Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 41 (21.5.1935)
- Date
- 1935-05-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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2a,5.1935 17. V. 1935 jfr. fl / Jahrgang 40 Pr»ft 23 RpC s Weg dig umampfern ileslina klasie irtrtn» 10m!)Handel! Dunkel-Straße 4SI Eng 8400 01 021 ten/RBhrenj ifabrikn [SCHER 1011er ttraM 1 chtruf : G 3 775S I jeder Art! tahleetle I rma der Brand)( 1 jud. Gemeinde יי ■oriiziiiair k F 1 2300 der» preiswert. 1n8panneral 'Uung Ereil Hm״, iseur“ WALLBAUM Kalttrallee 205 Damenu. Herr« ) 4 Bavar<a 5381! )decken endecken!(decken lack ־ Mobil ichlands «endecken JÜDISCHE RUNDSCHAU fafarlfUeltang»Verlag *a. AnaelgaDvarwaltiing ו Bnrlla W15, Meinvktatr.il feeisrafe Sammel-Nr-J1 Bismarck 3101/82,7165/70. 7240/42. - Bezugspreis je Monat fOA 2,-, je Vierteljahr RM 5,75. ״־ Postscheck-Konten der Vertriebs-Abteilung: Berlin 71573 (Hir Groß-Berlin), Berlin 17392 (für das Übrige Reich). Ausland»- bezog in jeweiliger Landeswährung• — Erscheint Jeden Dienstag: and Freitag• BERLIN י״ח אייר תרצ״וז DIENSTAG, 21. MAI 1935 AnsalgrapraUUste Nr. 2 gtiltig. Di12 ״gMp. n״n-Z*U. 20 Rp», für Siellenga•. K) Rpt, Hir FimiSleiaiichrichten 15 Rpt. Finr.l.nr.ig—n nur grpm V^smvszahJu&g na Schalter oder •uf Poetuchecl-Konto Berlin 71618 Monug bl. Donnerrteg 9-18 Ohr, Freiteg 9 — 16 Ohr. AnnahmeitchhiS für die Oiennag~Au.gahe Monteg 10 Ohe, Ihr die Freitag*Ausgabe Mittwoch 13 Uhr (Familienanieigen bis Donnerttag 10 Ohr) per Zlonl»mu« erstrebt «Pr da» jOdlsche Volk die Schäftung einer Bffentllch - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. (Baseler Programm) Das Flüchtlings-Problem ‘>ieK״s־dnHil,»״'rks Ein Empfang bei Sir John Simon London, 17, Mai. (JTA.) Das Problem der Flüclitlinge aus verschiedenen Ländern, die auf internationale Unterstützung angewiesen sind, wurde vor dem englischen Außenminister Sir John Simon von einer Abordnung zur Sprache gebracht, die die Völkerbundsliga, den Kinderrettungsfonds, den vom Londoner Bürgermeister geschaffenen Armenierhilfsfonds und den akademischen Hilfsrat repräsentierte. Der Abordnung, in der auch die Erzbischöfe von Canterbury und Westminster und die Gesellschaft der Freunde vertreten waren, gehörten neben der Gattin des Außenministers, Lady Simon, Lord Hugh Ceci), Lord Nocl Buxton, u. a, auch der Oberrabbiner des Britischen Reiches, Dr. j. H. Hertz, und die Gattin des Präsidenten des Board of Peputies Neville Laski an. Die Abordnung wurde dem Außenminister durch Prof. Gilbert Murray und Lord Cecil vorgcstellt. Die Vertreter der verschiedenen Hilfsorganisationen wiesen darauf hin, dal) die Zahl der internationaler Hilfe bedürftigen Flüchtlinge über eine Million beträgt. Es stehe fest, daß über 200 000 von ihnen arbeitslos oder verarmt sind und daß trotz der Resolutionen der Völkerbuiidsver- Sammlung den Flüchtlingen immer häufiger die Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu erwerben, verweigert wird. Deshalb müsse der Vorschlag, im Jahre 1938 die Subvention des Völkerbundes für das Internationale Nansenamt einzustellen, ebenso Besorgnis erregen wie die Tatsache, daß das Oberkommissariat für die Auswanderer aus Deutschland weder vom Völkerbund noch von den einzelnen Regierungen Geldmittel erhält. Die in der Abordnung vertretenen Verbände seien überzeugt, daß inan es bei dem gegenwärtigen Zustand in der Flüclitlingsfrage nicht belassen könne, ohne die Gefahr schwerer wirtschaftlicher und politischer Störungen und einer beklagenswerten Vermehrung menschlichen Leids heraufzubeschwören. Deshalb schlagen die Verbände vor, eine zentrale Körperschaft unter der Leitung des