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Jüdische Rundschau · 1935-04-17 · Heft 31-32 (17.4.1935) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 31-32 (17.4.1935)
Date
1935-04-17
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Plf.flf iipaipp » wmm mm Nr. 31/32, 17. IV. 1935 40 JAHRE JÜDISCHE RUNDSCHAU Seit« 5 weil dies nicht möglich ist und weil auch, nach historischer Erfahrung:, mit steigender Assimilation der Juden die Abwehr gegen sie immer heftigere Formen annimmt, was die Judenfrage verschärft; andererseits ist nach der tiefen Ucberzeugung der Zionisten das Ideal der jüdischen Entwicklung die Wiedergeburt des jüdischen Volkes, durch die auch die Judenfrage zum Verschwinden gebracht werden wird. Die Zionisten bedachten bei ihren Angriffen gegen die „Assimilanten" auch nicht, daß es eine tiefe jüdische Disposition, die messianische, d. h. universalistische Komponente des Judentums ist, die viele Juden diesen Weg gehen ließ, weil sie tatsächlich glaubten, durch Assimilation in eine übernationale Völkergemeinschaft gelangen zu können, indes sie sich naturgemäß immer nur an eine der konkreten Nationen assimilierten, unter denen sie lebten. Der Zionismus, der das jüdische Nationalgefühl neu zu wecken und zu stärken unternahm, wurde deshalb von den „Assimilanten" als „reaktionär" empfunden. Er erschien ihnen als eine Bedrohung dieser ihrer Ucberzeugung nach schicksalgewollten und von ihnen selbst freudig bejahten Entwicklung zur übernationalen Gemeinschaft. In ihrem universalistischen Streben, das in den verflossenen Jahrzehnten durch die Ideologien des Liberalismus und des Sozialismus noch bestärkt wurde, sind richtige und unrichtige Elemente miteinander vermischt. Das Ideal der befriedeten und geeinten Menschheit ist zweifellos jüdischen Ursprungs, es ist von den jüdischen Propheten formuliert und proklamiert worden. Doch diese konstituierten die „Menschheit", wie es nicht anders möglich ist, als einen Bund freier Völker, nicht als eine Addition einzelner abstrakter Individuen1). Zwar gilt für den Bereich der Ethik der von allen höherstehenden Religionen angenommene Grundsatz, daß alle Menschen gleich sind und für ihren Wert nur die sittliche Qualität entscheidend ist. In der geschichtlichen Realität aber ist die Nation eine Natur- und auch eine Rechtstatsache. Der Weg des Ein/einen zur Menschheit kann diese Stufe nicht überspringen. Die Vorstellung, daß der Zionismus reaktionär ist, weil er eine jüdische Nation konstituieren will, entbehrt deshalb jeder Begründung. Die Assimilanten haben allerdings eingewendet, daß die Juden sicherlich keine Vollnation seien und doch schon deshalb ein „nationaljüdischer" Staudpunkt abwegig sei. Allein die Zionisten haben nie behauptet, daß die Juden von heute eine Vollnation sind — wäre das der Fall, so gäbe es keinen Zionismus. Die Juden besitzen vielmehr viele Attribute einer Nation (gemeinsame Abstammung, Geschichte, Religion, Tradition usw.), ermangeln aber einiger anderer (gemeinsames Territorium, gemeinsame Sprache). Der Zionismus erstrebt, die Juden wieder zu einer Vollnation zu machen, ihnen die zu einer solchen fehlenden Attribute zu erringen, um dadurch die Renaissance des jüdischen Volkes und die Lösung der Judenfrage herbeizuführen. Die „Utopie" Es ist auch begreiflich, daß der Zionismus zur Zeit seines Auftretens, in der Epoche der Hochblüte der Assimilation im Westen und der revolutionären Befreiungskämpfe im Osten (Rußland), den meisten Juden als eine nicht ernst zu nehmende Utopie erscheinen