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Jüdische Rundschau · 1935-07-05 · Heft 54 (5.7.1935) · page 11

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 54 (5.7.1935)
Date
1935-07-05
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 54. 5. VII. 1935 •JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite TI Ein polnisch-jüdischer Historiker Professor Simon Askenazy Professor Simon Askenazy, von dessen Tod und Bei- Setzung hier schon berichtet wurde, war einer der hervorrasendsten polnischen Historiker; erst durch ihn und seine Schüler — zu denen die bedeutendsten heutigen Vertreter des Faches gehören — ist die polnische Geschichts- Schreibung zur Wissenschaft im eigentlichen, modernen Sinn geworden. Nach seinem juristischen Studium erst begann er, übrigens an einer deutschen Universität, das historische lind promovierte mit einer Schrift über die letzte polnische Königswahl 1894 in Göttingen, wurde Professor in Lemberg, schrieb hier seine grundlegenden Werke ״Joseph Poniatowski“, ״Lukaszinski“, ״Zwei Jahrhunderte“ und schließlich das dreibändige Standardwerk ״Napoleon und Polen“. Als erster polnischer Historiker hat Askenazy Archivmaterialien der Ge- Schichtsschreibung nutzbar zu machen verstanden, und nicht weniger als seinen eleganten, noblen ״französischen“ Stil bewunderte man seine Kunst, Quellen zu entdecken und zu gebrauchen, die jedem anderen unzugänglich schienen. Beispielsweise gelang es ihm, durch seine Freundschaft mit dem Minister Lobanow-Rastovvski vom Zaren Nikolai II. einen Ukas zu erwirken, der ihm, dem polnisch-jüdischen Historiker, alle russischen Geheimarchive öffnete. So entdeckte Askenazy die Memoiren Lukaszinskis und die Erinnerungen des letzten Polenkönigs Stanislaw-August. Zu diesen Talenten kam eine erstaunliche staatsmännischc, nicht nur diplomatische Fähigkeit, anders ist der Aufstieg dieses Mannes nicht zu erklären. Er hatte offenbar eine besondere Art, Menschen zu behandein, denn er erzog sich nicht bloß eine ganze Gelehrtenschule von Historikern, er verstand es nicht nur, der studierenden Jugend jenen unbändigen polnisch-patriotischen Enthusiasmus einzuflößen, aus dem recht eigentlich erst die Pilsudski- Legion und der spätere Staat erwuchsen, sondern er war auch ein Politiker von Format. Nach dem Krieg war er von 1920 bis 1923 als bevollmächtigter Minister beim Völkerbund; in den schwierigsten Problemen der neuen Republik mußte er gegen eine Welt auftreten und die Uebcrnahme Wilnas, die Regelung der Danziger und oberschlesischen Frage durchkämpfen. Er hatte Erfolg-, und als er, vor allem weil er Jude war, 1923 abberufen wurde, von der Politik zur Geschichte zurückkehren und an der Universität Warschau lehren wollte, speiste man ihn mit einem Ehrendoktor ab, so daß er sich grollend zurückzog, nur für seine engsten Freunde noch zu sprechen war und nur mehr als Privatgelehrter arbeitete, aber kein Buch mehr herausg;ab. Enttäuscht, verbittert, einsam ist er gestorben, fast siebzig Jahre alt. Polens größte Gelehrte trugen seinen Sarg, und auf seinen testamentarischen Wunsch wurde Kaddisch gesagt. Im übrigen war seine Einstellung dem Judentum gegenüber zwiespältig, merkwürdig und überaus charakteristisch für den Menschen großen Stils und für seine Generation. Askenazy stammt aus einer berühmten jüdischen Familie. Sein Vorfahre Jakob Ennlen erzählt in seiner Autobiographie, wie sein Vater, der nicht minder