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Jüdische Rundschau · 1935-06-18 · Heft 49 (18.6.1935) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 49 (18.6.1935)
Date
1935-06-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis in Italien 1.50 Lire Nr. 49 / Jahrgang1 40 Preis 25 Rpf. JÜDISCHE RUNDSCHAU 8 chxiftleltang,Vertag 1« Anaelgenirerwaltung«BorUaWlJ, Melnekefttr »IQ Fernruf; S.mmei-Nr.Ji Bismarck 3181/82,7165/70,7240/42.- Bezugspreis je Monat RM 2,-, je Vieneljahr RM 5,75. - Postscheck-Konten der Vertriebs-Abteilung: Berlin 71573 (für Groß-Berlin), Berlin 17392 (für das übrige Reich). Auslandsbezug in jeweiliger Landeswährung. - Erscheint jeden Dienstag and Freitag« BERLIN י״ז פיון תרצ״ה DIENSTAG, 18. JUNI 1935 AmalcmpralsUaU Nr. * gültig. Di« I2gwp, mm-Zeilo 20 Rpf, für SnllangM. 10 Rpf, für FamiliennachricHten 15 Rpf. Einzalanzeigen mir Regen Vor.u^z.hlunc: am Schalter oder auf Postscheck-Konto Berlin 71618 Montag bia Donnerstag 9 -IS Uhr, Freitag 9-16 Uhr. AnnahmeschluS für die Dienstag-Ausgabe Montag 10 Uhr, lüg die Freitag-Ausgabe Mittwoch 11 Uhr (FamilienMueigen bi» Donnerstag 10 Uhr) Der Zionismus erstrebt tflr das indische Volk die Schaffung einer öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. (Baseler Programm) ״Staatsbürger“ und ״Untertan“ Es geht alle an Viele haben erst in den letzten Jahren zu verstehen begonnen, daß die Diaspora den Juden immer nur eine relative Sicherheit geboten hat. In verschiedenen Formen, dem jeweiligen politischen, geistigen und ökonomischen Zustand der Umwelt entsprechend, sind die Juden in das allgemeine Leben eingegliedert gewesen. Auch die Emanzipation war (oder ist) nur eine solche Form der Eingliederung, die einem bcstimmten Zustand der Umwelt entspricht. Wenn sich aber in der Umwelt ein Ueberg'ang von einer Struktur zu einer anderen vollzieht, dann gerät auch die schmale Basis der jüdischen Existenz wieder ins Wanken. Es scheint, daß wir uns in dem großen Auf und Ab unserer Geschichte jetzt in einer solchen Periode der Labilität befinden. Politisch, ökonomisch und geistig vollziehen sich tiefe Wandlungen in der uns umgebenden Welt, und innerhalb dieses Prozesses stehen wir Juden plötzlich isoliert da. Fast in allen Ländern der jüdischen Diaspora sind Krisenzeichen zu vermerken, wenn auch natürlich mit sehr großen Unterschieden der Stärke und der Art. ln Rußland ist vor 15 Jahren durch den Bolschewismus die Ökonomische Grundlage des jüdischen Lebens, die ohnedies schwach genug war, vernichtet worden; in Polen ist durch die ökonomische Politik des neu gebildeten Staates und durch den Nationalismus die Lage der Juden, obwohl es keine judenfeindliche Gesetzgebung gibt, geradezu unhaltbar geworden und die Zahl der Verelendeten geht in die Millionen. Die Unruhen in Grodno sind ein Warnungszeichen, daß die Juden auch physisch bedroht sind. Aehnlich ist die Lage in einigen anderen Ostländern. Ueber die Veränüerung im Status der Juden in Deutschland braucht nicht erst gesprochen zu werden. Jeder verantwortungsbewußte Jude muß schwerste Sorgen empfinden über die Entwicklungen, die wir vor uns sehen. Wir stehen vor fast ausweglosen Problemen von unübersehbaren Dimensionen. Sollen wir nun, wir Juden von heute, dastehen und jammern, über unser Schicksal oder über die ״Bosheit der Welt“ klagen? Gewiß wird niemand das Vorschlägen. Wir müssen unsere Kräfte einsetzen, um aus einer Zeit der Erschütterungen und Strukturwandlungen zu einer neuen Lebensform auch für uns zu gelangen, und wenn in einem solchen Prozeß des Gestaltwandels und der Umformung auch unsere Kraft gestählt und Unsere Substanz geläutert wird, so ist dies gewiß ein begrüßenswerter