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Jüdische Rundschau · 1935-06-21 · Heft 50 (21.6.1935) · page 12

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 50 (21.6.1935)
Date
1935-06-21
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 JÜDISCHE RUNDSCHAU m. 50, 21.1935 Schekel-Aktion 5694/95 Zionisten! Die Schekel-Aktion hat schon jetzt ein ausgezeichnetes Ergebnis zu verzeichnen. Die Zahl der als gezeichnet gemeldeten Schekalim hat bereits 70 000 erreicnt. Es ist gelungen, eine große Peripherie von Menschen gerade der Kreise zu erfassen, die der zionistischen Bewegung bisher ferngestanden haben. Die Aktion geht weiter. Mit allen Kräften haben wir dafür zu sorgen, daß weiteste Kreise des Judentums in Deutschland den Ruf der zionistischen Bewegung hören und sich durch die Schekel-Zahlung verantwortlich eingliedern. In vielen Orten ist die auffällige Tatsache zu verzeichnen, daß viele Tausende von Nichtzionisten sich durch den Schekel zu uns bekannt haben, während zahlreiche Zionisten, die den Ortsgruppen und zionistischen Verbänden angehören, ihrer Schekel-Pflicht — aus Nachlässigkeit oder welchem Grund auch immer — noch nicht genügt haben. _ Der Geschäftsführende Ausschuß der Zionistischen Vereinigung für Deutschland und die Leitungen des Hechafuz, des Makkabi und der anderen zionistischen Verbände stellen noch einmal fest, daß es selbstverständliche Pflicht jedes Zionisten ist, den Schekel zu zahlen. Die zionistische Bevvegung kann nicht zulassen, daß Menschen, die ihr angehören, diese zionistische Ehrenpflicht nicht erfüllen, und wird sie mit entsprechenden Maßnahmen zur Zahlung des Schekels veranlassen müssen. Wir erwarten, daß in der kurzen Zeit, die uns für die Schekel-Aktion noch zur Verfügung steht, alle organisierten Zionisten ihre Pflicht tun, nachdem ein großer Teil der Juden Deutschlands unserem Aufruf bereits gefolgt ist. Zahlt den Schekel —- werbt für ihn! Zionistische Vereinigung für Deutschland Merkas des Hechaluz Präsidium des Deutschen Makkabikreises Arbeitskreis Zionistischer Bünde seine;:1.־n/e Kr,1 ft und .•.einen ehernen Fleiß dafür eingesetzt, fhiilur ׳.. in■;!׳ eiu/iiiium-en und aus/u-treuen. I me ähnlich iH*c!ir1cn!uu•, aber doch gleichfalls irrige Vcrk:1,!,iü1n,; /w!> iieu ״B 1 1 11 11 n g׳‘ und Judenfrage stellte zur gleichen /1 it und an der .״Icichcn Stelle (Cjeigers Zeit.-, 11; i!tj der |u:!::c Mit.teilt Alfred Stern her, cier noch heute als grei-er 1 loch'.ehiillchrcr zu unseren verdienten Zeitgenossen z.ihlt. I .r hatte den Doktrinarismus des Bürgertums des Jahre׳'• ISls geeilt mehr miterlebt, in ihm regten sich schul!!u-e Zwei lei an der Dauerhaftigkeit der gewonnenen bürgerlichen ,,Freiheit“. Fr schrieb: ״Ob .sich in unruhigen, wilden /.eiten solche Erscheimmgen (wie die d udenver ftdgungen der Bauernkriege) wiederholen können, oh die B i l d u n g tief genug auch in die untersten Schichten des Vollles gedrungen ist, um ihre Wiederholung auf immer unmöglich zu machen, wer wollte wagen, das zu entscheidend“ Der 20jährige Student und der 00jährige Rabbiner stehen ז rer Meinung über das ernste