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Jüdische Rundschau · 1935-05-03 · Heft 36 (3.5.1935) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 36 (3.5.1935)
Date
1935-05-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
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V. 1935 Nr. 36, 3. V. 1935 JÜDISCHE PlIKinsCHAri Seife 9 zurück schowsktj (»(»rorthopj m 183 stattl., verm־? jj. Grnfi! v srhelrat Vermüg-rn, ״״. ff. uni. O 10 , Meitvekc»'^ ן rwamiüj plliRrnt, 1t Rfoßorn j(ä,| 1er Fan 1!«latuU, SüthJ äffihrten, lirrter To«.,׳ iroosarh-, D109 an ■inokvMf rthrnisieii 30_v«t 25, ״Ut.luUrhJ D 95 «a A1׳üj| leim-kc!!0 dl• qsw s^,1׳v Edith Enqelmsn■ itr. 3 G1 fj7 7n 34, wiirm׳.׳ J. mit S;־!!x’Stenר.:יזי ׳׳ tlovakel'j 52 ül.״ Mid«J Iresdrn-A. Wlädel ml, 21 ißt, wünscht 1 ■gern u. vm•] In Palästina ] uwchr• ־;י D 74 1 inekf-strahr 10 iberall dij ndschat ״ensior Dr. Aromfeld] , H, Fährst .&l urß 0713. ^ald Rbl. Zimmer J 1 i*en!»!on. geiidorf 2(01 j erziE Verpfl. Heiml ) 6 Cornel. 3131 lortzimmer »OT *OfoTt itstraße 31, henen sser : zwei Bdlrs 1 Schrift!. Asü« 6y •1* ayernalle« t w1«,5sl«ch ngllsch bltur port kurse ctireiDer s Wilmersd. 651 , Violin-V'ttw» M«6:f ״ rieht *1! ■־■Tel. 1 2 OH, che ZlrXai nt1a*se8״ Mal SehUler elefon־ J5 10, Uen, private Atiprohiere r*neBt*len|tf iwaria 0130 Rainer Maria Rilke über die Judenfrage Frau Ilse Weiß (Berlin) stellt uns aus ihrem Besitz eine Reihe von Auszügen aus Briefen Rilkes zur Verfügung, die das Interesse unserer Leser verdienen. (Red.) Chateau de Muzol, am 28. Dezember 1921 ...Glauben! — Es gibt keinen, hätte ich fast gesagt. Es £1bt nur — die Liebe. Die Forcierung des Herzens, das und jenes Iflr-wahr-zii-halten, die man gewöhnlich Glauben nennt, hat keinen Sinn. Erst muß man Gott irgendwo finden, ihn erfahren als so unendlich, so überaus, so ungeheuer vorlianden •—, dann, sei’s Furcht, sei’s Staunen, sei’s Atheinlosisrkeit, sei s am Ende — Liebe, was man dann zu ihm faßt, darauf kommt cs kaum noch ,111, aber der Glaube, dieser Zwang zu Gott, bat keinen Platz, wo einer mit der Entdeckung Gottes begonnen bat, in der es dann kein Aufhören mehr gibt, mag mar! an welcher Stelle immer begonnen haben. —• Und Sie, als Jüdin, mit so viel unmittelbarster Gotteserfahrung, mit so altem Cioltesscbrecken im Blut, sollten sieh um ein ״Glauben“ gar nickt kümmern müssen. Sondern einfach fühlen, in Ihrer Gegenwart die Seine; und wo er, Jehova, gefürchtet sein wollte, da war's ja mir, weil es in einzclnen 1*rilInn kein anderes Mitte! gab zu gegenseitiger Nähe von Mensch und Gott, als eben die Furcht. Und Furcht vor Gott ist ja_nur, sozusagen, die Schale eines Zustandes, dessen Inneres nicht nach Furcht schmeckt, sondern bis zur unsäglichsten Namenlosigkeit und Süßigkeit reifen kann um den, der darinnen sich verliert. — Sie haben, vergessen Sic das nicht, einen der größten Götter des Weltalls in Ihrer Ilerkunft, einen, zu dem man sich nicht wie zu jenem Christengott irgendwann bekoiircn kann — Einen, dem man gehört, von Volkes wegen, weil er einen von jeher in den Vätern gemacht und gestaltet hat, so daß jeder Jude in llun (und in dem, den keiner darf zu nennen wagen), eingesetzt ist, unaiisreißbar eingepflanz.t in Ihm mit der Wurzel seiner Zunge! Ich habe ein