Nebengewinn der Prüfungen und Entbehrungen. Wir haben vor allem unsere Jugend zu tatkräftigen Menschen zu machen und auf das neue Leben und neue Lebensbedingungen vorzubereiten, aber das können wir nur dann, wenn wir die Zusammenhänge wirklich durchschauen und wenn wir erkennen, daß wir am Umbruch zweier Epochen, wahrscheinlich der europäischen Geschichte, sicherlich aber der jüdischen stehen. Außer dem Zionismus gibt es bisher keinen Versuch, dieses jüdische Geschick im Zusammenhang zu sehen- Wir Zionisten haben zu helfen versucht, durch Palästina, das ein neues Lebensgebiet für einen Teil des jüdischen Volkes und zugleich der Kern einer jüdisehen Kultur werden soll, aber auch abgesehen hiervon, durch Denkarbeit, die eine Voraussetzung für jede Eingliederung der in der Diaspora lebenden Juden innerhalb der neuen, sich umgestaltenden Welt ist. Denn wie immer man dazu stehen mag, was sich da oder dort in der Welt abspielt, wir wären töricht, wenn wir dies nur nach der Wertskala beurteilen wollten, ob es für Juden günstig oder ungünstig ist. Wir würden damit nur uns selbst täuschen. Die Konsequenzen, die w׳ir zu ziehen haben, sind härterer Art. Es ist ein Problem für uns alle. Die meisten Juden, welcher Gesinnung oder Denkungsart immer, haben ja unter den gleichen äußeren Verhältnissen und der gleichen kulturellen Verbundenheit gelebt; auch die neue Lage trifft sie alle in gleicher Weise. Wir haben uns zu bemühen, eine Lösung f ü r a 11 e zu finden; nicht in dem buchstäblichen Sinne, daß jedem Einzelnen in seiner äußeren Not geholfen werden kann, aber in dem Sinne, daß wir alle brüderlich umfassen und die Gleichheit der Lage und der Not erkennen. Und da erleben wir es, daß ein Rabbiner kommt und zu uns sagt ״Was geht es euch an?“ Das , schreibt der Rabbiner der Berliner Reformgemeinde Die ״Deutsche Juristen-Zeitung“ vom 15. Juni veröffent• licht eine Abhandlung ״Zur Entstehung und Bedeutung des Begriffes Staatsbürger“ von Albrccht Wagner, Berlin, in der darauf hingewiesen wird, daß sich dieses Wort in der preußischen Gesetzgebung zuerst in dem Edikt über die Judenemanzipation von 18 12 finde. Zum Beweise des ursprünglichen engen Sinnes des Wortes ״Staatsbürger“ zitiert Wagner Ausführungen des Berliner Universitätsprofessors Dr. C. W. von L an ci zolle aus der Schrift ״Ueber Königtum und Landstände in Preußen“, Berlin 1816: ״Wie wenig populär der Ausdruck Staatsbürger geblieben id (bet welehem übrigens die grübe alleimeUt noch jetzt Mei! schwer lieh viel zu denken vermag) zeigt sieh itt dem sonderbaren, selb:;! in der Hc.rmtemvelt: lange Zeit gangbaren Spraehgebrauch, wonach unter diesem .\ame!1 ganz einfach ein der Wohltaten jenes (iesetzes vom Jahr 1812 teilhaftig gewordener Jude verstanden worden ist. i)a die aufgeklärten Juden sieh des f!ui. 1;■ namens töiiehtenveise zu schämen 1 סן. gen, so haben auch sie diesen Sprachgebrauch natürlich befördert, vielleicht nicht ohne die Ilolümng, durch die Priipondcranz des (feldes und des (vielen ihres Volkes nicht abzusprechenden) Talents und durch die Verbreitung eines pseudo-inosaisehcu Deismus die wirkliche -Metamorphose unseres eiirist iieb-deutsehen Staates in eine Art Judenstaat zu erlelscn, in welchem sie natürlich vor allen anderen das politische Grolibürgertum ansprechen konnten.'