Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 31-32 (17.4.1935)
- Date
- 1935-04-17
- Page
- – (sequence 51)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 31/32, 17. IV. 1935 40 JAHRE JÜDISCHE BUNDSCHAU Seite 51 Wie gestalte Ich den Schabbat? Für Schabbat, SO. April Sehabbat Chol Hamoed PeBach I. Pcßach ist das Fest des geschichtlichen Bewußtseins. Der Auszug aus Aegypten ist nach Jehuda Halevy (Kusari I, 25) die geschichtliche Tatsache, auf die Oott die Forderung seiner Anerkennung durch das jüdische Volk begründet. ,,AIs Mosche begann, mit Pharao zu reden, sagte er ihm: Der öott der Hebräer hat mich zu dir geschickt. Er wollte damit ausdrücken, der Oott Abrahams, Isaaks und Jakobs, weil Abraham allen Volkern bekannt war... Er sagte nicht, der öott des Himmels und der Erde hat mich zu dir geschickt. Ebenso sagte er nicht, mein und dein Schöpfer. So begann Oott auch seine Worte an Israel: Ich bin der Ewige, dein Oott, der dich aus Aegypten geführt hat, und sprach nicht: Ich bin der Schöpfer der Welt und der, der Euch geschaffen"... Nicht also spekulative philosophische und kosmologische Untersuchungen sind Grundlagen unseres jüdischen Seins, sondern das geschichtliche Erleben der aus Aegypten Ausziehenden. In diesen Zusammenhang reiht sich jeder Jude am Peßach ein. Er selbst ist aus Aegypten gezogen; so stark ist seine Bindung an die Vergangenheit des jüdischen Volkes. Und er selbst setzt diese Verbundenheit fort für die Zukunft. Man wird diesen Gedanken weiter führen müssen und auf dem Oneg Schabbat sprechen können über Tradition und Geschichte als konstitutive Elemente unseres Volkstums. II. Am Schabbat Chol Hamoed Peßach wird das „L i e d der Lieder" gelesen, unbestritten eines der schönsten Bücher der Bibel. Es hat, wie die Tradition berichtet, einer langen Auseinandersetzung bedurft, bis es gelang, dieses Buch in dem biblischen Kanon aufzunehmen. In das Bewußtsein unserer Vorfahren ist „Schir ha'Schirim" eingegangen als das Lied von der Liebe zwischen Oott und dem jüdischen Volk. Der Midrasch und später Raschi deuten jeden einzelnen der Verse allegorisch in diesem Sinne aus. Die Liebe Gottes zum jüdischen Volk ist am Peßach manifest geworden. Das wird als Grund dafür angegeben, daß man dieses Lied am Peßach liest. Die moderne Forschung und die junge jüdische Generation betrachtet Schir ha'Schirim wieder als echtes Liebeslied, als das „Hohe Lied" der Liebe. Von Josef Carlebach (Das Lied der Lieder, Hermon - Verlag, Frankfurt) ist eine Uebersctzung und ein Kommentar erschienen, in welchem er eine schöne Deutung des Hohen Liedes gibt und insbesondere sich mit einer interessanten Theorie von Max Brod auseinandersetzt, die sich am Beginn des 2. Bandes seines Werkes: Heidentum, Christentum, Judentum befindet. III. Als Haftara wird am Sehabbat Chol Hamoed Jecheskel, Kap. 37, Vers 1—1-1, gelesen. Sie sollte auf dem Oneg Schabbat rezitiert werden. Achtet darauf, daß ein Gesamteindruck zurückbleibt und diese Verse bei der nachfolgenden Diskussion nicht „zerredet" werden. Dennoch sollte auf die hier erneut zutage tretende Tendenz der gegenseitigen Bedingtheit von Volkskörper und -secle hingewiesen werden. Renaissance des Judentums setzt voraus Wiederauferstehung des jüdischen Volkskörpers, wenn auch diese oder die andere als Znel nicht sinnvoll ist. Weiset hier besonders auf die Ausdeutung des Bildes hin (Vers 12—14). Vers 11 hat sicherlich I m b e r, den Dichter unserer Nationalhymne, der Hatikwa, zu dem Refrain „od lo awda eikwah-tenu" angeregt. Hier ist die Gelegenheit, aut die sich aufdrängende Parallele vorzionistischcr Situation mit dem prophetischen Bilde und die aus einer solchen Erkennte erwachsenden Verpflichtungen