berühmte ״Chacham Zwi“, einmal auf einer Seefahrt von Amsterdam nach London an Deck saß und aufs Meer starrend nicht bemerkte, daß ein Maler ihn konterfeite; er fastete dann vierzig Tage, aber das Bild blieb erhalten, und cs wird behauptet, daß Professor Simon Askenazy diesem Bilde seines Urahnen völlig geglichen habe, überdies war er ebenso hoch, hager, aristokratisch und — starrköpfig. Vielleicht war es auch dieser ererbte Trotz, der ihn den Austritt aus dmi Judentum immer ablehnen ließ. Sein . Vater war einer der frühen Assimilanten, zugleich aber Syn- - jgjPFcnvnrefi.hpr sein Lehrer S. P. Rabinowitz, der bekannte!Historiker und Uebersetzer von Oraetz' Geschichte der Juden ins Hebräische. Als junger Mensch hat Askenazy also viel Jüdisches gelernt, auch ein auffallend gutes Hebräisch geschrieben und manches Kapitel Jesaja auch noch später auswendig gewußt. Aber seinem Ehrgeiz und seinem Sinn für großen Stil mußte die kleine polnische Ghetto-Welt zu eng erscheinen, er entwuchs ihr rasch, um aber immer wieder an sie erinnert zu werden. Obwohl er sich durchaus davon distanzierte und das Judentum nur als Konfession betrachtete, dazu sich allerdings auch immer bekannte, ging auch die j ii d i s c 11 - polnische Geschichtsschreibung von ihm aus. Er war es, der mit Adelberg einen Warschauer ,Millionär zur Stiftung eines Fonds für jüdisch-polnische Geschichte zu veranlassen wußte, er war es, der so für die Herausgabe der Arbeiten von Casdro, Moses Scliorr, Meir ßalaban (Geschichte der Juden von Lemberg) und J. Schippers Jüdische Wirtschaftsgescbicbte sorgte, und obwohl er anderseits manchen bevorzugte, der einer restlosen Assimilation das Wort redete, forderte er doch, als er mit solchen Parteigängern wissenschaftlich picht sonderlich vorwärtskam, die jüdisch-nationalen Historiker zur Mitarbeit an seiner ״Vierteljahrsschrift für die Geschichte der Juden in (»ölen“ auf. Diese 1912 von ihm gegründete Zeitschrift ging allerdings bald ein, weil die Geldgeber mit der neuen Tendenz nicht einverstanden waren. Daß Askenazy, obwohl er sich nichtt taufen ließ, Minister werden konnte, ist vielfach als Zeichen seiner Begabung erklärt worden; andere sind der Meinung, Askenazy wäre zum bevoll-!nächtigten Minister für Genf ernannt worden, eben weil er Jude war. Denn er hatte nicht zuletzt die Aufgabe, Polen in der Minderheitenfrage zu vertreten, und er konnte es im offiziehen, jedes Minderhertenrecht nicht völlig akzeptierenden polnischen Sinn am glaubhaftesten deshalb tun, weil er selbst ja zu einer Minderheit, der jüdischen, gehörte, und dennoch gegen das uneingeschränkte Minderheitenrecht auftrat. Obwohl er es aus restlos-ehrlicher, glühend patriotischer Ucberzeugung tat, spielte er damit in den Augen mancher polnischen Juden eine heikle Rolle, deren Kompliziertheit ihm vielleicht erst bewußt wurde, als er Anfang 192t in London war und, möglicherweise zum ersten Male, westeuropäischen und dennoch jüdisch-nationalen Politikern gegenüberstand. Von allen offiziellen, offiziösen und privaten jüdischen Persönlichkeiten, zu denen er kam, erhielt Askenazy (nach Lucien Wolfs Erklärung) immer die Antwort, daß der Minderheiten-Vertrag seinem Geist und seinem vollen Inhalt nach verwirklicht werden müßte. Trotzdem ist von einer Wandlung Askenazys in dieser Hinsicht nichts bekannt. Professor Askenazy hat gelegentlich auch jüdische historische Gegenstände und Personen dargestellt. Am