung in unsere Gesamtgeschichte noch harrt. Ein stolzes und zugleich niederdrückendes Kapitel in der modernen jüdischen Geistesgeschichte! Mit Schlagworten wie ״Verjudung der Universitäten“ oder ״Entjmiung“, das heißt so viel wie Auslaugung des jüdischen Stammes, wird man dem Phänomen nicht naher kommen. Die Verstäiullichniachtmg und Wertung ist nur möglich aus der intimen Kenntnis der Entstehung׳; und des Werdens unserer modernen Hochschulen und Hochschul-Tvpcii, ferner aus der näheren unbestechlichen Anschau- 1mg der mit Namen und Leistling bekannten jü- (lischen Persönliehkciten, einer Tvpcuschau dieser Gestalten, iliris außerpersönlichen Werkes, aber auch ihrer charakterologisehen Substanz, wobei der Frage nicht aiiszuwek'hrn ist. wie es gekommen id, daß der jüdische Hochschulprofessor in geradezu frappanter Weise die typischen Eigenschaften und Reaktionsweisen seiner beruflichen Umwelt im Guten und Bösen angenommen hat. Den Entwicklungsgang der deutschen Universität etwa von 1650 ab bis auf Hegel hin hat jungst Rene König (Vom Wesen der deutschen Universität; Verlag ״Die Runde“ Berlin 1935) leider ohne eigene, selbsterarbeitete Kenntnis des Aufkläriingszcitaliers zu schildern versucht, um aut diesein Hintergrund die ״einzigartige Weltenstunde“ der Schleierinacher-Humboldtschcii Univcrsitätsgrümlung zu feiern. Von diesem Augenblick beginnt die immer größer werdende Teilnähme des emanzipierten Judentums an der modernen Hoch- Schulbildung und an der von den Universitäten gepflegten freien Forschung. Deshalb interessiert uns die Himiboldtsche Konzeption: Nachdem namentlich die deutsche Universitat — übrigens ohne jüdische Mitwirkung — ihren schwersten Weg aus Scholastik, lutherischer Orthodoxie und Pietismus heraus hinter sich hatte, wurde das höhere Bildungswesen in der Epoche der idealistischen Philosophie auf die Grundsätze der Persönlichkeit und der voraussetzungslosen, nur der Wahrheit dienenden Forschung gestellt. Wilhelm v. Humboldts (iedanke, daß Lehren und Lernen auf diesen Prinzipien aufzubauen seien und daß ״Einsamkeit und Freiheit'‘ die* Grundhaltung für echte Wissenschaft bildeten, diese Idee ist vor allem den deutschen Juden, die als Lehrer und Lernende ein Jahrhundert den Aufstieg der deutschen Universitäten begleitoten, in Fleisch und Blut übergegangen. Wollte man ihren Anteil an Wissenschaft und Bildung exakt beschreiben, so müßte mau bei den einzelnen Universitätsfächerii beginnen, Ruhmesblätter der deutschen und europäischen Wissenschaft stellen sieh dabei unter innerjüdischer Betrachtung jenes Anteils häufig als leere weiße Bläffer heraus: Pur das eigenständige Judentum erwies sieh die wissenschaftliche Leistung in den meisten Fällen als Verlust; fast nie kamen Persönlichkeit, Forschungsergebnis, Ansehen dem Judentum zugute. Die letzten 20 Jahre vor der deutschen Wandlung, in denen akademische Lehrer jüdischer Herkunft nach ihrem Können und ihren zusätzlichen Leistungen auf viele ehrenvolle Lehrstühle berufen wurden, haben den vollen Beweis Auf Dingf.n STEHT DIE WELT Erzählung von GERSON STERN 28. Fort«etrune Copyright Verlag Erich Rein, Berlin Als er lledda wiedersah, hielt er ihre Hand in der seinen, betrachtete lledda lange und daun sagte er: ,,Kind, du hist eine lebendig gewordene Sehnsucht. Sie lebt in deinem Blick, in deinem Wesen. Du stehst da wie ein Wunder. Man sieht dich, man freut sieh und man fragt sieh, was ist es eigentlich? Du hast uns gefehlt, mein Kind.“ Und Herr Julien führte die Hand Hcddns an seine Lippen. Am ersten Freitagabend gab cs einen Zwischenfall. Bessinger bat lledda um eine Verrichtung, lledda lehnte sie ah, es wäre Schabhat. Sie würde die hei Frau Löwenberg begonnene religiöse Hebung forlselzon. Bessinger lachte. Rcrtliclien trat dazwischen. Aber Bessinger war erregt, es trieb ihn zu stiir- Leien Gegonäußerungen, cs wurde eine unerfreuliche Szene. Derartige Zwischenfälle mehrten sich. Bessinger erklärte häufig etwas für lächerlich. Das sei Religion? An Gott glauben sei Religion! Er wolle keine Form. Kr wolle Religion. .,Welche Religion?“ fragte lledda. ״Welche Religion? Auch eine Frage! Die jüdische,“ Was denn die jüdische Religion sei, fragte lledda zurück. Bessinger blickte verdutzt auf. ״Soll ich das sagen? Dazu sind die Rabbiner da, die Gelehrten da.