Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 56 (12.7.1935)
- Date
- 1935-07-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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ז׳ ix :צ ז 7 ל׳ 'V Sr. 56y/ Jahrgang 46 Prei« 25 RpL JÜDISCHE RUNDSCHAU Hiinkiniiiriini IdirUtlcUttogtVerlig n. Anielgenvonviltangi BtrlinWlS, ll«(11»!k«atr. 1• Fernruf: Samme!־Nr. fl Bismarck 3181/82» 7165/70, 7240/42. » Beruß»pre»s einschl» Be«tellgeld je Monat RM 2,-, je Vierteljahr RM 5.75, hei Abholung RM 1,88 bzw. RM 5,39. - Postscheck-Konten der Vertriebs Abteilung: Berlin 71573 (lür Gr.-Berlin), Berlin 17 392 (für das übrige Reich). - Erscheint jeden Dtenetaf and Freit eg» BERLIN י״א חמרז תרצ״ה FREITAG, 12. JULI 1935 Anxelgenpreisliete Nr• 2 jgtlltig• Die 12gesp. mm-Zeile 20 Rpl, lür Familien• nachrichten 15 Rpl. Einzelameigen nur bei Vorauszahlung auf Postscheck - Konto Berlin 71618 oder bar Montag bis Donnerstag 9-18 Uhr, Freitag 9-16 Uhr. Annahmeschluß für die Dienstag-Ausgabe Montag 10 Uhr, für die Freitag- Ausgabe Mittwoch 13 Uhr. (Für Familtenanzeigen am Tag vor Erscheinen 12 Uhr) Der Zionismus erstrebt lör das indische Volk die Schaffung einer Öffentlich ■ rechtlich gesicherten Heimstätte ln Palästina. (Baseler Programm) Jüdische Selbsterkenntnis Trost oder Ermahnung? — Das Wesen der letzten Epoche — Bruch der Ent- Wicklung — Weniger Betrieb, mehr Ernst! — Fluch und Segen der Geschichte Wenn eine Gemeinschaft'in einer Periode stürmischer Geschichtsentwicklung in ihren Grundfesten erschüttert ist, so wird es stets eine geistige Reaktion hierauf geben. Es fragt sich, in weicher Richtung diese erfolgt; das alte Problem, das hierbei entsteht, wird durch die Begriffe T r o s t und E r in a h n u n g umschrieben. Wessen bedarf das Volk in schweren Tagen? Muß es getröstet und aufgerichtet werden durch die Erinnerung an die Vergangenheit und an die Werte, die in ihm liegen, die durch kein widriges Schicksal in ihrem Kern angetastet werden können? Oder bedarf es zur Aufrichtung seiner sittlichen Kräfte der Ermahnung, des Hinweises auf die Schwächen und Fehler, die es besitzt, der Erinnerung an die Schuld, die es selbst an seinem Schicksal trägt? Wir glauben, daß Trost und Mahnung nicht in einem Gegensatz zu stehen brauchen. Wenn wir die großen Dokumente betrachten, die aus unserer eigenen Geschichte auf uns gekommen sind, Dokumente aus schwcren Stunden unserer Vergangenheit, die Worte der Propheten, die immer einen sehr realen Ankmtpfungspunkt und praktischen Sinn hatten, dann sehen wir, daß in ihnen beide Elemente enthalten sind, die Mahnung zur Umkehr, das Vorhalten der Schuld des Volkes, die zu seinem Zusammenbruch geführt hat, und der Trost, der sich in großartigen Verheißungen für seine Zukunft offenbarte. So schwand der Gegensatz jener zwei Begriffe dahin, weil sie beide in etwas Drittem wurzelten, nämlich der Erkenntnis von dem wahren Wesen des Volkes und von den wirklichen Kräften, die in seiner Geschichte, seinem Handeln zum Durchbruch kamen. Es ist daher keine müßige Frage, wenn wir heute in einer Zeit, in der das Schicksal der Juden in Deutschland als eines Teiles des jüdischen Volkes schwer ist, die Frage nach dem Wesen der abgelaufenen Epoche unserer Geschichte stellen. Denn daß diese abgelaufeil ist, innerlich beendet und in ihrer alten Art nicht mehr rekonstruierbar, ist auch denen klar, die sie sehr positiv einschätzen. Manche