Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 52 (28.6.1935)
- Date
- 1935-06-28
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr 52, 28, VI. 1935 Der neue Shaw Die Insel der Uebcrrasdiungen (S. I ischer \ erlag) Wie groß Bernartl Shaw als dichterischer Gestalter ist — das Urteil darüber können wir Zeitgenossen getrost der Nachwelt überlassen, und wir brauchen nicht einmal selbst irgend ein en unserer Zweifel an dem rein dichterischen Vermögen dieses so fruchtbaren Schriftstellers zu unterdrücken. Denn er ist langst /u einer ganz andern als der dichterischen Funktion und Mission erwachsen, nämlich zu der eines großartigen Zeit- und Zeitgeist-Reporters mit zugleich musi• scher und kritischer Tendenz, mit zugleich ruck- und vorausschauendem Blick. Shaw hat sich die Freiheit seines (jewerbes als Betrachter und Kritiker einer Welt, die nur noch bedingt die seine ist, gegen alle Regeln der Form, des Stils und .- der Verantwortung erkämpft, indem er bei seinen Lesern und Hörern, sie leicht überschätzend, das berühmte granum salis vorausset/t . .. ״Cum grano salis“ muß man auch seinem neuen Stück gcgeniibertreten. Us set/t als Tropen- und Auswandererdrama aut einer Insel im Pazifischen Ozean ein. Lin quickes englisdies .Mädchen soll zuruckbefordert werden, aber es gibt dem binwandcrmigsbeamten mul seinem Schreiber soviel ״Saures", daß dieser sich erschießt und jener -- sie heiratet. Zugleich werden Westen und Osten (fernster, also englisch er Westen und fernster, also indischer Osten!) miteinander konfrontiert. Wobei der Osten sieh überlegen zeigt. Shaw ist dabei engli-ch genug, um t Überlegenheit und l'eberh'gtluit beinahe einander glei!di/usetzen. Wo das Körnchm Salz anzuwenden ist, wird in diesem Vorspiel noch nicht ganz klar. Die zwei Jahrzehnte sp; gehelltes Men ubereiirig hak sehe und buh! entsteht, er >!• herum. I r ha 111 au uniej im Ihm1' r Shaw M־!b-1 Nki* wen• fine ,r.itgel auch Shaw Schwerpunk der Westen Westen ge! sehen ein j dem engli: unexpoated expcriinent und dafür Westen dagegen lierer, hat noch Akte des eigentlichen Stückes spielen zwei .er. Sie dn. hm sich um cm nicht ganz aufehen/ic htungmnpei iment, das von Shaw so ms I )milde, bald ins (irelle, bald ins Drasti* ins Imm-ehc genickt wird, daß der Findruck l'-t <b■ ehe und wende sich um den Kernpunkt , was hinwiederum mehr für seine lieberhwleamlu;t sprkht, nicht die Neigung, über en Menschen- und Meii'Chln'itsprobleme klarer -lim• I aiid-leute. So schildert er ״gezlichtete“ Hirn und den Westen im Blut )steil im Blut und den Westen sieh nur sagen: .Arme Kinder! igefahr auch. 1 angelegter Fabel des Stückes jcrerci werden An der läßt es min 11: Das englische Weltreich hat seinen ,!eh dem ().-!en verlegt, nach Delhi;!1/" geworden, aber ganz und gar Insel dahingegen, auf die sich inzwii-cbcr (n istlieher verirrt hat (er gibt : ,ai den Titel: ״The simplcton of the isks־') mul Subjekt und < fbjekt von Züchtungs- 11 i-t, hat die Viel weibei ei emgefuhrt. Dagegen)' demonstriert die Flotte des Weltreichs - der', der ( Istcii dafür. Alter Shaw, der Fabu- . eine viel tollere Demonstration gegen die'■ >sU II au , tu englische Menschheit des Ostens und Westens ersonnen, keine geringere als die des (ungsten Gerichts! Fin Engel kommt aut die Bull ne und kündigt sie an, natürlich der englischste und unengeligste Engel von der Welt. Das Gericht vollstreckt sich so. daß’die überflüssigen Menscheuexemplarc sich ins ' 'ichts autlosen. Man frage nicht nach dem Ende dieses so physisch hein 11 enden und so iiiefaplivsisch ausklingciulcn Liedes (denn in Lied ist es, fast sogar eine Litanei, und kein Drama), s endet, wie so viele 'Lieder, mit einem ziemlich hergebrachten Refrain: ״Es lebe das Leben! Mag es kommen.