unbeschreibliches Vertrauen zu jenen Völkern, die nicht durch Glauben an Gott gcralhen sind, s״ndern die mittels ihres eigensten Volksthums Gott erfuhren, in Ihrem eigener! Stamme. Wie die Juden, die Araber, in einem gewissen Grade die orthodoxen Hussen — und dann, in anderer Weise, die Völker des Ostens und des alten Mexiko. Ihnen ist Gott Herkunft und darum auch Zukunft. Den Anderen ist er ein Abgeleitetes, etwas, wovon sie fort und wozu sie hinslrohen als eigentlich Fremde oder Fremdgewordenc —, und so brauchen sie immer wieder den Mittler, den Anknüpfer, den, der ihr Blut, das Idiom ihres Blutes, übersetzt in die Sprache der Gottheit. Die Leistung dieser Völker ist dann freilich der ״Glaube“, sie müssen sich überwinden und erziehen, für-wahr-zu-lialten, was den Gottursprünglichen ein Wahres ist; und darum entgleiten ihre ileligionen so leicht ins Moralische, — während ein ursprünglich erfahrener Gott Gut und Böse nicht sondert und unterscheidet im Hinblick auf die Menschen, sondern für sich selbst, leidensrhafllirli hesorgt um ihr Nah-an-ilim-sein, um Ihr-zu-ihm-haltcn und -gehören und sonst tun nichts! Religion ist etwas unendlich Einfaches, Einfältiges. Es ist keine Kenntnis, es ist kein Inhalt des Gefühls (denn alle Inhalte sind ja von vornherein zugegeben, wo ein Mensch sich *fliit dem Lehen auseinandersetzt), es ist keine Pflicht und kein Verzieht, cs ist. keine Einschränkung: sondern in der vollkommenen Weite des Weltalls ist cs: eine Richtung des Herzens. W ie ein Mensch gehen und irren mag nach rechts und nach links, und sich stoßen und stürzen lind aufstellen, und hier unrecht thun und dort unrecht leiden und hier mißhandelt sein und dort drüben selber mißwollen und mißhandeln und mißverstehen: alles dies geht in die großen Religionen hinein und erhält und bereichert in ihnen den Gott, der ihre Milte ist. Und der Mensel!, der auch noch an der letzten Peripherie solchen Krcisringes lebt, gehört zu dieser mächtigen Mille, und hätte er nur einmal, vielleicht sterbend, sein Antlitz ihr zugewendet.- Chateau de Muzot sur Sicrre, 25. April 1922 ... Was das ״S e h 1 a f 1 i e d f ü r Mir j a in“ von Reer- Ilofmann angeht, so bringt auch dies, wie Sie es nun nennen, mir besondere Erinnerungen herauf; ich kannte es ungefähr seil seiner Entstehung. Es war damals (so um 1902) das einzige Gedieht, das Beer-Hofmann je gemacht hatte später kam. in der wunderbaren Auswahl und Seltenheit seiner Produktivilät, noch ein anderes, ähnlich volles, zweites Gedicht hinzu —, ich wüßte nicht zu sagen, oh sich die Zahl dieser Köstlichkeiten inzwischen noch vermehrt hat. Wenn ich das .,Schlaflied“, von der ersten Bekanntschaft an (da es herrlich in den Seilen des damaligen ,,Pan“ ersrhieti), überaus hewunderte, so war es mir vergönnt, ihm (ich wußte es answendig), in späteren Jahren auch unbedingte Bewunderer zu gewinnen. Als ich, ein halbes Jahr lang, in Schweden wohnte, ging das so weil, daß man mir nach unserem Gute bin, von arideren Gütern den Wagen schickte, wie inan einen Arzt holen läßt, nur damit ich sonst fremden Menschen, die von der außerordentlichen Schönheit dieses Gedichtes gehört halten, die Verse verspräche —: eine Forderung, der ich mich jedesmal, ergriffen und mit dem ganzen Glück niein er eigenen