Problem ״Judentum und mg“ noch nahe beieinander, und doch sicht der Jüngere beulen bereits, daß ,,Bildung" entsteht und vergeht, lind alte — wäre er Rabbiner gewesen — es wahrscheinlich Ich nt, das Judentum allein an diesen unsicheren Anker /-u iCstigeu. Zu den ״schwärmerischen“ Juden, die Geigers Zorn hervorrieten, gehörte in erster Reihe Moses Meß. ״Rom und Jerusalem" war!802 erschienen. Fr ,,glaubte und betete nicht mehr“, aber er hatte das Wissen darum, daß die Bildung zu uen Bluten, Pliaiita.Mc und Triebkraft hingegen zu den Wurzeln des Meiisdilieilsdaseiiis gehören. Fr war nur zwei Jahre junger als < iciger, die gleichen Biklungs- (|11c;It1!׳ .spvi-.tr!! den einer! wie den anderen. Der eine hatte den Mut, Romantiker und Schwärmer zu sein, und behielt recht aut die Dauer der Zeit. Der andere fürchtete sieh vor Rottiaimk, ohne doch darum ein Realist zu werden, und behielt recht kaum für die eigene (ieitcration. ln seinem 'I mli -iahre 1S7 i begann neuerdings der Ansturm gegen litt׳ Zur Bezeichnung ״Staatsbürger“ Es ist eigenartig, wie die Dinge ein anderes Gesicht annclmien, sobald man sie mit Juden in Verbindung bringt. Aber der Beweisführung von AUtrecht Wagner in der ״Deutschen Juristen-Zeitung“ (vgl. ״Jüdische Rundschau“ Nr. 49) kann man nicht zustiniinen, Ursprung und Bedeutung des Begriffs ״Staatsbürger“ damit zu erklären, daß man die Schrift des Berliner Professors Dr. C. W. v. Lancizolle aus dem Jahre 1816 ausgriibt, das geht nicht an. Man muß schon in die Zeit der Entstehung des Begriffs ״Staaatsbürger“ zurückgehen, und da ist es ganz klar, daß der ״Staatsbürger“ im Gegensatz zum ״Ortsbürger“ oder ״S t ad t biirger“ steht. Durch die Preußische Städteordnung vort 1808 z. B. waren die Juden Bürger ihres Wohnorts geworden, ohne daß der Staat ihr Verhältnis als Schutzjuden änderte. In Baden wiederum werden sie durch das Konstitutionsedikt vom 14. Juni 1808 ״erbfreie Staatsbürger“, ohne durchweg die Rechte der ״Ortsbürger“ zu genießen. Der Ausdruck ״Staatsbürger“ findet sich hier also eine Reihe von Jahren vor dem Preußischen Edikt von 1812, und auch in den langen Vorarbeiten der preußischen Ministerien über die geplante Veränderung der Rechtsstellung der Juden wird seit 1808 der Ausdruck ״Staatsbürger“ gebraucht. Aber keineswegs auf Juden beschränkt. So schreibt z. B, der Minister von Schroetter in seiner Immadiatvorlage vom 20. Nov. 1808; ״Die Haupttendenz der neuen Constitution muß endlich dahin gehen, sie (die Juden) mit der Zeit zu nützlichen Staatsbürgern zu machen“ (vgl. J. Freund, Die Emanzipation der Juden in Preußen II 209). Daß damit nicht ein Sonderrecht für die Juden hergestellt werden soll, ergibt die Bemerkung der gleichen Vorlage, daß man ״den Juden alle bürgerlichen Rechte bcizulcgen, aber auch alle bürgerlichen Pflichten von ihnen zu fordern“ habe. Schon Schroetters erster ״Entwurf zur Ordnung für die jüdischen Glaubensgenossen in der Preußisehen Monarchie“ vom Dezember 1808 erklärt in § 1: ״Alle gegenwärtig in unser!! Staaten wohnhaften, mit Schutzbriefen usw. versehenen Juden und deren Familien sind als einländische Juden und als Preußische Staatsbürger zu betrachten“ (Freund das. 228). Soviel auch sonst an dem Entwurf geändert wurde, diese Fassung ist in das Edikt vom 11. 