glauben, daß die Zeit, die mit dein Jahre 1933 zum Abschluß gelangte, bereits eine Zeit der Besinnung war, daß im Judentum Deutschlands diejenigen für sie repräsentativ waren, die schon damals den Weg der Rückkehr zum Judentum gegangen sind und das Jüdische in den Mittelpunkt ihres Lebens stellten. So meint man etwa, daß eine Gestalt wie die Franz R o s c 11 z w e i g s der wahre Ausdruck jener Zeit war, und daß die Epoche vorzeitig beendet worden ist, d. 11. daß die Kräfte dieser Art nicht zur vollen Aus- Wirkung gelangten. Gewiß, hierin liegt eine richtige Erkenntnis. Es gab schon in den Jahren seit dem Ende des Krieges — in ihren ersten Ansätzen bereits vor dem Kriege spürbar — eine Renaissance auch im Judentum Deutschlands. Für sie war eine Reihe geistiger Persönlichkeiten von Rang repräsentativ. Die Zahl derer jedoch, die diesen Weg gegangen sind, war niemals sehr groß. Wohl gcwann auch der Zionismus in den Jahren seit dem Kriege besonders unter der jüdischen Jugend eine wach• sende Zahl von Anhängern, aber auch er war auf einen bestimmten Sektor beschränkt, der sich in der Haupt- Sache über diejenigen Schichten ausdehnte, die noch eine gewisse Verwurzelung im Jüdischen besaßen, wenn auch ihre zionistische Entscheidung sehr oft im Gegensatz zur jüdischen Haltung ihrer Eltern stand. Gegenüber all diesen Gruppen lebte die große Mehrheit der Juden in Deutschland in einem Zustand der innerjüdisehen Auflösung. Das jüdische Wissen schwand immer mehr dahin, die Beziehung zu allen religiösen Formen war teils gar nicht vorhanden, teils nur schwach entw ickelt, die Familie als alte Basis des jüdischen Lebens war in einem Umwandlungsprozeß begriffen, und der Existenzkampf, der seit den Jahren der Inflation für die Mehrheit der Juden außerordentlich schwer geworden war, absorbierte die Kräfte des Einzelnen so stark, daß er kaum die Möglichkeit hatte, jüdische Bindungen zu pflegen, wozu noch hinzukam, daß die Isolierung vom Jüdischen auch schon in jenen Jahren für diesen Existenzkampf vielfach von Vorteil war. Das Jahr 1933 hat einen Bruch in der Entwicklung der Juden Deutschlands gebracht, kamen doch die Kräfte, die zu seiner Neuformierung führten, von außen und waren daher nicht organisch im Judentum gewachsen. Aber wir glauben, daß die Epoche, die damit abgeschlossen ist, unter dem Gesichtspunkt der Erhaltung des Judentums keine schlechthin positive war. Die Kräfte, deren Auswirkung damit vereitelt wurde, waren in erster Linie solche des Abbaus und der Auflösung und nicht, wie manche glauben, bereits des Neubaus. Diese waren gewiß, wie wir schon sagten, in Ansatzpunkten vorhanden, und ihnen gebührte daher nach dem Umbruch die Führung im Judentum Deutschlands. Das gilt ebenso sehr von den gesellschaftlichen Eiementen, die schon .vor 1933 Träger der jüdischen Renaissance waren, wie von den geistigen Kräften, die in dieser Richtung wirkten und eine wenn auch zahlenmäßig nur kleine Gefolgschaft besaßen. Die Chance zum Wiederaufbau jüdischen Lebens und Wesens ist jetzt gegeben. Und es entsteht die Frage, die wir heute nach mehr als zwei Jahren bereits mit einer gewissen Berechtigung beantworten können, oh sie von' uns allen, von den Juden Deutschlands, ausgenutzt worden ist. Sicher ist manches Nützliche geschehen, und viele haben sich der Zähl derer angeschlossen, die ernsthaft ein jüdisches Leben wollen und den Weg zum Volk und seinen Kräften