Bewunderung, unterzog! Hier dürfte ich an ein anderes Thema anschließen, das in Ihrem vorletzten Briefe angeriihrl war: das vom Schicksal der Juden. Beer-Hofmann (während so viele jüdische Mensehen dieses schwere Schicksal nur in seinen Brüchen und ausweichenden Bügen vorzu<le!len scheinen), war mir immer ein Beispiel seiner Größe und Würde, von der auch im laugen und bedrängten Exil nichts Wesentliches au [gegeben werden mußte. — Sie wissen aus einem meiner früheren Briefe (dem vom ,.Glauben“), wie sehr mir der Jude — neben dem Araber und dem orthodoxen Bussen, um nicht weiter in den Orient zu weisen — bevorzugt scheint durch die in ihm eingeborene Einheit von Nationalität und Religion, die ihm einen, immer wieder offenbaren, Vorsprung sichert. Daß er unter sich den Boden verloren halle und auf einem Stück Leih-Erde sich Indien mußte, durch die Jahrhunderte, hat sein Gutes und sein Arges; er hat, von wenigen großen Ausnahmen abgesehen, seine avantages mißbrauchen müssen, um im Bestrittenen und Bodenlosen zu überstellen —, er hat, meistens, sich mißbraucht und die Anderen. Er hat, mit einer List, zu der ihn die Solbsterhallnng erzog, sein Unbefesligtseiii ans einen! Lnglück in eine l eberlegenheit gewandelt, und wo er etwa diese theuer erkaufte Leberlegenheit kleinlich, habgierig und feindsälig gebraucht, wo er sich — unwillkürlich — rächt, da ist er zum Schädling, zum Eindringling, zum Auflöser geworden. Wo aber der gleiche Vorgang,!las gleiche dein Schicksal ahgewonnenc Ucberstehen in einem g r o ß entschlossenen Wesen sich vollzog, da ist aus denselben Unerbi Itlielikeilen jene Herrlichkeit entstanden, für die, Spinoza ein herühmtes Beispiel wäre. — Die Mobilität und Versetzharkeil des inneren Zentrums» seine I'nahhä112igk1׳it (aber zugleich freilich Wurzellosigkeit, wenn niclit (He Ilesinnurig bis zur Wurzel in Gott himmtrrführt) י— der eigentlich transportable Geist ist durch das Schicksal des Juden in die Welt gekommen: eine unerhörte Gefahr und eine unerhört(• Freiheit der Bewegung. Und je nachdem man die eine oder andere Seile dieses jüdischen Auswegs betont, wird man ihn fürchten oder rühmen müssen; wobei bestehen bleibt, daß das durch ihn Bewirkte uns allen schließlich unentbehrlich i<l, nicht wegzudenken mul nicht wegzuwollen. Vielleicht muß dieses Ferment, wenn es lange genug gewirkt hat, wieder zurückgezogen und in seinem eigensten Gefäß gesammelt werden. Die aus rein jüdischem Impuls stammende zionistische Besinnung wäre ein Anfang zu dieser, vermulldich gebotenen, Austrennung. Diese Wiedercrwerlumg des alten, einstigen Bodens, diese neue Bodenständigkeit, wird dann ebenso wörtlich wie symbolisch aufzufassen und auszulegen sein. Wenn wir — was wahrscheinlich ist — das jüdische Volk nur in seiner Entstellung kannten, in seiner Rallilosigkeil, in seinem gebogenen und schrägen Eigensinn, und wenn wir ein Maß der Kraft aus seinem Ucberstehen abnehmen, so erschreckt uns erst die Vorstellung der Stärke, die es aus sich auf bringen müßte, als ein eingesetztes, gewahrtes, begünstigtes! — Das Wachst um dieser, seihst in ihrem Ausgerissensein so fruchtbaren Menschen, käme dann zu einem uns kaum vorstellbaren Gedeihen. Ihre Fruchtbarkeit wäre unaufhaltsame Fruchtbarkeit in Gott —, die Fortsetzung jener