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Jüdische Rundschau · 1935-04-17 · Heft 31-32 (17.4.1935) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 31-32 (17.4.1935)
Date
1935-04-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
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•k?, >p - £ HPV '»f1!1! f 1 -TPSff? .MMI. II ¥ ■ Sef»e 2 feto 40 JAHRE /ÜDTSCHE R UNDSCHAU Nr. 31/32, 17. IV. 1935 im Volke und am Volke führte, die Idee der unmittelbaren Verwirklichung im persönlichen Leben, waren von tiefer Wirkung. Und wenn wir vom deutschen Zionismus sprechen, so gibt es auch hier Elemente, die uns durch deutschen Geist vermittelt wurden. Johann Gottlieb Fichte, der Redner an die deutsche Naiton hat auch für uns gesprochen; freilich nicht in dem Sinne, daß wir das Mysterium des deutschen Volkes, das er verkündete, nun für uns in Anspruch genommen hätten, sondern in dem Sinne, daß wir das Allgemeingültige dieser nationalen Konzeption auf uns übertrugen. Was „Charakter haben" heißt, wie menschliche Entschlossenheit zur aktiven Gestaltung des eigenen Schicksals gegen die Bequemlichkeit des Geschehen-Lassens und gegen das Begnügen im materiellen Wohlleben zu setzen ist, das haben wir bei pichte gelernt; wir haben es, als wir zum Judentum gefunden hatten, in Achad Haams Worten wiedergefunden und weiter, als wir unsere Geschichte, die uns fremd gewesen war, zu verstehen versuchten, in einer unübertrefflichen Weise in den großen Erzählungen unserer Vergangenheit, vor allem in dem Kampf des Führers A^oses gegen die Widerspenstigen, Kleinmütigen im eigenen Volke. Hugo Bergmann hat uns damals die Mosesgeschichte im Lichte der rigorosen Ethik des deutschen Idealismus gezeigt, und Lichtes Wort von der „Bestimmung des Menschen" hat mitgeholfen, unserem Nationalismus die ethische Note zu geben. Nicht „Selbstbestimmung" im Sinne einer schrankenlosen Willkür, sondern „Bestimmung-' zur Erfüllung einer Aufgabe, an ihr werden wir vor dem ewigen Richterstuhl gemessen werden. die das hat. Heute ist bereits eine zweite Generation da, bewußt und unbewußt vieles von dein Gut, das erste Geschlecht erwerben mußte, übernommen „Wehigaddeta lewincha" — „du sollst es sagen deinem Sohne". Dieses zentrale Wort unseres Sederabends hat die ewige Kette der Tradition im jüdischen Volke hergestellt. Wir sehen heute mit Freude und beinahe mit Staunen, wie sieb, der jüdische Gestaltswandel bereits in unserer Jugend verkörpert. Das neue Judentum ist auf dem Marsch. Es ist ein ganz anderes als das von vorgestern. Auch die Schicksale des Galuthlebcns wirken nicht verschüchternd und verärgernd, sondern als Material des Lebens, das zu gestalten wir da sind. Wer z. B. in diesen Tagen, die doch gewiß genug Sorgenvolles für die jüdische Gemeinschaft bringen, in eine Versammlung oder Beratung der chaluzischen Jugend kommt, wird tief beeindruckt sein von dem völligen Fehlen jeder Verbitterung, jeder Ungehaltenheit gegenüber der Außenwelt; frei von solchen Gefühlen denken und sprechen diese jungen Menschen von ihrem eigenen Dasein, das Wesentliche liegt für sie im jüdischen Bereich, im eigenen Pflichtenkreis. Wenn Mängel und Fehler, wenn menschliche Unzulänglichkeit, Selbstsucht und böse Triebe zu bekämpfen sind, dann im eigenen Volk, für das wir die Verantwortung tragen, für dessen „Bestimmung" zu leben wir da sind. Sind wir nun am Ende der vierzigjährigen Wüstenwanderung? Nicht mehr einen Haufen murrender und zweifelnder, alle Schuld auf außenstehende dritte Faktoren schiebender Menschen haben wir vor aus, sondern ein Geschlecht, das, alle Schwierigkeiten und auch alle seine