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Jüdische Rundschau · 1935-05-03 · Heft 36 (3.5.1935) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 36 (3.5.1935)
Date
1935-05-03
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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4 r ד 1 '±J A , /;/ ../־ Nr. 3• / Jahrgang 40 Preis 25 Rpf. JÜDISCHE RUNDSCHAU SdurtftleltMng,Verlag b. An zeigen Verwaltung! BarllnWlS, Melnekaatr. 10 F.mral! Sammel-Nr. 11 Bismarck 3181/82,7165/70,7240/42. - Bezußsprei» je Monat RM 2.-, je Vierteljahr RM 5,75. - Poetucheck - Konten der Vertriebs -Ahieilun«: Berlin 71573 (für GroS-Berlin), Berlin 17 392 (lür da» ühriße Reich). Aualandabezug in jeweiliger Landesw ährung. - Erscheint jeden Dienstag and Freitag. BERLIN ין׳ ניסן תרצ״ה FREITAG, 3. MAI 1935 Anz*!f«ltpr«isll1t• Nr, ג gültig• Di# I2g#sp. mm-Zeilc 20 Rpf, für Stellen{;#«, 10 Rpf, für Familiennachrichten 15 Rpf- EinzeUnrcigen nur gegen Vorauszahlung am Sch*Uer oder auf Poaischeck-Konto Berlin 7161$ Montag bis Donnerstag 9-18 Uhr, Freitag 9 16״ Uhr. Annnhtnesehluß für die Dienstag •Ausgabe Montag 10 Uhr. für di# Freitag •Auagab# Mittwoch 13 Uhr (Familienanzetgen bis Donnerstag 10 Uhr) Der Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk die Schaffung einer Sftentllch - rechtlich gesicherten Helmstitte In Palästina. (Baseler Programm) ״.. durch unsere Freiheil befreit“ Zu Theodor Herzls 75. Geburtstag Am 2. Mai (nach jüdischem Datum 10. Ijar, das ist in diesem Jahre der 13. Mai) wäre Theodor Herzl 75 Jahre alt geworden. Wir widmen diesem großen Juden, der eine völlige Umwälzung im jüdischen Denken und Fühlen und damit die wichtigste Voraussetzung zu einer neuen Art jüdischen Lebens bewirkt hat, eine Stunde bewegten Gedenkens. Her/Is einzigartige Größe, sein verblüffender Weitblick und sein opferbereiter Einsatz werden erst heute von der ganzen jüdischen Welt erkannt und gewürdigt. Wir haben kürzlich auf die brennende Aktualität eines Teils von Herzls Werk hingewiesen. Die eben erschienene Herzl-Biograpliie von Alex Bein wird das Epos dieses Lebens auch der heutigen Generation vermitteln. Obwohl die reale Entwicklung heute weit über die Situation der Herzl-Zeit hinausgegangen ist, das von Hcrzl erträumte Jüdische Nationalheitn in Palästina zum guten Teil Wirklichkeit geworden ist und uns vor neue, zu Herzls Zeit natürlich nicht existierende Probleme gestellt hat, ist doch die Herzische Betrachtung der Judenfrage in ihren prinzipiellen Grundzügen auch heute noch ein erleuchtender Helfer zur geistigen Orientierung in der Wirrnis der Zeit. De. Zufall fügt es, daß gerade an Herzls 75. Geburtstag sein Name in einem Prozeß genannt wird, der sich an die sog. ״Protokolle der Weisen von Zion“ knüpft. Vor dem Berner Gericht wurde von dem Experten der antisemitischen Seite Herzl zitiert und die Möglichkeit ausgesprochen, daß Herzl der Verfasser dieser ״Protokolle“ sein könne, was freilich selbst der antisemitische Gutachter, wie er sagte, nicht glaubt. Ohne auf die Einzelheiten dieses Prozesses an dieser Stelle einzugehen, ist nur zu bemerken, daß es kein größeres Mißverständnis geben kann, als die Persönlichkeit Herzls mit demjenigen Vorstellungskomplex zusanunenzubringen, den die Antisemiten mit