hinzuweisen. E. Vom jüdischen Schul werk In Wien Von unserem Korrespondenten J. R. Wien, im März Die zu Beginn des laufenden Schuljahres erlassene sogenannte ParalTelklassenveroidnung hat in der jüdischen Öffentlichkeit die Frage der Ausgestaltung der jüdischen Schule in ihrer ganzen Totalität aufgerollt. Seither ist die Diskussion im Zusammenhang mit der Verordnung wohl still geworden, allein die Frage der jüdischen Schule selbst besteht nach wie vor in unveränderter Aktualität. Der einzige Teale Unterbau für die Ausgestaltung eines jüdischen Schulwerkes in Wien ist die von weiser * Erkenntnis und prophetischer Weitsicht des unvergeßlichen Wiener Oberrabbiners Chajes inspirierte Schöpfung des nach ihm benannten Chajes-Realgymnasiums. Ein Kranz von zahlreichen Hebräischuiki Bibelschulen ist seither entstanden. Trotz großer, recht beachtenswerter Forlschritte auf dem Gebiete der Hebraisierung und Judaisierung des jüdischen Kindes und der reiferen jüdischen Jugend, sind die Bemühungen zur Schaffung rein jüdischer Volksschulen in Wien noch immer erfolglos geblieben. In der Stadt, in der 20(1000 Juden leben, gibt es beute eitie einzige, und zwar orthodoxe jüdische Volksschule. Das Chajes-Realgymnasium zählt in diesem Schuljahre 470 Schüler, die in U Klassen von 35 Lehrern unterrichtet werden. Die Schule, die sich in der judenreichen Leopoldstadt befindet, war bis jetzt eine Koedukationsschulc. In diesem Schuljahr wurde zum erstenmal eine Klasse als Mädchenklasse konstituiert. Die Struktur der Schule ist die eines Bundesrealgymnasiums. Es wird von der I. Klasse an Latein und Hebräisch und von der III. Klasse an Englisch unterrichtet. Der Religionsunterricht vollzieht sich grundsätzlich in hebräischer Sprache; es werden insgesamt sechs Wochenstunden, also eine Stunde täglich, für die jüdischen Fächer verwendet. Das monatliche Budget, das die respektable Höhe von 14 000 S ausmacht, wird zur Hälfte durch die Einnahmen aus Schulgeldern gedeckt; I0O0 S beträgt die Subvention der Wiener Kultusgenieinde, der Rest von 3000 S wird vom schulerhaltendcn Verein beschafft. In letzter Zeit ist eine kleine budgetäre Erleichterung dadurch eingetreten, daß der verdienstvolle Direktor des Gymnasiums, Dr. Viktor Kellner, in den staatlichen Bundesdienst übernommen wurde und daß ein Teil seines Gehaltes vom Staat bezahlt wird. Ziel der weiteren Entwicklung bleibt nach wie vor die Uebernahme der Schule durch die Wiener Kultusgemeinde. Die schwierigste Frage der Schule, deren Lösung für ihre weitere Entwicklung, ja für ihre Existenz entscheidend ist, ist die R a u in f r a g e. Den 13 Klassen stehen im ganzen 12 Klassenzimmer zur Verfügung. Der Mangel an Räumen hemmt die weitere Aufnahme von Schülern. Trotz, bereits erfolgter Weisung des Unterrichtsministeriums an den Wiener Stadtschulrat, dem jüdischen Gymnasium ein eigenes S c h u 1 g c b ä ud e zu überlassen, ist die Gebäudefrage noch immer nicht gelöst. Der Anstalt bleibt noch eine weitere Aufgabe, nämlich die jüdischen Junglehrer, die heute vielfach in keiner anderen Schule unterkommen können, in größerer Zahl zu beschäftigen und derart zur Lösung einer brennenden sozialen Frage beizutragen. Alles in allem kann man sagen: das Chajes-Realgymnasium hat sich, den Intentionen seines Schöpfers entsprechend, in seiner bisherigen fast sechzehnjährigen Arbeit bestens bewährt. Die Leistungen der Anstalt erfreuen sich nicht nur des Vertrauens weitester jüdischer Kreise, sondern auch der restlosen Anerkennung der staatlichen U n t e r r i c h t s b e h ö rd e n. Je mehr es gelingen wird, die materiellen Grundlagen ihrer Existenz, zu sichern, desto vollkommener wird die jüdisch-kulturelle Arbeit, die sie leistet, sein