Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 31-32 (17.4.1935)
- Date
- 1935-04-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 40 /AWRE JÜDISCHE HVNÜ3CHAV Nr. 31/32, 17. IV. 1935 DER BLICK ZURÜCK Das vierzigjährige Jubiläum der „Jüdischen Rundschau" ist jür uns ein Markstein, der auch zu einem Rüchblick auf die zionistische Bewegung in Deutschland berechtigt. Wir bringen einige Beiträge, die die Entstehung der Bewegung und ihrer Gliederungen, ihre Wirkung auf die Judenheit und insbesondere auf die westliche Judenheit und die Entwicklung bis heute skizzieren. Es sollte hierbei die Umwandlung des jüdischen Lebens durch das Auftreten des Zionismus und dessen organisatorische Kristallisation geschildert werden. Dies gibt natürlich kein vollständiges Bild; manche wichtige Faktoren kommen nicht ganz zu ihrem Recht. Wir müssen uns aber Besclirärdmngen auferlegen. Die Arbeit von Rudel über soziale Fürsorge zeigt, wie stark die neuen Anschauungen das ganze jüdische Leben befruchtet haben. Man könnte dasselbe auf dem Gebiet des Erziehungswesens zeigen. Um schließlich die Fortschritte und Veränderungen der letzten vierzig Jahre in Politik, Wirtschaft und Kultur Palästinas darzustellen, müßte man ein ganzes Buch schreiben. Die „Jüdische Rundschau" berichtet fortlaufend über das Leben und Werden Palästinas. Innerhalb unserer Rückschau werden nur einzelne Spezialgebiete des palästinensischen Lebens, vor allem die Hauptzweige der Wirtschaft, behandelt. (Weitere Beiträge muß. ien für die nächste Nummer zurückgestellt werden.) In unserem Bilderteil finden unsere Leser einige kleine Ausschnitte aus Palästinas Landschaft und Leben. Die Anlange des Zionismus und die moderne Judenheit Von Adolf Böhm Adolf Böhm schreibt uns: Das Jubiläum der jüdischen Rundschau" ist mir wie ein eigenes — so sehr fühle ich mich mit diesem führenden Organ unserer Bewegung verbunden. Hier ist in vorbildlichster Weise die Aufgabe einer von sittlicher Verantwortung getragenen Presse erfüllt: Treuer Dienst an dem Ideal, das sie zu i*erwirhlichen hilft, unerschütterliches fesihal.'en an einem hohen geistig-moralischen Niveau ohne Konzession an den Geschmack der Menge, Enttchivdenheit in der Suche, Vornehmheit im Ton, steter Versuch, auch dem Gegner gerecht zu werden, Universalität und Exaktheit der Information, unausgesetzte Bemühung, das Beste an Beiträgen zu bieten. Alle diese Qualitäten werden der „Jüdischen Ihmdschaii" auch von jenen Zionisten nicht bestritten, die mit ihrer Haltung in innerzionistischen Fragen nicht immer einverstanden sind. Als Zeichen meiner besonderen Ilochschätzung der „Jüdischen Bundschau" und ihres Leiters übergebe ich ihr zu ihrem Jubiläum (mit Zustimmung des „Jüdischen Verlags") aus der in Kürze erscheinenden zweiten, vermehrten Auflage meines Buches „Die Zionistische Bewegung" ein Kapitel, das historisch und ideologisch einen Ausgangspunkt der Bewegung behandelt. Der verletzte Geltungstrieb Das Entstehen der modernen zionistischen Bewegung kann, wie schon angedeutet wurde, auf zweierlei Antriebe zurückgeführt werden, die zwei verschiedene Konzeptionen des Zionismus verursachten: erst ziemlieh spät haben sich diese zu einer einheitliehen Form der Bewegung vereinigt. Die eine Quelle des Zionismus war die Erkenntnis, daß die Lösung der Judenfrage in ihrem soziologischen Aspekt: als Problem der reibungslosen Eingliederung der Juden in die nichtjüdischen Nationen, durch Assimilation der Juden nicht möglich ist. Diese Erkenntnis, obzwar sie schon frühzeitig von einzelnen tiefer blickenden Geistern, Juden und Nichtjuden, verkündet worden war, konnte nur sehr langsam an Boden gewinnen, da die Ideologie der Assimilationszcit die Juden im Banne hielt. Und dennoch, dringt man bis zur letzten psychologischen Wurzel vor, so ist es ein und derselbe seelische Grundtrieb, der die Juden einerseits