klarsten ist seine vor dem Krieg öfters geäußerte Abneigung gegen den Zionismus in einer 1908 publizierten kleineren Arbeit ״Der erste polnische Zionist“ ausgedrückt. Der erste polnische ״Zionist“ ist nach Askenazy ein Mann namens Sclilomoh Plonsky, der 1820 nach Palästina reiste und seinen Verwandten und Bekannten nach Warschau Briefe schrieb, die von der russischen Polizei aufgefangen und mißverstanden wurden. Da zu dieser Zeit Griechenland um seine Freiheit kämpfte, geheimnisten die zaristischen Polizei-Sachvcrständigen aus dein Schreiben des Jerusalem-Pilgers einen komplementären jüdischen Aufstand gegen die Türkei zur Befreiung und Unabliängigmachimg Palästinas heraus, entsprechend wurden die im hebräischen Briefstil üblichen überschwenglichen Epitheta der Briefanrede als authentische Titel übersetzt, und als Plonsky nach Warschau heimkehrte, nahm man ihn fest und hielt ihn bis zu seinem Tode gefangen. ״Derart“, schließt Professor Askenazv, ״war der Zionismus der alten polnischen Juden in der tiefen Religiosität begründet; er hat aber nicht das mindeste mit dem neuen Zionismus gemein, der aus Deutschland zu uns kam, wo es wenig Juden gibt. Geschaffen haben ihn deutsche Großstadt-Juden, die mit dem Judentum, zumal dem polnischen, nichts zu tun haben. Der Zionismus ist nur eine Fiktion, er schadet dem polnischen Land und besonders den polnischen Juden.“ So schrieb 1908 nicht bloß der polnische Wissenschaftler und Politiker, und es ist uns nicht bekannt, ob er wie mancher andere durch die Ereignisse der letzten Jahre sich eines Besseren hat belehren lassen. Denn seit mehr als zehn Jahren sah man ihn kaum noch. Nur zu den hohen Feiertagen kam er regelmäßig in die Synagoge, und man weiß, daß er die Jahrzeiten seiner Eltern bis zuletzt hielt und eine streng jüdische Beerdigung in seinem Testament verlangte. V Juden und Jüdisches im Rundfunk Sonnabend, 6. Juli: Wien (507). 12: I . a. Mcmlcl-wihn, - Wilna (560), 12: jiiili-clie Mu-ik auf Srliallplalk'ii. — Radio Paris (1648), 20.45: ״Jo-eph" von Meliul. Sonntag, 7. Juli: Riga (515). 14.50: Scliallplallen, 11. .1. Joseph Wolfsthal; 16: P. a. K 1:l)tn-1cin: 20.30: 1'. a. Mendelssohn. Montag, 8. Juli: L11x«1״b״rg (1304). 13.35: Schallplatte11 ,״. a. Mendelssolm. - Riga (515). 17: U. a. Mahler. Dienstag, 9. Juli: l.tiM-mburg (1304), 12: 1'. .1. Offcnlmch; 20: L. a. üroiii-law 1 liitvcrniau 11. Riga (515), 20.05: Samson 11ml Dalila von Saini Saeus. — Luxemburg (1304). 20.40: P. a. Mendelssohn, Mosükowski. Zu unseren Merksprüdien Die Sprüche aus Talmud und!Midrasch Wir haben wiederholI. in unserer Ercitagausgahe außer Bibelzitat eit auch Sprüche aus Talmud und Midrasch vernUentlichl, und zwar in der Bearbeitung von N. N. Gl atze r. Wir haben den Uebersetzer gebeten, für diejenigen Leser, die die Eigenart dieses Teiles der jüdischen Lileralur nicht kennen, eine kurze Einführung zu gehen. (Red,} Die Sprüche und Deutungen, die hier in kleinen Beispielen niitgeteilt werden, entstammen dein Talmud und dem Midrasch, also dem Zeitraum zwischen 100 v. und 500 n. Bekanntlich enthält dieses Schrifttum — und das ist Sgin wichtigstes Formproblem — keine systematische Dar- Stellung der religionsgesct/lichen (halnchischen) und tlieologisch-ethischen (aggadiseticn) Gegenstände, sondern knappe Aufzeichnungen über die in den palästinensischen oder baby- Ionischen Lehrhätisern geführten Aussprachen. Der ״schrittliehen Lehre“ der Bibel