Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 31-32 (17.4.1935)
- Date
- 1935-04-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Kr, 31/^/ Jahrgang40 JUDISCHE RÜNP f*i *A Preis 40 Rpf. 4U fArlftUltni.Variüt m. AnMlf anv«rwaltaB| i Bentla WH, ■•lnakwtr.1* f «nrof: S.mm.l-Nr. J1 Biimerck 3181/82,7165/70,7240/41 - Bftucepreia je Mob« UM 2,-. i* Vierteljehr RM 5,75- - Poetecheek-Konte« der Vortrieb*. Ableilone Berlin 71573 (to Gro«-Berlin), Berlin 17392 (lür d— Bbfite Reich). Aiulend». bcxn, ia jeweiliger UndMwihnint. - EmA.tat DI«»eU» u* fralUf. BERLIN rvmn id*o T"> MITTWOCH, 17. APRIL 1935 per Zionismus erstrebt für das jüdisch« Volk die Schaffung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten Helmstitte In <i 10 Rp^ Schalter < Freite* 9-1 die Freini Aoejebe" '©j *r* © **l '.leHente*. T/eiilunK eee ft 9 -18 Uhr. 10 Uhr, Kit f%ntef 10 Uhr} Programm) Unser »Stirb und Werde" Vierzig1 Jahre Wenn der Winter hinter uns liegt und die Natur sich zu neuem Leben regt, feiern wir Juden das Fest der Auferstehung unseres Volkes. Seit Jahrtausenden wird an diesem Tag über den Auszug aus Aegypten gesprochen, und jeder, so heißt es, ist verpflichtet, es so zu betrachten, als ob er selbst aus Aegypten gezogen wäre. Niemand darf die Freiheit als ein gleichgültig gewordenes Out, als Sache der Gewohnheit betrachten; selbst nach Jahrtausenden noch muß jeder sich bewußt sein, daß diese Freiheit einst erworben, schwer erkämpft werden mußte, und so soll es weitergesagt werden von Mund zu Mund, damit keiner es vergißt, damit es immer lebendig bleibt, damit keiner sich sicher fühle und nicht daran denke, daß Freiheit licht da ist, wo sie nicht stets von neuem erobert wird. Der Mensch, der nichts kennt als das Gefühl der Sicherheit, der sich ohne innere Zucht gehen läßt, seinem äußeren Wohlbehagen dient, ist in Wahrheit gar kein Freier mehr. Er ist in unsichtbarer Weise wieder Sklave geworden. Ihn rüttelt das Peßachfcst auf. Im Zeitalter der Emanzipation haben viele Juden ihre Feste nicht mehr gefeiert, auch nicht das Peßachfcst. Aber auch, wo man es feierte, hielt man es im wesentlichen für eine Summe religiöser Zeremonien. Erst als der innere Blick sich wieder dem jüdischen Schicksal zuwandte, als wir ergriffen und erschüttert die Zusammenhänge wieder erfaßten, machten wir die Entdeckung, daß die Feste so aktuell und lebendig sind wie der immer wiederkehrende Prozeß der Auferstehung der Natur im Frühling, über den wir zu Peßach die herrliche Schilderung des „Hohen Liedes" lesen. Die Worte der Haggadah sind nicht symbolisch, sondern buchstäblich gemeint: nicht um unsere Vorväter in grauer Urzeit, sondern um uns selbst, die wir hier sitzen, handelt es sich. An uns richtet sich die Mahnung, unser eigenes Leben zu überprüfen. Frei sind wir, wenn wir innerlich uns frei fühlen. Wir Juden von heute haben ein neues Weltgefühl. Eine neue Art, jüdisch zu denken und zu fühlen, hat uns frei gemacht; wir empfinden das Jude- Sein nicht als Makel oder Last, sondern als Glück und als hohe Bestimmung. Und so sind wir bereit für Peßach. Dieses Fest ist uns ein wunderbarer Zusammenhang kosmischen Erwachens, nationaler Befreiung und menschlicher Läuterung. Freiheit und Knechtschaft sind nicht Zustände, die ein für allemal einander ablösen, sondern sie sind ewigem Wechsel unterworfen wie die Jahreszeiten. Die Geschichte vom Auszug aus Aegypten begleitet unser Volk wie ein unendlicher Trost. In den finstersten Gassen des Ghetto, in Armut, Elend und Erniedrigung träumte das Volk von Befreiung und Ernsting, und das große Wunder, das am Anfang unserer Geschichte steht, konnte immer wieder möglich sein. Freilich, wenn die Hilfe sich ankündigt, traut man ihr •»cht, und vor allem will man selbst kein Opfer für Ungewisses bringen. Aber auch zur Zeit des Moses war die Masse des Volkes von größter Skepsis erfüllt. In jeder Bewegung, in jedem schöpferischen Bemühen um 'hvas Neues sind diese Erscheinungen des Unglaubens selbstverständliche Begleitung. Der Weg ins Unbekannte ll"el Ungewisse erzeugt ein Grauen. Das Geschlecht ^r Knechtschaft mußte in der Wüste sterben, und |in neues, gläubiges und tatbereites Geschlecht erst tonnte die Freiheit verwirklichen. Vierzig Jahre Wüsten- Vanderung — Wandel der Generation! Auch dies ein ('w\res Symbol unserer Geschichte, und vielleicht der P'izcn Menschheit. Denn alles, was mit uns geschah, die Geschichte des Peßachwunders enthält, ist gar nicht mir auf uns beschränkt, sondern hat a 11 g c m e i n e iciiitng. An dem Beispiel unserer nationalen Geschichte ekuudet sich ein ewiges Gesetz, das Gesetz des Stirb j|M Werde, jenes wunderbare Walten, das in jedem ru''jahr die Auferstehung der Natur bewirkt und immer *IC(ler neue Generationen vor neue Aufgaben stellt An diesem Abend, wo nach der Tradition die Gegenüberstellung von Vätern und Söhnen in der charakteristischen Form des Fragens und Antwortens vor sich geht, werden wir uns bewußt, welche Last auf der neuen Generation ruht. Und wir haben, wenn wir die letzten 40 Jahre überdenken, die Gewißheit: Unsere Kinder werden leben, das jüdische Volk wird leben! Das jüdische Volk steht im Galuth stets in einer Prüfung, aber die letzten zwei Jahre haben für uns deutsche Juden in besonderem Maße eine Prüfung bedeutet. Um uns und mit uns ist etwas geschehen, was unsere innere Statthaftigkeit auf die schwerste Probe stellte. Zwar gab es immer einen Antisemitismus, der als ein Phänomen der „Rand-Spannung" im Zusammenleben einer Mehrheit und einer Minderheit erklärt wurde. Aber dies wurde nur in kleinen Ausschnitten des Lebens wirklich fühlbar. Heute ist die ganze Umwelt von der Ablehnung des Juden und des Jüdischen erfüllt. Das deutsche Volk, mit dem wir zusammenlebten, organisiert sein öffentliches Leben auf der antijüdischen Weltanschauung; die Ausstoßung des Jüdischen wird im Bewußtsein unserer miMM^ PESSACH Ziemt uns noch Frohsein und ein Fest zu feiern? Heim kehrt sich uns zur Fremde, Haus zum Zell ■ . . Wir — Schiff im Sturm, wer weife, ob e» zerschell»? Wir - Blatt im Wind, wer weife, wohin es fclll? Gewölk umdroht uns, finster, kalt und bleiern. Dennoch: was sich in dieser Nachl begeben, lebt hell in unserm Blul mit Urgewalt, viertausend fahre machen es nicht alt . . , Blitz ward zur Flamme, Flamme zur Gestalt — ein Mann stand auf, der lehrte uns zu leben. Nicht seinem Namen ist der Tag verschrieben, weil er uns einen grö&ern eingeprägt, der Ober allem waltet, was sich regt. — — Seit er das WORT in unsre Hand gelegt, sind wir ein Volk geworden und geblieben, Volk aus dem Wort, das sich zum Buch entfalte', der NAME über Volk und Buch und Werl als Glanz gebreitet, leuchtend fori und fort, unlöschllch, heut wie damals, hier wie dort — Volk, über dem sein Gott als König wal'et . . . Volk, das sehr oft den König preisgegeben, ihm heute folgte, morgen ihm en'glitt, heut ihn verriet und morgen fQr ihn stritt, dann ganz SEIN Volk, wenn es om ilefsten litt und alles tOr ihn gab, Besitz und Leben. — Die Nadit ist dies vom Anbeginn zu saßen, der Ruf und Aufbruch und Bctreiung war — die Stunde Gottes, die aus einer Sdiar ein Volk schuf, störrisch, zwieg espalten zwar, dodi hat's den NAMEN durch die Welt gelragen. Der NAME, zu entrückt, dafe man ihn nenne, nie gleich, beschwörbar nie, doch immer da: dann wunderbar vertraut und tröstend nah. wenn ER uns schlug, wenn uns ein Leid geschah, — doch, ging's uns wohl, — als ob ihn keiner kenne. Bald Sturz, bald Steigen — Wachsen und Zerrinnen, Empörung, Darbnls, Kriegsnot, Zwietracht, Mord — : so sah der Mörtel aus, — der Bau wuchs fort, der Acker so, — die Saat Ist nicht verdorrt. So lernten wir: Verlieren helfet gewinnen. Manchmal war Brüllen um uns. manchmal Sülle . . . Und wenn's uns traf wie Wetter, Hieb um Hieb, Tod einbrach Ober Tod — ein Rest verblieb, der trug durch alle Drangsal, Not und Pein das Wissen weiter: Dennoch — wir sind Sein... ER wirkt . . . doch unerforschlich ist Sein Wille. Leopold Marx Das Cmdidit ist sunt Verlesen im Kähmen der Sederhandlung gedadxi. llllllillllllrmilllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllHIH Umwelt nicht nur zu einer gesellschaftlichen und staatspolitischen, sondern häufig auch zu einer moralischen Kategorie. Den Juden wird nur