Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1935-05-31 · Heft 44 (31.5.1935) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 44 (31.5.1935)
Date
1935-05-31
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/2651273-2653827-2653869--26922-2688333
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

Nr. 44. 31. V. 1935 JÜDISCHE RUNDSCHAU 5effe 9 Bialik als Sprachsdiöpfer Wie seine Neubildungen in Umlauf kamen Bialik verglich einmal den Einfluß der Sprachsdiöpfer im Bezirke des modernen gesprochenen Hebräischen mit dem Tun eines Vogelweibchens, das seinen Jungen das Essen in den Mund legt. Wir müßten erst dem Volke, das hebräisch zu sprechen beginnt, die Worte in den Mund legen, damit cs Sie spreche. Daß Bialik selbst auf diesem Wege unendlieh viel getan hat, ist bekannt. Es ist gar nicht ab/.unicssen, wieviel altes hebräisches Sprachgut durch ihn, insbesondere durch sein ״Buch der Aggadali“ wiederum lebendig geworden äst und noch lebendig werden wird, wenn wir es sozusagen zur nationalen Pflicht machen, jeden Tag in diesem Buche zu lesen. Aber ganz unbekannt war bisher der Umfang seiner Tätigkeit als Sprach neuerer. Nunmehr hat ein paläsiinen• sischcr Philologe, Ji/chak A v i n e r y, ein Wörterbuch der Neuerungen Bialiks herausgegeben. (Milon chidusche CI1. N. Bialik. 103 Seiten.) Das Buch gibt nur die von Bialik neugeschaffenen oder mit einer ganz neuen Bedeutung bercicher■ ten hebräischen Vokabeln, also nicht die neuen Spraehfiigunen, die der Dichter geschaffen hat. Trotz dieser Beschränung enthält das Buch 000 neue Worte, davon 450, die in den Schriften Bialiks nachweisbar sind, und 150, die er ini'mdlieh — in Reden, Gesprächen und Sitzungen der Sprachkoinmission — gebildet hat. 000 Worte, dabei meistens solche, die den Bedürfnissen des täglichen Lehens cntgegenkommeii, bedeuten einen wahren Schatz für das gesprochene Hebräisch. Nur ein kleiner Teil dieser Worte ist heute bereits allgemein bekannt und hat sich in der Sprache Bürgerrecht erworben. Ein großer Teil wird hoffentlich jetzt durch das Studium dieses Wörterbuchs in die gesprochene Sprache eingehen. Bialik selbst hat wiederholt in Vorträgen und Gesprächen — von denen eines unmittelbar nach seinem Tode in der ״J. R.“ abgedruckt war — die Forderung aufgestellt, daß für die großen Dichter und Denker der liebräischen Sprache Spe/ialwörterbüclier geschaffen werden. Er betrachtete es insbesondere als Aufgabe der Hebräischen Universität, durch Verteilung von Arbeiten dieser Art an einzelne junge Forscher dafür zu sorgen, daß z. B. für die Sprache des Kalir, des Rarnbam oder Raschi besondere Wörterbücher geschaffen werden, weil dies eine ungeahnte Bereicherung der Sprache bedeuten würde. Nunmehr ist dieser Wunsch Bialiks für seine eigene Sprache erfüllt worden, wenigstens für ihren neuen Vokabelschatz. Avincry begnügt sieh nicht mit einfacher wörterbuchartiger Aufzählung, sondern weist auf die praktische Bedeutung und Verwendbarkeit dieses oder jenes neuen Wortes und auf die Motive hin, die Bialik bei der Wortbildung bestimmt haben, besonders interessant ist ein Brief Bialiks, der hier im Original niitgeteilt wird, in welchem sich Bialik darüber äußert, wie er das heute allgemein angenommene Wort ״raschresch“ (rascheln, ein Geräusch machen) gebildet