Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1935-05-17 · Heft 40 (17.5.1935) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 40 (17.5.1935)
Date
1935-05-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2651273-2653827-2653865--26850-2688257
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 40 / Jahrgang 40 Preis 25 Rpf. JÜDISCHE RUNDSCHAU DdurlftltihiiiftVerlag a. Anzfelgenverwaltangt BorUaW15fMelnokootr.lO F«raruf: Sammel-Nr.il Bismarck 3181/82,7165/70,7240/42. - Bezugspreis je Monat HM 2.-, je Vierteljahr RM 5.75. - Postscheck * Konten der Vertrieb» -Abteilung: Berlin 71573 (für Groß - Berlin). Berlin 17 392 (für das übrige Reich). Ausland•' bezug in jeweiliger Landeswährung. - Erscheint jadto Dltnitag and Fraltag. BERLIN י״ד אייר תרצ״ה FREITAG, 17. MAI 1935 Anzelgenprelsliate Nr. 2 gQItig. Die 12gesp. fnm-Zeiie 20 Rpf, für Stellenge«. 10 Rpf, für Fatniliennat hrichten 15 Rpf. Hinrelanzeigen nur gegen Vorauszahlung am Schalter oder auf Postscheck-Konto Berlin 71618 Montag bis Donnerstag 9-18 Uhr, Freitag 9-16 Uhr. Annahmeschluß für die Dienstag-Ausgabe Montag 10 Uhr, für die Freitag-Ausgabe Mittwoch 13 Uhr (Fatnilienanzeigen bis Donnerstag 10 Uhr) Der Zionismus erstrebt für das indische Volk die Schaffung einer öffentlich ־ rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. (Baseler Programm) Nach dem Berner Urteil Zum Problem des Zusammenlebens und der Auswanderung Der Berner Prozeß um die ״Protokolle der Weisen von Zion“, i!1 welchem jetzt das Urteil der ersten Instanz vorliegt, ist gewiß nicht wegen der Personen der Angeklagten, deren Namen sich kaum jemand merken wird, also auch nicht wegen deren Bestrafung, von der jüdischen ()Öffentlichkeit mit beträchtlichem Interesse verfolgt worden, sondern darum, weil hier Gelegenheit war, vor einem Forum, dessen Objektivitat auf allen Seiten ausdrücklich anerkannt wurde, das ganze einschlägige Material auszubreiten. Bei einer Sache dieser Art liegt ja der Kern alles Uebcls darin, daß die breiten Massen der Bevölkerung keine Möglichkcit haben, den umfangreichen Stoff wirklich kennenzulernen; so entsteht die Gefahr des Schlagwortcs, das von Mund zu Mund gehend entstellt und mißbraucht wird, so daß schließlich ein unbestimmbares und schwer faßliches Stiminungsniornent zurückbleibt. Natürlich hat auch der Berner Prozeß nur eine kleine Publizität gefunden; die Zeitungen konnten nur ganz kurze Auszüge aus den Berichten veröffentlichen. Man müßte also wünschen, daß das Verhandiungsprotokoll als Buch gedruckt wird, und zwar nicht nur das Gutachten eines einzelnen Sachverständigen, sondern alle Gutachten, damit der kritische Verstand des Lesers sich entscheiden kann; aber man muß fürchten, daß ein großer Wälzer entstünde, der nicht denselben Eingang in breite Volksschichten finden kann wie kurze populäre Broschüren. Das Berner Urteil hat festgestellt, daß die sögenannten ״Protokolle“ eine Fälschung sind. Für jeden Juden ist das eine Selbstverständlichkeit, und schon die Tatsache, daß wir auf solche Feststellungen angewiesen sind, ist für uns im Grunde eine Demiitigung. Welches andere Volk hat cs nötig, sich so etwas von einem Gericht bescheinigen zu lassen! Es wäre falsch, wenn sich die Juden mit dem Resultat des Berner Prozesses zufrieden gäben. Uns beschäftigt vielmehr die Frage: u׳ie ist es möglich, daß Menschen aller Völker diese ״Protokolle“ als eine wirkliche ,.Enthüllung“ betrachtet und ihren Inhalt mehr oder weniger