Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 26 (29.3.1935)
- Date
- 1935-03-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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t. ) '-j Nr. 26 / Jahrgang 40 preis 25 Rpf. JUDISCHE RUNDSCHAU gckrtftlaltung.Vmtaf a. Ani«lgeiiv»n»«lt«ingi BerllnW15,Meln«>k««lT. 10 Femrul: S«onn«l-Nr, J1 Binoarrk 3181/82,71W70,7240/42. - Berugspreis je Monat RM 2.-, r» Vlartrljshx RM 5,75. - Postscheck - Konten der Vertrieb»-Abteilung: Berlin 71573 (liir CroS-Beilini, Berlin 17392 (für das übrige Reich). Auslandtbeiug in jeweiliger Landeswährung. — Erscheint jadon Dlanatag and Freitag. BERLIN rvsnn 'nms' td FREITAG, 29.MAERZ 1935 Ani.lgenprelillat. Nr. » gültle. Die Kgeap. mm-Zcile 20Rpf. für Stcllenga». 10 Rpf, für Familiennachrichten I5Rpi. Einzelanzeigen nur gegen Vorauszahlung atn ScJialter oder auf Postscheck-Konto Berlin 71618 Montag bis Donnerstag. 9 - 18 Uhr, Freitag 9-16 Uhr. AnnahmeschtuB liir din Dienstag .Ausgabe Montae 10 Uhr. Kit die Ficiug-Ausgabe Mittwoch 13 Uhr {Familicnanzeigen bis Donnerstag 10 Uhr) per Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk die Schaffung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten Helmstatte In Palästina. (Baseler Programm) Der 1. April - ein Gedenktag Der Tag des Aufbaus vor dem Tag der Bedrängnis Wir nähern uns dem 1. April — er ist ein Gedenktag für das deutsche Judentum, ein Tag von einzigartiger Symbolhaftigkeit in unserem Galuthdasein. Der 1. April 1933 war in der Tat ein Wendepunkt, nicht nur in der jüdischen Geschichte, sondern im Dasein des einzelnen Juden. Daß sich seit jenem Tag die äußere Stellung der Juden in Deutschland geändert hat, braucht nicht hervorgehoben zu werden; jeder weiß es. Aber es hat sich auch etwas in der Seele des Juden geändert. Als sich die Wolken über seinem Haupt zusammenzogen, als von allen Seiten die Finger auf ihn wiesen und der Ruf ertönte „Jude, Jude, Jude!", mag so manchen Juden ein Grauen gepackt haben, da er es nicht wahr haben wollte; aber mitten aus der Bedrängnis kam ihm die erlösende Antwort: ich bin ein Jude. Jude-Sein heißt, Judenlos auf sich nehmen, mag es auch oft schwer sein. Viele, die schon mitten auf der Flucht vor dem Judentum waren, kamen zum Stehen, zögerten, kehrten um. Vielleicht waren die Hände, die das Wort Jude an die Fensterläden schrieben und den gelben Fleck anhefteten, Werkzeuge eines unübersehbaren geschichtlichen Vorgangs. Das jüdische Volk nach dem 1. April 1933 ist ein anderes als das vor dem 1. April. So kommt es, daß wir heute auch Ereignisse unserer Geschichte, Gedenktage aller Art anders betrachten und empfinden als vorher. Der kommende Monat ist reich an Feiern. Der 800. Geburtstag des Maimonides, nach bürgerlichem Datum am 30. März und nach jüdischein am 14. Nissan, findet gewaltige Resonanz. Warum? Früher wäre es eine Angelegenheit für Fachgelehrte gewesen, heute ist es Teil einer großen Volkssache; Juden in allen Teilen der Welt feiern gleichzeitig das Andenken eines großen jüdischen Denkers, und mit ihnen feiern große Teile der geistigen Welt aller Nationen. Die Tatsache, daß wir einem Mann huldigen, der vor 800 Jahren geboren wurde, gibt uns das Bewußtsein unserer einzigartigen Geschichte. Aber auch ein Gedenktag, der sich auf ein viel kürzer zurückliegendes Ereignis bezieht, die Gründung der Universität Jerusalem, die am 1. April 1925 (7. Nissan 5685, d. i. diesmal 