mußte. Die Idee, daß die Juden, die damals einen so hervorragenden Anteil an der wirtschaftlichen und geistigen Entwicklung der Völker nahmen, die immer weiter nach aufwärts zu führen schien, ihre Berufe und Wohnsitze in den Kulturländern verlassen und in ein kleines, rückständiges, unter der Willkürherrschaft des Sultans stehendes Land ziehen sollten, erschien wie eine Phantasterei romantischer Schwärmer, über die man lächeln, Scherze machen oder spotten konnte; die aber in Voraussetzungen, Tendenzen und Möglichkeiten jeder realen Unterlage bar zu sein schien. Man entdeckte auch, daß Palästina zu klein sei, um alle Juden aufzunehmen, als ob das je im Programm des Zionismus gelegen gewesen wäre. Sein Streben geht vielmehr auf Gründung eines jüdischen Zentrums, das durch innere Umkehr und äußere Leistung erarbeitet werden soll. Der Zionismus ist deshalb als Ferment und unaufhörlich wirksamer dynamischer Faktor zu verstehen und zu werten, und keine statische Betrachtungsweise wird ihm gerecht. Aber dieses billige Argument, daß Palästina — das jedenfalls Millionen von Juden fassen kann — ein kleines Land sei, genügte lange Zeit selbst hochgeistigen Juden, um die zionistische Bewegung als nicht ernst zu nehmende Verirrung einiger Querköpfe zu bezeichnen. Als aber der Zionismus von Herzl zu einem politischen Faktor erhoben und von den Mächtigen der Welt als verhandlungsfähig betrachtet wurde, mußte man ihn wider Willen ernst nehmen, der Kampf gegen ihn nahm heftige Formen an, was nach der damaligen Lage nur zu begreiflich war. Denn unter „Zionismus" im weitesten Sinne sind alle jene Bestrebungen zu verstehen, die auf die Wiedervcrwurzehmg der Juden als Volk in Palästina abzielen. Der Zionismus hat daher in irgendeinem Grade die Voraussetzung, daß die Verwurzelung der Juden in ihren Wohnländern nicht wünschenswert oder nicht restlos realisierbar, ferner die zweite, daß Palästina die Volksheimat der Juden ist. Die erstgenannte Voraussetzung, die mehr oder weniger an das üaluthbewußtsein anknüpft, mußte die heftigste Ablehnung fast aller Juden finden, insolange sie noch an die Möglichkeit einer restlosen Eingliederung in die Nationen glaubten, unter denen sie lebten. Sie bedrohte die Lebenslüge, mit deren Hilfe die Juden sich leidenschaftlich bemühten, über Kraft, Umfang und Tiefe der antijüdischen Bewegung sich zu täuschen. Anders die zweite Voraussetzung. Wo Juden noch irgendwie, und sei es auch im geringsten Maße, mit dem historischen Judentum in üefühlsverbindung geblieben sind, sei es durch Religiosität, sei es durch Stolz auf die große Vergangenheit, ist ihnen Palästina, das alles Schöpferische und Starke des Judentums geboren hat und an das sich die Zukunftsverheißungen für das jüdische Volk knüpfen, wenn auch nicht mehr, wie einst, das Ziel der Sehnsucht und des Hoffens, so doch noch ein Wert. Mit vollem Recht konnte daher Ach ad Haam die „Zionliebc" als ein Grundelcment der jüdischen Seele erklären. Diese Zionliebe war im Verlaufe der fast zweitausendjährigert l'iasporageschichte kein bloß passives Gefühl gewesen, sondern sie hatte die Juden immer wieder zu aktiven Taten geführt. Die Fäden, die die Diaspora mit Palästina verbanden, waren deshalb nie zerrissen worden, das Land spielte in der Geschichte der Diasporajuden eine gewichtige Rolle. Die Wiedererweckung der Zionliebe war nur möglich, wi! sie im „Gedächtnis der Rasse" so starke Spuren eingegraben hatte. Zum Verständnis des modernen Zionismus ist es deshalb nötig, die Intensität jener Verbundenheit zu