Völkerbundes oder als Teil seiner Organ/sation ins Leben zu rufen, die die Fürsorge für alle diejenigen Flüchtlinge zu )eisten hätte, für die der Völkerbund die Verantwortung übernommen hat oder in Zufcuntt noch übernehmen sollte. Die Mitglieder der Abordnung gaben der Hoffnung Ausdruck, daß dieser Vorschlag der nächsten Völkerbundsversammlung zu dringlieber Behandlung unterbreitet werden wird. Die Regierungen sollten zu den Kosten der vorgeschlagenen Organisation beitragen, was jedoch für sie, wenn überhaupt, so nur geringe Mehrausgaben bedingen würde. Außenminister Sir John Simon erklärte, er freue sich, daß eine so große und repräsentative Abordnung sich mit diesem wichtigen Gegenstand befaßt habe, dessen tragischen Charakter niemand verkennen könne. Er habe zur Kenntnis genommen, daß der Hauptvorschlag dahin geht, in Genf eine zentrale Organisation des Völkerbundes oder eine unter seiner Leitung stehende Organisation zu schaffen, der sämtliche noch übriggeblicbenen Arbeiten der bestehenden Hilfsorganisationen übertragen werden sollen. Die neue Organisation solle einen Umfang haben, der es ihr ermöglicht, sich auch in Zukunft mit gleichartigen Problemen zu befassen. Was die finanz. i e 11 e Seite anbetrifft, so habe er das Anliegen so verstanden, daß die Abordnung nicht verlangt, die Regierungen mögen die Kosten der Erhaltung und Seßliaftmachung der Flüchtlinge tragen, wolil aber zu den Verwaltungskosten der vorgesclilagcnen Organisation beisteuern. Maßgebend fqr die gegenwärtige Lage seien Beschlüsse der Völkerbuiidsversammlung, die die schrittweise Liquidierung des Nansenamtes von 193S an vorsehen, woraus zu entnehmen ist, daß die Völkerbuiidsversammlung das Fliichtliugsprobl ein nicht als ständige Angelegenheit des Völkerbundes betrachtet. Doch habe das Argument viel für sich, daß die geänderten wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse in der Welt ein anfänglich als vorübergehend angesehen« Problem zu einem solchen von längerer Dauer als man früher hoffen durfte gemacht haben. Andererseits müßten die Freunde des Völkerbundes mit der Tatsache rechnen, daß der Völkerbund, wenn er die Behandlung dieses Problems als ständige Aufgabe übernehmen wollte, einen grundsätzliehen Beschluß fassen müßte. Die Abordnung habe durch Vorstellungen bei der Regierung und Aufklärung der öffentliehen Meinung den Weg zu einer Behandlung dieser Frage gebahnt. Die englische Regierung werde sicherlich nichts tun, um ihre Behandlung zu verhindern. Sollten mehrere Staaten die Dringlichkeit des Problems empfinden, so sei es wahrscheinlich, daß es in der nächsten Völkerbundsversammlung zur Sprache kommen werde. Eine Erklärung, welche Haltung die Regierung Seiner Majestät in dieser Frage einnchmen werde, könne er nicht abgeben. Er möchte jedoch sagen, daß jeder begründete Vorschlag, der sich als verständig und nützlich erweisen werde, sicherlich Von der Regierung wohlwollend erwogen werden wird. Einer Zeitungsmeldung zufolge beabsichtigt der Kornmissär für die Emigranten-Fürsorge James Mac-Donald, der sich gegenwärtig in Südamerika aufhält, sein Amt in nächster Zeit niederzulcgen. MacDonald ist über die mangelnde Unterstützung, die seiner Arbeit seitens der Völkerbundsstaaten zuteil geworden ist, verstimmt. In Wahrheit hat das Kornniissariat nur in sehr begrenztem Umtang den Emigranten helfen können. Zum Tode von Oberst Lawrence Oberst Lawrence, der nach einem Autounfall in London am vergangenen Sonntag gestorben ist, war eine der außergewöhnlichsten Gestalten unserer Tage und hat durch die Kraft und Eigenart seiner Persönlichkeit auf die politische Entwicklung des Vorderen Orients einen starken Einfluß