10. April) ist i speziell den deutschen Juden erst jetzt eine wirkliche Herzenssache geworden. Ist es doch eine eigenartige Verkettung des Schicksals, daß auch an einem 1. April, genau acht Jahre vorher, ein derartiger Ehrentag des jüdischen Volkes begangen wurde. Wenn wir auch wünschen, daß in Zukunft die Erinnerung an den 1. April 1925 stärker sein möge als die an den 1. April 1933, so verschließen wir doch nicht die Augen vor der Tatsache, daß sie zusammengehören, die beiden Tage: der Tag des Aufbaus und der Tag der Bedrängnis. Wir nehmen es als großes Zeichen, und auch ein wenig mit einem stolzen Gefühl, daß der Tag des Aufbaus vor dem Tag der Bedrängnis lag. Was wäre geschehen, wenn wir 1933 nicht den Trost Jerusalems gehabt hätten?! Der Peßach-Monat Nissan, der der Erinnerung an öen Auszug aus Aegypten und die Volkwerdung Israels gilt, wird durch diese Schicksalstage unserer neuesten Geschichte in seiner Bedeutung erweitert. '* Am 1. April 1933 schrieben wir in der „Jüdischen Rundschau": „Die Ereignisse dieses Tages haben nicht nur eine politische und eine wirtschaftliche, sondern auch eine moralische und seelische Seite. Ucber die politischen und wirtschaftlichen Zusammenhänge ist in den Zeitungen viel gesprochen worden, wobei freilich häufig agitatorische Bedürfnisse die sachliche Erkenntnis verdunkeln. Ueber «ie moralische Seite zu sprechen, ist unsere Sache. Denn soviel auch die Judenfrage jetzt erörtert wird, was in der Seele der deutschen Juden vorgeht, was vom jüdischen Standpunkt zu den Vorgängen zu sagen ist, kann niemand aussprechen als wir selbst ... Es ist nicht unsere Art, zu lamentieren. ... Es bedarf heute eines neuen Tones in der Diskussion jüdischer Angelegenheiten. ... Der 1. April 1933 kann ein Tag des jüdischen trwachens und der jüdischen Wiedergeburt sein. Wenn?'e Juden wollen. Wenn die Juden reif sind und 'nnere Größe besitzen. Wenn die Juden nicht so sind, wie sie von ihren Gegnern dargestellt werden." . Kann man auf diese Fragen heute, nach zwei Jahren, Bereits eine Antwort geben? Wollen wir dies tun, dann müssen wir zunächst anerkennen: Die an die deutschen Juden gestellte Anforderung war keine geringe. Gar zu weit waren sie entfernt gewesen. Was sich in den Seelen der deutschen Juden abspielt, ist ein grandioser und pathetischer Vorgang. Während sie bis 1933 sich für gleichberechtigte Glieder der Gesellschaft hielten, mit der Befugnis, an allen Teilen des sozialen und kulturellen Lebens teilzunehmen, sehen sie sich plötzlich auf einen sehr engen Bezirk zurückgeworfen. Gegenüber den Herabsetzungen des Judentums ist gewiß allmählich ein Gefühl des Stolzes erwacht und die jüdische Gemeinschaft bietet einen Rückhalt. Aber der Stoff des Lebens ist bei der Mehrheit der Juden ein fast ausschließlich unjüdischer, das jüdische Erlebnis trat ihnen zunächst Erster Bericht über die spanischen Staatsfeiern in Cördoba zu Ehren des Maimonides Seite 2 in einer Negation entgegen, in dem Nicht-Arier-Sein. Dies Negative ist zu wenig für lebendige Menschen. Darum hängen sie am Alten, wenn sie Neues nicht sehen. Auch Lernen allein genügt da nicht (zumal ts nicht jedermanns Sache ist, bei erwachsenen Berufstätigen). Das Durchstöbern der Geschichte, so wichtig es für die Gewinnung geistigen Gleichgewichts ist, bietet nur einen Teil-Ersatz. Der Mensch braucht das Bewußtsein, für eine Zukunft zu leben. Wo gibt es jüdische Realität? Das Leben