und in Umlauf gesetzt hat. Er schrieb im Jahre 1922: ״Die Worte, die ich geschaffen habe, habe ich nicht mit Absicht gebildet, sie entstanden mir eon seihst, im Schreiben und zu einem während des Schreibens notwendig gewordenen Zwecke. Aber viel mehr, als ich in meinen eigenen Schriften an Neuerungen eingefiihrl habe, habe ich als Redakteur des ,Haschiloach‘ und des Verlages Moriah anderen in den Mund gelegt. Ich hüte mich meist davor, meine eigenen Neuerungen ...zu gebrauchen, sondern führe sie in die Werke anderer ein " tassß »fe in■ dem Schrifttum^ Wurzel fassen, und erst *,,*TOfrrm ihre Neuheit etwas verblaßt ist, nehme ich sic, auch dann noch zögernd, wieder an mich. Das Zeitwort ,rasehresch' habe ich Sünder selbst geschaffen — möge Gott mich nicht strafen! — und habe es in eine Erzählung von Schofmunn, die ich für den ,Haschiloach' redigiert hübe, eingeführt. ll'ie erstaunt war ich zu sehen, daß zwei!1'ochen nach dem Erscheinen das Wort sich überall durchgesetzt hatte, und Brenner, Schulmann selbst, ja Sokolow in der ersten Zeile eines Leitartikels in der Jlazefiruh‘ das Wort gebrauchten. Binnen eines Monats fand sieh das Wort in den Gedichten angesehener Dichter wie Schinionwvitz, untl niemand fragte nach seinem Gcbnrtsrecht und seiner Abstammung. Noch heute halten es viele für ein alles Wort, das irgendwo im Midrasch oder Talmud steht, und Dr. Klausner wettete einmal mit mir, daß er das Wort in einer allen Quelle gesehen habe. Natürlich hat er die Wette verloren, aber bald werde ich selbst glauben, daß ich es in einem allen Midrasch gesehen habe, so groß ist die Kraft der Suggestion. Ich selbst aber zögerte lange, das Wort zu gebrauchen, nachdem ich es gebildet und durch andere in Umlauf gesetzt hatte.“ Aus dem reichen Schatze, den Avinery in diesem Buche gehoben hat, seien nur einige Worte hier niitgeteilt: anpef (näseln), ariach (eckige Klammer), liadgim (Beispiel geben, illustrieren durch Beispiele), dagal (Fähnrich), daindem (pliantasicrcn), clicdel (das Aufhören, Unterbrechung), chaled (rostig), chamon (Sonnenblume), tefef (Trippeln), jehtmah (Import), jezuah (Export), tiiieioil (Linde), liljon (Hcinzclmännehen), mcgujad (sehnig), matbei (schablonenhaft), messujag (reserviert), makbc (Sülze), niaschach (Schlepper), naemeth (Redekrankheit), napesch (beseelen), neschoreth (Abfall), abber (hebraisieren), iiazdca (salutieren), zalchit (Mi- HOTEL Jfauh OU ZÜRICH Lage, Einrichtung und Führung begründen seinen Weitruf Zimmer ab Fr. 9.— Pension ab Fr. 18.— graue), schaarah (Kusine), hasiach (interviewen), waset (regulieren), hakhlaah (Kreuzung im naturwissenschaftlichen Sinne), tefd (Kitt), mischlewet (Monogramm) usw. Avinery hat seinem Buche eine überaus gründliche statistische Untersuchung über die von Bialik gewühlten Wortformen beigefügt. Diese Statistik zeigt so recht die Sprachgewait des Dichters. Bialik unterscheidet sich von einer großen Zahl von Sprachiieuereni nicht nur dadurch, daß er niemals mit Absicht und sozusagen professionell neue Worte sucht, wie es andere getan haben, sondern auch dadurch, daß die Fülle der von ihm absichtslos geschaffenen Neuerungen im Gegensätze steht zu der Einförmigkeit, mit welcher andere ihre Worte fast immer in derselben Wortform gebildet haben. Avinery, der die paradigmatische