Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 45 (4.6.1935)
- Date
- 1935-06-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 45 ✓ Jahrgang 40 pre!s 25 RpS JÜDISCHE RDNDSCHAD gdirtltlattanir, Vortag n. An101s«n»Bn*altnng 1 Berlin W1S, Melnekeitr.16 Fernruf: Semmel-Nr.JJ Biamarck 3181/82,7165/70,7240/«. - Berugoprefc je Monet rM 2,-, je Viencljehr RM 5,75■ - Postecheck-Konten der Vertriebs.Abteilung. Berlin 71573 (iür GroB-Berlin), Berlin 17392 (lür des übrige Reich). Auslands, bezug in jeweiliger Landeswährung. — Erscheint Jeden Dienstag and Freitag. BERLIN ג׳ ס יון תרצ״ה DIENSTAG, 4. JUNI 1935 Anreigonprelsll.te Nr. 2 gültig. Die 12gesp. mm-Zeile 20 Rpf, für Stellongea 10 Rpl, iiir Fscniliennschrichten 15 Rpf. Einzelarsreigen nur gegen Vorauszahlung am Schalter oder ■ui Postscheck-Konto Berlin 71618 Montag bis Donnerstsg 9-18 Uhr Freitag 9 16 Ulw. AnnahtneschluB lür die Dienstag-Ausgabe Montag » Uhr, für die Freitag-Ausgabe Mittwoch 13 Uhr (Familienanreigen bis Donnerstag 10 Uhr) Der Zionismus erstrebt für das fUdlsche Volk die Schaffung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. (Baseler Programm) Zufriedene - Unzufriedene ״Zersetzendes“ Judentum — Erzeuger von Illusionen — Palästina ohne Zionismus? Mail wirft uns Juden in dieser Zeit oft vor, wir seien im geistigen Sinne zersetzend, nur zu negativer Kritik fähig und daher, wenn wir im Leben der Umwelt aufgehen, eine Schädigung ihrer geistigen und gesellschaftlichen Existenz. Es ist nicht leicht, für die Beurteilung dieses Vorwurfs einen objektiven Maßstab aufzustellen, da die Begriffe von aufbauend und zersetzend, von nützlich und schädlich über Länder und Zeiten hinweg wechseln und je nach den Prinzipien, die Geltung haben, andere sind. Viel wesentlicher als die Stellungnahme zu dieser Behauptung an sich ist es für uns zu erkennen, warum uns ein solches Prädikat vielfach angeheftet wird. Wenn wir die Angelegenheit unter diesem Gesichtspunkt betrachten, werden wir sehr bald eine Erklärung für ihren Grund finden. Die Umwelt oder doch ein wesentlicher Teil von ihr lehnt uns geistig ab, weil sie uns als fremdes Element in ihrem eigenen Bezirk empfindet, und weil sie nicht bereit ist, uns als das ״Salz der Erde“ zu akzeptieren,' sondern ihre Kräfte aus dem in ihr selbst ruhenden Bezirk ziehen will. Der Zionismus hat diese Zusammenhänge in einer Zeit erkannt, als noch kaum jemand daran dachte, daß eine Ausgliederung der Juden aus den wesentlichen Bezirken des geistigen und gesellschaftlichen Lebens kommen könne. Er hat aber nicht nur diesen Zusammen- ,hang eingeselien und immer wieder dargcstellt, sondern den Juden selbst eine positive Parole gegeben. Wir sagten: Wendet euch zu euch selbst, bebaut das Feld eures eigenen jüdischen Lebens, das soviele Aufgaben bietet, wie sie von einer Generation gar nicht gelöst, ja kaum in Angriff genommen werden können! Die Kräfte, die ihr im Leben der Umwelt investiert, sollt ihr nach innen wenden und versuchen, den Zustand, in dem sich das jüdische Volk befindet, zu wandeln. Denn unzufrieden war der Zionismus mit diesem Zustand von jeher. So manche unter uns sind geneigt, einem Goldenen Zeitalter nachzutrauern, das für viele bis zum Beginn des Jahres 1933 reicht und für andere etwa in der Vorkriegszeit liegt. Wir meinen, daß diese Trauer auf einem Irrtum beruht, wenn man sich über den engen Bezirk des Einzelnen erhebt. Wohl waren die wirtschaftliche Lage und der soziale Status vieler