Palästinas ist mit all seinen Wirrnissen die Gewähr jüdischer Zukunft. Nichts ist begreiflicher, als daß viele deutsche Juden in den letzten zwei Jahren auf ganz natürliche Weise, ohne viel von Ideologien zu wissen, auf Palästina hingestoßen wurden. Wir Zionisten konnten die Ereignisse des Jahres 1933 mit mehr innerem Halt aufnehmen, weil wir gewußt hatten, daß es trotz aller trügerischen Fassade eine Judenfrage gibt, die sich unter Umständen auch in furchtbaren Formen manifestieren kann. In den zwei Jahren seit dem 1. April 1933 haben sich viele Juden unserer Auffassung der Judenfrage genähert. Wir bedauern tief, daß diese Erkenntnis auf tragische Weise bewirkt werden mußte. Wir hatten stets gehofft, daß die Juden auch ohne einen 1. April sich zu besserer Erkenntnis aufraffen werden. Niemals hatten wir gewünscht, daß solche für das Judentum, für uns alle furchtbaren Ereignisse und Entwicklungen eintreten, um die Juden aufzurütteln. Daß die Judenfrage zur Austragung drängt und daß der Tag der Auseinandersetzung kommen muß, wenn die Juden selbst das Problem nicht sehen und anpacken, hatte schon Herzl erkannt; aber daß dieser befürchtete Augenblick mit solcher Wucht gerade in Deutschland hereinbrechen wird, konnte er nicht ahnen. Die Juden wollten nicht sehen; aber Vorwürfe haben nur soweit einen Sinn, als sie Lehren für die Zukunft enthalten. Wir alle empfinden viel zu stark die Gemeinsamkeit des Schicksals und der seelischen Erschütterung. Der Zionismus bietet seelisch einen Halt und praktisch für viele eine Chance zu einem (freilich schweren) Neubeginn. Die Mehrheit der deutschen Juden hat sich, oft ohne daß die Einzelnen sich darüber klar sind, zionistischen Gedankengängen genähert; manche empfinden das Glücksgefühl einer neuentdeckten Wahrheit, manche haben nur ein Zähneknirschen und manche (besonders Funktionäre) begleiten leider diesen Weg der Entwicklung mit Invektiven gegen d e. die ihn schon früher gegangen sind. Nichts ist betrüblicher in dieser Zeit als der innere Zwiespalt, der da und dort im jüdischen Lager auflodert. Gewiß ist es schwierig, wenn man sich jahrelang erbittert um Ideologien gestritten hat, dieser Uebung nicht weiter zu huldigen. Aber dies verlangt Öas deutsche Judentum von seinen Funktionären. Es ist (um ein mäßiges Wort zu benützen) unerlaubt, auf vielen wesentlichen Gebieten die Errungenschaften einer Sache sich zunutze zu machen und zugleich die Sache, ohne die das einzige, wovon man jetzt zehrt, nicht da wäre, zu verwerfen. Ebenso aber halten wir es für kleinlich und unangebracht, wenn jemand den Menschen, die sich unter der 4Wucht der Erlebnisse wirklich wandeln, vorwirft, sie hätten es mir unter dem Drucke äußerer Geschehnisse getan. Jeder ist abhängig von äußeren Geschehen. Der 1. April war für alle ein Fanal. Wir wollen einander nicht ungerecht beschuldigen, aber auch nicht demütigen. Viel zu gewaltig ist die geschichtliche Entwicklung, in der wir stehen. Und sie ist noch lange nicht abgeschlossen. Das deutsche Judentum, das ganze jüdische Volk hat noch vieles vor sich. * Der 1. April 1033 bedeutet den ersten großen Einbruch in die Position des deutschen Judentums. In jenen Tagen der großen Erregung waren viele Juden zu weitgehenden Entscheidungen bereit. Seitdem haben a b i 1 i t ä t daß Vcrdichkeit wurde und s e 1 b st 1933 iinwir es erlebt, daß wir in einem Zustand der L existieren. Wir haben uns daran