Wortform (mischkal) der von Bialik geschaffenen Neuerungen besonders liebevoll untersucht, sagt: Im allgemeinen werden bei uns in letzter Zeit Wortneiierimgen in monotoner Weise gebildet. Das Hebräische kennt Hunderte von Paradigmen, aber nur ein ganz kleiner Teil davon wird als Musterform für neue Worte verwendet. Am gebräuchlichsten ist die einfache Erweiterung des Stammes durch ein Präfix (Hier Suffix. Die übertriebene Anwendung derselben paradigmatisehen Form wirkt langweilig. Bialiks Stärke war auch hier die Mannigfaltigkeit und das Fingerspitzengefühl für die Reichhaltigkeit der Möglichkeiten, welche die Sprache bietet. — Nach Avinerys Statistik hat Bialik in den gesammelten Neuerungen nicht weniger als 105 verschiedene Paradigmen verwendet._ h. b. Torc/.vncrs Bibel - IJcbcrsct/.ung In der neuen deutschen Bibelübersetzung, die im •Verlag J. Kauffmann, Frankfurt a. M., erscheint, deren erster Band, enthaltend die Bücher der Thora, in der ״Jüdischen Rundschau“ Nr. 7 zugleich mit dem ganzen Untcnielinien ausführlieh gewürdigt wurde, ist nunmehr der zweite Band erschienen. Er enthält auf 357 Seifen •die Bücher der Volksgesc luchte, die in der kanonischen Einteilung die Namen ״Nebiim Risdionim“ tragen, Jehosclnia, Richter, Samuel 1 und II und Könige I und II. Bei den einzelnen Büchern werden keine Ueberset/er angegeben, doch ergibt sich aus der im ersten Band abgedruckten Einleitung, daß an diesem Teil lolgende Personen rnitgearbeitet haben: Elias Auerbach (Jehosclnia), Sally Gans (Richter), Julius Galliner (Samuel), Benno Jacob (Könige). Die Herausgeherschaft und Redaktion des ganzen Werkes liegt in der Hand von Prof. Dr. Harry T o r c / v 1! e r, Jerusalem, der auch die Gesamt- Verantwortung für die von ihm vielfach umgearbeitete lieber- Setzung seiner Mitarbeiter trägt. Daher ist das Werk trotz der Vielheit der Mitarbeiter ein einheitliches Ganze, und es gelten die liier schon erörterten Gesichtspunkte auch für den zweiten Band. Dieser Band enthält fast ausschließlich erzählende Prosa, doch sind die einzelnen eingefügtcn Gedichte, z. B. die Lieder Davids, in metrischer Form wiedergegeben. Die äußere Ausstattung der Bücher ist würdig und ansprechend. Höxters ,,Quellenbmb“ Von dem Q 11 e 11 e 11 b u c 11 zur jüdischen Ge* schichte und Literatur, das Dr. Julius Höxter in fünf schmalen Banden herausgegeben hat, erscheint nun eine ״kleine Ausgabe“ (Verlag J. Kauffman, Frankfurt a. M.), die vor allem für Volks- und Mittelschulen bestimmt ist. Mit der durch den knappen Raum gebotenen außerordentliehen Sparsamkeit hat der Verfasser Stücke aus jüdischen Büchern und (Quellen aus zwei Jahrtausenden zusammengestellt, deren Zweck es ist, den Schülern jüdische Geschichte und Literatur an Beispielen vor/iifühmi und so den Geist ihrer Lntsteliimgszeit verstehen zu lassen. Dieses Buch wird zweifellos besonders angesichts des großen Mangels an geeigneten jüdischen Schulbüchern ein überaus brauchbarer Behelf für den jüdischen Lehrer sein. Das Buch umfaßt Stücke und Texte aus dem Altertum (von Joeephiis angefangen) über die Literatur des Mittelalters bis zu Dokumenten der Gegenwart wie Palästina-Mandat 11ml (ii iiikliiiigsbeschluß der Jewisli Agency. Natürlich wird man, wenn aus einer so riesigen Literatur!deine Bruchstücke au-gewühlt