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Jüdische Rundschau · 1935-06-21 · Heft 50 (21.6.1935) · page 11

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 50 (21.6.1935)
Date
1935-06-21
Page
– (sequence 11)
Language
German
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I. VI. 1935 JÜDISCHE RUNDSCHAO Seife TI t pany »ssod e 15) 1 Uhr, u. 2— Brandt, Hemer m Vor• ellung ilttags irten zu ׳emen", istr. 76, r Sfr. 56 1, den i 1935, iußere srmann, ansfeld, moden, nd 2won", fraßen• nuf bei! riat der rwerbs• 50 nur 3 Uhr, ilttags Karten!er Zioaden 9; nbaum, rten für 1 in be• ellung, 1.- bis umann; sn Büro im Büro O Uhr, iße 23 s Marx,!; Julius irten für a-Heim. LE land sisbar rentable• ■acht lOO.־ eteilijJ. bei ab,*01, ileistunß. Offert, t. Meinekesfr. 10 i- Existenz stub.־Rc8{fcur*t!t,?r. IndustrieslfcdL -rau. Notwendig üiuschr. a. D 631 g, Meinekestr. 10 rfümerie age, vonTOjihrig. istig verMlifliieii. MO RM. *ichere b. D 571 an «ii« Meinchevtc1,1 iahe Ver/insußR dht best, renorm• Familien-I’cnsion IO.- Off. unter D 651 Meinekowtr. 10. Iflr schnell- 1 Käufer. ich Lohnbruten n - Planta{;«*, 2aüse-Wirtsch«h viv wird krank- OO,— verkauf« di• Anzeige«־ , Meinekestr. 10 [*hält und daB igder Einzel*!ran!»•nötigt *r 50, 21. VI. 1935 Hachscharah der Jugend Von Rüdnitz nach Tel-Chaj Besuch Im Vorbereltungslager der Jugend - Alljah Am Montag, dem 24. Juni, fährt eine Gruppe der Jugend• Alijah von Berlin nach Palästina ab, die in Tel Chaj im nördlichen Galiläa zusammen mit Jugendlichen aus Palästina leben und arbeiten wird. Der nachstehende Bericht gibt eine Schilderung über das Vorbereitungslager dieser Gruppe in Rüdnitz. (Red.) 30 Kilometer nordöstlich von Berlin liegt Rüdnitz — erste Fernbahnstation hinter Bernau. Ein kleines märkisches Dorf mit großen Aeckern, Wiesen und vielen Kiefern ringsum. Jenseits des eigentlichen Dorfes steht ein einzelnes Haus dicht am Walde. Dort, wo der Weg von der Straße vorbei r ־ י Auf dem Wege zur Arbeit im Vorbereitungslager Rüdnitz. gmm ■: gßp י< . •m. ׳.e Tf ־■ * J , am umgepflügten Acker zum Hause führt, sind ein paar große Steine zu einem niederen Mal aufeinandergetürmt. Mit weißer Farbe leuchtet von den Steinen der Name ״Tel-Chaj“. Rüdnitz und Tel-Chaj?... Ganz einfach: hier ist ein Vorbereitungslager, das die Jüdische Jugendhilfe für die Jugendlichen eingerichtet hat, die kurz vor ihrer Alijah stehen. Seit Anfang März erst dient dieses Haus, zu dem zwölf Morgen Land und viel Wald gehören, diesem Zweck. Die erste Gruppe von Jugendlichen, die hier vier Wochen zubringen, ist eben noch dabei, das ziemlich verwahrloste Haus von Grund auf instandsetzen. Alle 18 Mädel und 22 Jungen arbeiten mit viel Geschick und gutem Eifer. Betten haben sie selbst gebaut, die Strohsäcke, auf denen sie schlafen, gefüllt, die Zimmer getüncht, die Fenster gestrichen. Vom Keller bis zum Dachboden, von den Waschräumen bis zur Kofferkammer richten sie alles selbst her. Jetzt hantieren einige von ihnen gerade aut den Treppenfiureu mit den Pinseln, um auch hier mit frischem, buntein Anstrich einen fröhlichen Anblick zu schlaffen. Der Aufenthalt von vier Wochen, den die Jugendlichen — sie sind zwischen 15 und 17 Jahre alt — hier nehmen müssen, soll zweierlei Zwecken dienen: einmal bedeutet er eine Prüfung des Jugendlichen, ob er überhaupt als reif tür die Jugend-Alijah bestätigt werden kann, zum anderem «ollen die jungen Menschen in dieser Zeit untereinander und mit dem Führer bekannt und vertraut werden, denn sie sollen ja späterhin zwei Jahre lang in Palästina zusammenleben. Bunt zusammengewürfelt sind diese Jugendlichen hier zusammengekonunen. Aus allen Teilen des Reiches (am wenigsten aus Berlin), aus ostjüdischen und westjüdischen Familien, aus den verschiedensten sozialen Schichten, aus gutbürgerlichem wohlsituiertcm Herkommen ebenso wie aus verarmten kleinbürgerlichen Kreisen. ״Und wie stehen sic nun zueinander?