ausgeübt. Er wird als ״Lawrence von Arabien“ in die Geschichte cingchen, war er es doch, dem es im Dienste des englischen Geheimdienstes im Kriege gelang, die arabische Welt zum Aulstand und Kriege gegen die Türken an der Seite Englands zu bewegen. Dazu befähigte ihn nicht nur sein Wissen um die Eigenart der Araber, sondern auch seine habe der Menschenkenntnis und seine Fähigkeit der Einfuhluug in Volksbräuche und Lehensumstände. Zusammen mit Emir Feisal hat er •einen siegreichen Feldzug in der Wüste geführt. Sein Buch ״R c v o 11 in the d e s e r t“ (deutsch erschienen unter dem Titel ״Aufstand in der Wüste“) gibt «inen tiefen Eindruck in das Leben der arabischen Stämme; es schildert die Ereignisse während des Krieges mit dramatischer Kraft und ist eines der spannendsten literarischen Dokumente, die in den letzten Jahrzehnten erschienen sind. Lawrence träumte von einem großen arabischen Reich, das alie arabischen Stämme einigen und sie unter britischem;jehutz einer neuen Zukunft entgegenführen sollte. Dieser ׳raum ist nur unvollkommen in Erfüllung gegangen. Die Ab- 1"achungen unter den Alliierten selbst wie auch die inner- Jrahi.schen Differenzen haben ihn nicht zur Wirklichkeit '«'«len lassen. Trotzdem gelang es Lawrence seinerzeit, «abei mitzuwirken, daß Emir Feisal nach seiner Vertreibung aUi Damaskus von Emgland auf den Thron des Irak gesetzt wurde. Freilich hat Lawrence die englische Politik?n die Haschimidcnfamilie gekettet, was sich teilweise als "rtiint erwies, da Husseins Gegenspieler Ihn Saud, für den *hilby eintrat, sich als stärkere Persönlichkeit erwies. Der von Lawrence und seinem Chef General Mac Mahon »trtrctene Gedanke, die Araber durch das Versprechen eines panarabischen Reiches für England zu gewinnen, kollidierte |!lcl! 111 gewisser Hinsicht mit der Politik der B a I f o u r - J:ckla ration. Aber ein Gegner der Idee des jüdischen '*׳oiialheims ist Lawrence nicht gewesen, wie aus ver- *"'«lenen seiner Aeußerungen hervorgeht. Auch in den seither vergangenen Jahren tauchte Law- «nces Name bei verschiedenen politischen Anlässen auf, obk"1 er ihn abgelegt hatte und als einfacher ״Mechaniker tiaw״ teils in Mesopotamien, teils in Indien und zuletzt in ^nkland lebte, ln Wirklichkeit beschäftigte sich Lawrence u,( noch mit Maschinen und Büchern. Aber schon zu Lebwen begleitete ihn die Legende, die er durch seinen “«neuerlichen Zug durch die Wüste sich erworben hatte. XIX« Zionistenkongpreß Das Zionistische Zentralbüro teilt mit: Die Exekutive der Zionistischen Organisation hat nach Beratung mit dem Präsidium des Aktions-Comitös beschlossen, den 19. Zionistenkongreß für den 27. August nach Luzern einzuberufen. Die Exekutive hat gleichzeitig Dr. Franz Kahn zum Leiter und Dr. Fritz Ullmann zum stellvertretenden Leiter des Kongreßbüros ernannt. Das Kongreßbüro wird Mitte Juni seine Arbeiten in Luzern aufnehmen. Bis dahin sind Briefe für das Kongreßbüro an Dr. Franz Kahn, Puchmajerova 1, Moravska Ostrava (Tschechoslowakei) zu richten. Ein Vereins verbot Der ״Volk. Beobachter“ vom 20. Mai meldet: ״Der ,Bürgerverein für Hervestehude und R o t h e r - bäum“ ist von der Polizei mit sofortiger Wirkung aufgelöst und verboten worden, weil sein Bestehen und seine Tätigkeit den staatlichen Interessen zuwiderläuft. Den Mitgliedern des Vereins ist es verboten, sich unter anderem Namen zusammenzuschließen. Zu diesem Verbot erfahren wir: Die Polizeibehörde hat den Biirgcrvercin aufgelöst und verboten, weil er unter Leitung von jüdischen Personen steht und sich überwiegend aus jüdischen Mitgliedern zusammensetzt. Es ist nicht mit den nationalsozialistischen und somit mit den staatlichen Interessen zu vereinbaren, daß dieser Verein weiter als Bürgerverein bestehen bleibt. Die Juden können heute nicht mehr als Staatsbürger angesehen werden, sondern sind nach allgemeiner Auflassung nur ,deutsche Staatsangehörige jüdischen Volkstums‘. Der Jude aber, der sich in einem Verein als Mitglied befindet, der sich Bürgerverein nennen darf, wird sich nach wie vor als Bürger betrachten. Bürger aber kann nur sein, wer Volksgenosse ist, Volksgenosse aber ist nur, wer deutschen Blutes ist. Ein Jude kann daher niemals Staatebürger sein.