Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 41 (21.5.1935)
- Date
- 1935-05-21
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 41, 21. V. 1935 Sephardisch oder aschkenasisch? ln der Berliner Gemeinde geht seit längerer Zeit ein Streit darüber, ob Hebräisch in sephardischcr oder aschkenasisch er Aussprache in den Schulen gelehrt werden soll. Von den Gemeindeinstanzen wird dabei gegen die scphardische Aussprache mit dem Einwand opcriert, es handle sich um ״Neuhehräisch“ und man stellt diese Sprache in Gegensatz zum sogenannten Althebräischen, wobei man ganz vergißt, daß es sich um ein und dieselbe Sache handelt. Neuerdings scheint die Diskussion nun in ein neues Fahrwasser zu gelangen. In der letzten Ausgabe des ״Gemeindebiattes“ tritt Julius Stern (der unseren Lesern aus seiner Mitarbeit in der ״J. R,“ bekannte Schulfachmann) 1111 Rahmen eines Aufsatzes über die jüdische Schule für die s c p 11 a r - di sc he Aussprache ein und begründet dies mit methodisehen und praktischen Argumenten im Hinblick auf das Leben in Palästina. In einer Anmerkung betont die Redaktion, daß auch die Gegenansicht in dieser Frage demnächst erörtert werden soll. Die Befürworter des Sepliardisclien haben nun von mehreren Seiten her Unterstützung erhalten. In der Schule der Reformgemeinde wird Hebräisch in sephardischcr Aussprache gelehrt. Bei der Aufführung eines Musikwerkes wird, wie Alexander Weinbautn im ״Gcmcindehlatt“ mitteilt, die ״neuhebräische*‘ (!) Aussprache gewählt. Schließlich tritt in der letzten Nummer der ״C.-V.-Zeitung“ Dr. Erna Gold- Schmidt in Ucbcreinstimmung mit vielen Vätern und Müttern an die Schulverwaltung mit der Bitte heran, für diejenigen Kinder, die zum erstenmal in diesem Schuljahr Hebräisch lernen, die scphardische Aussprache cinzuführen. Sie begründet dies ebenfalls mit der Möglichkeit, daß Palästina im Leben der Kinder eine Rolle spielen werde. Uns scheint diese ganze Diskussion etwas abwegig. Hebräisch als lebende Sprache wird in Palästina sephardisch gesprochen. Die nichtjüdische Wissenschaft hat sich ebenfalls der sephardischen Aussprache angeschlossen. Alle Kreise, die in Deutschland Hebräisch lernen, und zwar Erwachsene sowohl wie Kinder, lernen es in sephardischcr Aussprache. Nur die Schulen der Berliner Jüdischen Gemeinde halten am Aschkenasischcn fest, weil man aus dieser Sache ein ״Politikum“ gemacht hat, d. h. man wehrt sich gegen das Scphardische, weil es eine von den Zionisten befürwortete Neuerung ist. Die Gemeinde sollte im Interesse der Kinder schleunigst dasjenige tun, was methodisch wie auch aus praktischen Gründen geboten erscheint und von der übergroßen Mehrheit der Eltern gewünscht wird, nämlich allgemein die scphardische Aussprache einfüliren. Innern der Juden in erheblich langsamerem Tempo vor sich geht. Bei näherem Zusehen sieht man sogar, daß das, was als Wandlung gedeutet werden kann, nichts anderes ist als ein neues, den Zeitverhüitiiisseu angepaßtes Gewand für den vertrauten Inhalt alter Prägung. Man hat sich eine Reihe zionistischer Erkenntnisse und Forderungen unter dem Zwang der Verhältnisse einverleibt, gerade soviel wie nötig war, um gegen den Zionismus k a m p f f ä I! i g zu werden und alte Positionen zu behaupten. Niemand kann heute eine jüdische Gemeinde leiten, der nicht wenigstens den Worten nach für die sogenannte Renifsiimschiehtung eintritt, die, ernstgenommen, Vorbereitung fiir die