gewöhnt, unglimpfung des Jüdischen eine AI daß wir unser jüdisches Ehrgefühl nur u n s gegenüber zu wahren haben. Die am 1. April mittelbar angedrohten Konsequenzen materieller Art sind nicht eingetreten; gegenüber der allgemeinen Boykott- Erklärung kamen später andere Richtlinien, vor allem die Stellungnahme des Reichsiunenministers und Reichswirtschaftsministers gegen die Anwendung des Arier-Paragraphen in der Wirtschaft. Es gab Zeiträume, wo viele Juden eine Beruhigung gekommen glaubten, und nach Abschluß der Revolution meinten manche, die Evolution werde auch eine Eingliederung der Juden bringen. (Es ist nicht sehr ehrenvoll, daß mit solchen Hoffnungen ein Abflauen des Interesses für die Judenfrage verbunden war.) Der Organisator des Boykotts vom 1. April 1933 und Vorsitzende des damals gebildeten „Zentral-Komitees zur Abwehr der jüdischen Boykott- und Greuelhetze", Julius Streicher, hat kürzlich erst in mehreren Reden versichert, daß z. B. die Bemühungen derjenigen, welche die Arbeit des „Stürmer" verhindern wollten, vergeblich waren und daß der Kampf gegen die Juden kompromißlos durchgeführt werden wird. Auch in anderem Zusammenhang greift von Zeit zu Zeit das Gerücht von bevorstehenden tiefgreifenden Acnderungen im Status der deutschen Juden um sich. Manche Konsequenzen, die schon am 1. April 1933 befürchtet wurden, dann aber beseitigt schienen, treten erst jetzt ein. Diesem Geschehen gegenüber sind wir nur passives Objekt, aber unserem jüdischen Schicksal gegenüber sind gerade w i r es, auf die es ankommt. Wir wissen, daß viele Juden ihre Positionen verloren haben, viele jüdische Existenzen vernichtet sind, aber wir sind weit entfernt davon zu klagen. Die Not soll gelindert werden, jüdische Hilfsbereitschaft soll eingreifen, aber darüber hinaus suchen wir eine ganz neue B a s i s d e s j ü el i s c h e n L e b e n s. Wer in Deutschland nicht mehr leben kann oder will, soll einen Ausweg haben, und den müssen w i r eröffnen. Die Reichsregierung läßt erkennen, daß sie die Auswanderung fördern will. Die Auswanderung braucht gewiß die Hilfe der Behörden, aber vor allein bedarf sie jüdischer Tatkraft, jüdischer Entschlossenheit und jüdischen Zukunftswillens. Sind die deutschen Juden im Glutofen dieser zwei Jahre so umgeschmolzen worden, daß sie die Energien, die zum Aufbau nötig sind, aus sich entwickeln können? Denn wir stehen erst am Anfang des Aufbans, am Anfang der völligen sozialen und wahrscheinlich auch geographischen Umlagcrung. Die seelischen Anforderungen, die an die Juden gestellt werden, können nicht erfüllt werden, ohne einen großen jüdischen Idealismus, ohne das wärmende Gefühl, von Mensch zu Mensch in der eigenen Gemeinschaft verbunden zu sein und mit seinem Leben einen großen geschichtlichen Sinn zu erfüllen. Dieser Idealismus aber, so sehr er aus der Absage an die jüdische Galuth-Situation entzündet wurde, kann nur von einer Stelle der Welt Nahrung erhalten: von Zion geht die Lehre aus. Das geistige Zentrum, als das wir uns das jüdische Palästina vorgestellt haben, gibt es noch nicht; aber die Universität, die man vor zehn Jahren eingeweiht hat, kann, soll, muß eine Keimzelle dieser geistigen Kraft werden. Das ganze Judentum wird von ihr empfangen, das ganze Judentum muß an ihrem Bau mitwirken. Dies muß noch in späten Tagen ein Ehrenmal des jüdischen Volkes, des jüdischen Geistes sein. Dann wird auch «las Datum des 1. April als das k** *B I