sich so leidenschaftlich zur Assimilation hinwenden und über sie die hartnäckigsten Illusionen machen ließ und der andererseits sie zum Zionismus führte: der Trieb nach Geltung. Die modernste psychologische Forschung (Freud, Adler usw.) hat diesen Trieb als einen der primärsten und stärksten der menschlichen Seele erkannt. Im modernen Juden, der sich mindergewerfet und verachtet fand, ohne sich, wie es noch im Ghetto der Fall war, auf das Bewußtsein des hohen Wertes seines Judentums zurückziehen zu können, und der deshalb anfing, an die ihm unaufhörlich vorgehaltene Minderwertigkeit selbst zu glauben, mußte dieser verletzte Geltungstrieb vorherrschend werden. Daraus erklärt sich die oft bis zur Groteske gesteigerte Sucht des modernen Juden nach gesellschaftlicher Stellung und die von ihm unbewußt geübte „Verdrängung" aller Eindrücke, die jene Minderwertung1 trotz allem hc-tätigten, diese-, nicht Sehen-, Hören- und Zugeben-wollen in puncto des Antisemitismus, die falschen Vorstellungen über diesen wie über die treibenden Kräfte der gcselLschaft'iibcn Entwicklung. Auch für die Entstehung jener Richtung des Zionismus, die von der Unerträglichkeit und Unhaltbarkeit «1er jüdischen Situation von heute ausgeht, war die verletzte M e n s c h e n w ü r d e, der verletzte Trieb nach Geltung eine der p<vchri|ogiM.-hen Wurzeln. Das läßt sich bei ihren Begründern, bei l'insker und 11 e r z I, deutlich nachweisen. Der Wert des Judentums Die andere Quelle des Zionismus ist das im Volke stets lebendig oder doch wenigstens latent gebliebene Bewußtsein dc> hohen Wertes des Judentums und der eigenen Att, die bei restloser Assimilation zum Verschwinden verurteilt sein wurden. Hatte das Volk darum durch fast zwei Jahrtausende zur Wahrung seines Eigenlebens, zwecks Erfüllung seiner Berufung, das größte Martyrium der Geschichte auf sich genommen, um sich im Momente der Befreiung vom äußeren Druck freiwillig zum nationaien Selbstmord zu entschließen? Wir finden bei einem der frühesten zionistischen Denker, bei Moses H e ß, die eigenartige Begründung des Zionismus, daß gerade die Befreiung vom äußeren Druck den Juden erst die Möglichkeit gegeben hätte, ihre Nation wieder aufzurichten, um ihre kulturellen Tendenzen voll zur Entwicklung zu bringen. Ohne diese Begründung, aber mit ähnlichen Aspekten äußerte sich dieser Wille in den Kreisen einiger frommer Rabbiner, bei denen die Assimilationsperiode noch nicht das Bewußtsein der besonderen Berufung Israels, seines spezifischen, von Gott bestimmten Schicksais ertötet hatte, und später bei den Kulturzionisten. Doch auch dieser Antrieb blieb lange Zeit unwirksam, denn die Assimilationsideologie hatte auch für die Mehrzahl jener Juden, die im Judentum noch einen Wert und eine Aufgabe sahen, eine Formel gefunden, die sie mit dem bestehenden Zustand aussöhnen sollte, die „Missionstheorie", gemäß welcher die Juden nach dem Willen Gottes in der Welt zerstreut bleiben müßten, um die ethischen Werte des Judentums unter den Völkern zu verbreiten: „Monotheismus — Messianismus — Optimismus — die Gottesebenbildlichkeit des Menschen — Nächstenliebe — Gerechtigkeit — Verbreitung von Religion und Sittlichkeit unter den Menschen", wie es einmal ein Nachfahre des liberalen Judentums formuliert hat1)- Natürlich sind aber allgemeine ethische Ideen kein Monopolbesitz der Juden, und ein Judentum, das ') Geh. Justizrat Dr. Eugen Fuchs in den „Neuen Jüdischen Monatsheften", 1/22, 1917. durch nichts anderes charakterisiert wäre, würde in ihnen keine Widerstandskraft gegen seine Auflösung finden. Das haben zionistische Denker immer wieder betont. Der Entfudungsprozefi Im allgemeinen konnte der Kulturzionismus um so wenifer Wurzel schlagen, als der Prozeß der Zersetzung des udentums mit zunehmender Dauer der Assimilationsperiode einen immer größeren Umfang annehmen mußte. Je weiter