Einwanderung nach Erez Israel bedeutet. Niemand kann heute als verantwortlicher jüdischer Repräsentant gegen Palästina sein, dessen Entwicklung in stürmischerem Tempo vor sich geht, als man geglaubt hat, und das viele Tausende von Juden aus Deutschland in den letzten Jahren absorbiert hat, während der Ausblick nach anderen Auswanderungsiändern zu negativen Ergebnissen geführt hat. Niemand kann auf die Dauer die jüdische Schule ahlehnen, deren Gründung und Erweiterung durch die Zeit- Verhältnisse geboten wird, aller gleichzeitig behält man die vertraute antizionistische Haltung. Daher werden auch alle Programmpunkte so vertreten, daß sie zum Gegenteil der zionistischen Forderung werden. Man akzeptiert die jüdische Schule als Programmpunkt, macht jüdische Schulen für jiidiyche Kinder, ändert aber nur den Standort und nicht den Geist der Schule. Bei der Frage der Berufswahl der Jugend scheut man sich von der Erkenntnis, daß das einzige Ziel jüdischer Jugend die richtige Vorbereitung auf die Auswanderung nach Frez Israel sein muß. Herzl wußte 1806, daß die 1 iquidation der Judenheit in den Liiiidern der (ialuth erfolgen müsst, die Anti/ionisten von heute leugnen noch heute, daß sich das Judentum Dculsrhlamis im Zustand der Liipjidation befindet. Bei Her/ls Auftreten hofften die Juden auf die Entwicklung lies liberalen Staates, und heute träumen dieselben Juden von der neuen Lman/ipation, von einer Zeit, in der sie dem Druck der Judenfrage entgehen können und wieder in der Entjudtmg ihr Heil zu erblicken vermögen. Theodor 1 lerzl, der schärfste Kritiker seiner Zeit, könnte heute feststellen, daß die innerjudische Auseinandersetzung, die der Zionismus begonnen hat, hei weitem nicht zu F.nde geführt ist und mit aller Klarheit aufs neue vorgenominen werden muß. t!11111,a! gongen zionistische Pioniere nach Palästina. Heute strömen unge formte Massen ins Land. Ls ist also viel wichtiger d 11 re 11 die wirkenden Kräfte der zionistisehen Bewegung bestimmend auf die Richtung des Lebens in Palästina ein/tiu irken. im ( ialuth kann man trotz aller gewandelten äußeren Verhältnisse siel! mit Hilfe kleiner geistiger Verschiebungen ,aufs neue zurei litfinden und das Unbequeme dadtiiih absvluchcii, daß man es mit Hilfe geschickter Formtilierungen zu denaturieren versucht. Palästina aber wird nur erobert, wenn das jüdische Volk durch diejenigen geleitet wird, die ihm dort seine Heimat errichten wollen. Palästina wird nicht durch die gebaut, denen es heute auf Grund praktischer Ueberlegungen interessant ist, sondern durch die, die dem Lande und dem Volk in schlechten Zeiten nicht weniger als in guten mit ihrem ganzen Wesen die Treue halten. Rlumenfelii behandelte die Frage der Eroberung des Landes durch landwirtschaftliche Kolonisation und die Frage der Wiedergeburt des, jüdischen Volkes mit Hilfe der Kräfte der Zionistischen Organisation. Her/ls Werk muß in den Ländern der tialuth und in Palästina fortgeführt werden. Hier muß der Zionismus der Judenheit die Kraft gehen, die innere Leerheit und Dürftigkeit konventioneller Programme zu erkennen, ln Palästina muß der Zionismus aus den von aller! Teilen der Welt zusammenströmenden Massen von Juden die ״nette Gesellschaft“ Theodor Herzls gestalten. Der Zionismus ist, nach Herzls Wort ein ewiges Ideal, der notwendige Feind der Lüge und Halbheit. Nur so kann ״unser armes gesunkenes Volk die große Wandlung erleben“. Die Rede