3. 1812 ubergegangen, § 1 erklärt die Juden als ״Einländer und Preußische Staatsbürger“ (Freund das. 455). — Auch das bayerische Religionsedikt vom 24. 3. 1809 spricht von ,,Staatsbürgerrecht“ im Gegensatz zum ״bürgerlichen Privatrecht“ und denkt dabei nicht an Juden, sondern in erster Reihe an die verschiedenen christlichen Bekenntnisse. Ausdrücke wie ״Bürger“, ״bürgerliche Rechte“ sind in jener Zeit in allen Verfassungen, Konstitutionen oder, wie man solche Gesetze sonst nannte, zu finden, Die Ausdrücke stammen aus dem französischen Sprachgebrauch und werden im bewußten Gegensatz, zu der früheren Bezeichnung ,,Untertan“ usw. gebraucht, weil die Menschen jener Zeit eben Bürger und nicht Untertanen sein wollten. J. E 1 b o g e n Juden und Jüdisches im Rundfunk Sonnabend, 22. Juni: Wilna (560), 13.05; Jüdische Musik auf Schallplatte:!. — Katu!1c!borg (1261), 15.30: u. a. ״Der Prophet“ von Meyerbeer. — London National (1500), 18.30: Louis Goldmg spricht über Boxen. — Straßburg (349), 20.30: u. a. Offenbach. — London (342), 21.15: u. Castctnuovo Tedcsco, 1 leifetz. — Hilversum (302), 21.40: u. a. Achron. Sonntag, 23. Juni: Luxemburg (1304), ״ :7.45־Uoffmanns Erzählungen“ von Offenbach.; 11.30: u. a. Mendelssohn. Montag, 24. Juni: Luxemburg (1304), 12: u. a. Rubin st ein; 20.40: u. a. Offenbach, Meyerbeer. Dienstag, 25. Juni: Luxemburg (1304), 12: u. a. Moszkowski; 13.35: Schallplatten, u. a. Meyerbeer. — Riga (515), 19.30: Schallplatten, Jchtidi Memihim. — Luxemburg (1304), 21.15: u. a. ״Samson und Dalila“ von Saint-Sacns. — Liga (515), 21.20: Schallplatten, Media Lima.!!, Jehudi Memihin. Todesfall. In Budapest ist,' wie unser a. f.-Korrespondent berichtet, Dr. Josef S c h ö n f e I d, der verantwortliche Redakteur des zion. Organs in Ungarn, kaum einige Wochen, nachdem sein 50. Geburtstag und seine 30jäl1rige schriftstellerische Tätigkeit gefeiert wurden, an den Folgen einer Operation gestorben. Schönfeld war einer der tüchtigsten Führer des ttngarischeu Zionismus. Seit einigen Jahren gab er die ״Z s i d 6 S z e m 1 e“ heraus. Sein frühes Ableben hat allgemeines Mitg Diih! h ervorgeru fen. Schach Bearbeitet von J. Mieses Nachstehend geben wir zwei wertvolle Originalkom* Positionen des großen polnisch-jüdischen Meisters Przepiörka. David Przepiörka, ein Meister jüdischer Abstammung, gehört zu den wenigen Schachgrößen, die sowohl in der praktischen Partie, wie auch auf dem Problemgebiet ganz Hervorragendes geleistet haben. Unter den internationalen Kämpen steht er mit in den vorderen Reihen. Er gewann u. a. im internationalen Turnier zu Meran 192G den zweiten Ws vierten Preis. Aus dem gleichfalls sehr stark besetzten Turnier im Haag 1928 ging er als zweiter Sieger hervor. Viele seiner Partien gehören zu den Perlen der Schachliteratur. Und dennoch liegt seine Hauptbedeutung doch wohl auf dem Gebiete der Problemkunst. Hier bildet Przepiörka geradezu eine Kiasse für sich. An Vielseitigkeit und