und die Schule in immer höherem Maße das werden, was sie nach dem Willen ihres Gründers sein soll: „Heimat für die jüdische Jugend und Pflegestättc jüdischen Geistes, Erzieherin einer neuen jüdischen Jugend, die, erfüllt von den großen Werken der Vergangenheit, bereit ist, ihre beste Kraft herzugeben für den Aufbau ihres Volkes". Die Relchsvertrefung der deutschen Juden hat am 1. Apri! 1035 entsprechend den bereits mitgeteilten Beschlüssen des Hatishaltsausschusses die Leitung des gesamten Hilfs- und Aufbauwerkes der deutschen Juden übernommen. Aus diesem Anlaß hatte der geschäftsführende Vorsitzende der Rcichsvertretung, Dr. Otto Hirsch, sämtliche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Reichsvertretung und der nunmehr der Reichsvertretung angegliederten Stellen vor Beginn der Tagesarbeit zusammengebeten. In einer Ansprache wies Dr. Hirsch aut die Bedeutung der Umgestaltung Hin, die ein organisatorischer Ausdruck für den Willen zum Zusammenschluß aller helfenden und aufbauenden Kräfte des deutschen Judentums sein soll. Der Geist vertrauensvoller Zusammenarbeit und verantworttingsfrohen Krafleemsat/e.s wird die Arbeit der Reichsverfrctung der deutschen Juden in ihrer neuen erweiterten Gestalt tragen. Geschichte der jüdischen Menschen Chasdai Ibn Schaprut Die Gestalten der Diaspora, die wir nunmehr behandeln werden, können nur im Zusammenhang mit der Geschichte des jeweiligen Landes dargestellt werden, in dem diese Menschen gelebt haben. So kann man z. B. Chasdai nicht behandeln, ohne einen knappen lleberblick über die spanische Geschichte zu geben: die wcstjotisclie Zeit, die Eroberung durch die Araber, die Verhältnisse der Juden unter beiden Herrschern. Alles natürlich ganz knapp, aber doch so, daß man weiß, unter welchen Bedingungen ein solcher Mann gelebt hat. Er lebte um die Mitte des 10. Jahrhunderts. Vermutlich war er von 010 075 am Hofe der Kalifen von Cordoba. Chasdai leitet die Reihe der spanischen Juden ein, die an den Höfen als Finanzberater und Handelspolitiker, aber auch in der Außenpolitik mit großem Erfolg tätig sind. Seine Verdienste um das Kalifat bestehen in der Schaffung und Pflege der Beziehungen zu Byzauz, die er begann und ausbaute. Als Jude gehört er zu denen, welche die große jüdische Epoche der blühenden Wissenschaft, Dichtung und Religiosität eingeleitet haben. Er berief eine große Anzahl von Gelehrten nach' Cordoba (der Stadt, in der Maimonides geboren ist und die jetzt durch die Maimonides-Feiern so oft genannt wurde). Chasdai gehört zu einem Typus von sephardischen Juden, die noch öfter behandelt werden sollen, in denen weltliche Erfolge, politische Stellung und Einfluß nicht aus dein Judentum herausführen, sondern mit einem ebenso starken judischen Interesse verbunden sind. Solche Gestalten trifft man nur im spanischen Judentum. Bei den aschkenasischen Juden hat es solche Mensehen nie gegeben. (Warum nicht? Vcr.uicht, Euch klarzumachen, warum die Bedingungen, unter denen die Aschkenasim lebten, nicht zuließen, daß solche Gestalten entstanden.) Aus dem Leben des Chasdai ist interessant seine Korrespondenz, mit jenem seltsamen, zum Judentum bekehrten Stamme der Chasaren. Wenn auch die Briefe, die er von dem Chasarenfürsten erhielt, in ihrer Echtheit nicht ganz unbestritten sind, so sind sie doch sehr interessant zu lesen, und bei der Behandlung der Gestalt des Chasdai muß man sie unbedingt vorlesen. Sic sind fast in allen üeschichtsdarstellungeni wiedergegeben. (Auch in der großartigen Sammlung von Höxter, Quellen zur jüdischen Geschichte, die Ihr Euch vielleicht allmählich anschaffen solltet, ist dieser Brief wieder, gegeben.) J. P. 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