geglaubt haben? In allen Ländern leben seit Jahrhunderten Juden und Nichtjuden in enger Berührung, der nichtjüdische Nachbar kennt den Juden, hat mit ihm geschäftlich und privat zu tun, hat mit Juden Erfahrungen aller Art, gute und gewiß auch schlechte, aber doch immer innerhalb des menschlichen Bereiches von Gut und Böse; wieso ist er plötzlich bereit, Teuflisches von Juden zu glauben? Der Sachverständige Loosli hat diesen Gedanken vor dem Berner Gericht ausgesprochen. Den Juden, so sagte er, die wir aus unserer Nachbarschaft und unserem Verkehr kennen, sollen wir solches Zutrauen? Dem Redner schien das absurd, aber die Formulierung der Frage ergibt erst das eigentliche Problem, an dem wir Juden nicht vorbeigehen dürfen, wenn wir die bittere Wirklichkeit sehen wollen. Die ״Protokolle“ sind eine Fälschung, aber der Glaube an die ״Protokolle“ ist eine Realitat, die zu belächeln — wie es die ״Aufgeklärten“ früher taten — wir aufgehört haben. Auch das enge Zusammcnlcben und die Erfahrungen des persönlichen Verkehrs haben nicht verhindert, daß eine unsichtbare Scheidewand des Fremdheitsgcfühls vorhanden war, die eine solche Gespcnsterfurcht möglich machte. Viele Nichtjuden glauben an die Pläne einer ״jüdischen Welt- Herrschaft“ und an unsere Absicht der Vernichtung anderer Völker. Und so fassungslos wir, die wir das wahre Wesen des Judentums kennen, vor solchen Anwürfen stehen, wir sind doch nicht der Pflicht enthoben, uns die Frage vorzulegen, wie es dazu kommen konnte. Es wäre dabei zunächst, an die Machtstellungen «1 denken, die Juden im sozialen Organismus da und dort errungen haben. Man kann sich nicht wundern, wenn bei einem Volk, dem jahrhundertelang jede Betätigung im öffentlichen Leben versagt war, mit Befriedigung vermerkt wird, wenn einzelne durch eigene Tüchtigkeit da oder dort zu Ansehen kommen. Es ist aber ein unbestreitbares Phänomen, daß in den meisten Fällen die Oberschicht sich immer mehr von dem jüdischen Zusammenhang entfernt hat. Diese Menschen waren ängstlich bemüht, nicht mit dem Judentum identifiziert zu werden; in den meisten Fällen kehrten sie ihm auch formell den Rücken. Vielleicht hat gerade das Fernhalten von der jüdischen Gemeinschaft das Mißtrauen erweckt. Da das Judentum nicht organisiert war, ja seine eigene Auflösung wünschte, vermuteten manche Außenstehende, es müsse eine ״Geheimorganisation“ vorhanden sein. Aber so eine Behauptung hätte kaum Glauben finden können, wenn nicht ein Tieferes dahinter stünde, das unheimliche Gefühl einer metaphysischen Spannung. Man hat aus der Bibel und aus dem anderen religiösen Schrifttum der Juden alle möglichen Stellen herausgefunden, die einen Anspruch auf ״jüdische Welt- Herrschaft“ beweisen sollen■ Worum geht es in Wirklichkcit? Durch die Juden ist die Idee des Monotheismus in die Welt gekommen. Der Glaube an einen Gott enthält in der Tat auch den Glauben an die engere Zusammengehörigkeit der ganzen Menschheit, über der dieser Gott thront. Die ״Weltherrschaft“, von der in den Verheißungen die Rede ist, gebührt nicht dem jüdischen Volk, sondern dem Gott, vor dem alle Völker sich neigen. Nach jüdischer Auffassung steht gerade das jüdische Volk in strengster Prüfung vor diesem Weltenherrn, der durch den Propheten Arnos (Kap. 3, 2) verkündet hat: Von allen Völkern der Erde habe ich euch erwählt, darum werde ich an euch heimsuchen alle eure Verfehlung e n. Der Gedanke, daß die Auserwälilung Verpflichtungen einschließt, daß