“ fragen wir den Leiter dieses Lagers. ״Sehr gut. Sie sind in dieser kurzen Zeit tatsächlich zu einer Gemeinschaft geworden. Sie haben sieb glänzend eingelebt und aneinander gewöhnt. Unterschiede der Herkunft, der sozialen Schichtung, des Milieus sind ohne weiteres Auf1’:״Dingen steht die Welt Erzählung von GE RS OK STERN XL ForUeW! Lopyngbt Verlag Erich Re»»», Berlin ״Du mußt mir etwas Zeit lassen, Nathan.“ Nathan hatte eine Zigarette angeziindet. Er zog den Hauch in tiefen Zügen ein und betrachtete llcdda mit unsagbarer Freude. Sie ist gerettet, sagte er sich. Sie sitzt vor mir und denkt. Sio wird aufblühen. Sic wird begehrenswert sein nicht als Tochter von Bcssinger, um ihrer seihst willen wird sie begehrenswert sein. Ich verstehe Weller. Aber Geliebte? Sie /,erbräche daran, Nathan lächelte zu llcdda hin, die halb abgewandt durch das Fenster sah. Sie ist bestimmt, Frau zu sein. Sie besitzt, diese Bestimmung mit. einer ganz eigenen Innerlichkeit. Man fühlt es, man fühlt cs zu sehr. Welche Versöhnung mit den Mühen, daß diese Frauen uns trösten können! lledda wandte sich an Nathan: ״Ja, ich habe zwei Fragen. Du sagst, alles ist Einheit. Und es scheint doch, daß alles gegeneinander stellt, in der Natur und bei den Menschen. Die Mensehen wollen nicht nur Trennungen, sie können gar nicht anders, als es wollen. So wie sie nun mal sind, können sie sieh nicht anders verstehen als in Gruppen; Ich habe in den Monaten vor meiner Erkrankung oft darüber nachgedarhl. Ich habe die Gruppen gesehen, ich habe die Einzelnen gesehen. Selbst, in den Gruppen herrscht noch ein Gegeneinander, herrscht noch Teilung. Fast geht es so weit, daß jeder für sich steht, daß jeder allein ist. Und dann noch das Zweite, Nathan. Fehlinger sagte einmal: ,Die alten Aegypter besaßen die Kunst der Einbalsamierung, sie haben Tote durch Jahrtausende erhalten. Wir Juden erhallen das Loben durch die Jahrtausende, unser jüdisches Volk durch die Jahrtausende. So offenbart sich eine Bestimmung, Madelaines Vater sagte im Hinblick auf die gemeinsame Arbeit und das gemeinsame Ziel überbrückt worden. Wenn auch die meisten von Hause aus nicht gerade verwöhnt sind, so bedeutet es doch für fast alle ein Gewöhnen an harte Dinge, ein Einleben in eine neue Welt. Und trotzdem geht das rasch vonstatten, trotzdem werden gewohnte Annehmlichkeiten schnell vergessen. Wichtige Vorarbeit ist nach dieser Riehtung hin — das muß besonders betont werden — bei dein meisten von ihnen schon durch die Bünde geleistet worden.“ Fünf Stunden am Tage wird gearbeitet. H4 Stunden dienen dem hebräischen Unterricht, den die Jungen und Mädel sehr wichtig und ernst nehmen. Wissensinäßiger Unterricht, Diskussionen von gutem Niveau und vor allem Sport, in dem sie ganz auf der Höhe sind, füllen den Rest des Tages. ״Und was tun sie am Schab bat?“ ״Gut, daß Sie diese Frage stellen“, gibt der Leiter zur Antwort. ״Die Gestaltung des Scliabbat ist ein wesentlicher Bestandteil des Erziehungsprogramms. Allerdings bringen manche jungen Menschen der Bedeutung des Religiösen nicht genügend Verständnis entgegen. Hier muß nun die verantwortungsvolle Arbeit dos Führers cinsctzen, um die Jugendlichen auf die Erkenntnis des Wertes religiöser Formen hinzulenken. Uebrigens besteht ja innerhalb der Jtidischen Jugendhilfe noch ein besonderer ,Ausschuß für religiöse Jugend-Aiijah‘, der die Alijah der gesetzestreuen Jugend 'zur Aufgabe hat. Diese Jugendlichen werden auch in Deutschland in besonderen Vorbereitiuigslagern untergebracht.