die Zeit fortschritt, desto mehr verflüchtigten sich die jüdischen Inhalte in der Erziehung, weil durch den Besuch der nichtjüdischen Schulen und durch die völlige Einstellung der Juden in ein nichtjüdisches Milieu die Tradition immer mehr verblassen mußte. Die zweite Generation hatte noch die Pietät für die Tradition, die dritte hätte aber „Pietät für die Pietät" (Kurt Blumenfcld) haben müssen, um an Dingen festzuhalten, die sie nie gesehen, von denen sie nur die Väter erzählen gehört hatte. Damit entarteten die wenigen „konfessionellen" Einrichtungen immer mehr: die jüdischen Gemeinden waren in jener Epoche, von der hier die Rede ist, aller jüdischen Gleichheitstradition zum Hohn, durch ein plutokratisches Wahlrecht die Herrschartsdomäne einer kleinen Oberschicht meist gänzlich entjudeter, nach Ehrenstellen strebender Großbürger geworden, die Rabbiner wurden von ihnen abhängige, schlecht bezahlte Angestellte, die sich durch „Emolumente" für kultische Funktionen ihr Einkommen verbessern mußten. Aus dem Führer und Richter der Gemeinde, zu dem jeder das unbedingteste Vertrauen hatte, da er kraft seiner überlegenen Persönlichkeit gewählt worden wär, wurde, nach fremdem Vorbild, ein sogenannter „Seelsorger". Der Synagogendienst wurde nach protestantischem Muster „reformiert", wobei einige Gemeinden so weit gingen, nicht nur alle Erinnerungen an Zion aus den Gebeten zu eliminier ren, sondern sogar das Hebräische vollkommen durch die Landessprache zu ersetzen. Der Religionsunterricht in den Schulen wurde manchenorts zu einer Farce, da der Beruf eines Religionslehrers, der wenig verlockend war, oft nur von unzulänglichen Kräften, Menschen von zweifelhafter Bildung, ergriffen wurde. Jeder Westjude kennt diese Erscheinungen der Entartung: sie hatten aus den wenigen Resten, die noch vom Judentum verblieben waren, eine wahre Karikatur gemacht. Denkt man an den beispiellosen Heroismus, mit dem das jüdische Volk durch zwei Jahrtausende an dem Willen zur Gestaltung seines geistigen Weltbildes festgehalten hat, dann fühlt man sich bei dem Gedanken, daß diese Zersetzung das Ende sei, an das Goethesehe Wort gemahnt: „Ein großer Aufwand schmählich ist vertan". Verfallserscheinungen der kapitalistischen Zeit Nicht nur das Schwinden aller jüdischen Inhalte aus den noch dem Namen nach jüdisch gebliebenen Einrichtungen hat es der neu entstehenden jüdischen Renaissancebewegung so unendlich schwer gemacht, sich durchzusetzen; hauptsächlich ist der innere Zustand der damaligen jüdischen Gesamtheit daran schuld gewesen. Nur eine dünne Oberschicht der geistigen Elite des jüdischen Volkes war es, die, erfüllt von modernen Ideen, sich leidenschaftlich den sozialen und kulturellen Strömungen der Zeit hingab und auf allen Gebieten geistigen Schaffens eine unverhältnismäßig große Zahl von hervorragenden Mitarbeitern stellte. In der Masse der Judenheit aber hatte die Emanzipation Folgezustände gezeitigt, die mehr oder minder als Verfallserscheinungen bezeichnet werden müssen. Die Juden, die durch die Diasporaentwicklung für die intellektuellen, kommerziellen und industriellen Berufe sehr gut vorgebildet waren, hatten in der aufsteigenden Klassenbewegung des Bürgertums eine große Rolle gespielt. Vom wirtschaftlichen Aufschwung dieser Epoche emporgehoben, wurden sie Hauptträger der bürgerlichen Ideologie. Doch auch die Schattenseiten des kapitalistischen Zeitalters machten sich bei ihnen wie überall fühlbar: der Materialismus, der die sogenannten Genüsse des Lebens oder zumindest Sicherheit, Behaglichkeit, Ruhe aufs höchste schätzt, das Ueberwuchern eines seelenlosen Rationalismus, ferner eine Scheinbildung, genährt von den Geistesblüten aller Völker, die aber, von ihren Wurzeln gelöst, nur als fertige Produkte angeeignet wurden. Der Jude wurde so vielfach zum „Bildungsphilister", zum Eklektiker, zum Nacheinpfinder, zum