erkennen. DIE ENTWICKLUNG DES ZIONISMUS IN DEUTSCHLAND ") Ucber den Begriff „Menschheit" schrieb Aaron David Oordon in seinem „Zweiten Brief aus Palästina": „Wir schreien stets Menschheit, lauter als alle Menschen, nicht weil wir wirklich höher stehen als alle, sondern weil 'Menschheit' eine Abstraktion ist, ein Luftbegriff — im Leben gi.M es nur Völker, und in Wirklichkeit arbeiten wir, obwohl wjr .Menschheit' schreien, doch nur für das Volk, unter dem Mir leben, nur nicht für uns selbst. Unsere geistige Welt ist f1"' Art Spinngewebe aus Aether und fremder Luft." „Erdung durch Arbeit", Berlin 1931. Ein Uberblick Von S a 11 i Hirsch Es war uns, die wir immerhin auch schon vor einem Menschenalter Zionisten geworden sind, immer schon schwer, uns den zionistischen Weg der Männer klarzumachen, die nur etwa lü Jahre vor uns, um die Zeit der Begründung der „Jüdischen Rundschau", noch vor dem Auftreten Theodor Herzls, Zionisten geworden waren, denen gegenüber wir trotz des geringen Vorsprunges von nur 10 Jahren doch immer einen üenerationsunterschied empfanden. Wir fanden schon eine zionistische Bewegung und eine Zionistische Organisation vor, die um uns warb, uns in ihren Bann zog. Jene Männer aber — Heinrich L o e w e, Theodor Zlocisti, Alfred Klee, Bodenheimcr, Arthur H a n t k c, Adolf Fricdcma mi — waren wirklich Erstlinge der national-jüdischen Bewegung und des Zionismus in Deutschland. Sie waren Zionisten geworden,, teils unter dem Einfluß von jungen Zionisten aus dem Osten, die damals in Berlin studierten, wie Motzkin, Schmarjah Lewin, Weizmann, teils wohl aus dem Gefühl für jüdische Würde und jüdische Ehre, das in assimilierten deutsch-jüdischen Kreisen um die Mitte der neunziger Jahre wach geworden war. Auf diesen kleinen Kreis junger deutscher Juden mußte das Auftreten Theodor Herzls wie eine Befreiung und Erlösung wirken; er verkündete vor der Weltöffentlichkeit, was sie auch schon in kleinen Kreisen diskutiert hatten, er repräsentierte den neuen Typ des jüdischen Politikers, den sie erträumt hatten; kein Wunder, daf! diese Gruppe deutscher Zionisten von Anfang an ergebene Jünger Herzls wurden und es über seinen Tod hinaus blieben. Herzls Auftreten gab ihnen den Schwung, der sie nun zu begeisterten und begeisternden Propagandisten der zionistischen Bewegung machte, ihnen eine Beredsamkeit verlieh, wie sie nur den Aposteln junger Bewegungen eigen ist. Diese Handvoll Studenten brachte das deutsche Judentum in Aufregung. Aber die große Masse der deutschen Juden versagte sich ihnen; in den Zionistischen Ortsgruppen fanden sich fast durchweg junge Akademiker und nur ausnahmsweise einige junge Kailfleute und kaum ein deutscher Jude in gereiftem Alter und bürgerlich gefestigter Stellung. Der deutsche Zionismus war lange Zeit hindurch eine Bewegung der Jugend ohne Grau- und Glatzköpfe, ohne Justiz- und Sanitätsrätc, die Dreißigjährigen waren die Senioren. Aber große Teile der Jugend wurden vom Zionismus erfaßt; die studentische Jugend vor allem durch die im B(und) J(üdischcr) C(orporationcn) zusammengeschlossenen V(ereine) J(üdischer) St(udcnten) und das später entstandene K(artell) Z(ionistischer) V(erbindimgen). Für Jahrzehnte stellten dann die in diesen studentischen Verbänden durchgebildeten Zionisten die Führer und Unterführer in der Zionistischen Vereinigung für Deutschland. Daneben führten der Turnverein Bar Kochba in Berlin und die anderen Vereine der Jüdischen Turnerschaft der zionistischen Bewegung jugendliche Anhänger zu. Die Zionisten waren damals in Deutschland