werden, da oder dort manches vermissen oder au-gctau-cht sehen wollen. Bei den poetischen Stucken wäre manchmal vielleicht eine andere L'ebcrset/uiig zu empfehlen gewesen, jedenfalls sollten die Namen der l'cbersct/er lün/iigefiigt werden. Ein kleiner Felder hat sich auf Seite 210 eingcecbiiclicu, wo es beißt, Morris Ro-cnfeld ״lebt in Amerika“, wahrend er heveils 1917 gestorben ist. Be sonders zu begrüßen ist ein kl einer Anhang hebräischer l.esestueke, in den von modernen Stücken auch zwei Gedichte von Bialik, darunter ״Tccliesakna", aufgenommen sind. Uebcr jüdische Bräuche. Wie uns mitgofeilt wird, erscheint demnächst ein Buch über ,,Brauch und Brauchd e u t u n g i m J u d e n t u m“ von Issi B a y e r. In dein Buch werden, wie der Autor schreibt, die imliselien rehgiösen Branche aller Art erklärt, und zwar <'1111 Grund Versehiedener hebräischer Werke, aus denen das Material geschöpft wenden ist. Der Amor charakterisiert die mit dem Buch verfolgte Absicht wie folgt: ״Viele Dinge sind berührt, wie Feste, I loch/cit-brauclu׳, Trauer, Besehneidiing, Gebet und Segensspruch, Ritualien u. a. m. Auf V'ollstäudigkeit macht das Buch dennoch keinen Anspruch. Jedes gelehrte Beiwerk wurde weggelassen, jede Anmerkung eingearbeitet, jeder hebräische Ausdruck übersetzt. Denn cs galt, ein Volksbuch zu schaffen, welches der großen Masse der Ungelehrten nicht etwa die Vorschriften aufzählt, sondern die Gedankentiefe des Brauchtums, eben das Warum und die Wesensart jüdischen Lebens zeigt, damit diese Massen nicht nur jüdisch sind, sondern jüdisch leben und fühlen. Demi Brauchdeutimg ist so der Spiegel jüdischen Tuns wie der Midraseli der Widerschein jüdischen Denkens ist. Und wie der Midrasch ist diese Brauchdeutimg weder orthodox noch liberal, sondern einfach jüdisch. Die Familicti, die Schulen, die Bünde mögen daraus wahres Judentum kennenlernen.“ — Wir werden nach Erscheinen des Buches darauf zurückkommen. Eine Kulturgeschichte des jüdischen Volkes i n polnisch e n L a n d e n von Maksymiljaii G o 1 d s t e i 11 und Dr. Karol Dresdner ist vor kurzem in Polen erschienen. Ein Vorwort hat Prof. I >r. Majer Balaban geschrieben. Das Buch gibt eine vollständige Uebersicht über jüdische Kunst und Knnstgewerbe, sowie über Drucke, Plastik, Friedhofskünde usw. lind Denkwürdigkeiten aus der Kriegszeit. Auf; Dingen steht die Welt Erzählung von GERSON STERN 17. Fortsetzung Copyright Wrlag Erich Hei»#, Berlin Dieses Geschrei hörte, Nathan, als er aus ilem Haus trat. Er rannte, er kam näher. Er sah, wie Bertlu lien auf den Boden hinsdllug und Bessingen die Böschung liiiiuiili'rsprang. Nathan schrie: ,,Onkel! Onkel! Iledda ist zu Hause. •Sie liegt in ihrem Bett und schläft.“ Bessingei' glaubte, dal.' ihn jemand plötzlich im Genick packte und lesthielt. Er ließ» sich auf die Bösclmng lallen und blieb liegen. Aber dann erhob er sieb. Es ging sehr langsam. Er erhob sieh und brach in ein Lachen aus. ein Lachen, das in ein Weinen cinmiindete, aus dem immer wieder das Lachen auftauelile. Nathan hob seine Tante auf, holle seinen Onkel herauf Und erzählte. Ls klang sehr harmlos. ,.Iledda halte Kopfschmerzen. Sie ging an die Luft. Ls war unierminflig. Sie verlor ihren J1111. Sie kehrte zurück. Sie legte sieh ins Bett, sie schläft. Und wenn ich euch ralvn darf, erwähnt von allem nichts. Iledda hat sieh etwas erkäilel. Sie wird morgen im Bett hleihen müssen. Yergeßl den Abend. Auch im Vergessenkönnen steckt ein Stuck Liehe.