Geschichte gewichtiger und leidenschaftlicher Ernten, die uns das Allo Testament, wo immer wir es auf schlagen, zum Ereignis, zum Klima macht. Chateau de Muzol s. Sierre, 20. Dezember 1923 ...Das aber bring ich doch nicht über mich, daß ich Ihre neuesten Nachrichten und das Buch unbeantwortet ließe — jenes Ihnen tlieure und oft tröstlich gewesene Buch, von dem Sie sich, zu meinen Gunsten, trennen mochten! Ich hesaß natürlich das meiste von Martin Huber, auch die wunderbaren Legenden des Balsebem, bis zum Verluste meiner Bihliothok —: nun ersetzen Sie mir dieses besondere Buch -—, wio sollte mich das nicht erfreut und dankbar finden! ,— Juden und Jüdisches im Rundfunk Sonnabend, 4. Mai: Wien (507), 12: 11. a. M! ycitnvr: I'ackelianz. — Kalundtx::■15 ,(1261) ״: u. a. Kul<iu-!<־-־ .1:!־ l.uxcmUlig (1304), 12.30: SDiailpDcen, u, a. Aicx.mdrr k;p:,D eng' ״Am Mi'Ci“ v. ,Srhtilicr!. — Wien (507), 17.55: SD 1;!! ipD: lei:, ('am׳■! s.ugf. u. a. Meyer beer. .- ISiu-.el II (322). 21: Men! 6״ 1־■■■■ ■im Km/nl, — T<>11!ou-e (329), 21: I!:Irnb.i״ 11 ׳Die i«111• <•n". — l.ureinbürg (1304), 23.05: u. a. Wciabrig, r, am .,mim am U <!.!־ DmieU ran kpleile!■־־. Sonntag. 5. Mai: Paris P. T. T. Nord (211 .(47־: S.!״!'platten, Orehr׳,!e1־knn/.erl unier i.ei'ung von Pnnvn \\ :!׳■:.־: : n. a. en־,m Aiexan- (Irr K.p.m am Parma!; 14,2m!Ingen eon v■ m M: vmle־er. — Radio Pan- (11348), 18: 11. a. Men<lem.ol>». Rgni 1515). 16.40: Knn/erg Mkwiikende: Mieha j.t.־vn/k'v. Ad. 5’emei, 1ז ־ m komier. ... ״ Park KiMelMirm (206), 22: li (־in am ־'ne MD׳D־׳־ü v״n Max iinnh. -- Paria Radio (1643), 22: 11. a. ״Di(־ z.w ei D ich. Miete:" von t teil,c, — litikanm (365), 22.10: u, a. Mm eib er. Montag, 6. Mat: Uniim (325), 19,30: (!iieübaeh; ״D,c Pnn/msin von d'rapeztiiii“. -. Park P.T.d'. (432). 21: n. a. Dar.m, Mdhaud. — Luxemburg (1304), 21.05: u. a. M-zkimWi. Dienstag, 7. Mai: Paris Pkt. T. (432). 13: S, 11 itipDin■״, u, 3. Meyerticer, 1.bh.־n!au in —- Luxemburg (1304), 12: u. a. ,.Jud.iC von llalevy. — Touiome (329). 18: 11. a. Kubiimriri. -- Bru- 484) 1־־), 18: u. a. Koi Ni Ire von Max iüucli. — 1 .uxemlmrg (1304), 20.40: ״Der l’iophel.“ von Meyviticer. Eine Purim-Oper unter dem Namen ״Hadassah" ist, wie uns berichtet wird, von Walter Kaut m a n 11, einem jungen Karlsbader Komponisten, zu einem Text von Heinz Poiit'zcr komponiert worden. Der Komponist lebt jetzt in Indien. Ueber die Musik der ״Hadassa“, die sich zwischen Oper und Oratorium hält, wird berichtet, sie sei ״oricntalisch es Melos, mit jüdischen Weisen verschmolzen und verwandt mit slawischen Melodien“. Oberrabbiner Aiessandro da Pano, der als Hebräisch-Lebrer und " :'•:■1,7 des gegenwärtigen Papstes bekannt war, starb in Mailand im $9, Lebensjahre. Archiv Auf. Dingen STEHT DIE WELT Erzählung von GERSON STERN 9. Forl»*l*unp Copyright Verlag Erich Heit«, Berlin Es war nicht anders zu sagen: die Kinder entwuchsen den Ellern. Es war ein Glück, (laß Fräulein Trude das Auseinanderstrebende auffing und es wenigstens äußerlich zu einer Gruppe zusammen fügte, los war eine Gruppe. Bessinger aber dachte, daß er für seine Kinder lebte, die es so gut hallen. Eines Sonnlagvormiltags pah Dr. Midier seine Karle ab. Er wurde in den Salon geführt, wo zufällig Hedda mit einer Handarbeit saß, Sic