das Schlimmste zugetraut, in Zeitungen und Zeitschriften wird vor den Juden gewarnt. Dies ist eine Erscheinung, die uns auf das tiefste erregen muß. Aber wir müssen uns hüten, anzuklagen oder überlegen zu tun. Wir hören und lesen häufig Worte wie „jüdische Gaunereien" usw. und fragen uns, wie es in Wahrheit darum steht. Und wenn wir zu dem Ergebnis kommen, daß wir keine Gaunereien begangen haben, oder nicht mehr als andere Atcnschen, dann ist das wahrhaftig noch kein Grund, mit sich selbst zufrieden zu sein. Die grolle Gefahr unserer jetzigen Lage besteht darin, daß wir unsere eigene Sache unter dem Gesichtswinkel der gegen uns erhobenen Vorwürfe betrachten und schon zufrieden sind, wenn wir erkennen, daß diese unberechtigt sind. Das ist aber auch eine unwürdige Abhängigkeit von den anderen. Worin wir gefehlt haben und was wir versäumt haben, sollen wir nach unseren eigenen Maßstäben ermessen, und dabei sollen wir streng gegen uns selbst sein. Denn es ist zu leicht und zu verlockend, sich über andere zu erheben, statt bei sich selbst Ordnung zu machen. Die Apologetik der letzten Jahrzehnte hatte vor allem das Uebel, daß durch sie der freie Blick auf uns selbst getrübt wurde. Die Apologetik hat die anderen nicht überzeugt, uns selbst aber blauen Dunst vorgemacht. Das Argument ersetzte uns das wirkliche Leben. Wahrscheinlich mußte es so sein. Die Geschieht* hat ihren Sinn. Aber wenn die bessere Erkenntnis gekommen ist, dann darf man nicht aus seelischer Trägheit in der alten „Lebenslüge" verharren. Wir unterscheiden uns heute von der Haltung unserer Väter, aber wir beschuldigen sie nicht und verurteilen sie nicht, denn wir verstehen, daß sie Produkte ihrer Zeit waren. Wir fühlen uns ihnen so nah und verbunden wie nur je Väter und Söhne; sie haben zwar versäumt, den Sinn des Auszugs aus Aegypten zu realisieren, aber die Hotschaft mußten sie uns doch weitergeben. Das empirische Judentum, das wir vorfinden, ist eine Verzerrung des wahren Judentums, das uns vorschwebt. Darum ist unser Lebenswille nicht „Selbsterhaltungstrieb", wie mau es banal nannte, sondern Wille zur Lrneuerung. Wir wollen gar keine Erhaltung, wir wollen gar nicht das Bestehende, sondern wir wollen Aenderung, ein neues, ein anderes jüdisches Leben. Stirb und Werde! Das Alte mag fallen, ein Neues ersteht. Das neue Judentum, für das wir sprechen und das erst jetzt allmählich auch vor der Welt seine Gestalt zu gewinnen beginnt, wäre — das wissen wir wohl —■ nicht möglich ohne die Einwirkung bedeutender Geister anderer Völker, ohne unsere Berührung mit dem europäischen (ieist. Auch für die Worte und Werte der großen Juden wären wir vielleicht nicht aufnahmefähig gewesen ohne das, was wir außerhalb gelernt haben. Theodor Herzl, der, durch die Schule Europas durchgegangen, im tiefsten seiner noblen Seele verletzt war, dessen ritterliches Ehrgefühl und Menschenwürde ihn zwang, sich von der unhaltbar gewordenen Lage der Juden abzuwenden, war der erste Jude der „neuen Haltung". Achad Haam lehrte uns das Ethos der Verantwortung für das ganze Volk und die tiefe Verknüpfung mit den jüdischen Kulturgütern. Die Problematik unseres Seins wurde uns aufgehellt durch Martin Bubcr, der die persönliche Judenfrage stellte und die ewige religiöse Sehnsucht des Juden als Hauptelement unseres Suchens erkannte. Die menschlichen Werte, ohne die jüdisches Volkstum wesenlos ist, gaben uns A. D. Gordon, Bialik u. a. Und der Name Kurt Blumenfelds darf nicht fehlen, der durch seine mit modernen Erkenntnissen und modernen Methoden durchgeführte Analyse der jüdischen Situation die Notwendigkeit einer radikalen Entscheidung für den Zionismus zeigte. Aber wir werden niemals verkennen, was wir den Besten anderer Völker verdanken. Schon in der Entwicklung der Zionsliebe, jener innigen ersten Regung, der nationalen Seele im ehemaligen Rußland, sind Einwirkungen russischen Geistes nicht zu verkennen; die gewaltige russische Literatur und das sittliche Pathos von Dostojewsky und Tolstoi haben diese Menschen mitgeformt, die Bewegung des russischen „Volks-Sozialismus", der die Intellektuellen zur persönlichen Arbeit