“ Jüdische Aas Wanderung nach USA. 11t dem Bericht der Hebrew Shcltering and Immigrant Aid Society (Hias) für den Zeitraum vom 1. Januar bis 31. März 1935 wird mitgeteilt, daß in diesem Vierteljahr 1888 jüdische Ausländer in den Vereinigten Staaten eingetroffen sind. Von ihnen waren 1166 Einwanderer und 722 vorübergehende Besucher. Ein erheblicher Teil der Ein- «׳anderer stammte aus Deutschland, von wo die Betreffenden unmittelbar oder nach einem Zwischenaufenthalt in den Nachbarländem nach Amerika gekommen waren. f K. Paris, im Mai Es ist heute schwerer als je, sich ein Bild von der Lage der deutsch-jüdischen Emigration in Frankreich zu machen. Frankreich ist für viele Juden, die sich nach dem Zusammenhrucli ihrer wirtschaftlichen und moralischen Existenz, in Deutschland ein neues Leben aufbauen wollten, nur ein Durchgangsiand gewesen. Hat der ()herkommissar im Jahre 1933 die Zahl der Emigranten in Frankreich auf 25 000 (davon -k bis G Juden) geschätzt, so kann man, ohne daß allerdings enaue Feststellungen zugrunde liegen, annehmen, daß die lallte oder zwei Drittel dieser Zahl, Frankreich wieder verlassen hat. Ein Teil ist in die europäischen Nachbar-!ander gegangen, allerdings meist, ohne sich dort befestigen zu können, ein Teil ist nach Palästina, ein Teil nach Liebersee gegangen und schließlich ist eine nicht unbeträchtliche Gruppe nach Deutschland ziiriickgokchrt. Was in Frankreich zurückgeblieben ist, kann man in vier große Gruppen teilen. Die nicht sehr zahlreiche Gruppe der wohlhabenden Emigranten, die sich natürlich leicht eine neue Existenz, schaffen konnten und die für die nachstehenden Betrachtungen ausschalten, die stärkere Schicht Geringhemittelter, die sich recht und schlecht durchschlagen, die meist an der Grenze des Existenzminimums stellen und vielfach bereite im Uebcrgang zu jener dritten großen Gruppe der Deklassierten stellen, die typische jüdische Luftexistenzen geworden sind, die teilweise von Unterstützungen leben, teilweise ZufaUsgcschäfte machen. Hausierer usw.!erfreulicherweise um dieses düstere Bild deutsch-jüdischen Schicksals etwas zu erhellen — gibt es noch eine letzte Gruppe, der vor allem ein großer Teil der lugend angehört, die aus dem jüdischen Schicksal in Deutschland, die richtigen Konsequenzen gezogen haben und die durch die großen Umschichtungsorganisationcn ״Hechaluz“ oder ״Agriculture et Artisanat“ oder auf landwirtschaftlichen Gütern, die von privater Seite geschaffen worden sind, einen neuen, landwirtschaftlichen oder handwerklichen Beruf eriernen und die meist auch den Weg in die jüdische Heimat finden werden. Die Zahl der in den verschiedensten Formen in Umschichtung befindlichen jüdischen jungen Menschen kann in Frankreich auf etwa 800—1000 geschätzt werden, wobei es sich zum größten Teil um Leute aus Deutschland handelt. Diese erfreuliche Seite der Emigration nach Frankreich darf aber nicht den Blick dafür verschließen, daß im ganzen ein tragisches jüdisches Schicksal vorliegt. Die deutsch'jüdische Emigration ist gerade in einem Augenblick nach Frankreich gekommen, in dem das Land zum ersten Male ernsthaft die Wirkungen