Juden damals besser als heute, und die Sorgen des Tages lasteten weit weniger schwer auf uns als in diesen Tagen; aber jene Zeit und noch viel mehr die Zeit unserer Väter war für die jüdische Gemeinschaft eine Periode des Verfalls, der Auflösung jüdischer Bindüngen, des Abbaus jüdischer Substanz, der Entleerung unseres Geistes von jüdischen Interessen und Zusatnmenhängen, und großen Teilen unseres Volkes drohte ler Abstieg in das Schicksal der Geschichtslosigkeit — las furchtbarste Ende, das ein Kulturvolk nehmen kann! Selbstkritik war es also, die zu allen Zeiten den zionistischen Gedanken begleitete. Wir wollten und wollen nicht unsere eigene Leistung verherrlichen und den Stolz auf etwas züchten, was es erst zu beweisen gilt. Im Gegenteil stand an der Wiege des Zionismus das Gefühl für den gewaltigen Unterschied zwischen den großen Leistungen unseres Volkes in der Vergangenlieit und den in ihm liegenden Möglichkeiten auf der einen und dem Zustand des materiellen und ideellen Verfalles in unserer Zeit auf der anderen Seite. Der Aufbau eines neuen Lebens in Palästina und der Weg dorthin ist daher von uns nicht als ein reibungsloser Vormarsch betrachtet worden, sondern wir empfinden seine großen Schwierigkeiten und nicht zuletzt die Unzulänglichkeit unserer eigenen Kräfte mit aller Deutlichkeit. Man versucht gelegentlich in der innerjüdischen Aus- Einandersetzung, die Selbstkritik, die wir freimütig üben, gegen uns und unseren Anspruch auf Führung im jüdischen Leben ins Feld zu führen. Welch eine Verkennung der Tatsachen! Wir erstreben ein jüdisches Dasein, das wohl mit den Ideen der Menschheit unlöslich verhundert ist, das aber zentral aus den Kräften unseres eigencn Wesens gespeist wird. Und wenn die Frage auf- •aucht, wer für das jüdische Volk in dieser Zeit repräsentativ sein kann, so wird die Welt diese Frage eindeutig beantworten: Es sind diejenigen, die ein jüdisclies Leben mit einem Höchstmaß an jüdischer Energie und Substanz anstreben. Kontrovers kann eine solche Frage nur in einem innerjüdischen Bezirk sein, in dem es Kreise gibt, die sich vom lebendigen Judentum weit entfernt haben. Gewiß war der Zionismus im Judentum Deutschlands bis vor verhältnismäßig kurzer Zeit deutlich eine Minorität, aber auch damals hat er lllllilllllllll!lllllllllllllllllllllllllll!llllll!lllllllllllllllllllllllllllllllllllllll!lllllll!llllll!IH STIMMEN ZUR JUDENFRAGE Reichsinnenmimster Dr. Frick In Weimar fand der Gautag der NSDAP. Thüringens statt. Rcichsinneiiminister Dr. Frick sagte bei dieser Gelegenlieit nach dem Bericht der ״Frankfurter Zeitung“ u. a.: ״So wenig die Judenfrage mit eingeworfenen Fensterscheiben gelöst werden kann, so wenig läßt sich auch der Kirchenstreit mit dem Poli/eiknüppel lösen.“ Reichsstatthalter Mutschmann Wie ״Der Freiheitskanipf“ in Dresden berichtet, hielt Rcichsstattlialtcr und Gauleiter Mutsch mann auf einer nationalsozialistischen Kundgebung in Dresden eine Rede, in der er nach dein Bericht des Blattes über die Judenfrage folgendes sagte: ״Mit derselben Unerbittlichkeit, wie gegen den Marxismus aller Schattierungen, kumpteu wir gegen seinen Erzeuger, das Judentum. Wenn die Blumenthals und Rosenfelds und Apfelbaums glauben, unser Antisemitismus werde sieh schon im Euuie der Zeit legen und .de könnten eines Inges den uhtiungdo>.eJi Ueuischen wieder das Keil ülx־r diu Ohren zieh ■n, dann tauschen sie־ sich gewaltig. Mit Juden gibt es ihr den Nati<mals0/.ialisrmJ.