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Jüdische Rundschau · 1935-04-05 · Heft 28 (5.4.1935) · page 12

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 28 (5.4.1935)
Date
1935-04-05
Page
– (sequence 12)
Language
German
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früher geäußert haben, darunter Lifschütz. Homburger, Hachenburg, Friedländer, Netter, Wilmersdörffer. Zahn beschränkt sich darauf (a. a. O. S. 28), eine Aeußerung von Hachenburg (Deutsche Juristenzeitung 1928 S, 1375) anzuführen. Die vorstehende Darstellung, die sich selbstverständlich auf die Hervorhebung des wesentlichsten Gesichtspunktes beschränken mußte — die, freilich erhebliche, fachwissenschaftliche Bedeutung der Frage fällt nicht in den Rahmen dieses Aufsatzes — zeigt jedenfalls daß die Ablehnung individualistischer und Betonung sozialer Auffassung in der behandelten Frage nicht erst neuerdings eingetreten ist. Die jetzt im Schrifttum und auch in der Rechtsprechung anscheinend sich durchsetzende Ansicht deckt sich mit dem Ergebnis der wissenschaftlichen Arbeit früherer, nichtarischer Autoren. Löst man diesen im vorstehenden dargestellten und belegten Tatbestand aus dem fachwissenschaftlichen Zusammenhang, so wird er zu einem doch wohl nicht ganz unbeachtlichen Beitrag zur Frage der Arfgebundenheit der Jurisprudenz. Besonderes Interesse bietet die getroffene Feststellung, wenn man ihr Aeußerungen des zeitgenössischen juristischen Schrifttums gegenüberstellt, die unter Hinweis auf die Artgebundenheit der juristischen Erkenntnis den jüdischen Rechtsanwalt aus dem Rechtsleben ausschalten wollen. Die Altersgliederung der jüdischen Bevölkerung lieber die Altersgliederung der jüdischen Bevölkerung in Deutschland nach den Ergebnissen der Volkszählung von 1933 Hegt bisher nur aus Haniburg eine Veröffentlichung vor. Die Statistische Abteilung der Reichsvertretung der deutschen Juden hat diese vom 'Hamburger Statistischen Landesamt mitgeteilten Ziffern mit den entsprechenden Zahlen der Volkszählung von 1925 gegenübergestellt und folgendes errechnet: Die Veränderungen des Anteils der Jahrgänsje von 20 bis 40 und von 40 bis 6t) Jahren an der gesamten wie an der jüdischen Bevölkerung von Hamburg waren relativ unerheblich. Im Jahre 1025 war die Altersgruppe der über 60jährigen Juden noch rund 10 <>o schwächer als die der Juden bis zu 20 Jahren. Im Jahre 1933 waren beide Gruppen bereits gleich stark vertreten. Nahezu i'5, 18,14 v. IL, der Hamburger Juden war 1933 über <s0 Jahre. Bei der Hamburger Gesamthevölkerung betrug 1925 die Zahl der Jugendlichen bis 2t) |ahre das Dreifache der Altersklasse über OÜ Jahren. Sie war" l'H3 auch noch über das Doppelte so groß. Dagegen betrug 1933 die Zahl der über 60 Jahre alten Personen in der Hamburger Gesamtbevölkerung nur 11,56 v. H. Dieses Resultat ist deshalb bedeutungsvoll, weil die Hamburger Zahlen als in starkem Maße charakteristisch für die jüdische Bevölkerung des ganzen Reiches angesehen werden können, wobei noch zu berücksichtigen ist, daß das Bild der Altersgliederung der jüdischen Bevölkerung durch die stete Abwanderung junger Jahrgänge entsprechend verändert wird. Neuaufnahmen in die höheren Schulen Ein soeben erschienener für Preußen geltender Erlaß bestimmt, daß an den höheren jüdischen