jedes Verhängnis ein Strafgericht Gottes ist, bezieht sich in erster Linie auf das jüdische Volk selbst; Befreiung und Erlösung wird stets mit der Notwendigkeit einer inneren Wandlung und Läuterung verknüpft. Dies ist aber nicht deutlich geworden, weil es auch ins Bewußtsein der Juden nicht deutlich eingegangen ist. Darum wird eine Selbstbesinnung des Jud e n t u m s vielleicht auch von einer reinigenden Wirkung auf das Verhältnis der Juden zu den anderen Völkern sein. * Denn das Zusammenleben mit den anderen Völkern ist und bleibt für uns Juden ein entscheidendes Lebensproblem. Jüdische Geschichte war schon in früheren Jahrhunderten oft Geschichte von Wanderungen; es hat sich gezeigt, daß nach Ablauf bestimmter Zeiträume immer wieder eine Verdrängung der Juden aus ihren Wohnsitzen stattfand. In der neuen Zeit haben wir eine der größten Wanderungen aller Zeiten erlebt, nämlich die Uebersiedlung von Millionen russischer Juden nach Amerika. Wenn man bedenkt, welches gewaltige Auswanderungsbedürfnis in der völlig pauperisierten Masse des polnischen Judentums vorhanden ist und wie gering die überseeischen Auswanderungsmöglichkeiten geworden sind, erkennt man die ganze Schärfe der Gegenwartskrise. Jede Wanderung ist voll von Tragik und menschliebem Leid. Um die Jahrhundertwende dichtete der jiddisehc Arbeiterdichter Morris Rosenfeld das crschütternde Gedicht ״Sturm“, worin zwei Juden todesbereit sagen: ״Amerika treibt uns nach Rußland zurück“. An diesen Aufschrei muß man denken, wenn man dieser Tage liest, daß eine Gruppe jüdischer aus Deutschland stammender Auswanderer von Brasilien nach Europa zurückfuhr und ihnen im belgischen Hafen die Landung versagt wurde. Wir hören von dem Elend jtidischer Auswanderer auch in anderen Ländern, und eine Rückwanderung nach Deutschland ist auch bei völlig unpolitischen jüdischen Auswanderern nicht erwünscht, wie aus der kürzlich veröffentlichten Mitteilung hervorgeht, daß solche Rückwanderer in Schulungslagern untergebracht werden. Angesichts dieser Tat- Sachen rechtfertigt sich die von uns seit dem Umbruch von 1033 stets eingenommene Haltung, daß vor einer überstürzten panikartigen Auswanderung gewarnt werden muß. Als einziges reales Ziel der Auswanderung hat sich Palästina erwiesen, dank der dort durch den Zionismus geschaffenen politischen Bedingungen und dank der Vorarbeiten, die im Lande selbst im Verlaufe einer fünfzigjährigen aufopferungsvollen zionistischen Besiedlung geleistet worden sind. Palästina wird auch in Zukunft die Hauptrolle bei der Aufnahme von Linwanderern spielen, aber die objektiven Tatsachen rechtfertigen nicht die Annahme, daß das Land alle Auswanderungswilligen aufnehmen kann. Man denke nur an Länder mit solchen jüdischen Massen wie Polen und Rumänien! Ls ist also kein Zweifel, daß es auch in Zukunft eine Di a spora geben wird, und daher bedarf auch das Problem der Diaspora, das jetzt in ganzer Schärfe aufgerollt wurde, einer Regelung, nämlich die Form des Zusammenlebens von Juden und Nichtjuden und die Eingliederung von Juden, die ihren Lebensunterhalt in ihren Wohnländern erwerben müssen. ln der letzten Zeit sind in deutschen Zeitungen wiederholt Artikel erschienen, die in ihrer Art die Bedeut u 11g des Zionismus für die deutsche J 11 d e 11 f r a g e herv! »rhoben. (Wir haben z. B. in Nr. 38 und Nr. 30 die Artikel des ״V. B.