eine enge Gemeinde, ohne große innere Differenzierung, untereinander verbunden durch persönliche Bekanntschaft und die Gesinnungsgemeinschaft, eine große Familie. So war es etwa um die Jahrhundertwende bis zum Tode Herzls. Allmählich wuchs die Zionistische Organisation in die Breite: aus den Studenten und Referendaren wurden fertige Akademiker, die bürgerliche Positionen in den Großstädten bezogen und die zionistischen Ortsgruppen ausbauten. Es begann die innere Differenz ierun g und Vertiefung der zionistischen Auffassung. Die Auseinandersetzung zwischen dem „politischen" und „praktischen" Zionismus setzte auch in Deutschland ein und unter dem Einfluß einer jungen Generation (Blumenfeld, Felix Rosenblüth, Lichtheim) setzte sich die „praktische" Richtung durch. Diese junge Generation fand nicht mehr Befriedigung in der bloßen politischen und propagandistischen Betätigung, insbesondere nachdem klar geworden war, daß das zionistische Ziel nicht schnell durch einen großen politischen Erfolg erreicht werden konnte. Man erkannte, daß der Zionismus als die nationale Bewegung des jüdischen Volkes nicht nur politische Arbeit und propagandistische Verbreitung verlangte, sondern auch R e n a i s - sancedcsjüdischcnGeistes, Bemühung um die K u Iturg ehalte des Judentums. Man erkannte, daß gerade die assimilierten deutschen Zionisten nur durch Bemühung um die jüdischen Kulturgehalte den Anschluß an das jüdische Volk finden könnten. Damals fanden die Ideen von A c h a d Haam und B u b e r Eingang in weiteren Kreisen der deutschen Zionisten, insbesondere der zionistischen Jugend; es begannen die ersten Bemühungen um die hebräische Sprache, die dann später zur Gründung der hebräischen Sprachschule in Berlin führten. Die Erkenntnis, daß die Verwirklichung des Zionismus eine Jugend verlangte, die sieh abkehrte von dem Getriebe der Großstädte und den Anschluß an das Land und die Natur wiederfand, führte zur Gründung des jüdischen Wanderbimdes „Blau-Weiß". Damit begann eine neue Epoche zionistischer Jugendbewegung und des deutschen Zionismus überhaupt. Im „Blau-Weiß" brachen zum ersten .Male in Deutschland die Ideen der Umschichtung und der Chaluziuth durch und erregten selbst in zionistischen Kreisen Widerspruch: ob es nicht Raubbau an den Kräften des Volkes bedeute, wenn man eine bürgerlich erzogene, intellektuelle Jugend zum Handwerk, zur Landarbeit und überhaupt zu körperlicher Arbeit führen wolle. Die Jahre vor dem Kriege bildeten einen Höhepunkt für den deutschen Zionismus. Eine straff gegliederte Organisation bildete das Rückgrat der Bewegung; eine stetig wachsende Jugendbewegung schuf inneres Leben und Entwicklung; die Führung der Zionistischen Weltorganisation war organisatorisch aber auch geistig in Berlin in den Händen des deutschen Zionismus (Warburg und Hantke im Verein mit Jacobsohn, Sokolow, Lcvin, Tschlenov). Ein deutscher Zionist, Ruppin, leitete das „Palästina-Amt" in Jaffa. Diese Entwicklung wurde vom Weltkrieg unterbrochen. Ein großer Teil der zionistischen Jugend, vor allem der Führer, zog ins Feld; die Arbeit der Jugendorganisation wurde nur notdürftig und mit unzureichenden Kräften aufrechterhalten; der Zusammenhang mit dem Weltzionismus wurde fast völlig unterbunden; nur in leisem Echo drangen die politischen Bemühungen um Palästina von Weizmann und Sokolow, die zur Balfour-Deklaration führten, zu den deutschen Zionisten. Die zionistische Jugend, die unter dem Eindrucke des Kriegserlebnisses herangewachsen war, gruppierte sich nach dem Krieg neu unter stärkerer