“ Man denke: ■das!.eben nach dem |ungsten Gericht! Jenseitiger und zugleich diesseitiger kann kein Lied, kein Drama, keine Auscinamlersetzung ' enden. Glücklicher Greis Bernard Shaw, dem die Rückschau zu einer l'eberschau und sogar zu einer liiruiherschau wird! Ob dieses Stark sieh auf der Buhne bewahren wird, mtcressiert uns hier nicht. Vor 11 n s c r 11 Problemen, zu denen auch das der Anti- oder Synthese von Ost und West gehört, bewährt es sich nicht. Denn es ironisiert leibhaftige Sehmerzen, leibhaftig, weil wir sie am eigenen Leib verspüren. Dies aber bedeutet für unsere Betrachtung eines Dichters, der uns betrachtet: er hat eine so große Distanz zu uns gewonnen, daß er uns vorkoount wie sein englischer Engel: zu engel- Haft, um nicht auch teuflisch zu erscheinen. Aber - von allen Geistern, die (uns) verneinen, ist mir der Schalk am wenigsten verhaßt ... Zumal wenn ihm der Witz so leicht fällt und die Ironie mit soviel Anmut vorgetragen wird. hs. Eine Bialik-Broschüre Reden von Bialik sind immer voll von tiefsten geistigen Impulsen. Wer Bialik je gehört hat, weiß, wie das begnadete Wort aus ihm hcrvorsprudclte. Die ganze geistige Tradition und Verpflichtung des Judentums lebte in diesem Manne. Ls ist daher sehr zu begrüßen, daß die ״Gesellschaft der Freunde der Hebräischen Universität in Erez Israel‘־ jetzt seine Reden und Ansprachen, die sich auf die Hebräische Universität beziehen, in einer deutschen 11 ebersetz 11 ng hcrausgegchcit und so auch weiteren jüdischen Kreisen, die das Hebräische nicht beherrschen, zugänglich gemacht hat. In diesen öl Seiten begegnen wir HOTEL Sd^ *Kl׳ ZÜRICH Lage, Einrichtung und Führung begründen seinen Weltruf Zimmer ab Fr. 9,— Pension ab Fr. 18.— einer Fülle von : Gedanken, die nicht nur für das Institut, dem die Reden galten, Anregungen gaben, sondern Rieht- 1 inien für jüdisdr-geistiges Leben überhaupt. Die Reden warden bei verschiedenen Gelegenheiten gehalten: bei der Eröffnungsfeier am I. April!025. hei der Grümlungsversammhing der palästinensischen Gesellschaft der Freunde der Universitat im April 1033, bei der Eröffnung der Tel-Awiwer Univcrsitiitskur.se im Dezember 1033 usw. Aus dem Ganzen spricht tiefe Sorge um die Zukunft des jüdischen Geistes, um die Sicherung der Kontinuität und die Wahrung der Verbundenheit der allzu sehr in weltliche und materialistische Zonen abspiitternden jüdischen Zeitgenossen mit dem Strom des geistigen Lebens. Wir wünschen dieser Broschüre weiteste Verbreitung. Die Figur des Propheten in der englischen Literatur. Von Studienrat Bernhard B a m b e r g c r, Nürnberg-Jerusalem. Würzburg 1034. Der Verfasser, den deutschen Zionisten durch seine langjährige zionistische Arbeit in Deutschland nicht unbekannt, legt mit dieser Schrift eine ״tvpologische Untersuchung über die Entwicklung des Prophetenbildes in der englischen Literutur von den ältesten Zeiten bis zum Ausgang des 18, Jahrhuiiderts“ vor, eine Untersuchung, die in ihren Ergebnissen auch den interessieren wird, für den die philologischen Details geringe Bedeutung haben. Nach einem Ueherblick über die Gestalt des Propheten in der mclitjüdlscheii und jüdischen Antike behandelt er die Darstellung in der angelsächsischen und mittclenglischcn Literatur. Dann geht der Verfasser auf die Literatur der Renaissance und Reformation ein, in der die prophetische Persönlichkeit unabhängig von ihrer religiösen Bedeutung gezeigt wird. Der Puritanismus, der auf diese Periode folgt, ״führt den Propheten in die Wirklichkeit des Lebens. Staatsmänner und Dichter, Uromwell und Milton fühlen sich selbst als Propheten und entnehmen dem israelitischen Prophctentum die Richtlinien fiir ihr politisches Handein una ihre Dichtkunst". Die Aufklärung schließlich, aut die der Verfasser dann näher ein geht, verkennt die religiöse Grundlage des Prophetentums und kritisiert seine Gestalt vom Standpunkt eines rationalistischen Deismus aus. Das IQ. Jahrhundert, über das der Verfasser in dieser Schrift nicht mehr spricht, kann dann zu einem umfassenderen Verständnis und einer historischeren Auffassung des Prophetentums gelangen. Dr. Alex Bein (Jerusalem) Bedauern und Beglückung , durdi ein Buch Z11 dem Roman von Arnold blitz, ״Eroberer“ Eins