<> kein Kompromiß, und ich verlange von jedem Parteigenossen, daß er in dieser Frage, wie in jedem anderen UiumEatz der Bewegung, nicht um einen Finger breit naehgibt. Wir haben das öilentliche Leben nicht von diesen Fremdra-sigen gereinigt, daß sie als Faradten der deutschen Wirt• •schalt unser Volk erneut au>>auge!1. Eigentlich müßte m־]e1!׳ jeder \ ulk>gen<JAse! mj weit oein, daß er nicht mehr Firn Juden kauft; von dem i’arteigeno.-.sen aber erwarte ich unter allen U!11 mim len, daß er das jüdische Warenhaus» und den Juden in jeder andeieu Betätigung meidet. Mögen die Juden beim Jude!; kauten; der deutsche Mann, die deutsehe Frau gehören zum deut -,chrn Kaut mann.“ Reichsstatthalter Sprenger In Darmstadt fand der Parteitag des Gaues Hessen- Nassau der NSDAP, statt. Nach dem Bericht der ״Frankfurter Zeitung“ vom '3. 0. streifte Gauleiter und Reichsstatthalter Sprenger in einer Ansprache die Judenfrage und bezeichnett׳ Terror als Unsinn. Wenn man die Juden ganz unter sicli lasse, verließen sie Deutschland vo!1 selbst. Zu diesem Verbalten, das von den Parteimitgliedern befolgt werde, seien aucli die Volksgenossen zu erziehen. Gauleiter Grohe Auf einer Fuhrertagung des Gaues Köln-Aachen der NSDAP sprach, wie der ״Westdeutsche Beobachter“ meldet, Gauleiter Grobe unter anderem über die Freimaurer- und J u tl e 11 f r a g e. So kompromißlos die Partei ihre Reihen von Freimaurern frcihalte und fälschlich Aufgenommene wieder ausscheide, so wenig dürfe die antisemitische Aufklarungsarbeit der Partei eine Unterbrechung erfahren. Dabei wolle die nationnlso •ialistische Bewegung, wie bei allen ihren Maßnahmen, die deutschen Volksgenossen aufklären und überzeugen. Methoden, die die Ruhe und Ordnung gefährdeten, wurden von ihr in jedem Falle abgelehnt. Die Behörden handelten nur in ihrem Auftrag, wenn sie gegen Unruhestifter ummchsichtlich einsehritten. Il!)lll!llllllll!llllllllill!llll!!lil!lillllllll!l!llll!^ es verstanden, die jüdischen Dinge voranzutreiben und eine Führung auszuüben, selbst gegen den Willen derer, die die offiziellen jüdischen Repräsentanten waren. Wenn heute überhaupt die Möglichkeit besteht, daß das Judentum Deutschlands sich Institutionen der Selbsthilfe schaffen kann, dann doch nur, weil diese in den Jahren und Jahrzehnten vorher unter zionistischer Führung und oft genug gegen den Willen der anderen im Keim vorgebildet worden sind. Heute ist diese Zeit abgeschlossen. Die Juden in Deutschland werden nur insoweit existieren können, als sie sich in den Bezirk eines jüdischen Lebens mit vollen Lebensfunktionen hineinbegeben. Und difc, die sich dagegen wenden, weil sie auch in unseren Tagen noch an dem Gedanken eines ״limitierten“ Judentums festhalten, dessen Grenzen ausgeklügelt und abgesteckt sind, sollten sich hüten, dagegen zu sprechen, wenn wir an einem wirklichen Judentum in Palästina Kritik üben, weil es noch nicht so ist, wie wir es uns vorstellen! Jenen sind ihre eigenen Leistungen stets großartig vorgekommen; die Geschichte der Juden in Deutschland in den letzten 100 Jahren ist ihnen eine Geschichte ununterbrochener Erfolge, die man sich selbst gutschreibt. Diese Lobpreisung des eigenen Tuns hat jedoch nichts genützt. Sie hat uns dorthin geführt, wo wir im Jahre 1933 standen, als der äußere Umbruch ein J11dentum traf, das ihm zu einem großen Teil seelisch nicht gewachsen war. * Dieser Umstand erklärt auch die Tatsache, daß zahlreiche Illusionen in jüdischen Kreisen entstehen und umlaufen. Es