Schöpfer eines geistreichelnden, aber jeder tieferen Ursprünglichkeit entbehrenden Stils in Journalistik und Literatur. Er, der losgerissen von seinem geschichtlichen Erbe, ohne natürlichen, volkhaften Nährboden mitten in eine nichtjüdische Sphäre gestellt war, erschien deshalb den Völkern vielfach als ein „Element der Dekomposition"2). Auch die andern Völker haben durch die kapitalistische Entwicklung eine Lockerung ihres organischen Gefüges erfahren: breite Schichten wurden dem Boden und der Natur entfremdet, die organische Verbundenheit der Volkstcile wurde zerstört oder zumindest gelockert, eine tiefe Klassendifferenz tat sich zwischen ihnen auf. Aber je mehr diese Entwicklung als unerwünscht empfunden wurde, desto mehr wurde der Jude als ihr Exponent angesehen und füT sie verantwortlich gemacht. Mit Unrecht, denn die Juden waren, ihrem eigenartigen Schicksal zufolge, nur die vorgeschobensten Posten dieser Entwicklung, und sie stellten auf der anderen Seite, wie schon erwähnt, zu der Schicht der geistig Produktiven, der sozial Fortgeschrittenen, der künstlerisch Interessierten, der großen Wirtschaftsführer ein Kon- *) Der Ausdruck stammt von Theodor Mommsen, der von den Juden als einem „Ferment der Dekomposition" spricht. Er bedeutet Auflockerung, ja Zersetzung des sozialen Gefüges. Mommsen selbst hat aber eine solche Funktion der Juden als förderlich erklärt. In seiner Schrift „Auch ein Wort über unser Judentum", die als Antwort auf Heinrich Trcitschkes „Ein Wort über unser Judentum" (beide Berlin 1880) erschienen ist, deutet er den Ausdruck dahin, daß die Juden im neuen deutschen Reiche „ein Element, nicht sowohl der nationalen als der Dekomposition der Stämme" darstellen, indem sie am notwendigen Abschleifen der Stämme aneinander mitwirken und so der Herstellung der deutschen Nationalität förderlich sind. tingent, das um ein Vielfaches ihre relative Zahl übertraf. Aber weil sie auf der ganzen Linie, im kapitalistischen und im sozialistischen Lager, fn der Presse, in der Wissenschaft, in der Kunst alle Licht- und Schattenseiten des neuen Typus am ausgeprägtesten aufwiesen, richtete sich der Unmut des Volkes gegen sie. Trotzdem verschlossen sie sich hartnäckig den neuen Erkenntnissen, zu denen die zionistischen Denker vermöge ihrer vorurteilslosen Untersuchung d»er Judenfrage gelangt waren. Begreiflicherweise, denn die zionistische Idee verlangte von den Juden, die sich in ihrer Begebenen Lage gesichert und wohl fühlten, eine völlige mwälzung in ihrer Lebenshaltung, den heroischen Entschluß, sich unter Entbehrungen und Anstrengungen ein neues Leben zu schaffen. Wie immer und überall wollte die indifferente, ideallose Masse in ihrem Behagen, ihrer Trägheit und Denkfaulheit nicht gestört werden. Am heftigsten wurde der Zionismus von denjenigen abgelehnt, die sich als Führer des Judentums fühlten, von den Gemeindegewaltigen und ihrem Anhang. Es war merkwürdig, daß sich gerade diese Kreise gegenüber dem Zionismus als Vorkämpfer der Assimilation gaben, sie, die in ihrem ganzen Habitus die Erben des Ghettogeistes waren. Innere Unfreiheit, Furcht, seelische Verkrüppelung, Verzerrung aller natürlichen Form, Selbstzufriedenheit, Sucht nach äußeren Ehren („Kowed"), Kriecherei vor den Mächtigen, Wohltätergeste nach unten, alle diese Züge, die der wirklich emanzipierte Jude und ebenso der Zionist als traurige Erbteile des Ghetto in sich zu überwinden trachtet und in seiner Umgebung bekämpft, sie gaben vielfach den Verwaltern der wenigen noch vorhandenen jüdischen Einrichtungen die Signatur. Auch dies ist eine Folge der inneren Zersetzung, die das Judentum durch Emanzipation und Assimilation erfahren hat. Durch sie hatte der geistig und vielfach auch moralisch höchststehende Teil der Judenheit mit allem Jüdischen gebrochen, und dort, wo man noch am Judentum festhielt, waren die