“ Diese Gruppe, die wir hier sehen, und die dem Riklnitzer Heim den ersten — wenn auch noch etwas primitiven — Anstrich gibt, ist vor allen anderen ausgezcichnet: das Ziel ihrer Palästina-Wanderung ist Tel-Chaj. Sie ward wieder aut jenem Boden arbeiten, der mit der Gcschichte des Zionismus so eng verknüpft ist. Die Freude der Jungen und Mädel war groß, als sie erfuhren, daß sie als erste wieder in die verlassenen Häuser von Tel-Chaj einziehen würden. Wenn man sie fragt, sprechen sie zwar nicht laut von diesen Gefühlen, die sic bewegen, denn sie fürchten, es klänge ein wenig phrasenhaft. Aber man merkt ihnen deutlich an, daß sie etwas von der großen Verpflichtung spüren, die ihnen damit auferlegt ist, daß sie an der Stätte, an der Trumpeldor fiel, weiter arbeiten und neu schaffen sollen. Sie sind sehr stolz darauf, daß sie nicht An der mit einem Kreuz bezeichnten Stelle fiel Trumpeldor. Der alte Wirtschaftshof in Tel-Chaj. mm:■ ׳?*Jm.'&f-n: in die schon bestehenden anderen Siedlungen, sondern gerade an jenen historischen Platz kommen, der im übrigen ja auch landschaftlich ausgezeichnet ist. Wie sehr die Jungen die Bedeutung von Tcl-Ghaj empfinden, geht daraus hervor, daß selbst die, die ursprünglich nicht mit dieser Gruppe zusammenblciben, sondern drüben in die Gruppe ihres Bundes übergehen wollten, sich nach reiflichem Geberlegen entschlossen haben, in der Gemeinschaft mit ihren gegenwärtigen Kameraden zu verbleiben. Rudolf Melitz es anders: Gott offenbart sich in der Bibel, und wir leben durch die Bibel. Wie kommt es, daß wir als Juden da sind, heute noch da sind, wenn die absolute Einheit, von der du sprichst, das Gesetz ist?“ ״Liebes Kind, du hast hundort Gedanken gestreift. Es ist schon so, deine Sehnsucht ist mit Wissen nicht zu sättigen. Und ich wiederum kenne nur die wissenschaftliche Prüfung. Gott, Well, W'ahrheil, Offenbarung wie es als Tage-münze von llanil zu Hand gehl — was bedeutet es? leb will dir's sagen, damit du mich verstellst. Du und dein Gott, du und deine Welt, du und deine Wahrheit, -- das hist alles du. Denn das von dir Erdachte hist ja du. Du fühlst es, du ersinnst es. Du ,stellst es dir vor, ist es deshalb vorhanden? Du schaffst ein Objekt. ahm■ «las Objekt und du sind ein und dasselbe. Mein Kind, du schaffst deinen Gott, den du in die Well setzest. Er ist nicht da ohne dich. Glaube mir. jeder hat einen anderen Gott, jeder hat seinen Gott.“ Nathan betrachtete den anfsleigenden Bauch der Zignrette. ״Sieh diesen Baiieh. lledda. Er isl da, er steigt auf, er ist nicht mehr da. Und er ist doch da. Unermeßlich ist, was wir uns erschließen müssen. W ir fangen erst an, die Welt zu erbauen, uns zu erbauen, und wir setzen gleich einen Gott hinein? Einen Begriff, den wir nicht erschöpfen können? Eine Krall, die •wir nicht ausdrücken können? Seien wir Ix!- scheiden(! Baumeister.“ lledda war sehr verwirrt. Sie wußte nur zu erwidern: ״Du, Nathan, du denkst doch auch und nimmst an? Machst du aus deinem Erdachten nicht einen Gott, ich meine etwas Unantastbares, fast möchte ich sagen Heiliges?