suchen. Aber dennoch: Wir meinen, daß bisher nur U!!vollkommenes auf diesem G e - bi et getan worden ist. Das jüdische Leben in Deutschland ist reich an Betriebsamkeit, und wollte man nach der Zahl der Veranstaltungen gehen, die stattfinden, so müßte man zu einem sehr günstigen Urteil gelangen. Es ist aber gefährlich, Betriebsamkeit mit Ernsthaftigkeit zu verwechseln, und diese so betrüblich auch die Feststellung ist, sie muß doch gemacht werden — fehlt in zahlreichen Fällen. Wir unterschätzen nicht die Schwierigkeiten der Arbeit in einem Zweige des jüdischen Volkes, der so atomisiert und von den Kräften des jüdischen Lebens entfernt ist wie das Judentum Deutschlands. Dennoch glauben wir, daß der Standard jüdischer Bildung und jüd i s c h e n Wissens etwas rascher steigen könnte, als es bis heute der Fall ist, und zwar auch in Kreisen, deren Gesinnung dieses jüdische Wissen eigentlich erfordert, und wir meinen auch, daß es nur sehr wenige sind, die den Schritt von der Theorie zur Schaffung jüdischer Lebensformen selbst gemacht haben. Manches, was heute geschieht, mutet einigermaßen krampfhaft an, und von anderem hat man den Eindruck, daß hier Kreise zusammengetretcii sind, die sich wirklieh nur unter dem Zwang der äußeren Umstände als Juden vereinigen und ihrer Arbeit nun irgendeinen Inhalt geben wollen. Man verstehe wohl: Diese Kritik will nicht über die Gesamtheit des jüdischen Lebens in Deutschland ab- Wir veröffentlichten in Nr. -18 vom 14, Juni ein Urteil des Arbeitsgerichts H a 11 a u vom 7. 12. 34, durch welches die Kündigung eines nichtarischen Angestellte״ als unbillig hart und nicht durch die Verhältnisse des Betriebes bedingt bezeichnet worden war. Mit diesem Urteil beschäftigt sich mmmehr I)r. fl. Schmitz im ״Völkischen Beobachter“, Berlin, vom 11. Juli in einem Artikel mit der Ueberschrift: ״Rechtsprec hu ״ ״ und Judentum“. Nach einer Darstellung der Urteilsgründe sagt er u. a. folgendes: 1״. Wem, da, Gesetz zur Oiihiuiig der 11a!ionalen Arlieit iin § 56 bestimmt, daß eine Kündigung nicht widerruf!'!! bzw. eine Kiindigiuig-eiilsrli.iiligtiiig nirlit gezahlt werden kann, wenn die Kündigung nicht unbillig halt und duich die Verhältnisse des Betriebes bedingt ist, so muhte das .Arbeitsgericht lest ,teilen, daß dieser Fall vorliegend gegeben ist. Die Kündigung eines Juden in einem deutschen Unternehmen ist immer durch die Yctbaitnisso des Betriebes bedingt. Denn einmal ist nicht abzuschen. welcher Schaden dem Betrieb noch dadurch erwachsen kann, dali er einen Juden Ixt schädigt und ferner bedingen und zwingen die Verhältnisse eines deutschen Unternehmens, mir Deutsche zu beschäftigen. 2. Wenn der uattmialsbzirilhfiwdtc (:cse'tzgylrer im Berufsbe.imlenge-etz gewisse Au-iialniirvut־cliiittcn iiir' eiie jüdi-chen Frontkämpfer erlassen hat, dann ist cs unzulässig, diese Bestimmungen über den urteilen. Aber sic ist gerade deshalb notwendig, weü die Gefahr besieht, daß mau mir allzu leicht mit dem zufrieden ist, was mau tut, obwohl das meiste nur unzureichend ist. In dieser Hinsicht kann es keine Differenz der Anschauungen gehen, denn mag der Einzelne nach Palästina kommen, um sich dort in ein lebendiges jüdisches Lehen eiii/uordnen, oder mag er hierbleiben mit dem Wille״, Träger jüdischer Geschichte zu sein —- in jedem Fall bedarf er der Voraussetzungen geistiger und menschlicher Art, die man sieh nur in einem schweren Prozeß der Umwandlung