“ zitiert.) In der Tat ist besonders für die Heranwachsende Jugend der Zionismus nicht mehr bloß eine Weltanschauung, sondern eine unmittelbare Lehensaktualität geworden. Erliebliche Teile der jüdischen Jugend werden in Palästiua ihren Platz suchen müssen, und zwar in harter Arbeit. Die Große der hierdurch im Leben des einzelnen vor sich gehenden Umwälzung wird von uns nicht unterschätzt. Aber so sehr wir auch wünschen, gerade die kräftigsten und wertvollsten Teile der jüdischen Genieinschaft für die gewaltige seelische und körperliche Anforderungen stellende Aufbauarbeit an dem neuen Gemeinwesen in Palästina zu gewinnen, so verkennen wir doch nicht, daß es ein Langer und weiter Weg ist, zu diesem Ziel zu gelangen. Mit einem Schlag ist es nicht zu bewirken. Diese Einsicht hat Konsequenzen für die Darlegungen, die wir den Staatsbehörden über eine geordnete, unerwünschte Mißstände ausschaltende Auswanderung und für die sonstige Regelung der jüdischen Angelegenheiten machen könnten; aber auch für die i 11 n e r j ü d i s c h e Auscinandersetzung, die in letzter Zeit leider mit besonderer Heftigkeit entbrannt ist. Es gibt wohl keinen Teil der deutsehen Judenheit mehr, der nicht unter dem Zwang der Tatsachen die B e d e 11111 n g P a I ä s t i n a s anerkennte. Aber man will nicht wahr haben, daß der Umstand, daß jeder junge Jude ein ״potentieller“ Einwanderer für Palästina ist, die ganze Gestaltung des jüdischen Lebens und die Auffassung von Diaspora grundlegend becinflußt. Das wird maßgebend für die Gestaltung der beruflichen Ausbildung, des Schulwesens, und - ganz allgemein gesprochen — der ״J udeii tum s -Freud i g k e i t“ sein müssen. Ls ist also wie auch von jedem objektiven Betrachter ohne weiteres anerkannt wird - - k ein u!1 b i 11 i g e s Verlangen, daß die Zionisten in all den Verwaltimgszw,eigen, die mit den erwähnten Dingen zu tun haben, auch einen Einfluß bekommen. Wenn aber in der inner jüdischen Diskussion aiigedeutet wird, die Zionisten würden nicht geniigend die Interessen der hier!eilenden und hier bleibenden Juden berücksichtigen, so muß demgegenüber gesagt werden, daß auf diesen Gebieten das Ausmaß und die Art der Tätigkeit zwangsläufig vorgeschrieben und auf allen Gebieten der praktischen Volksarbeit gerade von zionistischer Seite stets entscheidendes geleistet worden ist. Für die Sn Deutschland lebenden Juden, gleichviel welcher innerjüdischen Richtung sie angehören, gibt es die gleichen Interessen zu wahren; das Programm haben wir vor mehr als zwei Monaten (5. März) an dieser Stelle in ״vier Punkten“ zusatnmengefaßt. Die deutschen Juden haben viel umzulerncn; die. niclit/ionistischen Führer selbst rühmet! sich ja in letzter Zeit immer wieder, sie hätten umgelernt. Dieses Umlernen bedarf aber einer geistigen Führung, die natürlicherweise denen zufällt, die den Prozeß schon früher durchgemacht haben. L)iese fühlen zwar die Not und Bedrängnis der deutschen Juden zutiefst mit, aber sie können ihnen auch ein Ziel und einen Weg weisen. Es hieße die Sache viel zu primitiv darstellen, wenn man dieses Ziel einfach ״Auswanderung“ nennen wollte. Es heißt: Jasagcn zum Judentum, verbunden mit dern großen tröstlichen Bewußtsein, daß etwas Neues im Werden ist, was an die Juden große Anforderungen stellt; denn jede zu sich selbst erwachende Gemeinschaft, die wirkliche Lebenskraft besitzt, braucht eine Aufgabe und ein Ziel. Diese Notwendigkeit anzuerkennen: das ist es, worum es in unserer innerjüdischen Auseinandersetzung in Wahrheit geht.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.