‘ Im Anschlüsse an dieses Zitat fährt der Artikel von A. Wagner fort: ״Aus dieser Stelle geht zweierlei hervor. Einmal, daß der Aus■ druck ״Staatsbürger“ bis 1848 sich gegenüber der bisherigen Be• Zeichnung ״Untertan“ keineswegs durchgesFtzt hat, obwohl er sieh in der Publizistik vereinzelt schon vor dem Emanzipationsedikt fand und obwohl dieses Edikt auch die Nicht Juden als ,andere Staats• bürger‘ bezeichnet halte*. Zweitens aber zeigt die Bemerkung Land• In einem Vortrag über ״Rasscnpflegc im völkischen Staat“ vor dem Seminar für nationalpolitische Pädagogik an der Hochschule für Politik kam der preußische Staatsrat Ministerialrat Dr. Conti auf die Frage zu sprechen, wieviele Juden heute noch in Deutschland leb• ten. Er erklärte, daß noch vielfach die falsche Ansicht ver• breitet sei, es habe in Deutschland immer ״nur“ 000 000 Juden gegeben. Diese Zahl sei auf eine Zählung von 1912 zurückzuführen, bei der unter ״Juden“ nur die Angehörigen der jüdischen Konfession verstanden worden seien. Tatsächlich aber habe es damals 2,5 Millionen Nicht• arier gegeben. Diese Zahl sei inzwischen etwa auf Dr. Gottschalk im Organ des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten, und er meint damit nicht etwa — wie man es nach Goethe vermuten sollte — das Objekt seiner Liebe, sondern er will damit sagen: daß es die Zionisten nichts angelie, was er und seine Gruppe tun und empfinden. Er ist — wie übrigens wir alle — erschüttert über die Ausgliederung der deutschen Juden, aber er will mit seinem Seelenschmerz allein sein. Wir sagen es offen: Es ist ein sehr häßliches Wort, dieses ״Was geht cs euch an“. Wir sind davon nicht verletzt, denn es geht uns eben an, auch wenn der Herr Rabbiner protestiert. Aber es ist uns ein Symptom für die Lage der deutschen Juden und für die Denkungsart vieler, die ihre Enttäuschung über verlorene Illusionen in Aggressivität gegen andere Juden uniwandeln. Euch? Wer ist ״Euch“? Das Wort erinnert uns an das Wort der Peßach-Hagadah, an jene Frage, die dem ״Bösewicht“ in den Mund gelegt wird: ״Was soll euch dieser Dienst?“ — Euch, nicht ihm? Und, so fügt die Hagadah hinzu, da er sich aus der Gemeinschaft ausschließt, hat er in der Hauptsache gefehlt. Dies ist die jüdische Ursü nde: das Zerbrechen der Gemeinschaft. Und darum müssen wir dem Rabbiner antworten: Es geht uns an, und es geht sogar Sic selber an — alles, was da geschieht. Groß ist unser Schmerz über die Wendung des jüdischen Geschicks, aber noch größer unser Schmerz über die Juden, die auch jetzt noch vor ihrem Judentum zu fliehen versuchen, statt sich den neuen Pflichten und Aufgaben zu stellen, die uns alle angehen, sie und uns, ob sie es wollen oder nicht. Wenn jemand daran verzweifelt, einen jüdischen Ausweg zu finden, so ist das eine persöniiehe Tragödie, aber wer öffentlich wirken, wer sich für das Schicksal der Juden verantwortlich fühlen will, der muß zz)!k*:1) ,״,'ilf man die Br/nu linun^ ,,Staambm^er'‘ pcnnle fiir die (maniopict tau Juda! panamd hirli. Bodcnk! nran, dad da.. Fm.mripatioiiH'diki!)<•1; Juden keime.die volle ז de iele-iellun״ gebracht halle und tlalj!ine Reihte 1!a<׳h 1815 wieder verkleinert wurden, ••e "11111( hier abu der Au-diiirk ,81 a.n.l>111 ״er‘ lur Peronnn vtrwandt, di! weniger Kohle und denmrnuiLi aueh weniger l’iiid'Urn hallen uh der ,1 nlertan*. ׳ - I)ie Anwendung dt'. AuMrtiek., auf die Juden bi. 11 man für uiileedenklieh, weil ,.!< h die m ihm enthalten■ 1 ehe! legende;‘ d> ׳ Hingin״. wegen der in Wirkiielikeil ne'ieh geuuudei 11 11 Rreht eellung der luden niehi jirik'ieeh au.wirken konnte, (ihirh,nj<1g :׳.einen der Kompr.tnu kau -dniek ,St ,00 .״luirger‘ aui du׳ Juden 1!.־ , u!de!gu; /.u pa.-en; dm!u me hatten mehr Rechte*;da ׳,in l'hemdir, eher wenig! r Rrcii!,■ ab ein!׳u׳uif!e.elur Uulerbm, bellten ab׳!׳.elh-1 eine Komptoiinker-etit. mung /wr-cheu ,Weltbürger‘ und .Milbing( r‘ dai. I׳.l>e!w> erklär! ״idi aueh der Triumph de,. Worte., ,,Staat.- bürger“ .,eit 1848. 11(011 jeUi wurde da, ,Oeide he lüemem einefeuiig zugunsten de, Iibe1.il ■Inirgei liehen vrrdiungi. wahrend die Formel ,,Staat •hiirgeu“ glci!!!