des eigenen Lebens erwerhen kann. Eine große Hoffnung haben wir in diesem Zusammenhange: Das ist die jüdische Schule und die Arbeit der Jugend selbst. Auch sie ist heute nur zu einem Teil befriedigend organisiert. Aber wir glauben, daß das Schwergewicht des Willens zum Judesein bei Lehrern und Kindern sieh durchsetzen wird, selbst wenn die organisatorischen Voraussetzungen nicht immer befriedigen. Auf den Lehrern liegt natürlich eine besonders große Verantwortung. Denn sie sind die Hüter einer Generation, die entweder wirklich den Schritt zu einem konkreten Judentum machen wird oder aber auch weiterhin in einem ״Zwischenreich“ verharren muß, das ihr weder die Möglichkeit ungebrochenen Lebens gibt, noch die Chance, Baustein einer besseren jüdischen Zukunft zu sein. An diesem Schahbat w׳ird die Erzählung vom Wirken Bileams in den Synagogen gelesen. Damals hat an einem wichtigen Punkt unserer Geschichte Fluch sich in Segen gewandelt. Aus einer kritischen Situation heraus entstand die Möglichkeit, das Volksleben fortzusetzen und auf eine höhere Basis zu stellen. Auch heute ist das Lehen großer Teile unseres Volkes unter sehr schwere Bedingungen gestellt. Gerade darum müssen wir erkennen, daß w ir selbst es sind, die letzten Endes Unheil und Segen einer Epoche bestimmen, daß in unserer Hand, in unserem Willen das Schicksal nicht nur der eigenen Generation, sondern auch der Zukunft liegt, und daß unsere Werke es sind, die den Segen für das Volk herbeizwingen können. Darum gilt cs immer wieder, unser״ Weg zu prüfen und die Frage zu stellen, inwieweit wir den Aufgaben und den Möglichkeiten unserer Zeit gerecht geworden sind. Der Trost, der in dem Hinweis auf unsere Kräfte liegt, ist nur dann sinnvoll, wenn er eine M a h n u n g ist, sic an/uwenden, sie im Kampf gegen die Kräfte der Beharrung iin Negativen und der Auflösung in unseren eigenen Reihen einzusetzen imd so den Anschluß an ein wiedererstehendes, lebendiges jüdisches Volk zu erlangen. K. L Rahnten die-es < ü׳ve.r, htn.no 011 f .die jtidi-oheri Frontkämpfer an* zuwenden. IIirr gilt!Irr S,!!/.: Iirr Jude wird nur da mit dem Heutsehen \ olk-gcno...en {;!viril I« Iriiitirli, »d d,־o < e.>etz er ausdrücklich Ix O imnit. 3. Wim dir detit.fhc Kaubt vh.*h au! Grund der von maßgebender׳ Stell«■ j4ci1״ik1׳K־r1 Anntditungen in ihiem Verhalten gegenu!H• r «Irin Juden di-/i|1lit1iert nufuitt. m> «hm daraus nicht gieehi.e-e» vvctdi ii, «iah d.o «knr r iie \ ׳dl, d« m Jmhn gleichgültig oder gar treundlieh gegenüber ״-teilt. D.o deutsche Volk verwahrt sieh gegen ei!1e solche. Ui«! erstcl Im 1g. 4. Mutet io nirlit eigenartig an, «laß ein deutsches Olirlil sich Sorgt 11 dtuüber mat 111, ob ein Jude wieder eine entsprechende Stellung linde!, wahrend!11x11 zaliltmlie \ olk-ge nosscn ohne Arbeit .sind.■׳ 5. Mute! es nirht eigenartig an, daß ein deutsches Unternehmen, da. allem Deutsche Ix.«iiaüig«. n •oli, bei Entlassung eines Juden und damit bei SihuHu»״ eines Arbeitsplatzes für einen arbeitslo.-en Volksgeno-scii zur Zahlung einer KüudigungsentSchädigung verurteil! wird. Da muß man ■-ich doch tragen, kann deutsches Volksvermogfn nicht be.-ser verwerte! wen len, als damit, einen Juden zu unterstützen, der, wie da, Gericht li.t'teilt, in einer K.n-cnmi'1-hclie lebt, die für das dm! che Volk volli״ wsrtlos ist. l'׳e Kündigung eines solchen Juden ist nicht unbillig hart.'* Rechtsprechung und Judentum 1 £ 3 .<4