Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 36 (3.5.1935)
- Date
- 1935-05-03
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2651273-2653827-2653861--26799-2688202- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Sette 0ז JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 36, 3. V. 1935 Sdimock in Palästina Siegfried Trebitsch, der Uebersetzer Bernhard Shaws und Bruder des genial pathologischen Arthur Trebitsch, der nach seiner Taufe ein Vorkämpfer der ״arischen Weitanschauung“ geworden ist, hat Palästina besucht und fühlt sich bemüßigt, darüber ein Feuilleton (in der Wiener ״Neuen Freien Presse“) zu schreiben. Herr Trebitsch hat niemals etwas vom Judentum, natürlich auch nicht vom jüdischen Palästina-Aufbau, wissen wollen. Er gehört jener Literaten• schiebt an, die nicht zum wenigsten dazu beigetragen hat, daß jüdisches Wesen von der Umwelt entstellt gesehen wird. Nun haben sich die Zeiten geändert, und Herr Siegfried Trebitsch läßt sich herab, ״im Flug“ durch Palästina zu eilen und darüber in jenem quatschigen Feuillefonsfil zu bcrichten, der die bedauerliche Degeneration des einst hochstehenden Wiener Feuilletons charakterisiert. Was trieb ihn nach Palästina? Hören wir: ״hl dir-em stürmhdien, lr<Kt<lurclx<>bten Frühjahr ist es mir ähnlich eig;!!!״(•!!, ah i! 11 mir die Sehnsucht der Kreuzfahrer, die heilige (hal1!,(1t1׳ in Jerusalem, zum Zick* nahm. Ich vermag nichts nt x'hililcrn, nur leise zu bekennen: ich hat« am ewigen Grabe gestanden, vor jenem Heiligtum durfte ich erschauern, zu welchem Jahr■hunderte hindurch Sterbliche aller Art sehnsüchtig und rach• gieiig, totlcstrmiUen und glaubcnsverkiärt, erlbsungsdurstlg und von /•«־titeln geselmaelt die immer wieder erneuerte I’tlgeriahrt unternomnten h.theti.“ Herrn Trebitsch ist aber Palästina nichts Fremdes. F.r hat davon schart in der Schule in der biblischen Geschichte gehört, und zwar was? Natürlich von Nazareth. Also: ״Aber wenn m,m bann dutch Xantctliä winklige Gtt&chcn schreie■{ und itbuaii glc.di-.im auf dem Hoden der Bibel stellt, so -,!.big n da■ li:k'.uu! :;■•ti, die man empfangt, manchmal wie leie* Ihr ׳ e'i ־׳;:־ti;11־.-. terbe-*er Selmbeit au das Ohr. Ks ist, als oh , ׳. cit:* 'h * 11 -r vergönn’ warn, na. h/4!pn1ten, ob alles auch wahr r׳a I, u;o.;:׳ . :bn r!!a. ei..geprägt ־wurde und .׳.!!«eilen wie eine lästige 1 i’.rai «:,.!< ‘b ־!t *aeojrn mubfe, l.be ,lhuHtngsgegens!itnrle‘, w־ie. <׳־־• in der < bn'e Ir, b, .־.•b1״'׳en einem in rm11 ז ru vorgeführt zu v.nbn, :;־..!!.!. enaihhe fdunu.hr bbebt nir.irt aus, wenn man 71!-־ nnnuni. 1 enragg dar, r 10 r Amang aller 1 bnge., so schwer begreif, lieh er :•tiu ttiag, an! Amang eines jeden Menschenlebens gelehrt \s e. L“ Was sonst an verschnörkelten Banalitäten über Palästina hier erzählt wird, bedarf keiner Wiederholung. Nach der Schilderung der regigiijs.historischen Stätten schreibt Herr Trebitsch schließlich: ,,i :1׳ r» a:*. r undankbar v11״ einem Lande scheiden, das einem 11:׳־ d! r **. heehigkp!( von Viuoncn so viel Lel>erw־äftiget1des und M! : k c n!. ggי .־ b e, «eun man unerwähnt lassen wollte, <1.1b!:״׳.־ d. in in beii den Ueiikiuaitni versunkener Epochen den n!.g*!1■ ,;!