eigenen Mängel kennend, die Last auf sich nimmt upd spricht: „W i r wollen doch hinaufziehe n". An einer der reizvollsten Stellen der Haggadah werden die vier psychologischen Typen charakterisiert, und zwar in einer Weise, die dem kindliehen Verständnis (man erzählt es ja dem Kinde) entspricht. Der Bösewicht i>t derjenige, der angesichts der Peßachfeier sagt: „Was soll euch dieser Dienst?"" Euch! Gehört er selbst denn nicht auch dazu? Daß er sich durch diese Form der Frage aus der Gemeinschaft ausgeschlossen H a u p t s ü n d e. hat recht: denn wäre nicht erlöst Ein Jubiläum der zionistischen Arbeit Von Dr. Siegfried Moses, Vorsitzender der Zionistischen Vereinigung für Deutschland Eine in stündigem geistigen Kampfe stehende, unabllüig ringende Bewegung schätzt den besinnlichen Rückblick auf die Vergangenheit, zu dem ein Jubiläum Anlaß gibt; aber nur, um aus den Geschehnissen und Erfahrungen der Vergangenheit zu lernen, Sie wirft bei solcher Gelegenheit auch einen Blick in die Zukunft, um die Zukunftsmögliehkeiten zu durchdenken und abzuschätzen. Ein Jubiläum ist uns Zionisten willkommener und deshalb festlicher Anlaß, von der Arbeit aufzusehen. Wir blicken rückwärts, schauen vorwärts und gehen wieder an die Arbeit Wann konnte solche Verhaltungsweisft mehr geboten sein als in diesem Zeitpunkt und bei diesem Jubiläum? Der Zionismus sieht jetzt, nach einer wechselvollen Periode umfassender gedanklicher und praktischer Arbeit, in einem Stadium der Bewährung und Entscheidung. Der Kampf um seine Geltung in (Irr jüdischen Welt, und der Kampf um den Aufbau des Jüdischen Nationalheims in Palästina ist auf einem Höhepunkte angelangt, und so erstaunlich uns selbst oft das Erreichte anmutet, so gering ist es, wenn man es an der Aufgabe mißt. Lud mit der Arbeit in Deutschland steht es nicht anders; wir deutschen Zionislen glauben gewiß nicht, daß wir uns gegenüber den Forderungen, die die Stunde an uns stellt, schon endgültig bewährt, daß wir die uns auferlegte Prüfung bereits bestanden hätten. So wie allenthalben und mehr als allenthalben lautet deshalb hier und heute unsere Parole: zionistische Arbeit. Freilieh gibt es vielleicht keinen besseren Gradmesser für das wirklich Erreichte, für Position und Standort des deutschen Zionismus als die jeweilige Aktionsriehtung und den wechselnden Aktionsradius der ,,Jüdischen Rundschau", deren vierzigjähriges Jubiläum wir jetzt feiern. In den Anfängen des deutschen Zionismus erschöpfte sieh die Funktion der „Jüdischen Rundschau" darin, daß sie einem kleinen Kreis von Menschen half, die zionistische Arbeit in Deutschland zu tragen und allmählich ins nichtzionistische deutsche Judentum hinauszutragen. Es kam dann die Periode, in der der deutsche Zionismus wesentlich auf die Richtung der zionistischen Arbeit in Palästina selbst einzuwirken bestrebt war, und die „Jüdische Rundschau" ernsteste Aufmerksamkeit fand als die Stimme einer zionistischen Gruppe, die von den Zionisten der Welt besonders ernst genommen wurde, weil sie den Zionismus besonders ernst nahm. Die letzten Jahre schließlich brachten zu der Wirkung in die Tiefe jene Wirkung in die Weite und Breite, die sich in einem gewaltig vergrößerten Leser- und Anhängerkreise der ,,Jüdischen Rundschau" dokumentierte: als der Zionismus Antwort gab auf Fragen, die dem deutschen Judentum und im deutschen Judentum gestellt wurden — Fragen, die unbeantwortet geblieben wären oder nur unzulängliche Antworten gefunden hätten, wenn es nicht die Zionistische Vereinigung für Deutschland und die „Jüdische Rundschau" gegeben hätte. Daß die ,,Jüdische Rundschau" diese Antworten