Gcdankentiefe, gepaart mit einer virtuosenhaften Technik, ist ihm kein Komponist der Vergangenheit und Gegenwart überlegen. Mit Vorliebe behandelt Przepiörka sehr schwierige und eigenartige Themata. Seine eigentliche Größe offenbart sich in vier-, fünf- und mehrziigigen, tief angelegten Problemen, die nur cier wahre Sachkenner voll und ganz zu würdigen imstande ist. — Im Schachleben Polens nimmt Przepiörka seit Jahren eine führende Stellung ein. Er ist einer der Gründer des ״Polnischen Schachbundes“, zu dessen Vorstand er, sowie Casimir Pilsudski, der Bruder des kürzlieh verstorbenen Marschalls Pilsudski, gehören. Marschall Pilsudski war, wie hier nebenbei erwähnt sei, ein eifriger Schachfreund von beachtenswerter Spielstärke und ein generöser Förderer schachlicher Veranstaltungen. Er war Ehrenmitglied des ״Polnischen Schachbundes“ und er hatte »uch das Protektorat über den im August zu Warschau stattfindenden Kongreß des ״Weltschachbundes“ übernommen, dessen Arrangements im wesentlichen in den Händen Przepiörkas liegen. Aufgabe Nr. 4. Von 1). Przepiörka in Warschau. Aufgabe Nr. 5. Von D. Przepiörka in Warschau. a b e d e f g H abcdetg!k 1 לii j fp t ifjjf $ 4 5& n? 111 r€ 4 Matt in drei Zügen Nicht nur das Haupt spiel, sondein auch die Varianten dieses Bmziige-r.s zeichnen sich durch scharfe Pointen aus. Matt in drei Zügen Bin elegantes, ideenreiche« Problem. Lösungen sind mit dem Kennwort ״Schach“ zu richten an die Redaktion der ״Jüdischen Rundschau“, Berlin W15, Meinckestr. 10. Die Namen der Einsender richtiger Lösungen werden an dieser Stelle veröffentlicht. * Dal Dezernat lür Schach im Makkabikrels hat Dr. E. Blumberg, Leipzig O 5, Eisenbahnstr. 89, übernommen. Die Schachabteilumgen werden darum ersucht, sich unter Angabe ihrer Mitgliederzahl und der Adresse ihres Obmanns mit dem Genannten in Verbindung m setzen. In dem Internationalen Schachturnier in Barcelona, das am 16. Juni zu Ende ging, blieb der jüdische Schachmeister aus der Tschechoslowakei Salo Flohr zusammen mit Koltanowski (Belgier.) mit 8 Punkten Sieger. Den dritten Platz hat Grob (Schweiz). HOTEL fftaUA, OU ZÜRICH Lage, Einrichtung und Führung begründen seinen Weltrul Zimmer ab Fr. 9.— Pension ab Fr. 18,— mulli; 1!n■! 1, uhr’:! IrD-nnrn, nmli 0111:1*11. Ich nniBte stielten. Irl muß 11 1״ i>,1 in•!!, ich :!,!!l, l;:!!!•!!, dal,!inan l,1׳l,«•!! Huln- und Siel!״! Ih•!t gewinn . ich mul, die (innnliairi'n Si'liald•!:, X״!-• I,r11 11111' und der Mell darf kein Abgi um! 1-i'j/i, Meller 1 e 11:!: 1 * M׳׳h einen Augenblick zurück und schaute Innaut m den I! 11!!! 111• 1 nun .׳itino'e tD|!!!!d!,;,)! ld״ Z1t lledla, 1111' 1 ei »11׳!:en cd", und . 1!! 1 11 ׳ san dmu! I D t].1 tik■׳!! fr-1geh:11!011 "!mR, Ileddrl I .me! neide wollte dm t■ renn I en, eine neue \ I'I'W 11 imig k.,! 11. Lileii (Ir,ul iimiT m'IiuI, •'Ich ein. Fr war wieder in dm-m en el i-ehen (jeivle •.:eueren. Mas sucht(: er? •Nur «de (r-.dleheiid \\ .־Iler Inhlie Ml 1. ledmekl. Ir Mt!1 lirdda. hr empfand ilirr Nahe wie eine Ansprache an das eigene Lehen. ,,Iledilt, die Jnor '. sagte Weller. Fest hülle er ge.