“ Hedda möge nicht solch alberne Fragen stellen. Im übrigen müsse es jeder selbst wissen. Wochen waren vergangen, und Hedda hatte •Weiter nicht gesprochen und nicht gesellen. Madelaine war durch den Vater sehr gebunden. Fehlinger war fort. Die Eltern waren in An- Spruch genommen. Mit dem Vater gab es Zusammenstöße. Hedda wurde bewegt, wurde erregt, wurde verwirrt. Zweifel traten wieder auf. Alles wurde aufgewühlt, unerwartet aufgewühlt. Sie trug schwer. Wohin sollte sie mit ihrer Last? W enn sie bei Fräulein Müller sali, kam Ruhe üIkt lledda. Fräulein Müller hatte immer Zeit und immer ein gutes Wort, Fräulein Müller wurde ihr in diesen Tagen zum Trost. ״Wie kommt es, Fräulein Trude, daß Sie dieses Gleichmaß haben? Ich glaube, Sie tragen viel, ohne ein Wort zu sprechen.“ Fräulein Möller wurde rot. Sie errötete leicht. Sie schob jedes Verdienst von sielt. Sie sei w ie jeder andere. .,Sie sind ruhiger als alle, das hat doch seinen Grund.“ ..Mein Vater war Pastor“, sagte Fräulein Müller. ,,Er lehrte uns. das Testament zur Hand zu nehmen. Das lue ich jeden Tag. Das ist meine Kraft.“ Eines Tages erschien Bessinger in der Wohnung unter dem Vorwand, etwas holen zu müssen. Er traf lledda im Wohnzimmer. ״Gut. daß ich dich sein׳“, sagte er, ״ich wollte dir sagen, daß du mir im Geschäft helfen mußt. Ich komme mit meinen persönlichen Sachen niilit zu Rande. Ich möchte keinen Fremden Einblick nehmen lassen.“ ״Gern“, erwiderte Hedda. ״Wie lange wird es mich heschäftigon?“ ״Wie lange? So lange, wie es dauert. Du kannst morgen anfangeil.“ ״Morgen?“ fragte Hedda erstaunt, ,,morgen ist doch Schabhat.“ ״Können wir es uns leisten, Srhabbat zu feiern? Ginge das Geschäft nicht zugrunde? Es ist sehr schön, fromme Gefühle zu haben, aber zunächst muß der Mensch leben. Gott will, daß wir leben. Ich freue mich, wenn du die Religion hältst, sicherlich. Aber was entscheidet? Das gute Herz, das entscheidet, und daß man ehrsam und züchtig ist. Auf Acußcrliebes kann Gott verzichten.“ Hedda war gereizt, die Gegensätze waren zu stark. Sie war von der religiösen Form mitgenommen worden, sie hatte willig und zuletzt freudig Pflichten auf sich genommen, und nun wurde sie herausgerissen. Sie ekelte sich vor der Unchr- ]iehkeit der gehörten Worte. ״Darf ich dir sagen, was entscheidet?“ rief Hedda. ״Das Geld entscheidet! Wie dürft ihr von Religion sprechen? Wofür lebt ihr? Für Religion? Für das gute Herz? Für das Geschäft, für nichts als das Geschäft lebt ihr. Und das sage ich noch: Ich arlieite morgen nicht.“ lledda war aiil'gi-tanden. sic eilig zur Tür, sie war darauf gefaßl, daß der Vater hinter ihr her springen würde, sie öffnete, sie schloß die Tür. sic sprang die Tr*■ 0<ן<ן hm,auf, sie nahm drei .Stufen auf einmal, stieß oben nuf Fräulein Müller und fiel in ihre Arme. Bessinger war es gewesen, als ob ihn jemand am Halse zerrte. Er konnte nicht sprechen. Er ließ׳ sieh in!׳inen Se-sel fallen. Jedes W orl von lledda kam zurück. Wofür arbeitete, wofür lebte er? Bessinger schüttelte sieh vor Erregung. W rifiir lebte er? Dies halte sein Kind gefragt, sein Eigen, sein Blut? Ja. wirklich, wofür ielile er? Halle lledda nicht Beeilt? Bessinger sank in sieh ein und wurde sehr klein. Auf einmal sprang er auf. ,,Nein, nein“, schrie er. Er schrie so laut, daß lledda und Fräulein Midier es oben hörten und erschreckt znsammenzurklen. ,,Nein“, schrie Bessinger. ״Ich lasse mir mein Lehen nicht nehmen. Ist Arbeit nichts? Ist tägliche Arbeit, ist tägliche Pflichterfüllung, ist ein Leben voll von Mühe, Arbeit und Aufbau nichts? Ist Leistung nichts? Ist Arbeit nicht heilig? Ist Pflicht nicht heilig? Gott, mein Gott“, schrie Bessinger. Er konnte nicht weiter sprechen und ließ sieh in den Sessel zurückfallen. So '׳ nd ihn Brrthrhen, die unruhig geworden und nach Hause, geeilt war. Sie erschrak, als sie Bessinger eingesunken dasilzeti sali, kaum noch zu erkennen. Rerthchen fragte nichts. Sie setzte sieh still an seine Seite. So saßen sie eine Weile nebeneinander. Dann nahm Bessinger Bcrlhehens Hand und sagte: ,,Rerlhehen, wir werden wohl allein bleiben.“ Bertbchen strich über die Hand hin. ״Arnold, seihst 1'ibcr den Abgrund gibt es Brücken. Man muß sie nur hauen.“ Am nächsten Morgen sagte Bert liehen zu lledda, sie würde gern mit ihr in die Synagoge gehen. Berthclieii nahm ein kleines Buch für sieh aus dem Schrank und gab Hedda einen umfangreirhen I’rarhlband mit Goldschnitt, ein Knnfinnalionsgcschenk irgendeiner Tante, dadurch ausgezeichnet, daß darin alle Gebete in ein sehr geziertes Deutsch übersetzt, und gereimt waren. Hedda saß neben ihrer Mutter auf der Frauengalerie. Berlhelien war bald in ein Gebet vertieft. Sie hatte das Tediinnelnidi, das sie von ihrer Mutter bekommen hatte, aufgeschlagen im«! las: ״Oh, Allerbarmer, sieh auf mich, wie es mich beugt, wie geängstigl mein Gemüt ist“ Bcrthchcn sah