blickte nach Madel,aine aus. Die Ellern waren zu einer Besprechung mit Herrn Grünlhal ins Geschäft gegangen. Sollte sich Dr. Weller mit seinem Titel verstellen? Es w irkte besser, wenn er 11111101111 Weller sagte. Jeder wußte, daß er Doktor, jeder wußte, daß er Referendar war. So verbeugte, er sich, sagte: Wilhelm Midier, verbeugte sich nochmals und setzte sich auf einen Stuhl, den Iledda ihm gewiesen hatte. Weiter kleidete sieh sorgfältig. Er hatte Iledda ,,Gnädiges 1'räuloin“ angeredel. Es war das erste Mal, daß diese Anrede an sie gerichtet wurde. Es ließ Iledda verlegen und rot werden. Sie versuchte, Dr, M idier unbemerkt zu beobachten. Er hatte glänzendes, schwarzes llaar, das ein Scheitel diirchschnili. Sein Gesicht war blaß. Die Augenbrauen waren schwarze Schnitte, die dunklen Augen lebhaft. Er sali nicht jüdisch aus. Meller gehörte einer schlagenden Verbindung au. Der Schmiß auf der linken Barke erhöhte das Bestimmte, das Entschlossene seiner ganzen Erscheinung. Weller betrachtete während der Unterhaltung die reiche Kaufm'annslochler. Schön? Nein, schön war sie nicht. Nicht, "as er schön nannte, Nur das eigenwillig gewellte, dunkelhj oft de Haar, nur die Augen konnten ein wenig beunruhigen, die merkwürdige Helfe des Körpers. Aufrichtigkeit schien in ihrem Denken zu liegen, jedes Wort hatte eine eigene Fürkwig, der Blick halte etwas Besonderes. Ja, in dem Blick lag eine Aufforderung, eine unbewußte Aufforderung. I)r. Meller besaß ein feines Empfinden dafür. Du wirst leicht verloren sein, dachte Meller. 1)11 wirst verloren sein, ehe du es weißt. Es gib! solche .Mädchen, sie sind plötzlich in einem IVirbel. Mer kann sich darin halten? Man geht unter. Bessinger 1md Bcrthchen waren erstaunt, als sie Hedda und Dr. Meller in lebhafter Unterhaltung antrafen. Noch erstaunlcr waren sie eigentlich über den Besuch selbst. Bessinger berichtete. Er hatte in den Anlagen Dr. Leo Fehlinger an״etroffen, der mit einigen Jungens eine Mandenuig zu machen schien. Bessinger war empört: ,,Stellen Sie sich vor, kurze Hosen, freie Knie, keinen Hut. Haben wir das nötig? Und die Ansichten von diesem Fehlinger!“ Dr. Weiter teilte sie durchaus nicht. Im Gegenteil. .,Mir sollen uns nicht helügen“, sagte M eller. ״M ir müssen die M irkliclikeit :merkennen. Sind wir nicht zufrieden? Sind wir je glücklicher gewesen'?“ Meiler holte weit aus. 11״ ariini treten Sie nicht gegen diesen Fehlinger auf?“ fragte Bessinger. Weiter meinte: ״Sic haben Recht.“ Schon vierzehn Tage später fand die Versammlung statt, in der Dr. M'elter ein Referat über die Strömungen im deutsehen Judentum hielt. Auch Fehlinger war cingchnlcu worden und halle zugesagi. Die Zw ischenlage w aren bewogt gewesen. Bessinger hatte seine Aufforderung bereut. ״Berlhehen“, sagte er abends, als seine Frau gerade eingeschlafen war, so daß sie erschreckt die Augen wieder öffnete, ,,Reiflichen, der Fehlinger hat bald ausgeschrien. Ich hätte nichts sagen sollen. Man hat manchmal romantische Stimmungen. Sie täten alle besser daran, den Mund zu hallen. Sind wir Menschen nicht alle gleich? M'arum liervorhchen: i '11 hin Jude, du bist Christ? Mir sollten bescheiden in die Svnagogc gehen und beten. Jeder, der will, soll es tun. Und wer es nicht tut, ist auch ein Mensch, ist auch Jude. Seinem Erwerb soll man nachgehen, ehrlich nncligehcn. Und meinetwegen Gutes tun. Man braucht nicht zu fragen: M’oliiu führt dieser M cg? Mohin führt der andere? Und der dritte? Alle führen zu einem Ziel.