nicht erst in dem Zeitpunkt fand, in dem die Fragen dringlich und hat, das, so sagt die Haggadah, ist die l'nd, SU wird fortgefahren, der Mann w.'ire e r in Aegypten gewesen, er worden. Die Weisheit dieser volkstümlichen Erzählung hat alles vorausgesehen. Viele Juden, ja, vielleicht die meisten Juden unseres Kulturkreises, hatten bei Anblick eines Seders gelächelt und gefragt: „was soll euch daiV" „Euch", nicht: „uns". Und indem sie sich ausschlössen und anderswo zu Hause zu sein meinten, verloren sie jede Gemeinschaft; und wurden schließlich auch von den anderen als Gespenst gesehen, als Mensch ohne Schatten. An diesem Sederabend aber haben wir wieder ein „Wir". Und die Frage nach dem Sinn dieser Nacht und dieses Festes bekommt aus vollem Herzen eine Antwort, wie noch nie. Und auch die früher gefragt haben wie der Bösewicht der Haggadah, sie mögen kommen und mitfeiern. Denn es ist eine Wandlung in ihnen vorgegangen, die Gemeinschaft ist wieder erstanden, wir wissen wieder, was innere Freiheit ist und wie wir um sie zu ringen haben. Der Prozeß der Erneuerung hat begonnen, er gibt uns ein Gefühl der inneren Würde und eine neue Haltung vor der Welt. Und so fühlen wir in dieser Zeit der Wende und des Umbruchs, daß sich auch an uns das Gesetz des Aufbaus und der Wiedergeburt, des Stirb und Werde, erfüllen wird; nicht um unsertwillen, sondern um des Namens willen, den wir durch die Geschichte zu tragen haben. Haupuchrifti. itcr: Dr. Robert W e 1 t s c h, Bcrlin-Charlottenburg 0. Stellvertreter und verantwortlich; Kurt Loewcnstein, Berlin WlS. Anwigcnlritenn um:) verantwortlich für den Inhalt der Anzeigen: Rut Poscncr, Berlin W 30, Gültig: AnzeigenprrUiste 2 v. 1. Jan. 1935. Vrr!r.j und Aw'ig-nvcrwaiirmg: Jüdische Rundschau. Berlin W 15, Mcinekfetr. 10. D.-A. hUn 33 944. — Druck: Siegfried Scliolem, BciUn-ödiuuebtrg, bedrohlich wurden, das ist vielleicht ein Umstand, auf den sie noch stolzer sein .darf als auf ihre äußeren Erfolge, Sie brauchte in den Zeilen, in denen das jüdische Leben sieh plötzlich aufs äußerste intensiviert hatte, nur in derder neuen Periode gemäßen Form tu künden, was sie — mit anderen Worten, aber in der Sache nicht anders — schon gesagt halte ■— in den langen Jahren, in denen sie gegen starke jüdische Widerstände dafür kämpfte, daß das jüdische Leben intensiviert werde und daß die jüdischen Seelen zu jüdischem Sein erwachen möchten. Dies festzustellen, ist sachlich wichtig; rnan mißversteht die „Jüdische Rundschau" und die deutschen Zionisten, wenn man ihren heutigen Analysen entnimmt, es Hess ihnen persönlich daran, aufzuzeigen, daß sie es „immer sehen gesagt" hätten. Nicht weil wir uns stolz in die Brust werfen wollen, sprechen wir davon, wie sehr sich in diesen Zeilen das Gedankengut des Zionismus und die zionistische Antwort auf die Juden frage bewährt haben; sondern deshalb, weil die so erwiesene Gradlinigkeit und Folgerichtigkeit' der zioiiiMi. sehen Gedankengänge die Gewähr dafür bietet, daß hier, und nur hier Auswege aus einer Lage gegeben sein können, die so oft ausweglos scheinen will. Aus solrher Erkenntnis schöpfen wir die Gewißheit, daß der Zionismus der jüdischen Arl»eit in Deutschland mehr und mehr sein Gepräge geben wird und daß unser Ringen um die Seelen der deutschen Juden Erfolg haben wird. Voraussclzun« dafür ist, daß die Wurzeln unserer Kraft nicht verdorren: wir haben die sichere Hoffnung, daß zugleich unsere Verbundenheit mit dem Aufbau von Erez Israel und mit der Zio nislisehen Organisation immer stärker werden und sich immer sinnfälliger manifestieren wird. Auf beiden großen Lebens¬ und Tätigkeitsgebieten