den sogenannten ״Protokollen“ verbinden, nämlich mit dem Gedanken einer jüdischen Weltherrschaft über andere Völker. Denn was Herzl erstrebt hat, war genau das Gegenteil: in der Erkenntnis, daß aus der historisch gewordenen eigenartigen Situation der Juden in der Diaspora und aus ihrer Verflechtung in das Leben anderer Völker, die doch das FremdheitsgefüliI nicht beseitigen konnte, immer wieder Feindschaft und Verdacht, ja die tragischesten Mißverständnisse entstehen mußten, rief Herzl die Juden zu einer heroischen Anstrengung auf, sich aus dieser Verflechtung zu lösen, den Neuaufbau ihres eigenen Volkstums (״uns selbst zum Segen, niemandem zum Leide“) zu beginnen und so die anormale Situation zu beseitigen, die der Grund aller Reibungen ist. Herzl kannte zwar schon den deutschen Antisemitismus der Treitsehkc-Stöckcr-Zeit, den österreichischen Antisemitismus der Lueger-Zeit, er war Zeuge der Dreyfus-Affäre in Paris, ganz abzusehen von der zaristischen Judenunterdrückung, — aber er hatte noch nicht die Erfahrungen, die wir Juden von 1935 haben. Das Material, das i 11 in vorlag, genügte ihm, um zu erkennen, welche psychologischen und soziologischen Gesetze am Werk sind und wie sich die Lage verschärfen müsse, wenn nicht die Juden aus ihrer durch die bürgerliche Vorweichlichung der liberalen Acra begünstigten Lethargie erwachen und aktiv die Lösung der Judcufrage selbst in die Hand nehmen, auch unter Verzicht auf einen großen Teil der materiell und sozial angenehmen Posi* tion, die sie in vielen Ländern erlangt haben. Es ist eine tragische Ironie, wenn dieser große Plan, von dem Herzl selbst 1897 schrieb, daß von der Bewegung ״selbst die Judenfeinde gestehen, daß sie nicht verächtlich ist“, heute in Verbindung gebracht wird mit Ideen, die Herzls Denken und der ganzen zionistischen Konzeption konträr entgegengesetzt sind. Theodor Herzl hat gespürt, daß seine Idee notwendig ist, um die Juden zu erlösen, aber auch um eine drückende Weltfrage zu beseitigen. Er wußte, daß uns nichts geschenkt wird, daß die Juden selbst ihre letzte Kraft hergeben müssen. Aber er war überzeugt, daß die hinreißende Schönheit seiner Vision ausreicht, um die Widerstände des Materialismus und Egoismus zu beseifigen und einen neuen Gemeinschaftssinn in den Juden zu wecken. Juden und Christen, so sagte er, werden für Jas Gelingen des Werkes beten. ״Es ist die Lösung eines alten Druckes, unter dem alle litten.“ Und darum konnte er seine Schrift mit der Hoffnung schließen, ״daß ein Geschlecht wunderbarer Juden aus der Erde wachsen wird. Die Makkabäer werden wieder aufstehen“. Und dieses neue Geschlecht der Juden wird imstande sein, die furchtbare Entzweiung und Spannung zwischen den Juden und einem großen Teil der anderen Völker zu beseitigen. ״Die Welt wird durch unsere Freiheit befreit, durch unseren Reichtum bereichert und vergrößert durch unsere Größe. Und was wir dort nur für unser eigenes Gedeiheil versuchen, wirkt machtvoll und beglückend hinaus zum Wöhle aller Menschen." Herzl auf dem Balkon des Hotels ״Trais rois' in Basel mit Blick auf den Rhein Foto; Seren Kajemet Der unbekannte Herzl Von Dr. S i e g ni u n d K a z 11 e 1 s o n Die nachstehenden Ausführungen des Herausgebers der nunmehr abgeschlossen vorliegenden