der großen weltwirtschaftlichen Krise zu fühlen bekam. Sie kam, als die seit langem in Frankreich latente Antifrcmdenbewegtiug infolge einiger Zwischenfälle und besonders durch das Marseiller Attentat zur Auslösung kam und sich in einer Fremdengesetzgebung formulierte, die sich natürlich in erster Linie gegen die am wenigsten gefestigte Fremden- Schicht, die jüdischen Emigranten, wenden mußte. Sic kam — auch das ist wichtig . in einem Augenblick, in dem die französischc Judenheit zum erstenmal seit Jahrzehnten wieder die Anzeichen einer antisemitischen Bewegung spürte, die natürlich auch in Frankreich me ausgelöscht war, die aber unter dem Druck der Krise sich wieder aktivierte. Es ist hauptsächlich auf die angegebenen Fakten zurückzutühren, wenn das mit großen Mitteln (13 15 Millionen frs) unternommene Hillswerk zugunsten der jüdischen Emigranten nur w c n i g d a u e r 11 a f < e Erfolge aufzuweisen hat. Die Bedingungen für eine Einwurzelung der deutschen Juden in Frankreich waren sicherlich nicht günstig. Auf der anderen Seite wurde aber, von der Leitung des Hilfswerkes in Frankreich — eben aus der oben erwähnten inneren Unsicherheit heraus — niemals eine klare Politik hinsichtlich der Emigration befolgt. Während von den großen ausländischen Organisationen, die einen erheblichen Teil der Hi'fsgelder zur Verfiigung stellten, dauernd die Notwendigkeit einer produktiven Verwendung der Hilfsgelder, d. h. ihre Verwendung zur Existenzgriindung in Frankreich oder zur Umschichtung gefordert wurde, wollte die französische Gruppe zwar unmittelbare Hilfe leisten, um eine Verelendung der Emigration im Augenblick zu verhindern, auf der anderen Seite aber ihre Abwanderung im stärksten Maße fördern. Diese Zwitter- Politik hat dazu geführt, daß zwar öfters Versuche zu eine!■ produktiven Hilfsarbeit unternommen wurden, daß sie aber entweder im Projekt stecken blieben oder nach kurzem Start im Sande verliefen. Ein typisches Beispiel ist das Projekt der Darlchnskassc, über die monatelang verhandelt wurde und die jetzt — wie es heißt — endlich zustande kommen soll. Unterdessen ist aber die Lage der Eingewanderten so ungünstig geworden, daß die Erfolge der Darlelmskasse von vornherein bezweifelt werden müssen. Eine Darlehnskasse: kann, wenn sie ihren Zweck erfüllen soll, nur Zusatz- Kapitalien zum Existenzaufbau liefern, sie muß aber zur U n - terstützungs kasse werden, wenn sie gänzlich mittellose Bewerber unterstützt. Es kann für niemanden, der die Dinge kennt, ein Zweifel darüber bestehen, daß sich das Pariser Hilfswerk zur Zeit in einer ernsthaften Krise befindet. Diese Krise ist eine doppelte; sie ist zugleich moralischer w׳ie materieller Art. Wir glauben, die moralische Krise an den Anfang setzen zu müssen, denn wo eine entsprechende geistige Grund- Haltung gegeben ist, ist es bisher auch in Kriscnzcitcn möglich gewesen, die notwendigen Mitte! für eine notwendige Arbeit aufzutreiben. Die moralische Krise hat ihre doppelte Seite: Helfende wie Unterstützte haben den Glauben andieZu• kunft verloren und sind von der Vergangenheit enttäuscht. Die französische Judenheit ist enttäuscht, daß trotz erheblicher Mittel das Emigrantenproblem nicht gelöst worden ist, daß die Einordnung der Verbleibenden nicht ohne Reibungen abgeht und daß schließlich — wobei die Beziehung zwischen Grund und Folge nicht ohne weiteres gegeben ist — die antisemitische Aktivität in Frankreich (von einer ״Bewegung“ kann heute noch nicht gesprochen werden), nicht abgenommen hat, was man teilweise dem neuen jüdischen Einwändenmgsstrom zuschreibt. Ist es unter diesen Umständen erstaunlich, daß jene Kreise ״national-französischer“ luden an