Lehranstalten für das kommende neue Schuljahr allgemein wieder Neuaufnahmen nach Sexta stattfinden können. Die Aufnahmezahlen werden auf die Prozentzahlen der öffentlichen Lehranstalten in der Weise angerechnet, daß bis zu e i n Prozent aller Neuaufnahmen am Schulort in die jüdischen Schulen eingeschult werden können, während jede einzelne allgemeine Schule den Prozentsatz der aufzunehmenden jüdischen Schüler entsprechend bis zu 0,5 o<> herabsetzen kann. Die Kinder von Frontkämpfern und Ausländern können außerhalb dieser Zahlen in beliebiger Anzahl aufgenommen werden. Keine jüdische höhere Schule darf eine größere Anzahl von Schillern haben als am 1. April 1934. Aufnahmen in andere Klassen als Sexta sind unzulässig. Der Uebergang von den nichtjüdischen mittleren und höheren in die jüdischen Schulen in den höheren Klassen als Sexta ist mit Genehmigung des UnterrichUministeriums gestartet Für die nicht jüdischen höheren Schulen an Orten, wo keine jüdischen Schulen sich hefinden, gilt die durch Gesetz im Jahre 1933 eingeführte Beschränkung von 1,5 »* unverändert weiter. Der Stierkampf zu Ehren Maimonides Die Maimonides-Feicrn in Cordoba sind zu Ende. Ein Satz am Schluß des Berichtes läßt uns aufhorchen: „Als Schlußpunkt des Festprogramms wurde am Sonntag, dem 31. März, ein dem Andenken Maimonides gewidmeter Stierkampf veranstaltet." Diese Bemerkung wirkt ernüchternd. Manche Juden harten sich von den Feierlichkeiten m Spanien zu viel versprochen. Es ist begreiflich: Uns Juden werden heute nicht viele öffentliche Anerkennungen zuteil, und daher sind wir dankbar, wenn jemand uns Freundlichkeiten sagt. Die Tatsache, daß die heutige spanische Regierung den Anlaß wahrnahm, um veii dem vor vier Jahrhunderten begangenen Unrecht «ser Judenvertreibung abzurücken, verführte viele dazu, die Feiern in Spanien als sensationell zu empfinden. Aber es ist gut, daß wir uns nichts vortäuschen. Was sollten wir erwarten? Ein Bekenntnis zu Maimonides? Ein spanisches Volksfest? Soweit sich eine moderne republikanische Regierung zu einem vor acht Jahrhunderten geborenen, in ihrem Lande geborenen, ihr aber weder völkisch noch weltanschaulich noch religiös entsprechenden Denker „bekennen" kann, ist es in jener Proklamation geschehen. Ja, die offiziellen Stellen sind viel weiter gegangen. Die Cordobaner Rede, daß man den Maiinonides-Tag als Tag der Wiedergutmachung alten spanischen Unrechts an den Juden betrachte, ist eine Geste von Bedeutung. Was wir, wir Juden in aller Welt, vom Maimonides-Jubiläum erwarten, das können nur w i r uns verschaffen, und überall sind die jüdischen kulturellen Institutionen und Persönlichkeiten darum bemüht; die in diesen Tagen gehaltenen Maimonides-Vorträge und erscheinenden Aufsätze und Bücher sind Legion. In ihnen allen wird gesagt, bekannt, erklärt, was Maimonides uns ist. Wir freuen uns wahrhaftig jeder Anerkennung jüdischer Werte durch Nichtjuden und können sie manchmal wirklich gut gebrauchen, aber übertreiben wir nicht das Gemeinsame, wo es nicht ist. Cordoba hat seinen großen Sohn geehrt. Die Spanier taten es auf ihre Weise. Sie wollten sicherlich dem Fremden etwas besonders Eigenartiges bieten, einen echten spanischen Volkshrauch: einen Stierkampf. Wir sagen nichts dagegen, so fremd es uns auch berührt. Wir sehen darin