wahrhaft großen jüdischen Traditionen, das bedeutende geistige Erbe der jüdischen Vcrgan- Penheit nur mehr in verzerrten, kaum wiederzuerkennenden ormen erhalten geblieben, weil ihre lebendige Weiterem. Wicklung jäh abgebrochen worden war. Stellung zu Palästina Wie alle lebendigen Inhalte des Judentums sich immer mehr verflüchtigt harten, so war es auch vorbei mit d« zentralen Stellung Palästinas im Gefühlsleben der westlichen Juden. Im Osten, wo die Assimilation noch wenig Fortschritte gemacht hatte, war dies zwar nicht in so hohem Maße der Fall wie im Westen; dennoch war auch dort in den führenden Schichten und bei einem Teil der Jugend infolge der leidenschaftlichen Sehnsucht nach rechtlicher Emanzipation, d. h. nach voller Einbürgerung im Wohnlande, die innere Einstellung zu diesem grundlegend geändert worden. In früheren Zeiten war das Bewußtsein der Juden, in der Galuth zu sein, und die Hoffnung, dereinst heimzukehren, der Hauptgrund für ihre gewollte Absonderung gewesen. Die Emanzipation resp. das Streben nach ihr dort, wo sie noch nicht restlos durchgeführt war, haben, wie schon ausgeführt, das Galuthbewußtsein der Juden zum Erlöschen gebracht: dies und nicht die kulturelle Assimilation ist vielleicht die fundamentalste Aenderung der jüdischen Psyche durch die Emanzipation. In den ersten Jahrzehnten des Kampfes der Zionisten um die Durchsetzung ihrer Ideen, den sie als kleines, schwaches Häuflein gegen eine erdrückende jüdische Majorität zu führen hatten, innerhalb welcher sich fast alle Mächtigen des Geistes und des Besitzes befanden, haben sie oft in sehr einseitiger Weise die „Assimilanten" angegriffen und ihnen u. a. „moralische Minderwertigkeit"! „Volksverrat" üsw. vorgeworfen, was den Kampf umso erbitterter gestaltete. Sie bedachten nicht, daß die Assimilation der Juden zwangsweise bedingt gewesen ist, daß sie vielleicht auch ein notwendiges Durchgangsstadium bedeutet. Die Mißverständnisse über die f rscheinungen der Assimilation, die schuld an dieser Haltung sind, bestehen vielfach noch heute und bedürfen deshalb einer Klärung. Besseres Verstehen der Assimilation Dreierlei Aspekte der Assimilation müssen unterschieden werden: 1. Die Assimilation als geschichtliche Tatsache. Diese ist für jede nationale oder kulturelle Minderheit, die zerstreut innerhalb einer andersnationalen Mehrheit wohnt, eine natürlich bedingte, zwangsläufige Tatsache, die sich jeder ethischen Bewertung entzieht. Ihr, der die Juden auch sehr viel Positives verdanken, kann in der Diaspora nur in sehr geringem Maße entgegengewirkt werden. 2. Die Assimilation im Spiegel des Bewußtseins. Die assimilierten Juden fühlen sich als Deutsche, Polen usw. mosaischer Konfession. Auch hier liegt «'« Phänomen vor, das, soweit es in der ehrlichen Ueberzeugnng der assimilatorischen Juden begründet ist, nicht zu einer moralischen Minderwertung berechtigt. Eine aggressive Bekämpfung dieser Gesinnung wird naturgemäß von ihren Trägern als ein ungerechtfertigter Angriff empfunden, führt daher zu trotziger Selbstbehauptung und heftiger Gegenwehr. Nur durch Erweckung und Stärkung der verblaßten jüdischen Inhalte, Werte und Zusammenhänge — ein weg, den der Zionismus eingeschlagen hat — kann diesen sie» assimiliert fühlenden Juden das Bewußtsein vermittelt werden, daß die tiefste Grundlage auch ihres Wesens das jüdische Erbteil ist 3. Die Assimilation als gewolltes Ziel, als Programm Die Assimilation unter diesem Aspekt und die auf }"T" Grundlage geführte Politik der Juden würde, wenn si? in vollem Ausmaß durchgesetzt werden könnte, zum völligen Aufgehen der Juden unter den Völkern führen. Die Zionisten müssen diesen Willen und diese Politik bekämpfen, weil sj« sie in doppeltem Sinne als abwegig ansehen: einerseits ist J' Ansicht, daß das völlige Aufgehen der Juden unter Völkern erreichbar sei, ein verhängnisvoller Irr tu»')