■ ■, k : dl־, Emp11׳׳!luhe'ns einer neuen Zeit mitansehen, Ls ist witklicii nett van dem Schreiber, daß er nicht so ״undankbar׳‘ i־t, um das neue Palästina ״unerwähnt“ zu las-cn. I r beschreibt also Tel-Awiw, nicht ohne die seinem ( jcsrhniack w iderspre hende Bauart der Häuser zu kritisieren. Was hat er ״eselteti? Das um seine Regeneration ringende jüdische Volk? Weit gefehlt. ,,nie lv bioben juiig.-.na־ Lin« ,11! leier sind staunenswert, (nid unbcgn-idii i! bleibt 1ia-. täglich zu be*oßa־.׳h!endc Wachstum der mecrime-pülteu Hauptstadt des Emigranten reich es Tel- Awi»׳.“ Zum Schluß beißt cs dann: ,,Hin. paar Stunden weit von Tel-Awiw liegt Kl* ft S a rg da. cma als ,gelobtes Land‘ verheizen war Und sich von den gelbin >a.n׳lbug1׳'n 1׳er Eingebung nur wenig unterscheidet. Tel- Awiw m 1!. int tur I Iirndrr• tauv-tnle von Nachgeborencn den Reiz de׳, ge!׳:!*׳eii 1 .ande.s au.s/ustn,men und wie eine ersehnte Erfüllun״ zu vi i! bi!:.׳׳ 1 in stilistisches Meisterwerk ist dieses Feuilleton: Denn der Autor hat wirklich zustande gebracht, sieben Spalten voll/u-chrciben tmd das Wort ״Jude“ oder ״jüdisch“ kein einziges Mal zu verwenden. Das neue Palästina ist ein ״bmigrantenreivh“; was für Leute dort eigentlich sind, muß der Scharfsinn des Lesers hin/uerfinden, Fs i-f wirklich bedauerlich, daß man nicht verhindern kann, daß solche Jmlenetämnilinge, nachdem sie sich an alten möglichen Themen geübt haben, in Zeiten einer Konjunktur der Judenfrage nun auch Palästinaberichte schreiben dürfen. Briefe an die Redaktion Verdiente Anerkennung Haiti, 25. April Sehr geehrte Redaktion! Uebor die Reise nach Palästina, den Tramport der Chaluzim und da־. Erlebnis der Landung ist in Ihrem B'att. sehr oft berichtet worden. Man hat die Gefühle geschildert, die der Einwandeicr und auch der Tourist beim Anblick des Landes empfindet. Man hat über die Freuden und die Beschwernisse der Seefahrt belichtet und vieles andere mehr. Hoch eines, so scheint mir, hat man dabei übersehen: das ist die wichtige Rolle, die gewisse zionistische Jnstitutionen auf dem Wege in das Land spielen, tintl zwar die Zweigstellen des Palästina- Amtes an den europäischen llalcnplätzcn. Ich selbst kenne aus eigener Erfahrung nur Triest. Aber dieser 11 a! en platz: ist ja gerade für die Olim und Reisenden aus Heute! hbind besonders wichtig. Es ist keine leichte Aufgabe, in dieser Zeit der Massen-Altjah mit Mitteln, die der Größe der Bewegung recht immer angcpaßl sind, die man,!lg- Saltigen Aufgaben der Elnschitfang, Beherbergung und Verpfkgung zu erfüllen, die das zionist!sehe Amt dort zu erledigen hat. Und in diesem Zusammenhange soll einmal auch darauf hingewiesen werden, welch große I e stung c i n Mensch in dieser Zeit vollbringt, der der weiteren zionistischen und jüdischen Oeffentlichkcit vielleicht nicht bekannt ist, aber für viele Hun- (irrte jüngerer tmd älterer Palästinawanderer in den seelisch nicht immer ganz einfachen Stun* den des Abschieds von Europa mütterliche Fürsorge bewiesen hat. Es ist Frl Tolentino vom Palästina:imt Triest, die — eine echte ״Chaluz.muttcr“ — für die kleinen und großen Sorgen unserer Menschen ein warmts und offenes Herz hat und in unermüdlicher Weise diese Arbeit leistet. In einer Zeit, in der die kleinen menschlichen Hinge allzu leicht unierg׳*hen, habe ich das Bedürfnis, hierauf hinzuweisen. Bis zum Schiffe und seiner Ab'ahrt betreut sie die kleinsten und größten .Transporte — nur