einen Spiegel des P a r a d o x es unseres Galuthlebens. Auch wo man uns freundlich begegnet, ist man uns innerlich fern. Auf einer Arbeitstagung des Kreises Niederberg der NSDAP sprach vor der nationalsozialistischen Führerschaft Gauleiter Florian. In seiner Ansprache wandte er sich, wie die „Rheinische Landeszeitung Volksparole" in Düsseldorf meldet, sthai f gegen den Geist des Judentums, der auch heute noch in Erscheinung trete und nur auf den Zeitpunkt warte, sich wieder dreister zu gebärden. „Aus der Erkenntnis, daß unser Volk ewig antisemitisch sein muß, spricht nicht der Haß gegen die Juden, sondern die unendliche Liebe zum deutschen Volk." Juden und Jüdisches im Rundfunk Soinabend, 6. AyrDs Budapest (549), 13: ü. a. Hatevy. — Wien $07), 16.45: Dr.- WVrthrrnrr: Blick auf ltomtftntinopcl. — Prag (470). 17.20: U. a. Meyerbccr. — Luxemburg (1304), 18.45: U. a. Krcislcr. — London Reg. (342), 20.30: U. a. Moszlcowski. — Budapest (345), 21.10: U. a. Mryerbeer. — Tlilversuin (301). 21.10: V. a. Goldmark. — London Reg. (342), 21: U. a. Mendelssohn. — StraCburg (340). 21.30: Bloch. — Kaiundborg (1261), 22.15: Fall, Kaiman, Abraham. Sonntag, 7. April: Poste Parisien (313), 19.25: Schallplatten, n. a. Horowitz. — Sottens (443), 20.30: Ruth, symph. Gedieht von Cäsar Franck. Montag, 8. April: Paris PTT. (432), 15: Chansons, u. a. Kurt Weil!. — Luxemburg (1304), 14.35: Schallplatten, u. a. Jehudi Menuhin.— Kopenhagen (1281), 17.45: Schallplatten, u. a. Jascha Heifctz, Arthur Rubinstein. Dienstag, 9. April: Paris (1648), 9: Schallplatten, o. a. Meyerbeer.— Montpellier (224), 17: Schallplatten, u. a. Offenbach. — London Rejj. (342), 22: Joseph Schwan (Klavier) und Boris Schwan (Violine) .spielen Bach und Strauß. Letzte Sport-Nachrichten Die Wettkämpfe in Tel-Awiw Die ersten Vorkämpfe auf der Makkabiah sind in vollem Gange. Brennende Sonne liegt über dem Kampffeld. Hindernislaufen, Hammerwerfen, Turnen, rhythmische Gym« nastik und andere Uebungen gehen zum Teil gleichzeitig vor sich./ Auch die Tennis-, Fußball- und Handball-Kamp^ haben begonnen. Erste Ergebnisse in Vorkonkurrenzen: Im Fe cht ein Sieg Aegyptens über Palästina und Jugoslawien. Boxen; Sieg Afrikas in den ersten 3 Runden. Im Ping-Ponggei wann die ersten drei Runden Lettland gegen Teilnehmet aus Deutschland und Oesterreich. Im Tennis schlug Südafrika Rumänien, England und Griechenland. Polen gewann den 60-m-Laut für Damen und erzielte den ersten Platz im Weifsprung. Den zweiten Platz belegte Amerika. In der Vorkonkurrenz im 100-m-Lauf für Damen blie, ben die Damen aus Deutschland siegreich. Im Handball wurde Syrien von Palästina geschlagen Der Ertrunkene ist ein Angehöriger der französisehen Makkabiah-Mannschaft namens Jacowitz. Auch ein Araber ist bei den Rettungsversuchen ertrunken. Der Prinz von Wales und die Zertifikate-Not. Während der Anwesenheit des Prinzen von Wales in Wien erhielt er mehrere Briefe von jüdischen Hand wer. kern, die an ihn die Bitte richteten, ihnen die Einreise nach Palästina zu ermöglichen. Der Prinz übergab diese Briefe der Paßstelle der englischen Gesandtschaft mit der Bitte, die einzelnen Fälle zu untersuchen und womöglich positiv zu erledigen. Da nun die Recherchen ergeben haben, daß es sich tatsächlich um ausgezeichnet qualifizierte jüdische