“ ״Es freut mich, daß du so sprichst, Hedrla. Es sieht so aus. Der Unterschied ist: du stehst, mitten in deinem Erdenken und gehst von dir aus, ich bin überhaupt nicht vorhanden, ich ziehe mich ab von der Rechnung. Ich lasse das nackte Geschehen, sein Gesetz, wie es sich bekundet, sprechen. Ich bin nur der Griffel, der aufschreibt..“ llcdda überdachte die Worte, als sie mit sieh allein war. Es muß furchtbar sein, nur Griffel zu sein. Ich meine, daß das Erleben das höchste Zeugnis für unser Sein ist. Und 'llcdda freute sieh, daß ihre mathematischen Grundziffern andere waren als die von Nathan. lledda gesundete. Eine Blässe war geblieben, doch die Augen hatten mit ihrer Lebendigkeit das Besondere zurück- Deutsche Reformjuden vor 60 Jahren Eine Abraham-Geiger-Reminiszenz Von Dr. Raphael Straus. Von Abraham Geiger, dem bedeutenden Kanzelredner, Gelehrten und jüdischen Reformpolitiker, dessen 125. Geburtstag in diesen Wochen begangen wurde, existiert eine politische Gelegenheitsäußerung‘, die gerade in unseren unruhigen Tagen der Vergessenheit entrissen zu werden verdient. Die ehedem berühmte ״Augsburger Allgemeine Zeitung“, die zu ihren Mitarbeitern auch Goethe und Heine hatte zählen können, brachte im Jahre 1809 einen Bericht über die Palästina-Kolonisation der deutschen Templer. Der Berichterstatter lehnte diesen Kolonisationsversuch ab; das heiße Klima sei dem Europäer und seiner Leistungsfähigkeit abträglich. An diesen Bericht knüpfte die Redaktion folgende interessante Bemerkung: ״Warum thun denn aber die Juden selbst so gar nichts, um, wozu heutzutage gewiß Gelegenheit wäre, ihr altes Vaterland, wenigstens für einen Teil ihres Stammes, wicderziigewinnenP Sie beten allwöchentlich in der Synagoge um ihre Rückführung dahin, vergessen aber dabei das ,Hilf dir selbst und Gott wird helfen‘. An Geld fehlt es ihnen wahrlich nicht, und auch nicht an diplomalischen Verbindungen. Freilich müsse man dann im Schweiße des Angesichts arbeiten.“ Diese Aeußerung erweckte Geigers Entrüstung. Fr schrieb am 21. November 1809: ״Der Berichterstatter kennt also jene gleichfalls fruchtlosen Bemühungen nicht, welche von seilen schwärmerischer Juden gemacht werden, ihre dort weilenden Glaubcnshrüdcr zum Äckerhau anzuleiten, Landbesitz zu erwerben und Colonicn zu gründen. Freilich geht das bloß von dem- Livres Iran^ais — English books kaufe nur bei GERHARD FUCHS W50, Nürnberger S«r. 64 a. d.Tauentxienstr. B 4 (Bavarta) 7022 jenigen Teile der Juden aus, die entweder selbst wirklich mit dem Munde die Rückkehr erflehen, wenn sie auch im Herzen nichts dabei empfinden, oder von denen, die zwar nicht mehr glauben und beten, aber an einer romantischen Verehrung für Palästina kranken. Die ersteren erhoffen zwar die Erfüllung ihres Wunsches von wunderbaren, nicht von natürlichen Vorgängen: wenn sie in neuerer Zeit dennoch zu diesen die Hand bieten, so isl dies ein Zeichen, daß der alte Glaube sich abgeschwächt und modernisiert hat. Her gebildete Teil der judenheil jedoch ist von dem Nalionalitätenschwindel frei. Er erkennt in Palästina die Gehurtsstalle, aber nicht die dauernde, ersehnte Heimat. Ihn beschleicht kein Heimweh, und er fühlt sich trotz aller miertjuichlichen Spöttereien des ,allgemeinen‘ Berichtcrslatters nicht dazu berufen, seine Kräfte, die er anderswo nützlich, nicht bloß für sich, verwertet, dort zu vergeuden. Seine Bildung wird auch den Brüdern im Orient zugute kommen, wenn die dortigen Verhältnisse deren Eindringen ermöglichen. Aber er wird den Judenfeinden nicht das Vergnügen machen, seine Wohnsitze zu verlassen, um der Stumpfheit eine leichte Beute zu gönnen. Was der alte Druck nicht vermocht hat, wird der eigene Wille in der Freiheit nicht ausführen, und für so dumm sollte man die Juden nicht halten, daß jade Sticheleien auf ihre Ent- Schließungen einen Einfluß iiben könnten.