gegenüber blieb die Ueberlieferung der Rabbincn ״mündliche Lehre“, auch nachdem sie aufgezeichnet wurde. Der Charakter der Mündlichkeit wurde streng bewahrt. Die Lehensiinmiftelbarkeit nicht nur des Glaubens, sondern auch der Denkform und des Ausdrucks ist das ewig gleichbleibende Agens dieses Schrifttums. Erst die auf die talmudische Zeit folgende Epoche unternimmt es, die ungeheure Sammlung der Sprüche, Bemerkungen, Satzungen, Lehrsätze, Gespräche, Erörterungen und Deutungen in ein System der jüdischen Lehre zu verwartdein. — Und noch ein zweites ist für die talmudische Aussage bezeichnend: Sie erscheint immer als Deutung des biblischen Wortes. Auch da, wo am talniudischen Spruch seine Zugehörigkeit zur Welt des biblischen Glaubens ohne: weiteres ersichtlich ist und wir einen ״Beleg“ aus vier Heiligen Schrift kaum erwarten, auch da, wo der Spruch in seiner scharfen, eindeutigen Formulierung einer biblischen Begründüng entbehren könnte, aber auch via, wo sein Inhalt die Grenzen biblischen Denkens oder Glaubens verläßt, — in allen Fällen wird grundsätzlich vier Zusammenhang mit dem biblischen Worte, wenn auch ein bloß formaler Zusammenbang, aufgewiesen. Die Formel ״wie ge.-agt ist“, oder ״wie geschrieben stellt“, will nicht in jedem Falle belegen oder beweisen, wohl aber Schritt um Schritt, über Zeiten und Schicksale hinweg, die Einheit vier Leine bekunden. Die Ueberset/ung möchte den besonderen Clta« rakter dieses Schrifttums Wiedersehen, weil seine Formen, auch die äußerlichen, vom Inhalte selbst bestimmt sind. Der n a i v e, v o I k s t 11 111 liehe A u s <1 r u e k soll bloj ben. N. N. (i I a t / e r Eine Kurt-Weill-Prcmicrc in London Mit großer Span innig hat man hier den! neuen Bühnenwerk von Kurt Weiil entgegengeaehen, das unter dem Titel ״A Kingdom for a Cow" (Ein Königreich für eine Kuh) am Savoy Theatrc vor kurzem seine Uraufführung erlebte. Das Stuck spielt in dem Staate Santa Maria, irgendwo in Südamerika, und mit Geschick und einigem Humor verstellt es vier Textdichter Roh. Vambrry, die Geschicke des jungen Liebespaares Juan und Juanita ihr Eheglück hängt von dem Besitz einer Kuli ab mit den Fäden hoher Politik und Staatsraison zu verknüpfen. Juan besitzt eine Kuh, sein einziges Stück und Vermögen, die ihm der Staat im Augenblick der Trauung■ mit Juanita unter der Nase weg beschlagnahmt, weil Juan die neue Steuer noch nicht bezahlt hat. Der Bräutigam macht sich auf die Stielte nach Erwerb, um Kuh und Mädchen ztirückzitgew innen. Nach langer Trennung und wechselvollen Abenteuern inzwischen geht in dein Duodezstaat alles drunter und drüber — liegen sich im dritten Akt Juan und Juanita, glücklich vereint, wieder in den Armen. Weihs Musik hält eine ungefähre Mittellinie zwischen komischer Oper und revueartiger Operette. Der Geist Offenbachs steigt auf, aber man vermißt leider den zündenden musikalischen Einfall, der das Offenhachsche Genre über alle zeitgebundene Tendenz und Parodie hinaus künstlerisch wertvoll macht. Weill ist hier amüsant, unterhaltend, stellenweise geistreich und witzig. Aber das ausgefahrene Geleise wird an keiner Stelle verlassen. Die Finali des zweiten und dritten Aktes sind vorzügliche Proben von Weills musikdramatiscliem Instinkt, vertragen sich jedoch nicht gut mit den losen, revuemäßigen Aktschlüssen. Es fehlt nicht an schmissigen Solotiunimern und richtigen Schlagern wie ,,A Military Man“ oder die Chornuimner ״San