Professionisten handelt, die allen Anforderungen der Palastina - Immigration entsprechen, aber wegen der geringen Zertifikateanzahl, die Wien zugeteilt wird, keine Aussicht haben, in absehbarer Zeit an die Reihe zu kommen, hat die Paßstelle der englischen Gesandtschaft an die Palästina- Regierung das Ersuchen gerichtet, für diese besonder Fälle Spezialzertifikate zu bewilligen. Jüdisches Kunsthandwerk. Aus London wird uns berichtet: Im Jahre 1931 wurde in der Zeitschrift „Deutsche Kunst und Dekoration" der große Bibelleuchter des Bildhauers Benno Elkan veröffentlicht. Als Abwandlung dieses Kunstwerkes hat der Künstler nun in England einen kleinere Leuchter geschaffen, der vor kurzem in der Kapelle da „Kings College" in Cambridge aufgestellt und feierlich geweiht wurde. Von Freunden der Kapelle gestiftet, dient der 1,85 m hohe bronzene Leuchter zur Erinnerung an zwei hervorragende mittelalterliche Musiker, Christopher Tye und Orlando Gibbons, die hier an dieser Stätte gewirkt haben. Lr trägt in seinem auf schlankem Schafte sich verbreiternden Gezweige zwischen sechs Kerzen die alttestamentarischen Gestalten der Miriam und des Jubal. Die leichte, schwungvolle Form versucht, sich der reinen Grazie der spätgotischen Ornamentik dieser englischen Kapelle anzupassen und betont doch in der Gestaltung der Figuren modernes Empfinden. A, Wiedererlangung polnischer Staatsbürgerschaft. S. Feniger, polrt. Konsul i. R., schreibt uns u.a.: „Da der Aufsatz in <ler „). R." vom 2. April 1935 „Wiedererlangung der polnischen Staatsangehörigkeit bei ausgebürgerten Staatenlosen"* bei Vielen falsche Hoffnungen, wenn auch sitherllch unbeabsichtigt, erwecken könnte, möchte ich* folgendes bemerken: Der Verfasser stützt sich in seinen Ausführungen auf das polnische Staatsangehörigkeitsgesetz vom 20. Januar 1920 und die Ausführungsverordnung vom 7. Juni 1920 (irrtümlich vom 20. Januar 1920 bezeichne:). Durch die Auslegung der angeführten gesetzlichen Bestimmungen seitens der maßgebenden polnischen Zentralstellen wird jedoch die Geltendmachung des Rechts auf die polnische Staatsangehörigkeit der, auf Grund des Reichsgesetzes vom 14. Juli 1933 Ausgebürgerten. fast ausnahmslos unmöglich gemacht." — Es handelt sich demnach um die — nicht von uns zu entscheidende — Frage, ob in diese» Fällen die polnischen Instanzen eine andere Auslegung zuzulassen bereit sind. Ausgebürgerte, die die polnische Staatsangehörigkeit wieder erwerben wollen, können sich zur Bearbeitung ihrer Angelegenheit beim Zentralverband ostjüdischer Organisationen melden. Sprechstunde täglich, 12—13 Uhr, im Büro, Linienstraße 69. Telephonisch werden keine Auskünfte erteilt. Es gab so viel und so gut dort zu essen. Es gab so'viele Zimmer. Es gab so viel« Spielsachen. Es gab dort, recht gesehen, alles. Nur, daß eben der Schatten dalag, nur, daß diese, Ausdünstung da war, nur, daß alles so wohltemperiert war. Robert kam für einige Wochen nach Hause. Sehr wohl anpPzoeen. Er kam zunick in das kleine, enge Hans, wo immer irgend etwas vorkam, irgend einer schrie, irsjend einer einen Auftrat: erledigen mußte, irgend einer in die Quere kam, sc» daß man drnufhaucn mußte, irgend einer etwas anstellte, wo nichts so ganz in Ordnung war und doch alles in Ordnung lief, wo keine Hausmädchen halfen, wo jeder