-.igt ״!,ei um׳". ..Ich habe gerade überdacht“, erwiderte lirdda, ,,wie notwendig es ist, 11:11, ich nicht hier bleibe, I >׳•. Melle!׳. Aber während ich dies dachte, hatte ich den Munseh, daß wir uns nicht. so ganz trennen. Ich kann Sie niidil gut in meinen Koffer packen: doch Briefe cinpfangen mul schrei len, wirre das nicht möglich?“ Ht'dda geht fori, sagie sieh M eher. Es wird sich vieles ändern, hr halle das Gefühl, dali das Schicksal eigenartig in sein Leben griff. Ls schien ihm. dali nicht er führte. War es itniiier so'? Mar es eine neue Tatsache? Mer liesliimnt den M cg? Sind wir so ganz wir? Wal tet in uns ein Gesetz von Anruf und Antwort? Sind wir Werkzeuge für eine Idee? Für Vielehe Idee'? ich bin in Verwirrung, sagte sich Weller. Ich muß zu mir zurück. .Nathan war abgrrrDl, Iledda war abgermt. Jeder empfand die V oi-andenmg auf seine Art. .,Mir werden Iledda für uns zurückgcwinnen", sagte Berlliehen zu Rossingcr. ״M ir meinen es gut, und sie ist gut. Güte siegt immer, Arnold?‘ Fräulein Midier fand sieh schwer zureehl. Sie holle öfters ihre Bibel hervor und las: Denn unsere Trübsal, die zeitlich in ul hiclrt ist, schaffet eine ewige mul über alle Maaße wirblige Herrlidtkeil. - Madelaine bekümmerte sieh noch mehr um ihren Papa, aueh wurde Dr. Fehlinger des öfteren cingeladcn. ,.Sic köiuien zufrieden sein", sagle Madelaine zu ihm. ״Das 1*1*11smn,11 liegt in Ihrer I IcimaMadt. Sie werden Iledda sprechen. Ich im,elile mifgenoiunien werden." I)r. Meller wdi mehr als sonst in seinem Heim. Er wollte Ordnung in siel! schal’feit. Er begann damit, daß er der ganzen letzten Zeit nachging und sie prüfte. Er stieß immer wieder auf Iledda. Weller hatte sich neue Bücher gekauft, die ihn sehr beschäftigten. Er las viel, er Jas sieh ein. Er wollte zu sich zurück und — sagle sich eines Tages: ״Es gibt kein Zurück, es gibt mir ein Werden.“ 16. KAPITEL Frau l.öwenberg, eine ungemein gebildete, ungemein große und vollschlanke Dame, führte ein Pensionat für Töcltler aus ״besseren“ Familien. Wenigstens hieß es so in den Prospekten. Es wurde keine Erklärung gegeben, wodurch man die Bcreehligimg erwarb, sieh zu den besseren Familien zu zählen. Frau Löwenlaerg, die gern in Aphorismen sprach, sagte nur manchmal zu den ihr anverlrauten Töchtern: ״Das Leben verlangt Niveau." Es gibt so viele Niveaus; welches Niveau verlangt das!,eben? Zunächst, man muß es schon sagen, war das Materielle wesentlich, wenigstens für Frau Löwcnlterg. Die monatlichen Anforderungen waren nicht gering, aber dafür bot das Pensionat sehr viel. Man lernte sielt)!*.:wegen. Es hört sich so einfach an, ist aber gar nicht einfach, Frau Löwenborg bewies es. Hier begann das Niveau. Man lernte sich benehmen. Distinktion nannte Frau Löwenborg das. Man lernte Zurückhaltung, — Beserve hieß es bei Frau l.