eines hat sie noch nicht fertig gebracht: selbst nach Pa’ästina z.11 fahren und das Land zu sehen, dem auch sie zu ihrem Teil dient. l>cr Dienst des 1 •־״ hat sic noch nicht dazu kommen lassen. Mit zUnisti olf’m ("5ruß Jona M e n g e 1 Ein 82 jähriger Leser schreibt *4115 der unübersehbaren Menge von Zuschriften und Gratulationen aus unserem Leserkreis veröffentlichen wir hier eine, die uns besonders gefreut hat. Der Brief ist in geradezu kalligraphischer Handschrift geschrieben und wir wünschen unsererseits dem Schreiber, daß er noch viele Jahre die »J. R." lesen soll. (Red.) Regensburg, den 29. April 1935 An die Redaktion der,.Jüdischen Rundschau“, Berlin Wenngleich die (Uückwünsche!um Jubiläum der ״Jüdischen Rundschau“ ihre Ende erreicht haben dürlien, u<־• halten Siedennoch einem %2jiihrigen Leser dt־r. seihen, nach einer ül>er>iajule11en Krankheit, Ihnen nachträglich noch mit ein ן mar Worten seine Gratulation au^/.tispreeheü. — Feiere ich doch selbst in gewisscr Be7iehuug das Jubiläum mit, denn seit 1900 hin ich deren Alumnen!. — Sie füllt mir in den letzten zwei. Jahren die Mittwoche und Samstage voll und ganz aus und gibt meinem Judesein mehr denn je heute den so nötigen Rückhalt. Vornehin, tapfer und uner* schroeken in der Witrcumg jüdbeher Interessen, stolz in dem Bekenntnis zum Judentum, —י das sind die Grmuhiitze, die Ihre Zeitung beherrschen und dem deutschen Juden Trost in seinen heutigen Nuten bringen. Möge die>e Tendenz in der ״Jüdischen Rundschau‘* weiter bestehen, zum Segen dem Judentum im aPgcmunen und zum Aulhau des Landes der jüdischen Zukunft — Eres Israel — im besonderen. Mit vorzüglicher Hochachtung Alois Natzler Der jüngste Kriegsfreiwillige Lauenburg. Fomm., 29. 4. 1935 ״Jüdische Rundschau“, Berlin VV In der ״Königsbrrgcr Allgcm. Zeitung“, Abcndat! gäbe vorn Sonnabend, den 13. .April 1935, findet sich ein Artikel, betitelt: .,Ehrenkreuz für den jüngsten KriegsfieiwiH'grn — Mit lßjahrft! an die Front von Verdun“, worin aus Berlin gemeldet wird, daß aut einem Berliner Polizeirevier ,.dem jüngsten deutsehen Kricgslrctwilbgcn, dem jetzigen Diplomkaufmarm Staar aus Wilmersdorf, das• Ehrenkreu* für Frontkämpfer verliehen“ wurde. Staar, der am 14. September 1899 geboren ist, machte, so wird berichtet, im Juni 1915 das Noicinjätirigc und begab *ich sofort mit 153,4 Jahren als Freiwilliger zur Armee. Er wurde mit 16 Jahren vereidigt, und kam sofort au die Front nach Verdun und wurde dann schwer verwundet und mehrfach au gezeichnet. Hierzu teile ich Ihnen folgendes mit: Ich bin am 8. September 1899 geboren, habe im Mai 1915 das Noieinjälirige gemacht und bin ebenfalls mit 15:1/) Jalucn am 1. Juli 1915 ins Ilcer emgetreten, wurde bercits am 12. Juli 1915 vereidigt, und kam schon am 19. September 1915 än die Front in <Ü8 Vogesen. Ich wurde »m 1. August 1910 zum Gefreiten and *m 27. Januar 1917 zum Unterofft. zier befördert, besitze das E.K.IL, das Khrenkreuz für Frontkämpfer und die Ungarische Kriegs, erinnerungstnedaille. Ich habe den Feldzug an der Front bU zum Schluß mitgemacht, und zwar in dem Vogesen, bei Reims und in Flandern. Ich bin aber genau so alt wie der jüngste Kriegsfreiwillige, bin also anscheinend früher ins Heer eingetreten und früher ins Feld gekommen. Ich heiße Siegfried Baum, genannt Fritz Baum, und