Blumenfeids wurde von den Zuhörern mit starker innerer Anteilnahme und zum Schluß mit stürmischem Beifall aufgenommen. Mit dem Absingen der Hatikwah und der Techesakna fand dieser Abend seinen Ausklang. Gemeindewahl in Spandau Am 12. Mai fanden in Spandau Re präsenta 11• ten wählen statt, da die am 31. März durchgeführte Wahl infolge eines Wahlprotestes wiederholt werden mußte. Von den insgesamt vorhandenen 8 Repräsentantensitzen waren •1 Sitze neu zu besetzen, im Gegensatz zu der ersten Wahl, bei der 3 Sitze von der zionistischen Liste besetzt worden sind, während die liberale Gegcngrtippc nur einen Sitz erhielt, gelang es dieser diesmal, die Mehrheit der abgegebenen Stimmen auf sich zu vereinigen. Da in Spandau ein Mehrheitswahlrccht herrscht, das zudem auf Zeusiten und Männer beschränkt ist, sind nunmehr alle vier zu vergebenden Sitze von der liberalen Gruppe besetzt worden. lieber die Vorgänge, die zu diesem Wahlausgang geführt haben, und die Methoden, die von liberaler Seite im Wahlkampf in den letzten Wochen angewandt worden Bind, wird noch an anderer Steile zu sprechen sein. Familien ־ Nachrichten Herr Isidor Bieber, Lkhterfeldc-Ost, Lange Str. 5-6, beging am 16. Mai den 70. Geburtstag. Herr S. Ilorwitz, Berlin-Weißensce, beging ‘fefrft 16. Mai den 70. Geburtstag. Eine wichtige Aufführung Schir haschirim von B o s s i und Psalmus bungarlcus von K o d a i y (zur Aufführung am 27. Mai unter Alexander Weinbaum). Bialik hat einmal den Vorschlag gemacht, die Werke der Dichter der Diaspora, ״deren fremde Schaffensspräche zu ihren Lebzeiten und nach ihrem Tode wie eine Scheidewand zwischen ihnen und ihrem Volke stand“, ins Hebräische zu übertragen; er nannte das ״Auslösen der Gefangenen“. Ihm und uns ist die hebräische Sprache ein Sammelbecken, das die Güter der Golah aufzunchmen hat. Wenn daher jemand ein literarisches Zeugnis jüdischen Geistes in die Sprache des Zentrums der Judenheit überträgt, so muß das bedingungslos gutgeheißen werden. Dr. Oskar Wein bäum hat sich ein Verdienst erworben, den iateinisehen Text des Hohen Liedes, das der Italiener Enrico Bossi (ein Nichtjude) zur Grundlage für ein ganzes Chorwerk mit Soli und Orchester genommen hat, auf die Urspräche zurückgeführt und mit Geschick die neuen Worte der Musik angepaßt zu haben. Er hat einige nichtbiblische Stellen durch biblische ersetzt und dadurch auch den Gehalt ganz in die Sphäre des Judentums gerückt. Bossis Werk ist meisterhaft gearbeitet, — vor allem sehr gesanglich geschrieben: Schey und Rose Walter können ihre Kunst zeigen. Es sei noch erwähnt, daß Bossi einen canto ebraico verwendet, — nach dem Urteil Nadels wahrscheinlich ein chassidischcr Nigun. — Neben der hebräischen Erstaufführung des Hohen Liedes steht als großes Ereignis der Psalmus hungaricus (55, Psalm) von Zoltan K o d a 1 y. Dieses Werk ist wohl eine der echtesten und monumentalsten Vertonungen eines biblischen Textes und eine der großartigsten Schöpfungen der modernen Musik. _____ Dr. H. N, Der Reichsverweser von Ungarn hat dem Stadtassisienten Bruno Go Idstein; wohnhaft Berlin N 113, die ungarische Kriegs-Erinne• rungs-Mcdailie mit Helm und Schwertern verliehen. BERLINER HANDWERK UND EINZELHANDEL I Altpapier Herbert Cohn Berlin NW 40, Heide.trafW 20 21 Sammcl־Nr. (' 5 Han*. *>216 Asphaltierungen Ballo ft Scfioepe, . ׳ Leo Kaplan 1878 / Hr.d. li.O.B.B. Dachu. 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