Gesamtausgäbe der zionistischen Werke Theodor Herzls veröffentlichen wir als einen Beitrag zur Diskussion, ohne uns alle darin enthaltenen Anschauungen zu eigen zu machen. Ein zweiter Aufsatz zu demselben Thema folgt in der nächsten Nummer. Red. Da■ ״Naturgesetz“ der Judenfrage Es scheint, als ob über dem stürmischen Tempo des Palästina-Aufbaus in den letzten Jahren das Bewußtsein der geistigen Triebkräfte verloren gegangen ist, von denen er getragen wird. Vielleicht war es aber noch nie so unerläßlich wie heute, sich auf seinen eigentlichen Ausgangspunkt, seine tieferen geschichtlichen Ursachen, seine seelischen Gründe und Hintergründe zu besinnen. Nur der erste, oberflächliche Augenschein, die prima facies, sicht hinter dieser neuen großen Wanderbewegung der Gegenwart als den alleinigen Motor die ökonomische und moralische Judennot, die wiederum eine Folge der wirtschaftlichen, der Krisennot der Völker ist. Der exakteste jüdische Denker der Neuzeit und auch einer der hervorragendsten Theoretiker eines Gebietes, das zu der 1111־ exaktesten aller Wissenschaften (der politischen) gehört, Theodor Hcrzl, hat vor fast vierzig Jahren jenes politische Natur* ffesetz entdeckt, als das man die Judenfrage in ihrer Ein- Zeitlichkeit auf der ganzen Welt seither wohl bezeichnen kann. Dieses Naturgesetz, formulierte Herz! in den Sätzen: ״Die Judenfrage besteht überall, wo Juden in merklicher Anzahl leben. Wo sie nicht ist, da wird sie durch hinwandernde Juden eingeschleppt. Und wir ziehen natürlich dahin, W0 man uns nicht verfolgt; durch unser Erscheinen entsteht dann die Verfolgung.“1) Hcrzl hat genau die ״treibende kraft“ der ״Juden not“ erkannt, ebenso klar aber auch!lic Notwendigkeit der anderen Komponente begriffen, aus ^ren Zusammenwirken im Kräfteparallelogramm der Ge- *chichte sich die Resultante der jüdischen Palästinawanderung Utl(f die Realität der jüdischen Heimstätte ergibt. ״Auf die treibende Kraft kommt es an. Und was ist diese Kraft? Die Judennot. Wer wagt zu leugnen, daß diese Kraft vorhamlen sei? ... Nun sage ich, daß diese Kraft, richtig verwendet, nüichtig genug ist, eine große Maschine zu treiben, Menschen und Güter zu befördern.“2) Doch kurz darauf heißt es auch: ״Niemand ist stark oder reich genug, um ein Volk von einem Wohnort nach einem anderen zu versetzen. Das vermag nur eine Idee. Die Staatsidee hat wohl eine solche Gewalt.'‘'•) Diese Idee, die Herzl ohne Kenntnis seiner Vorgänger Hell, Pinsker u. a. und ohne Wissen von der Zionsbewegung im Osten als die Staatsidee bczcidmctc, ist der Zionismus. Aus dem Satz, der auf den hier zi ierten folgt, ist zu ersehen, daß Her/1, trotz seiner damaligen geringen Beziehungen zum Judentum und zur jiidisehen Geschichte, mit der gleichen, geradezu mathematischen Sicherheit, die seine analytische Phantasie ebenso aus/cichnet wie seine konstruktive, die Z i o!1 s i d e e als eine Fund a in c 111 a 11 a t s a c 11 c der j ii d i s c 11 e ״ G c schichte erkannt hat: ״Die Juden haben die gan/e Zeit ihrer Geschichte hindurch nicht aufgehört, diesen königlichen Traum zu traumen: ,Uebers Jahr in Jerusalem!' ist unser altes Wort. Nun handelt cs sich datum zu zeigen, daß aus dem Traüm ein tagheller Gedanke werden kann.