war und ist ein Erfolg nur möglich dadurch, daß die „Jüdische Rundschau" unablässig im Gleithklang und Einklang mit der zionistischen Bewegung in Deutschland wirkt — nicht in dumpfer Abhängigkeit von der Organisation wie ein „Parieiblatt" und nicht in hochniütiüer Ueberheblichkeit wie ein Außenseiter, der von einem Logenplatz aus den Kriegsschauplatz betrachtet; sondern die ßewe gung begleitend zugleich als Dienerin und als Führeriii,,, ihr folgend und doch vorangehend. — Es gibt Fälle, in denen es sachliches Gebot ist, nicht ganz im Sachlichen zu verweilen, sondern eine sachliche Bemerkung über Persönliches anzufügen. Die Redaktion der „Jüdischen Rundschau" ist so unabhängig von der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, daß dir Chefredakteur nicht verhindert werden konnte, aus den in diesen Blättern veröffentlichten Jubiläumsglückwünschen all das Viele auszumerzen, was in bewundernden, herzlichen und warmen Worten ein persönliches Lob für ihn selbst zum Ausdruck brachte. Uns wird er aber hoffentlich doch gestatten, wenigstens Eines auszusprechen: daß die deutschen Zionisten und darüber hinaus weite Teile der deutschen Judenheit sich bewußt sind, im welchem Aus- 'Wiaß'e die 'tri der'Geschichte des Zi'onTsm'ük und des deui- sehen Judentums unvergängliche Leistung der „Jüdischen Kundschau" das persönliche Werk von Robert Welhch ist. Aus alten Peßach-Artikeln 1909 („J. R.", 2. April 1909) .... Ob unsere Zeitgenossen den verachteten Wüstenwanderern ebenbürtig sind? Ich glaube es nicht. Wenn heute Moses und Ahron ihre Wunder verdoppelten, die meisten würden in Aegypten bleiben; vielleicht würden die Söhne Amrarns von ihren Stammesgenossen verraten und als lästige Ausländer über die Grenze geschafft. — Zum Tröste der Philister sei es gesagt: Unsere Vorfahren sind in der Tat nicht besser gewesen. Eine merkwürdige l'eberlieferung, die der geschichtlichen Wahrheit nicht ganz entbehren mag, klingt durch die Rlätter des Midrasch: die meisten Hebräer hätten sich Moses widersetzt, als die Erlösungsstunde schlug, und nur ein kleiner Teil wäre dem Rufe des Führers gefolgt. Das Wort „chamuschim" bedeute „je einer von finden". Der fünfte Teil nur des israelitischen Volkes war zum Auszug bereit, vier Fünftel waren — Philister. Diese Tatsache mag uns wie unseren Gegnern zum Tröste gereichen. (Aus: Emil Levy, „Der Auszug") 1918 („J. R.", 27. Marz 1918) .... Ein Trost nur ist bei all dem Leid, das unserem palästinensischen Brüdern im letzten Jahre widerfuhr, geblieben: daß diese „Verbannung" im Lande der Erlösung vielleicht die letzte gewesen ist. Wenn Zeichen nicht trügen, so war es die letzte. Am politischen Horizonte der Völker, die über das Schicksal des Landes bei Beendigung dieses Krieges zu bestimmen haben, leuchtet die Morgenröte einer neuen grotien Erkenntnis, die allen gemeinsam ist: daß Palästina nur durch jüdische Kraft, durch jüdischer Hände Arbeit zu jener Entfaltung gebracht werden kann, die ihnen allen ein ersehntes Ziel erscheint. Diese neue tiefe Erkenntnis ist es, die heute allen Mächten, denen die Zukunft Palästinas nahe geht, gemeinsam ist. Sic ist uns eine Bürgschaft, daß hinfort die zionistischen Bestrebungen das richtige Verständnis und die nötige Förderung von Seiten aller Großmächte erfahren wird, die die Entwicklung des palästinensischen Bodens als eine wichtige Aufgabe der Kulturmenschheit betrachtet.... .... Eine neue bessere, unsere Welt gilt es zu bauen! Laßt uns, o Freunde, in diesem Jahre das traute Buch der Haggadah mit neuen Sinnen erleben, den Sinnen, der das Gelöbnis erfüllenden: heute — hier in Knechtschaft