für sich milsorgte und sich zu helfen wußte, wo Gegensätze sich stießen und doch alles in schönstem Einklang endete. Als Robert aus diesem schmalen und gar nicht so blank gescheuerten Hause zurückkehrte in das Heim der Bessinger, fand man ihn am nächsten Tage weinend in einer Ecke. Das Kinderfräulein wandte vergeblich ihre Begabung an, die amtlich bezeugt war. Robert sagte nichts und hätte auch nichts sagen können. Er weinte herzzerreißend, bis das Fräulein erklärte, er sei ungezogen und ihn ins Bett steckte. Und Roberl schlief weinend ein und träumte sehr schön. Robert erkrankte. Es war eine Kinderkrankheit, die schwer auftrat; Frau Berthchen blieb zu Hause. Bessinjzer seufzte. Dann mußte auch Lotte ins Bett gesteckt werden. Eine Schwester kam, und nach drei Tagen kam Tante Lieschen, die kleine, dicke, rjuicklebendige Tante Lieschen. Ueberall stand sie, oben, unten, in den Krankenzimmern, in den Nebenzimmern, in der Küche, auf dem Flur, wo man war, stieß man auf Tante Lieschen. Diese eine Person füllte das ganze Haus; es hatte eine andere Stimme, eine andere Atmosphäre. Bessinger seufzte sehr. „Hab ich's nicht immer gesagt? Nun hast Du's. Gutes tun — schön. Aber muß man sich selbst dabei auffressen?" Die Angestellten mußten in diesen Tagen sehr aufpassen, wenn Bessinger tripp-trupp die Treppe hinunterlief. Der Arzt verlangte. Hedda müßte sofort aus dem Haus. Man telegraphierte an David Katz, Rückantwort bezahlt, und Hedda fuhr. Vier Kinder waren dort im Hause, Nathan war dreizehn Jahre alt, Hannah zehn, Judith sieben und der kleine Samuel fünf. Samuel wurde Sarn gerufen. Er war ein kleiner Bursche mit schwarzem, gewelltem Haar, großen, dunklen Augen, einem runden Gesicht, aus dem die Backen nochmals als runde Wölbungen heraussprangen, rote Backen. Sa in war ein lustiger, frischer, hübscher Judenjunge. Auf fünfzig Meter Entfernung sah man ihm seine Abstammung an. Auf hundert Meter wurde man von seiner Lebendigkeit überrannt. Sarn unterhielt die Nachbarschaft, Sam beschäftigte die Nachbarschaft, Sam füllte die Straß»'. In diese Gesellschaft kam Hedda. Sie war erschreckt Sie kam aus gutem Hause. Das Kinderfräulein mit der beglaubigten Befähigung war ihr immer zur Seite gewesen, wenn nicht die Eltern da waren und das Haus abdämpften auf die Ruhebedürftigkeit ihrer Nerven, die sie für das Glück ihrer Kinder opferten. Hedda war erschreckt. Sie sah auf den Onkel David und die Tante Hermine. Aber Onkel David hatte viel zu beten. Und er war, wenn er nicht aß oder betete, im llinterbaii. Hier befand sich das Büro und das Lager. Und Tante Hermine sorgte für das Haus, sorgte für die Kinder. Dabei lachte sie viel. Sie hatte große Augen und runde Backen wie der kleine Sam. Sie war immer beschäftigt, wie der kleine Sam. Und sie schaute zufrieden in den Tag, wie der kleine Sam. Vielleicht beneidete sie sogar den kleinen Sam. Denn es kam vor, daß sie plötzlich Sam beim Krips nahm, ihn in ihre Arme zog und in die Luft warf, just dann, wenn Sam jubelnd und schreiend ihr in den Weg lief. Sam ließ es sich gefallen und zog noch lauter singend weiter. Die drei anderen Kinder gingen zur Schule und hatten Hausarbeiten für die Schule zu machen. Mit Sam war Hedda immer zusammen. Nach vier Tagen waren sie Kameraden, nach sieben Tagen Bundesgenossen. Hedda