“ jn der schrecklichen Unzulänglichkeit dieser schulmeisterlichen Abwehr liegt das fundamentale Mißverständnis des offiziellen deutschen Judentums im 19. Jahrhundert verborgen. Ls war ja ein anerkannter Führer, der diese Worte geschrieben batte. Der erste Rabbiner in Deutschland war es, der diese Vcrzichtc-rklärung auf Palästina, den Tragpfeiler indischer Religiosität, aussprechen konnte, der die Errungenschaft der bürgerlichen Freiheit so hochstellte, daß er das jüdische Innen- und Zukunftsleben nach i h r ausrichten wollte! Welche Verblendung des Augenmaßes, aber auch welche Schwärmerei im Herzen dieses vermeintliehen Realisten! Ja, ehrliche Schwärmerei, und das ist das Versöhnliche bei der Sache. Es ist die ״Bildung“, die es nicht bloß diesem Manne, sondern seiner ganzen Generation angetan hat. Die ״Bildung" ist nach seiner Meinung das Gut, das die europäischen Juden den Orientalen zu bringen hätten. Er hat gewonnen. Nathan hielt Wort. Sie saßen zu viert in der Ecke einer Teestube. Sie saßen für sich allein. Alle hatten gesproehen, lledda. Dr. Weller, und Fräulein Midier bis auf Nalhan. ..Ich spreche mil Absicht als letzter“, sagte er. ״Ich habe als nacloter lleddas Erkrankung verfolgt, ich kann als Arzl am lieslcn sagen, was das Studium erfordert. Ich schlage vor. lledda geht zunächst ein Jahr in das Pensionat. Sie soll nicht hier bleiben. Sie kann noch nicht studieren. Es isl die einzige Lösung." lledda widersprach, sie wurde erregt. Aber Nalhan setzte seine Gründe so sachlich und ruhig auseinander, er wurde so eindringlich in seinen Worten, Fraulein Müller iinterslö Izte ihn mit so vielen Gründen, daß lledda kleinlaut wurde und l)r. Weiter schwieg. Auf dem Heimweg ging Nathan mit Fräulein Müller, ״lledda gehört zu den Mädchen, an denen unsere Augen hängen bleiben", sagte Nalhan. ״Es ist nicht, die Schönheit, die so wirkt. Die Schönheit ruft Bewunderung hervor. Aber wonach wir mehr verlangen, ist, der Bereitschaft, dem Verstandnis, der Hingabe zu begegnen. Mißverstehen Sie nicht, Eräulein Müller, dies soll nicht in Worten liegen, nicht sich an uns drängen. Es soll so in einem Wesen zu erahnen sein, daß wir ergriffen werden. Wir wollen uns geborgen fühlen. Die Natur ist, wunderbar weise, wir suchen es im anderen Gesclilechl. 11nd weil ('s so ist, deshalb bleiben unsere Augen an lledda hängen, und deshalb glaube ich, daß bei all ihrer Klugheit das Klügste isl, daß lledda ihre Aufgabe als Frau erfüllt. Ich 11,11«• Sludienknlleginnen, Kameradinnen, ich gehn der Frau jede Freiheit. Aber besonders ein Frauenarzt muß Physiologe, Psychologe sein. Und noch etwas, er muß den Huf hören, der noch nicht erklungen ist.“ llcdda und Weiter waren zurückgeblieben. Sie standen an der Bank, auf der sie in jener silbergoldcncn Nacht gesessen halten. Dr. Weller bat: ״Lassen Sie uns einen Augenblick verweilen." Das Wasser spiegelte den blauen Himmel. Man sah in die Ebene, die von Wegen und Baumreihen durchschnitten wurde, man sah bis zu den Höhenzügen, die sich an den Himmel anzulehnen schienen. Weller empfand: Mein Leben ist in Verwirrung. Es hat mit. ein paar unbedeutenden Worten von Bcssinger begonnen. Doch dann, Schritt für Schritt, wurde ich hineingezogen, hincingcrissen, hineingetrlehen in den Zwiespalt. Ich hatte keine« Wahl. Ich hatte keine Möglichkeit ja oder nein zu sagen. Ich

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