Salvatore“, 1101:11 an lyrisch-sentimentalen ״Sch mach fern“ wie ״Good-hve Mv Lovc“. Aber sie unterscheiden sich wenig von den üblichen Erzeugnissen auf dem Opercttenmarkt dieser Tage. Dr. M. C a r!1 e r, London. Auf :Dingen steht die Welt Erzählung von GERSON STERN 26. ForUebmis Copyright Vurl«^ Erich Reit«, Berlin Hedda las nicht weiter. Die Kerze flackerte in letzten Zuckungen. Hedda verbarg den Brief, sank in ihre Kissen, wiederholte die Worte, der gleiche Wind jagt uns, und wir wollen nicht zerschellen. Hedda preßte ihr Gesicht in die Kissen, damit man ihr Sprechen nicht hören könnte. Meli. *r erhielt von Hedda keine Antwort. Das beunruhigte ihn ebenso wie die Lage, ans der heraus er den Brief geschrieben balle. Kr war Iwi Ellen gewesen, und die Unterhaltung halle sieh 11m jüdische Dinge gedreht, so wollte es die unausgesprochene /Abmachung. Ellen fühlte, *laß sie sich auf diese Meise Weller näherte. Und Weiter halle eine Sucht, das ihn Bewegende, Drängende durch Worte zu beruhigen. Der Vater war zufällig zu Hause. Crailinger erklärte: ״Wir können nield stolz genug sein, vollberechtigte Deutsche zu sein. Mehl nur vollberechtigt, Herr Doktor, nein, auch mitwirkend, milsehaffenil. und, wenn ('S not lut, uns opfernd für die Größe des Landes, Sprechen wir es klar und deutlich aus, nicht über das Judentum führt unser Weg in die Zukurift, sondern über dieses Land, das wir lieben müssen mit unserem ganzen Herzen und mit unserer ganzen Seele. Es jst der Weg zur Frei heil der Persönlichkeit, zur Höhe der Kultur, zur Größe!umschlichet׳ Ethik und, wenn Sie wollen, auch zur Sicherung unseres Seins. AA'ir stallen den schuldigen Dank ab durch unsere initwirkende Anteilnahme.“ ״Man kann Ihnen drei Talsachen entgegenhallen, Herr Crailinger. Mißverstehen Sie mich nicht, auch ich bin Deutscher, aber die Tatsachen sind nicht wegzuleugnen. Viele wollen von unserer wirkenden Anteilnahme gar nichts wissen. Sic sehen, nein, sie fühlen uns als Juden. Ich spreche nicht von den reinen Antisemiten, die immerhin auch vorhanden sind.“ Crailinger unterbrach. ״AA’ir sind in einer Entwicklung, lieber Doktor. Geduld! Nur eins, wir müssen uns einfügen.“ ״Es gibt jenseits unserer Grenzen Juden. Haben wir Be- Ziehungen zu ihnen?“ ,.Beziehungen?“, fragle Crailinger. Beziehungen haben wir zu allen Menschen.“ ..W as ist denn unser Judenlum. Herr Crailinger? Besieht es? Spielen wir es nur noch, weil es unsere A'orväler für wichtig hielten? Hat es noch für uns Sinn, Bindung, Wert?“ ״leb versiehe nicht, Doktor, warum Sie mit Fragen körnmen, die jede/ mir für sich beantworten kann. Sie holen Dinge hervor, die man glücklicherweise ohne viel Beden mit sich allein ausmarhl.“ ״Es muß alles an uns erlil sein, Herr Crailinger, eclil in seiner tiefsten Bedeutung.“ Weiter sprach merkwürdig erregt. ״AVenn wir Juden sind, so muß es sieh irgendwie bezeugen, positiv bezeugen, oder w ir sind keim* Juden. Ich habe das Empfinden, xvir wollen unser Judenlum verstecken, um unseren Menschen Besser vorztiseliiebeii. Unser Blick ist nach außen gerichlel. auf die AAirkung nach außen und nicht auf uns. W arutn nicht auf uns? Herr Crailinger, ich habe mich in meinem ganzen Lehen stark gefühlt. Und dies ist schwach, ich kann es nicht liinnelmieri.“ Crailinger wurde mm auch erregt. ״Was wollen Sie denn? Judentum ist eine Konfession, nichts anderes. Darüber stellt die Religion, die für alle Menschen gleiche Religion, die nicht Form, nur Inhalt kennt. Ich weiß, die .Masse Mensch‘ braucht die Form. Gehen wir ihr die Konfession, und sie hat ihre irdische Seligkeit.