gefesselt, morgen — im Lande Israels freie Männer! (Aus: M. M., „Zum Freiheitsfest") 1925 (,J. R.", 8. April 1925) Die nationale Bewegung hat den jüdischen Festen ihren ursprunglichen Sinn wiedergegeben. Ohne biegen und deuten zu müssen, verstehen wir heute wieder, was das heißt: Aus Knechtschaft in die Freiheit ziehen. Golus und Erez Israel siml mos aicht mehr Symbole, sondern lebendige Vorstellungen. Unsere Feste sind uns viel näher gekommen. Das AX'ori T'chijah, Auferstehung, Wiedergeburt, hat seit etwa vierzig Jahren wieder eine ganz aktuelle Bedeutung; und begreiflicherweise vergleicht man die „Wiedergeburt" mit der ersten Geburt des Volkes, dem Auszug aus Aegypten. Aber nicht nur der natürliche, nicht nur der historische Sinn des Festes i.-t uns heute verständlicher und näher, auch sein geistiger (Jehalt, aus der Sphäre des Abstrakten in die Sphäre der Wirklichkeit des Lebens heruntergeholt, spricht unmittelbar zu uns. In Erzählungen vom Auszug aus Aegypten sind die tiefsten politischen, psychologischen, menschlichen Erkenntnisse enthalten. Wir lobsingen am Peßaehfest dem, der „uns herausgeführt hat aus der Knechtschaft zur Freiheit". Aber damals dachten unsere Väter anders. Sie lobten nicht, sie fluchten dem. der sie aus der Ruhe ihres geordneten Sklavenlebens in das Neue und Unbekannte riß. Die Freiheit war ihnen ein willkommenes Geschenk nur, solange sie nichts anderes war ah die Flucht vor der Bedrängnis und physischem Uebel. Sie wartii „national" nur aus negativen Gründen. Ihr Nationalismus war ein Kind des Antisemitismus, nicht mehr. Darum hat der Auszug aus Aegypten die Kinder Israels noch nicht im Volke gemacht; sie waren nur eine Schar entlaufener Knechte, immer widerstrebend, kleinmütig und undiszipliniert. Erst durch das große geistige Ereignis sind sie ein Volk geworden. Erst dann fiel die Last der Freiheit wahrhaft auf sie, als sie als Volk ein Ziel, einen Gott hatten. Freiheit bedeutet die Verantwortung für die eigene Entscheidung. Alle unsere religiösen Feste igelten im Grunde diesem einen Gedanken. Denn die Freiheit kann nicht nur als ein nationales Phänomen begriffen werden; sie ist ein menschliches Phänomen. Das Bewußtsein der Freiheit in jeder Menschenbrust ist die Grundlage aller jüdischen Religiosität. Peßach ist das erste frühlinghafte Bewußtwerden der Freiheit, Schawuoth ist die Konfrontation der sittlichen Forderung des aus dem Gewittersturm ertönenden „Du sollst". I iul so geht es fort bis zu dem herbstlichen Tage, da über den Mißbrauch der Freiheit Rückschau gehalten wird und die Forderung der größten Spannung, der größten Freiheit- Tat an den Menschen herantritt: der Umkehr. Dieses Ocset! durchzieht das jüdische Jahr. Wir sollen es nicht verkleinern, wir sollen es nicht verflachen, indem wir dem Auszug aus Aegypten ein modernes politisches Gewand anziehen und un« an dieser politischen Parallele genug sein lassen. Wohl hat die nationale Bewegung des Zionismus d»| Judentum säkularisiert; wohl sind wir uns der natürlich«!, c'n" fachen Zusammenhänge, der natürlichen Bedürfnisse desvoi >• lebens, bewußt geworden. Aber dadurch haben wir die gr» »• geistige Tradition vor Jahrtausenden nicht preisgegeben, dem erneuert, aus der Erstarrung ihrer Abstraktheit erio>- In einem viel höheren Maße als es in einer anderen Oeneratt der Fall gewesen sein kann, empfinden wir die Feste ihren geistigen Sinn als Stücke unseres Lebens, aber aucrVä|, ewige Mahnung, als den Imperativ des Geistes für die ucs tung unseres eigenen Lebens. (RW, „Festtags-RuiiustW . ...,rigMiMMi| A

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