Betonungdes Ideals der Chaluziuth und des Strebens zur Alijah. Für die Arbeit des bürgerlichen Zionismus in Deutschland waren in dieser dritten Phase seiner Entwicklung bestimmend die Erkenntnis der Bedeutung der nationalen Fonds und die Kooperation mit der palästinensischen Arbeiterschaft. Der Keren Hajessod hatte von Anfang an seine treuesten Anhänger in Deutschland; wohl in keinem Lande nahm man das Maasserprinzip so ernst wie hier. Die Erkenntnis der Bedeutung des nationalen Kolonisationsfonds führte auch in Deutschland allein zu einer echten Kooperation mit Nichtzionisten in der Arbeit für den K. H. Die gleiche Grundhaltung, die die deutschen Zionisten in ihrer Arbeit für den K. iL leitete, führte zu der für den deutschen Allgemeinen Zionismus lange Jahre charakteristischen Zusammenarbeit mit der auf dem Boden des nationalen Aufbaus stehenden Arbeiterschaft. Dieses Verhältnis erlitt die erste Trübung, als die deutschen Zionisten angesichts der immer größer werdenden Differenz, zwischen Einnahmen und Ausgaben und der immer mehr anwachsenden Schuldenlast eine wirtschaftliche K o n s o I i d i c r u n g s p o I i t i k als notwendig erkannten und forderten. Ergab sich bei dieser Gelegenheit ein Gegensatz zwischen deutschem Zionismus und Arbeiterschaft, so trat einige Jahre später eine Spannung zwischen dem deutschen Zionismus und der großen Mehrheit der zionistischen Welt ein, als nach den Ereignissen des Jahres I02Q von einem kleinen Kreise der deutschen Zionisten, den man aber als für den deutschen Zionismus repräsentativ ansah — insbesondere weil auch die ,.|. R." diese Haltung einnahm -- eine konsequente Politik der Verständigung m i t d e n Arabern auf Grund der „Binationalität" Palästinas proklamiert wurde. Von den zionistischen Kritikern des deutschen Zionismus wurde häufig die fehl e n d e V e r b u n il e n h c i t mit Palästina und bei den bürgerlichen Zionisten der Mangel an realen Interessen im Lande bemängelt. In dieser Beziehung brachte das Jahr KITS eine entscheidende Wendung. — Der deutsche Zionismus ist jetzt „palastinaverbunden" wie nur irgendeine Gruppe der Weltjndenheit. Der grölite Teil seiner zentralen und Ortsgruppen-Führer ist nach Palästina übergesiedelt, der größte Teil der Jugend ist den Weg der Chalu/iuth gegangen; die reale intei'csscnverhundenheit mit Erez Israel geht weit über den Kreis der Zionisten hinaus in die deutsehe Judcnheit. Noch hat sich diese Verbundenheit nicht im vollen Ausmaße ausgewirkt, weder in Palastina noch hier; die nach Palästina übergesiedelten Zionisten sind noch zu sehr von den Sorgen der Uebergangszeit, den Spannungen, die die Einwurzelung mit sieh bringt, in Anspruch genommen. Sind erst diese Uebergang^-chwierigkeiten überwunden, so können wir auf eine neue Epoche in der Entwicklung des deutschen Zionismus rechnen, die dann einen eigenen wertvollen Beitrag liefern wird für den Aufbau unseres Landes und für die Zionisienmg der Golah. Abriß der Geschichte des „Kartells Jüdischer Verbindungen" Von Dr. Bruno K i r s c h n e r KJV. und „Jüdische Rundschau" sind Altersgenossen und Kampfgenossen. Der Zionismus in Deutschland ist ohne K|V., das KjV. --- auch in seiner vor/iouistischen Frühperiode -- ohne die zionistische Bewegung nicht denkbar. „Das KJV. -- der Pulsschlag des deutschen Zionismus" (Egon Rosenberg). Zwei Vierzigjährige grüßen sich heute: ben arbciim labt na. Um dieselbe Zeit, da die Rundschau (wenn auch nicht gleich) in die behagliche, selbsttrügcrische Ruhe des deutschen Judentums vorstößt, erblickt