/,! i! 1g geeignet war. hiember himvegzutäuschen. — Soweit au der K!Weiterung und Ausdehnung d(.״ Wortes ״Staatsbürger“ judi-ehe Staa!:ווי ein.lehret־ beteiligt vvaren, wurf! die Aeuikrrung l.ancizollc, allerding, gleichzeitig rite Klage aut, ob diene damit nicht pro domo redeten, um .סי den Unter, ehied von Juden und Nicht Juden über dem geinein-anicii Slaatdmrgcrtum vergessen zu machen und zugleich die, Wort in einem ihnen günstigen Sinn zu deuten. - -׳ Das Wort ״Staatsbürger“ hat heute einen Bedeutungs- Wandel durchgemacht und wird als besonderer Ehrentitel gebraucht. Es ist aber charakteristisch, daß ein Wort, das ursprünglich mehr juristisch-abstrakten Charakter als wirklich organischen Ursprung hatte, vor allem für die Juden angewandt wurde, deren Eingliederung als mechanisch empfunden wurde, [die Juden selbst haben freilich die Gefühlsbetonung des ihnen zuerkannten Titels anders eingeschätzt. 1!5 Millionen gesunken, und zwar zähle man heute in Deutschland 500 000 mosaische Volljuden, 300 ÜQO Volljuden nkhtjüdischen Glaubens und 750 000 jüdische Mischlinge. Die ״Jüdische Rundschau“ hat vor einiger Zeit (״Jüd. Rundschau“ Nr. 50 vom Jahre 1933) eine statistische Untersuchung von Ernst Kahn veröffentlicht, worin dieAer zu dem Ergebnis kam, daß die Zahl der Nichtarier in Deutschland im Jahre 1933 060 (MM) betrug. (500 (XX) Juden pftis 160000 nicht jüdische Nichtarier.) Auch an anderer Stelle sind später etwas abweichende Berechnungen veröffentlicht worden. Es ist zugegebenermaßen schwierig, die richtigen statistischen Grundlagen für diese Daten zu finden, und daher schwanken auch die Berechnungen und Angaben der verschiedie Kraft haben, den Dingen in die Augen zu sehen und in einer Zeit, die n e u e Konstruktionen fordert, an diesen Konstruktionen mitzuhauen. Das jüdische Probient ist als Weltproblem auf gerollt. Es gibt keine Isolierung auf die einzelnen Länder, es hat sie nie gegeben. Wenn z. B. französiche Juden, und sogar Rabbitter — es gibt ja die merkwürdigsten Rabbiner sich gegen den Zustrom deutscher Juden wandten und die französischen Behörden in ihrer Grenzsperre bestärkten, so taten sie zwar nur dasselbe, wofür attch manche deutschen Juden in ähnlicher Lage eintraten, aber deutsch-jüdische Funktionäre hätten dadurch zur Besinnung kommen können. Man muß schon etwas umfassender denken, nicht in kleinlichem Egoismus und nicht in leerer Sentimentalität. Und das ist der tiefere Sinn des Kampfes, der heute im deutschen Judentum vor sich geht. Es gibt keine stärkere Stützung des zionistischcn Führuiigsanspruches als dieses ״Was geht cs euch an“. W i r sagen dieses schöne Wort nicht einmal, wenn Dr. Gottschalk (der sich noch kein Recht des Urteils über Palästina erworben hat) plötzlich unsere eigenen Urteile über Palästina zitiert, ja, auch das geht ihn an, noch viel mehr ginge ihn eigentlich an, was er noch nicht ״geiernt“ hat- Wenn Dr. Gottschalk aus der ״Jüdischen Rundschau“ einige Sätze zitiert, die das Bewußtscin der Unvollkommenheit des in Palästina Erreichten widcrspiegeln, so tut er uns damit eine große Ehre an. Denn die großsprecherischen Satten, die Selbstgerechten und leicht Zufriedenen mag es auch bei uns geben, in der Hauptsache aber waren sic stets im Lager der bürgerlichen liberal-assimilatorischen Juden zu finden. Gewiß sind wir heute weder in Palästina noch anderswo am Ziele. Aber die Richtung heißt es zu finden und die Kräfte zu bilden, und — über alles — eine Idee zu haben, nach der das Volk sich formen kann. Die Not ist groß. Es geht uns, es geht euch alle an. Die Zahl der Nichtarier denen Statistiker.

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