öwenlierg. Man lernte lausend Dinge, yon denen man nicht gewußt hatte, daß auf ihnen das Niveau des Lebens ruhe. Dies alles war, es nicht zut sagen wäre Unrecht, dies alles war das Aeußerliche, das verinnerlicht wurde. Frau Löwenborg nannte es Dekoration. Das Eigentliche der Ausbildung wurde durch Beschäftigung mit Sprachen, Lileratur, Musik und Haushalt zti erreichen gesucht. Solche Pensionate gibt es hier und dort, aber dieses Pensionat hatte eine Eigenart, eine für viele unbegreifliche Eigenart: Es war ein jüdisches Pensionat, das streng rituell geführt wurde. Frau Löwenberg ließ sogar Unterricht in den Religion»fächern geben. Sie hatte erreicht, daß der jüngere der beiden Rabbiner der Gemeinde diesen Unterricht erteilte. Der Ruf des Pensionates gründete sich nicht hierauf. Die meisten Ellern zuckten die Achseln: ״Man muß es in Kauf nehmen. Für unsere Tochter ist es keine Gefahr. Schicken wir sie ruhig zu Frau l.öwenberg." Bcssinger halle auf Berthchens Veranlassung an Frau Eöwenberg geschrieben; Bereichen hatte in ihrer Jugend mit unstillbarem Verlangen den unerfüll* baren Traum gehe״!, in diesem Pensionat dem lieben entgegenzureifen. Nun war ihre Iledda dort. Berthelien verlor sich manchmal in die Gespinste ihrer Jungmädchenjahre. Welches Glück, den eigenen Kindern gewähren zu können, was einem seihst verwehrt war. Hcdda hatte die Reise mit anderen Empfindungen angetreten. Sie äußerte sich darüber nicht, nur zu Madelaine Julien hatte sie gesagt: ..Es ist. für ein Jahr. Madelaine. Mein Leben hat eine Atempause.“ Madelaine wußte nicht, was das bedeuten sollte. Sie war aber gewohnt, von Iledda Worle zu hören, deren Sinn ihr schwer einging, und sie schwieg, doch war sie beunruhigt. Sie sagle später zu ihrem Vater: ״Iledda ist sehr klug. Ich weiß mir nicht, oh klug sein und glücklich sein sich leicht zusammen finden.“ Herr Julien nahm die Hand seiner Tochter zwischen seine kleinen Hände: ״Glück, mein Kind, steht nicht an der Tür, daß man sic öffnet und sagt ,tritt ein‘. Glück wird geboren aus dir in dir, Glück ist ein Bewußtsein. Glück ist das Bewußlwerden der endlichen Aussöhnung im unendlichen Geschehen.“ Frau Löwenberg hatte bald empfunden, daß man Hcdda gewinnen, mußte, um sie 7.1t führen. ״Es gibt solche Mensehen, die zuviel geizen.... Sie haben es schwer, wir müssen es ihnen leichter machen.“ So dachte Frau Löwenberg, und 80 handelte sie. Ihre Aussprachen mit Iledda wurden dieser Ein- Stellung gerecht, und doch wurde die Autorität nicht angetastet. Darin zeigt sich der gute Pädagoge, daß er gibt, ohne einzubüßen. Iledda war in einem Zimmer untergebracht, das sie mit zwei Schwestern teilte. Sie galten als die Klügsten im Pensionat, sic schrieben die besten Aufsätze. Es waren Mädchen aus einem kleinen Ort Wie ist es mit diesen Menschen? Entweder sie sinken ein in die enge Alltäglichkeit, oder der Drang des Lernenwollens stemmt sich um so stärker gegen die Einschnärungen. Klärchen und Meta Wider halten unermüdlich gelernt und gelesen und sich über das Gelesene ausgesprochen. Allmählich baute sich daraus ihre Welt auf: es war nichts Erlebtes darin, alles war erdacht, erfühlt und gewonnen. Es war kein Spiel, cs war ernste Arbeit, aus tausend Empfindungen, aus tausend Gedanken, aus tausend Aussprachen wuchs dieses zweite Sein neben ihrem eigentlichen und wurde allmählich ihr glücklicher Besitz. (Fortsetzung folgt) f

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