die erste nationaljüdische Studcntenvereiniguiig das Dunkel der jüdischen Welt. Mit Kultus-, Wohltätigkcits- und Abwehrbetrieb vollauf beschäftigt, übersieht das offizielle Judentum geflissentlich die Sturmzeichen der 80er, der 00er Jahre. Aufregung und Sorge ist nicht nötig: der Antisemitismus ist nach der herrschenden Meinung nur ein kleiner Schönheitsfehler, den der unausbleibliche Fortschritt der Menschheit morgen, spätestens übermorgen beseitigen wird. Aber in empfindlicheren Herzen brennt die alte Wunde. Im Osten Europas schwcrwiichtcndc Judenverfolgungen mit Pogromen und sozialer, wirtschaftlicher, seelischer Aechtung, im Westen bald mäßige, bald stärkere Erdbehenstößc — und trotzdem in weiten Schichten des jüdischen Bürgertums hemmungslose Assimilation: die Gefahren, die die jüdische Existenz von draußen, viel bedrohlicher aber von innen umlauern, wecken in den tieferen Geistern der jüdischen Jugend die Sehnsucht nach Erneuerung, nach Wurde und Erlösung. Im Kampf um die Ideale Und Ausgangspunkt dieser jüdischen Zukunftsbewegitng vor auf Sie der Sie JIHi! in Deutschland wurde, wie so oft im nationalen Leben der Völker, die akademische Jugend, in der sich Ehrbegriff, Freiheitsdrang, Erkemitnistiefe. und Kampfwille jugendkräftig verbündeten. Schon Mitte der SOcr Jahre waren jüdische Studenten in Breslau zusammengetreten (K. G.-Verbindung Viadrina), um für den jüdischen Namen, wo immer er angegriffen wurde, zu kämpfen und ein neues Geschlecht selbstbewußter Juden in die Welt zu stellen. Ein gutes Programm, aber nur ein halbes; es hörte da auf, wo es anfangen sollte: bei dem Willen zur Erziehung jüdisch-schöpferischer Menschen. Es verlor und vergaß sich im Negativen, entbehrte eigene jüdische f orm. So konnte, bei aller Komment- und Mensurfreudigkeit, Sterilität in judaicis nicht ausbleiben. Das Verdienst dieser Gruppe, für den Augenblick unbestreitbar, bleibt im historischen Aspekt beschränkt. Ein anderes Bild von jüdischem Leben in der Brust, eine andere Konzeption, eine weitere, umsichtigere, vor allem lebens- und tatfrohere, von jüdischer Zukunft dem Auge, traten 1805 in Berlin einige junge Studenten den Plan und schufen eine neue jüdische Kampffront, waren enttäuscht von dem Mangel an Konstruktivität, die bisherige Behandlung der Judcnfrage beherrschte, waren erfüllt von dem noch nicht organisierten Herzens* Zionismus des jüdischen Ostens. Ihnen schwebte wie den in Deutschland studierenden Freunden in und aus Rußland, die in 20 "Jahren die Führer des Weltzionismus werden sollten, jener realistische Wunschtraum vor, für dessen Verwirklichung zwei Jahre später Herzl die feste Form der. politischen Organisation schuf. Verbindungen und Verbündungen Dieser Berliner „Verein Jüdischer Studenten" (V.J. St.) und der 1902 aus ihm und gleichgesinnten Vereinigungen zusammengeschlossene „Bund Jüdischer C o r p o r a t i o n e n" (B.J.C.) sind, in einer Welt des sich formenden politischen Zionismus, durchaus noch nicht ausgesprochen zionistisch. Selbst der nationale Charakter tritt im Programm noch nicht ausdrücklich hervor. War diese Zurückhaltung Taktik, war sie Mangel an Geschlossenheit der Grundstimmung und des Willens? Beides. Jedenfalls bot sie breiteste Werbemöglichkeit — ein wesentlicher und gutgenutzter Vorzug. Aher in der gradlinigen Erziehung der Mitglieder zu ihres Judentums bewußten und frohen Menschen, die „an der Entwicklung eines lebendigen Judentums mitarbeiten wollen" — in diesen beiden Begrif«

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