“ Berthehm halle jeden Atemzug mit einem leisen Stöhnen beendet. Sie wiederholte doch: ״Ja, Vergessenkönnen ist Liebe.“;4. KAPITEL. an muß Dr. Oltcrslein kennen. Nein. Man muß Leander kennen. Dr. Oberstem und!.('ander sind zwar ein und dieselbe Person. Aber Oberslein lebte nirlil als Oberslein. Oherstein bestand als Steuerzahler, Leander dagegen lebte. Er begann sein Lehen zwanzigjährig. Als Novellist, stand er eines Togos da. Er war erslaimheherweise I\risch. Eine kleine, fein»* Novelle entströmte diesem bedenklichen Zustand. Sie fand Publikum, der Verleger nutzte es, sie wurde illustriert zum *zweitenmal gelniren und wurde ein durchschlagender Erfolg. Der Geist Leanders vertiefte sieh. Die. Feder wurde geschliffcner. Der Novellist war nur eine llaupe, die fressen wollte. Es kam eine Veränderung. Der Essai ist stand da. Die Zeitungen nahmen seine ,,Appcrcii“ genannten Artikel auf. Leander rulsehle in die Redaktion einer!►(•kannten Tage-zeitung. Es erwies sieh, daß der Essai ist nur ('im' Puppe ge- 11 (,seil war. Die Mülle lieh Das endgültige Ergebnis entpuppte sich. Der Kritiker Leander enlf,diele seine Lhigel. Ls war etw as Neues. Die Kritik stand niehl da als Kritik, sie stand als Kunst da. Leander stand da. Der Glanz seiner Lhigel konule nicht verborgen bleiben. Der Geist halle sich noch mehr entwickelt. Seine Leder wurde spitz. Leanders Kritiken wurden gelesen, wurden Ix'aelitet. Man sprach weniger von dem Gegenstand der Kritik. Man sprach von der Kiilik. Man sprach um Leander. Der Tod seines Onkels Ludwig Markus hatte ihn nach lauger Zeit in seine Gehnrlsstadt zurück ge führt. Lr hatte 1 rlaub. Er halle Zeit. Er blieb acht Tage. All diesem Abend war er einer Einladung Beermanns gefolgt. ISrerniann, kurzwarrn engnis, war ein Mann, der Arbeit und l.ehrnsgrimß zu verbinden nußle. Er kam pünktlich 111(1 9m l 11 r ins Geselüil'l. Er kam pünktlich zurück zum Essen. »1111 Buhen. Die alte L’irma Üccmiann 11. Sohn vertrug diese Zeiteinteilung. Beermann sagte: ..Ich könnt(' ohne Arbeit nicht leben. Mein Körper!)raucht Arbeit. Mein Lehen braucht sie niehl." Beennann naimle diese Auffassung aristokrali-ch. Das Haus Beermann, jeder verstand darunter die Familie lleenuann, wurde cigentlieh lertreteri durch Frau Ilcddv. Es war das Eigentümliche, daß Frau lieddi sieh zurüekhielt und doch von allen beachtet wurde. Sie zog die Blicke auf sich. Sie fiel ans dem Rahmen des Alltäglichen. Sie halte hellgoldglänzende Haare, Man hat nie erfahren, wieviel Knust des Haarkünstlers in diesem Glanz steckte und wieviel Natur. Die hellblauen, großen Augen waren von langen Wimpern eiiigesniiiiil und so klar, als oh sie jeden'.Morgen neu anfpoliert würden. Die leichte Lmsehaltiuig des Auges erzeugte einen Gegensatz, der rätselhaft anziehend wirkte. Dies wurde unterstützt durch das Gegenspiel von Ursprüngliehkeil, Aufgeschlossenheit, und Zurückhaltung, die in Er,111׳ lleddys Wesen lagen. Oberstem ließ es auf sich wirken. Er halte oft über ihre Bemerkungen gelacht. Er (lachte: A erlen feit natürlich und doch aufregend sind diese l’rovinzfriuien. Oberslein strich über seine hohe Stirn und die wenigen Haare, die nach hinten lagen. Seine breite Brust blähte sich. Der Ruck stand weil offen, 11m seine Weste sehen zu lassen, die nach seinem Entwurf angeferligt war und fast den Kragen mmcldnß, Er saß nelien Frau lleddy. Er flüslerle ihr zu: ,,leb möchte gern wissen, wie Sie eigentlich sind.