ist gewiß verständlich, wenn Juden in Deutschland nach jeder Möglichkeit greifen, die ihnen eine wirtschaftliche Chance zu bieten scheint. Dies gilt besonders für das Problem der Auswanderung. Wir sind der Ansicht, daß jede Aussicht auf diesem Gebiet geprüft und nach Kräften ausgenutzt werden muß. Aber es haben sich hierbei Erscheinungen gezeigt, die aufmerksame Beachtung verdienen. Wer die Geschichte der jüdischen Emigration kennt, weiß, daß gerade dieses Gebiet ein Tummelplatz für Projektemacher aller Art ist, für Kreise und Menschen, die in irgendeiner Weise ihr Geschäft damit machen wollen, für politische Phantasten und nicht zuletzt für Gruppen, die aus ihrer Feindschaft gegen Palästina kein Hehl machen und jeden Weg der Emigration begrüßen, wenn er nur nicht nach Palästina führt. , Wir haben von derartigen Diskussionen, die in den Ländern des Ostens geführt worden sind, früher nur einen schwachen Widerhall verspürt. Heute ist dieser Fragenkreis ein Ltbcnsproblem der Juden in Deutschland geworden, und siehe da — schon entstehen auch bei uns derartige Illusionen, und Hoffnungen werden genährt, deren Verwirklichung mehr als utopisch erscheint. Wir veröffentlichen an anderer Stelle unserer heutigen Ausgabe einen Bericht über die Juden frage in Spanien, der ein Schlaglicht auf die Entstehung von Emigrations-Illusionen wirft. Aber noch nach einer anderen Richtung muß in diesein Zusammenhänge ein Wort gesagt werden. Der Zionisnius hat schon vor dem Kriege den Gedanken vertreten, daß seine Arbeit durch jüdische Siedlung in den Ländern des Vorderen Orients rings um Palästina einen umfassenderen Charakter erhalten solle. Die in dieser Richtung liegenden Probleme sind gewiß heute aktueller geworden, da der jüdische Auswanderungsdrang aus den Ländern ()st- und Mitteleuropas immer mehr zunimmt, die Entwicklung des Vorderen Orients in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht ein rasches Tempo angenommen hat und durch die stürmische Entwicklung Palästinas ein Anreiz zur Aufnahme jüdischer Einwanderer in diesen Ländern z.T. entstanden ist. Trotzdem ist nichts so verfehlt, wie aus diesen 'Tatsachen Schlüsse auf die Möglichkeit jüdischer Auswanderung aus Deutschland nach diesen Ländern fiir die allernächste Zeit zu ziehen. In diesem Zusammenhänge sind die gleichfalls heute von uns behandelten Probleme einer Kolonisation in Syrien interessant. Daneben tritt in letzter Zeit die Insel Cypern in den Vordergrund des Interesses, wo von Palästina aus der Versuch gemacht wird, in beschränktem Umfange zu kolonisieren. Es scheint jedoch, daß diese Projekte bei uns in einer Weise vertreten werden, die höchst schädlich ist. Interessentengruppen treten auf und erwecken Hoffnungen, die bei denen zu schweren Enttäuschungen führen müssen, die in diese Sache Mittel und Arbeit investieren. Soweit man die Dinge heute überblicken kann, bestehen auf Cypern wohl einige Arbeitsmögliclikciten für kapitalkräftige Siedler, aber sie sind nicht für eine Einwanderung großen Stils auswertbar und wohl auch nicht von Deutschland aus zu realisieren, sondern nur im Zusammenhänge mit gewissen palästinensischen Unternehmungen. Es ist daher bedauerlieh, daß ein solches Gebiet der Arbeit durch eine unsachliche Propaganda zu einem Herd neuer Illusionen gemacht wird. ★ Gegenüber all dem, was in dieser Zeit in materieller und auch in geistiger Beziehung ohne jede echte Verwirklichungsbasis vor uns ausgebreitet wird, steht die