bin Vorsitzender der Zionistischen Ortsgruppe in Lauenburg (Pommern). Schalom Fritz, B 4 u * ANTWORTEN DER REDAKTION Frau Susanne Loewengard. Wir stimmen Ihnen votlkommen zu, daß das neue Abzeichen der Schamossim in den Synagogen ziemlich geschmacklos ist. Es gibt unseres Erachtens im jüdischen Leben noch sehr vieles zu rügen, was auf derselben Linie liegt, und wir halten es daher nicht für angezeigt, gerade diese Angelegenheit zum Gegenstand einer speziellen Behandlung zu machen. Arthur Erdflyi. Die Schätzung, der sich der aus russisch״ jüdischer Familie’ stammende Göttinger Universitätsprofessor Minkowski als Mathematiker erfreut, ist bekannt und wurde auch bei früheren Gelegenheiten in unserer Zeitung hervorgehoben. Daß der berühmte Mathematiker David Hil* bert Minkowski als den Eroberer der deutschen Vorherrschaft auf dem Gebiet der Mathematik pries, liegt daran, daß zur Zeit jener Rede (191)9) der Sprachgebrauch des Wortes ״deutsch“ ein anderer war als heute, nämlich nicht die Rasse Gezeichnete, sondern die geographische Stätte der Forscher״ tätigkeit. _ Ankündigungen aus dem Reich Mülheim (Ruhr). Arbeit-(״emeinschaft jüdischer Lehrer am Nieder׳ rhein, 12. 5., 16 Uhr. Tagesordnung: 1. Vortrag Über aramäische Sprach- und Formenlehre; 2. Beiachoi XL ul ff. Familien-Nach richten Herr Hermann Rosenberg, Güttingen, Friedländerweg 20, begeht am 7. Mai den 80. Geburtstag. Herr Samuel Lcvy, Aachen, Adalbertsteinweg 247, begeht w» 8. Mal den 70. Geburtstag. Bar Mizwah - Termine Am 4. Mai —1 •י. Ijar: Leo, Sohn von Edgar Meyer, Emden, CltA*» Tholen-Siraße 19. Stettin Dr. Michael Traub sprJdit am Dienstag, dem 7. Mai, JO1/* Uhr, in der Genidnde-Sytiagoffc Rosengarten 9/10 Ober Sorgen der Prosperity Unkostenbeitraff 30RpfvJugendl. a. Erwerb»!. 15Rpf‘ Vorverkaufastcllen : Moses Marx.Sdiulrenstr. 37 Berta Spitzer, Kaiser - Wilhelm *Str. 42 — Julias Wolff, BismardtstraOc 18 sowie Bar*Ko<hb»״Hcim, Klosterhof 3!, Abendkasse: Büdierzimmer der Synagogen״ Gemeinde. Rosengarten 9 10, I. Hof link». STETTINER ZIONISTISCHE VEREINIGUNG ll'Trmniti hatte sich mit dieser» Warten nicht begnügt Er hatte ein Schreibe!! an dar» \ orsilzenden des Gemeindevarslainli•-, llerrn Brltenhrim, gesandt. Dieses Schreiben lag Büf dein li-cli, dessen Schmalseite Herr liellenbeini einnalun. Links und rechts van jlmi saßen der Rabhmcr, l)r. Weller, Herr Rrnilimrcr, der San!tatsrat Neubau» und weilen' llerrt'n de* \ ar-ianiles, Der Saal war über!lillt. Man sab Leo Fehlinger an eite1׳n besaniiemi Tisch und neben ihm Falkensleiu, Seln i hlau ilz, den jungen Norbert Leu und die Mitglieder seiner Gnippe. Nur Madelaine Julien saß an einem besonderen '1 t-ch neben iliietn \ aler. Madelaine winkle llcdda zu,!1)1• mil ihren Ellern /׳(•kommen war. Ilessingcr balle, sehr gesen seinen W!noch sieh entschlossen hinzmrehen. Er glaubte *ich mitveranlviörtlich Dir diesen Abend. F.r fühlte sieh unbehaglich. ,,Man soll *ich mir um seine Dingt* kümmern“, Mirlc er zu lierlheheii. ,.Man hat genug damit zu tun. Alles andere ist tun 1 ehcl. Was hab ich schon davon, wenn —“ Bes'inger kunnte nicht weiterspreebun, Beltenlieim hatte sich erhoben. Auch Bellenbeiiii war nicht in guter Stimmung. Er sah auf den Brief vor ihm, der ungeheuerlich in seinen Augen ■wuchs. Er stand auf, ließ seine beiden großen