war nicht wiederzuerkennen. Jetzt zog nicht mehr Sam allein auf Abenteuer aus, wenn er auch der Anführer blieb. Bald schloß sich Judith an. Die Phantasie der Größeren befruchtete Sams Tatkraft. Aus alten Backsteinen wurde ein Haus gebaut, in das man hineinkriechen konnte. Aus Sand wurden die schönsten Torten gebacken. Heddas Eifer ging soweit, daß sie eines Tages den Sand aus der kleinen Blechform mit größtem Genuß verzehrte. Als Hedda vierzehn Tage im Hause war, halte sie Sam überholt. Hedda tat ganz, was sie tat, alles Zunickgedrängte brach durch. Tante llermine leitete sie ein wenig, unbewußt für die Kinder. Sie hatte auch mit Heddas Kleidern zu schaffen, die schmutzig und oft zerrissen waren, denn Hedda kletterte mit Sam, kletterte wie Sam. Sie hatte sechs verlorene Jahre nachzuholen. All das hörte auf. wenn der Freitag begann. Da wurde das Haus gescheuert, das ganze Haus. Man kam in Gefahr, wenn man in die Nähe der Putzwüligen kam. Und am drillen Freitag ließ Hedda Sam im Stich. Sam war sehr erstaunt. Hedda wollte putzen helfen. Sie bekam einen kleinen l.m < r mit Wasser, ein Tuch und Seife, und nun schrubbte sie die beiden Fußbänke, sie schrubbte, was ihr in die Hände kam. Sam wollte mithelfen, verschüttete aber soviel Wasser, (lab er hinausgeworfen wurde. Er bekam einen Kuß von sene-r Mutler und flog hinaus und nahm es sich nicht zu Heizen. Man hörte bald seine Auseinandersetzung mit dem Hofhund. Als letzte wurden die Kinder herangeholt. Auch sie wurden geschrubbt und in Festkleider gesteckt. Der Vater mit den Söhnen in die Synagoge. Und wenn sie zurückkamen, wurden sie von der Mutter und den Mädchen erwartet. FJ war sehr feierlich. Hedda hatte glühende Wangen vor Aufregung. Das ganze Haus schien verändert, alle Menschen schienen verändert, die Welt schien verändert. Tante Hermine tnu" ein weißes Häubchen, der Tisch war weiß gedeckt, un't Schabbatlichter brannten. Onkel David und Tante Hermine legten ihre Hände jedem Kind auf das Haupt und sprachen Worte, bei denen sie die Augen schlössen. Auch Hedda w urde herbeigerufen. Es lief ein Schauer über ihren Rücken. M;>n hatte ihr den Sinn erklärt, man hatte ihr gesagt, daß der Segen Gottes für sie erfleht werde. Hedda glaubte, daß m diesem Augenblick der liebe Gott sie an sein Herz druckte. Warum konnte man ihn nicht sehen? Der Abend und der Schabbat verliefen unter Gebeten, unter feierlichen Handlungen, im Beisammensein. Es war ein anderer Tag. es « 1 *" ein anderes Leben. Es war schön. Der liebe Gott mußte sie» sehr freuen, wenn er Onkel David und das ganze Haus sjJ- Auch Sam war ein anderer, selbst Sam. , Nach sechs Wochen wurde Hedda zurückgerufen. Hed< a weigerte sich, nach Haus zu fahren. Sie weinte, sie schrie, lief aus dem Haus. Sie wollte nicht zurück. Sani schloß *•'<* allem an, er schrie, er weinte, er lief mit ihr. Sie saßen au der Wiese, die hinter dem Nebengebäude begann. Sie sah;1 hinter einigen Sträuchern in einer Erdwelle. Sie kamen nu - tags nicht nach Haus. Hedda sagte, sie würde Sam heiratr.i. und sie würden weit weggehen und immer Schabbat i Sam wußte mit „Heiraten" nichts anzufangen, aber er mc 1 Sic lehnten sich aneinander, schliefen schließlich ein wurden so gefunden.«»« (Fortsetzung io>E» und

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