“ ,,Zu welchem Ziel?“, fragte schon halb schlafend Berlheben. ״Du hist wirklich merkwürdig, Bcrthchen“, sagte Bessinger. ״Das weiß doch jeder,“ Bessinger drehte sich ärgerlieh herum und begann, bald laut zu schnarchen. Auch Dr. Weiter bedauerte, daß er der Anregung Bessingers narb gegeben hatte. M’arum sich exponieren, wie er cs ausdriicklc. Und überhaupt, was hatte er mit den meisten dieser Laute gemein? Mußte nicht jeder selbst wissen, wie er damit fertig wurde? Womit‘? Nun, mit dem Judentum, Schließlich hatte jeder eine andere Lage, einen anderen \ erkehr, einen anderen Leln-nsbe/irk. Und überall slellle siel: die Frage anders, und auch die Lüs1m<׳ nnißile eine andere sein. Aber Meller halte das Referat iilieriininmc״. Fr konnte nicht zurück. Er begann, siel! mil dem Stoff zu hioeliiil'liyen. Er erschrak. Er stellte fest, wie weniy er über das wußte, was man zunächst wissen und keimen mußte: das Judentum. Er las Bücher. Er verbrachte Nächte damit. Mir war es mir möglich? Er entdeckt(’ ein neues Gebiet. I ml die-os Gebiet weitete sich, je mehr er eindraitg. Fs w ar zu\ iel. Er sank ein. Es war ein Versinken. Meller schlug alle Bücher zu. Er hatte noch zwei Tage. Er mußte sieh auf sieh selbst besinnen. Fast die ganze Gemeinde war in dem Saal versammelt, last, die ganze, denn es gab Juden, die es entschieden ablehnten, zu ,Indem ersanindimgen zu gehen. Die Beerninniis, die Eiebers, die Jüdels, und wie sie!ließen. ״Mir sind emanzipiert. Mir sind glücklich aus dem Ghcllo heraus. Mas wissen wir? Mas kennen wir? Mas erstreben wir? Mas leben wir? Niehls von Gewesenem, nichts von Erstorbenem. Fis ist Wahnsinn, l eberw undenes zu liegen. Es ist Verbrechen, den Fortschritt, zu leugnen. Er gibt unserem Sein das Große, das Schöne, das Lebensgülligc,“ Beermann rief dies alles Lieber entgegen, der in seinein Sessel saß und nickte und nickte. Es war, als ob Beermann auf einer Tribüne stände. ,Armselig sind sie“, rief er. ״Sie müssen reden. Worüber? Können sie sieh nicht begniigen, glücklich zu sein? Mas waren wir? Es Lt besser, wir schweigen darüber. Und was sind wir? Freie Menschen, mitten in der europäischen Kultur. Was leisteten wir? Mir saßen über allen Büchern. Wir rieben unsere Schädel wund an einem alten IVort. Mir waren finstere, begrenzte, weitfremde Gesellen, die nichts konnten, als sieh um sich seihst drehen. Ja, es war der M ahn des Sieli-iini-sieli-selbst-Drehons. Gibt es Erhaltung in der Erstarrung? Gibt es einen M cg olme Fortschritt?“ Beermann reckte seine Arme zum Himmel. Dio weißen Manschetten mit den goldenen Knöpfen stießen aus den Aermeln vor. Der schwarzumrandele Kneifer wackelte auf der Nase, Lieber nickte. ״Welch eine Entwicklung in den hundert Jahren! Taten stehen da, Namen stellen da. Wenn jeder große Name ein Stecken wäre, wir könnten alle aufspießen, die mit ihrem Seufzen und Predigen die Helle verfinstern wollen. Wir lassen es nicht zu. Nicht, für uns. Mir gehen ihnen aus dem Weg. Sie sind nicht da. M ir sind nicht da für Jene.“

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