Schnurrbartbögen durch die Finger der rechten Hand gleiten und blickte recht entschlossen in die Bunde, bis sein Blick zu 1450 Feh- Jinger kam. ,,Wir sind eine alte Gemeinde. Wir haben eine Tradition. Wir erlauben es nicht, daß man sie antastet. Wir, der Vorstand, sieben für sie ein. Wir sind dafür eingesetzt. W ir lassen uns nicht dazwischen!mlcn. Wie ist diese Tradition? Sie ist das ireucste Leber!ieferungsgut unseres Glaubens. Liebe Deinen .Nächsten. Gehorche den Gesetzen des Lande*. Wir fühlen uns verbunden mit der Gesamtheit unserer Mitbürger. W ir wollen kein Zurücksehrauhen. W ir gehorchen dein Gesetz des Landes. Mil unserem Herzen dienen wir ihm. Groß und stark siebt es da. Groß und stark wollen wir es. Das ist unsere Ehre.“ Bellenbeim ließ seine Hchnurrbarthügen durch seine Finger gleiten, blickte um sich und setzte sich. Dr. Weiter war das Wort erteilt. Er sprach von einem Podium au». Die Lichter ließen das Schwarz seiner gepflegten Haare an den Seilen glänzen. Ei ergab ein Auf- und Abtanzen de» Glanzes bei jeder Kopfbewegung. Es war ein eigenartiges Spiel, wie das Lieht hin und her glitt, lledda beobachtete es. Sie fühlte auch, daß zuweilen die dunklen Augen sie streiften. Sie empfand es wie ein Eintauchen. Sie. hatte dieses Gefühl noch nicht gekannt. Es wirkte verwirrend. Dazu kam dieser Saal, alle Augen blickten auf Weller; dazu kamen die Worte; Dr. M eller sprach leicht und fließend, er machte kleine Pausen mitten in» Satz, und dann stockte plötzlich Keddas Herzschlag, er findet das Wort nicht, llcdda ärgerte sich. Was hatte sie damit zu tun? Aber es zeigte sich, daß die Pause nur eine kleine Steigerung der Erwartung bewirkte. Man wußte nicht, ul» es gewollt war. Man hörte unwillkürlich auf zu atmen und wartete. ,,Alles ist zeitgebunden", sagte Dr. W'elter. ״Denken, Empfinden, Tun — alles ist zeit gebunden. Auch das Seelische, Auch das Beliglöse. Wer es leugnet, kennt die Geschichte nicht. Wer es lemznel, vernehmt sieh selbst. Es ist unsere Größe, daß wir es bewiesen haben in den letzten hundert Jahren. Wir sind gewachsen, weit über die Grenzen hinaus, die die Orthodoxie, durch Einpfereliung in veraltete Bindungen, die einstens ihre Berechtigung gehabt haben mögen, uns zog. Das Ghetto fiel, die Welt war offen, war offen für uns. Man öffnete uns die Gheltotore, man riß die Ghettomauern nieder, nein, wir rissen sie nieder, wir öffneten. Die anderen gestatteten es nur. Wir waren es, die uns die W'eite schufen. Du willst Grenzen für dich? Gut, wir kennen keine Grenzen des Intellekts und des Geistes. Wir liehen das Endliche zum Unendlichen. W'ir sind die wahren Träger des letzten Gedankens di'5 Judentums. W as spricht heute mehr zu uns, zu unserer Seele, zu unserem religiösen Bewußtsein: ist cs der talmudische Streit über eine Nichtigkeit, oder ist cs das Wort Goethes: Edel sei der Mensch, hilfreich und gut? Wir sind Menschen des Humanitätsgedanke!1s. Wir deutschen Juden, wir Repräsentanten der Angleichung von Geburt, Schicksal und Blee, wir bejahen das Sein in seiner ungelternmlm, ideellen und idealen Auswirkung, das Ideal, das uns dem Unendlichen öffnet. Es ist ein jüdischer Gedanke, dieses Niederreißen von Schranken. Was trägt die Welt? Das Sidiahscliließen in sich? Heißt cs nicht bei uns, alle Völker werden den Weg zum Ewigen finden? Diesen Kuß der ganzen Welt, ruft Schiller. W'ir nehmen das Wort auf!