“ Sie erwidert(': ..Mir ergehl's grad wie Ihnen. Ich werde aus mir auch nicht klug. Doch lassen Sie uns von Urnen sprechen. Ich war sehr neugierig, neben einem Mann zu sil/.en. der das Meller macht. Ich hab immer auf 1 > 1 it/, Dunnei־ und Sonnen-chein genaelel.“ Oberstein lachte laut. ..Sie -ollen ehaben, leb habe hier zu viel Schutt ״e-elirn. Ich dachte, ein ״ehr:niclißT l’l h 1 er blinkt, stehende- A\a—er -linkt. Ich hielt meine Vor zu. |• iir acht Ta ec kann man da-. Aber — laß donnernd springen die 1*1'rupfen." Dr. Meller saß neben Ellen (!rail in״er. Er halle nicht gedarbt, mit ihr in -nlcli lebballe I nlerhallun״ zu kommen. Bei Ellen -('liieu dahr-ondrr- (Lj,| l<״j|e j!! Kleidung Und Art -o stark, -o eiern, -o ״ewolll. daß eeine .Mauer wurde. ..Warum kommen Sie mellt zu meinem rn l'I i-ehen Gerde'.'“ Ellen -all Meller so nlTrii, so anl fordernd an mit einem kleinen Lächeln, da- Ion de!‘ Mauer -ehr vad ahhrückelte. Immer mehr hniekellc nu l.aulr des (ic-prachi׳- ab. Es schien, daß Ellen alleandem M e״e räumte. ..Ich ::!aiibe. Doktor, man muß einen Stullen treiben, um 111 das n een 11 lebe Leben zu kommen, leb könnte nur denken, daß! Stollen .-ich kreuzen. Es muß erre״end sein, einander led m einem Stollen zu Im'- grellen. Erregend, schon - 1 irllrieli! beraii-rliend. Mir ward es noch nicht zuteil. Aber 1rl> warte daraul. Ich warte auf den Tag. Auf meinen Tag.“ I nd Ellen -ab Meller an, so offen, so auld'ordernd, nur das kleine Lächeln milder!(' und nahm das Bedenkliche lorl. oder sollte den Vn-cbein haben, die Möglichkeit las-eii. etwas forlziiw iselieu. Weller horte die Worte und nahm das Lächeln für das, was es war. Crailinger saß Herrn Julien gegenüber. Sie hallen sieh bald l'e-lgebissen, jeder in -( inen Standpunkt. Herr Gradinger hatte einen roten IxopL Herr Julien sagte: ..[eh las gestern im Sir,ich: I m wieiiel schöner ist es zur Rede zu slidlen, als heimlich zu grollen. Deshalb sprach ich, Herr Grailinger. Doch noch schöner ist es. nenn Brüder friedlieh beieinander wohnen.“ 1 nd Herr Julien wollle sieh freundlich lächelnd in seinen Stuhl zui ückh'linen. Es war der Augenblick, als Dr. Oberstein zu Erau lleddy gesprochen hatte. Er rief Herrn Julien zu: ,.\ erehrlesler, Siö scheinen belesen. Dann kennen Sie die Worte von Goethe; Höchstes Glück der Lnlriikinder ist nur die Per-ünlielikeil. Sie leistehen, Herr Julien, nur die Per-önlii likeit. Das stellt niehl im Siracli. Das sagt nicht nur Goethe, das sagt, die Zeit. Nein, sie schreit es, sie schreit es so. daß uns, die wir im Lehen stehen, die Ohren gellen, Herr Julien, 1 nd wissen Sie, was geschieht, Herr Julien':’ Line Last Plunder fällt von uns, eine Last, die wir wie AN alm-innige mit uns heriimseldeppten. Frei, Herr Julien. Auf Erkenntnis Im'111111 die Freiheit, sagt mein Freund Eenchlerslehen, oder wenn Sie lieber den Juden Franzos hören: Nur durch sieh selber wird der Mensch erlöst.“ (FortaeUUJi^ lolgt)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.