“1) Zur körperlichen ״Treibkraft“ der Judennoi muß nach Herzl also noch die geistige ״Triebkraft“ der Zionsidee hinziitretcn, damit das jüdische Palästina entstehen kann. — Immer seltener wird jedoch nicht nur in jüdischen Blättern und Versammlungen, sondern sogar in zionistischen seit einigen Jahren das Wort ״Zionismus'‘ um so seltener, je häufiger das Wort ״Palästina“ an seine Stelle tritt. So erhebt sich mit der wachsenden Realität des jiidisehen Palästina auch immer unerbittlicher und schärfer die Frage, die man die Existenzfrage des Zionismus nennen kann: Ist das, was heute in Palästina vor sich geht, noch Zionismus, bzw. inwiefern ist es das noch? -- Oder anders ausgedrückt: gibt es überhaupt noch Zionismus und Zionisten oder nur noch Palästina-Arbeit und Palästina-Interessenten (idealer und realer Richtung)? In der Eröffnungsrede zum zweiten Kongreß5) sprach Herzl von der ״inneren Macht der Idee“, während ״unseren Worten keine lußcre Macht Nachdruck verleiht“; wenn diese ״also irgendeine Bedeutung haben soll, kann es nur von der inneren Macht der Idee kommen“. Existiert und wirkt diese innere Macht heute noch? Der Stillstand der zionistischen Ideologie Es gibt für dieses Fortwirken einen ziemlich sicheren Prüfstein: nicht nur die Kenntnis der Gedankengänge Theodor Herzls selbst als des Schöpfers jener Idee, sondern auch das kritische Unterscheidungsvermögcn, das die Hcr/Ische Idee von denen der anderen bedeutenden zionistischen Denker abzugreiizen, ferner das heutige Geschehen mit diesen verschicdcncn zionistischen Ideologien zu konfrontieren vermag. Mit anderen Worten: Wem! in Palästina überhaupt Zionismus verwirklicht wird, welcher: der Hcrzlsche, oder derjenige A c h a d flaams, Heß', Bubers usw.? — Es ist nun eine der merkwürdigsten und erstaunlichsten Tatsachen, daß in dieser Zeit der Rcvolutioiiierung des jüdischen Schicksals und einer grandiosen Wiederbesinnung auf das Judentum, auch in längst entfremdeten und abgefallcnen Kreisen, in einer Zeit geistigen Neubruchs, die bildende und fort« bildende Kraft der zionistischen Ideologie wie gelähmt erscheint. Das kann nicht .daran liegen, daß der Aufbau alle unsere gedanklichen und seelischen Kräfte so in Anspruch nimmt, daß uns durch diese Fixierung an die praktische Arbeit die Besinnung auf ihre geistigen Zusammenhänge sozusagen vergangen ist. Wir Juden sind stets ein Volk des Gedächtnisses und der Sclbstprüfimg gewesen und haben auch nie die Erinnerung an unsere Ursprünge und an die Worte unserer Lehrer und Weisen verloren. Und dann: Wenn der Zug der Besinnung auf unser Judentum als die Grundlage unseres Wesens und Seins und als die Gesamtheit aller uns durch die Geschichte bis heute tradierten Werte und Werke so stark und weitreichend wurde, warum dann nicht auch auf den Zionismus als das geistige Fundament des Palästina-Werks? Auch die Sorge, in der Judenheit heute alle Parteiunterschiede möglichst zurücktreten zu lassen, gibt keine zureichende Erklärung für dieses Versagen der geistigen Kräfte im Zionismus. Denn hier handelt es sich doch nur um die innerzionistischen Richtungen, und zu keiner Zeit waren gerade die rein organisatorischen Parteiungen und die Gegensätze der verschiedenen Strömungen I

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