“ ״Nein“, rief Weller, ״durch Betrug schafft man keine Seligkeit.״ Ellen halte die beiden still beobachtet, ihren Vater, der anfangs gleichgültig schien, und AA'elter, der Blößen aufreißen wollte, als triebe ihn seltsame Verbissenheit; nur ein Zweifelnder ist so unduldsam, dachte sie. ״Well er“, sagte Ellen, ״Sie sind ein Prediger, alter nicht in der Wüste. Ich wäre glücklich, wenn Ihre AA’orle mir die irdische Glückseligkeit brächten.“ ״Ich verlange mehr vom Leiten“, sagte Weller kurz. Er fühlte peinlich die Vieldeutigkeit. Er war bald danach aufgchrocltcn und hatte, kaum daß er nach Hause gekommen war, den Brief an Hedda geschrieben. Aber Hedda 11:111 e nicht geantwortet. Nach zwei Wochen erhielt Atelier eine förmliche Einladung von Ellen. Er konnte nicht wissen, daß Crailinger sich sehr dagegen gesträubt hatte. Sanitätsrat Neulums war der weitere Gast. Er versuchte an der üblichen politischen I nlcrliallung vorbiä/ukommcn, indem er nach dem Essen ins Nebenzimmer fliieblele und erklärte, er hätte ktipfschmerzrn. Dagegen 12a 1)0 e< nur lluhe und AA 11׳ ׳. Zunächst versuchte er es mit Buhe, und zur liulie 15'hiirle eine Zigarre. (',railinger kam hinterher, und Neuhaus meinte, die schönste I lilerhalturig wäre, wenn zwei kluge Menschen schweigend sieh verständen. Dann schloß Neuhaus die A 11:1m und ließ den Kopf sinken, so daß sein Doppelkinn sich auf seiner Brust aushrriletc. Ellen und Midier saßen im Musikzimmer. Ellen war bleich, das ihr sonst eigene Lächeln fehlte. Das dunkle Abendkleid gab einen strengen B,■dunen, den die weiße Gaze, um kragen und .Ausscliiiill spielend mildeile. .,Sie stellen An- Sprüche, AAcIlcr. Das verpflichtet Sic. Sie sind herrisch, (las bedingt Reife. Sie sind, ich muß es aus-prerheu. egoistisch. Sie sehen so sehr sich, daß Sie keine Zeit haben, zu den anderen zu kommen.“ ״Ich habe viele Felder, Fräulein Ellen", erwiderte Atelier, ״Nur weiß ich nicht, ob ich die von Ihnen angeführten lvesitze.“ ..Ihre letzte Aussprache war herausfordernd Mein Vater hat einen anderen Standpunkt als Sie, er ist in sich begründet. Ein Mann von dem Aller und der Stellung meines Vaters erwartet mm mal von den Jüngeren Respekt. Das liegt, ihm in den Knochen. Und mm eine Frage. Haben Sie bemerkt, daß ich mich ein wenig verändert habe, daß ich anders bin, als ich noch vor sechs Monaten war? Daß ich über manches iiachdenke. was mir fornlag? Daß es mir näher kommt, vielleicht nahe kommt? Haben Sie es gesehen, es geliihll. es gewürdigt?“ Weiter schwieg peinlich betroffen. ״Ich frage Sie, Weiter.“ Nein, Weller hatte es nicht gesehen und nicht, gefühlt und nicht gewürdigt. Er war so unangenehm berührt, daß er nicht antworten konnte. Ellen fuhr fort. ״Ich sprach vorhin von dem Standpunkt niemes Aaters. Den Ihren. Weiter, habe ich noch nicht klar erkannt. Sie müssen dies enlscliuldigen. Ich habe mich Iiemüht. Ich sehe, wogegen Sic sich wenden. Es gibt viele Menschen, die uns hören lassen, was sie verneinen, ohne uns wissen zu lassen, was sie bejahen. \;on denen, die ich verehre, will ich das Ja kennen.“ Sanilälsrat Neuhaus blich auf dem Heimweg plötzlich stehen. ״AAelter, es muß eine Seide geben", ricl er so laut, daß der Schutzmann sich umdrchtc. ״Glauben Sic mir, es

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