bedauert der Leser: daß er nicht mehr dreizehn Jahre alt ist und vielleicht noch eins, wem! er eine Leserin ist: daß er nicht als Junge auf die \\ clt kam, einzig zu deiry Zweck, um nun dreizehnjährig, mit kurzer Turnhose und ewig blauen Flecken am nackten Knie, dies Buch von Arnold Ulitz ,,Eroberer" (Keil-Verlag, Berlin) lesen zu können, LesenLesen kann's der ,,Erwachsene“ auch, sogar würdigen genießen und sich daran freuen. Aber nur der Dreizehnjährige kann (lies Buch erleben, weil nur in ihm noch — oder in ihm lind verschwindend wenig Ausnahmen unter den Erwachscncn, zu denen offenbar Ulitz. selbst gehört, mag er zehnmal sonst Studienrat gewesen sein — der unbez.ving. liehe Drang des jungen Menschen lebt, vom gebahnten Wege fort, in die Ferne hinaus, mag sie min glühend heiß oder — wie in Ulitz’ Buch — grönländisch kalt sein; dort vor allem neues Land entdecken, Land, das du seihst als Erster hc• trittst; Wege finden, die vor dir noch niemand kannte — €0. lunibus werden, und sollte man dich auch in Ketten zur Heimat zurückbefördern. Dabei ist dies herrliche!(Buch, das einem alle Entdeckerträume der Kindheit wieder zurückzaubert, beileihe kein Kinderbuch; allzu derb, ja hier und da geradezu ,,saftig“' ist seine Sprache wie etwa die allen niederländischen Gemälde, aus deren Umkreis es genommen scheint. Auch wird nicht ganz selten darin von vielen Dingen gesprochen, die man ,,nicht vor keuschen Ohren nennen darf״. Aber dennoch würde ich’s jedem Dreizehnjährigen in die Hand geben; lind jedem jüdischen Dreizehnjährigen erst recht, obwohl von Juden niemals drin die Rede ist. Das Buch ist die Geschichte von dem Holländer Jan Braut, dem Sohne des reichen Lukas Braut, der Tulpen züchtete imd Bilder sammelte. Auch der Sohn konnte lesen und schreiben* ja er hatte sogar in Leyden studiert; aber dann ging er mit der ״Schönen Isabclla“ nach Spitzbergen auf den Walfischfang und war der erste, der im 17. Jahrhundert freiwillig und allein — nur sein Hund Karel war bei ihm — in der, Polarnacht auf Spitzbergen überwinterte. Wie dieser Entschlul! in ihm zwingend wird; wie er in der langen, langen Nacht im Sehneesturm fast zugrunde geht und seinen letzten Freund, den kleinen Hund verliert; wie aber dann im nächsten Jahre die vieler! Schiffe ankommen, nicht mir Walfischlänger, sondern auch Seeleute und Soldaten, und wie die große Stadt Smerenburg (Spcrkstadt) aus dem Meere aufsprießt, um all der! speckigen Reichtum zu bergen; wie aber mit dem rasch verdienten Reichtum auch allerhand Laster ihren Einzug halten, so daß die Einsamkeit des ersten Winters als Glück erscheint gegenüber diesem Zerrbild der Gemeinschaft — das ist nicht nur höchst lebendig, sondern auch nachdenklich geschrieben; und manche Predigt über das Ich und das Du läßt sich daraus ablesen. — Auf den Tisch seiner Einsiedelei im ersten Winter hat Jan Braut sich All« Kinder warten auf ״Mirjams Wundergarten“! Das ormiiekemi(- Buch liiriias jüdische- Kind. RM 2,60 d. alle Biuhhandle. od. VERLAG ERWIN LOWE, BERLIN WSO, SCHAPERSTR. ■ die Heilige Schrift gelegt, ״in der er oft zu lesen gedachte". Und dort findet er denn auch die Lösung des Rätsels, das ihn hinaustrieb in Nacht und Eis: ״Die da die Meere in Schiffen befahren ... sie schauen die Werke des Herrn ...“ Ihm hatte das Psalmenwort längst einen eigenen Klang, Die, da die grausige Nacht und den grausigen Winter erleben, schauen den Herrn ... B. B. St* ״Schabbos“ von Frieda W e i ß in a n n, II. Auflage, Verlag J. Katiffmann, Frankfurt a. M. — Diese hübsch ausgestattete Erzählung für Kinder ist soeben in zweiter Auflage erschienen. Sie wird kleineren Kindern gewiß gut gefallen, wenn man auch nicht übersehen kann, daß es besser wäre, wenn sie eine etwas weniger moralisierende Darstellung.■;art anwendet. Das Buch״ ־Israel, Volk 11 n <1 L a n d“, welches voirf Hechaltiz herausgegeben ist und nach kurzer Zeit vergriffen war, ist in zweiter Auflage erschienen. 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