“ Weiter hatte anfangs wohl zu llcdda hingeschaut und sich über den Ausdruck der Erwartung in ihren Augen gewundert. Du hast diesen Ausdruck schon auf Bildern gesehen, aber wo?, fragte sich Weiter. Jetzt erinnerte er sich an eine Kohle- Zeichnung von Raffaelo Santi, die er lange nicht hatte ver- Cn können. Es war ein Studienblatt zu dem Bilde in» oner Museum, die Heilige Katharina benannt. Der, Blick war seitlich und etwas nach oben gewandt, die Augen voller Erwartung, die runden Lippen ein wenig geöffnet. Es war alles bereitwillige Hingabe an das Kommende. Diese Bereit- Willigkeit der Hingabe, selbst an ein Wort, halte etwas Eigenartiges. Ein Mädchen von sechszclin Jahren und dieser Ausdruck! War das die ihr gegebene Art, den Erscheinungen und Tatsachen gegcnübcr7.us!t‘hen? W'as lebte in dieser Hedda? Dies schoß in den ersten Sekunden durch AVelters Denken, Aber bald faßte ihn das Thema. Seine Aussprache war klar und bestimmt. Als er endete, halte er starken Beifall. Bctlenheim dankte in etwas übertriebenen Worten. Er wollte, die Versammlung schließen, als Leo Fehlinger .um» Wort hat. Zum Erstaunen aller sprach er nicht von seinem Platz aus. Kr ging, vielmehr: er sprang zum Podium. lledda war betroffen. Welch ein Gegensatz. Hier war ein Mann, der dreiundzwanzig oder vierundzwanzig Jahre alt sein mochte, aber wie ein Siebzehnjähriger dastand. An Weller war alles reif, bestimmt, entschlossen, klar. Leo Fehlinger be־ sann sieh auf Gedanken, man sah es. Aber dann schoß ein Strom von Worten aus ihm hervor, Bewegung, Erregung, Pathos, Begeisterung. Die W'orte untermauerten das Gebäude nicht stark genug. Man zögerte einzutreten: ״Ich bin Herrn Dr. Weller dankbar. Er umriß einen Begriff. Begriff kommt von begreifen. So wie er es sieht, so wie er es begreift, umriß) er, was er der» Sinn des Judentums nannte. Ich kenn« keinen Sinn des Judentum•* ohne die Erhaltung des Judentinns. Ich selie keine Erhaltungsniöglichkeit auf die Dauer ohne Besinnung auf das, was es war, auf sein Volksein.“ Prolestrufe erhoben sich. Herr BeUenheim machte darauf aufmerksam, daß hier nicht der Ort sei, Agitation zu Wtiben. Herr Krailingcr rief: ״W'ir wollen kein Geschwätz. Fehlinger streckte seinen rechten Arm aus und schob seine Finger gegen die Anrufer. Man sah, daß die Hände schlank und die Finger lang waren. Die Hand bewegte sich in kurzen Schwingungen, als wollte sie die Wogen glätten. ״Ich_schlage keinen tot“, sagte Fehlinger. ״Ich bitte un» die Erlaubnis, fünf Sätze zu sagen. Fünf Sätze. Die Judenfrage besteht, auch wenn wir sie nicht hören wollen. Wir müssen uns offen, frei und willig zu unserem Judentum bekennen. W'ir sind jung, w1r sind schöpferisch, wir wollen es!«weisen, indein wir unser Land aufbauen, indein jüdische Menscher» ein jüdisches Land aufhauen. — W ir hören die Sprache unserer Väter. Wir wer״ den sie sprechen, ln unserem Lande werden wir sie sprechen. Als aufrechte, freie Menschen werden wir sie sprechen. — "as jüdische Volk kann und wird nicht untergehen. W'ir schwören es, wir Jungen. W'ir haben einen Ruf vernommen. Wehe denen, die tanh sind. W'ir sehen eine Zukunft. W'ohe denen, die blind sind. W ir werden leben» mit Euch, oder ohne Euch, oder trotz Euch!“ (r*n«u״»* i•1*^