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Jüdische Rundschau · 1935-03-22 · Heft 24 (22.3.1935) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 24 (22.3.1935)
Date
1935-03-22
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 24, 22. fll. 1935 Palästinensische Scholle Von Hermann Sinsheimcr In manchen Entwicklungsepochen der Menschheit scheint sich die mythologische Vorstellung von der „Mutter Erde" ins Tatsächliche umzusetzen, indem diese gleichsam aus einem Schlaf erwacht und ihren Körper den Menschen wie etwas ganz Reales entgegenstreckt, wie etwas, das sein eigenes Leben und seine eigenen Gesetze hat und die Bewohner unentrinnbar in die Maschen dieses Lebens und dieser Gesetze zieht. Dann wandert, was die Menschheit an Geist, an kultureller und zivilisatorischer Errungenschaft aus sich herausgeboren hat, zu der erwachten Erdenmutter zurück und muß sich allerhand Umschichtung, Umlagcrung und Umformung gefallen lassen. Das Erdflüchtige und Emanzipatorische des Geistes sinkt dann in sich zusammen und wird zu fast nichts anderem als zur Nahrung der mütterlichen Erde, die, was in noch so kühnem und hohem Bogen sich von ihr in den Aether des Geistes entfernt hat, wieder in sich aufuna zu sich zurücknimmt. Geist kehrt zur Scholle zurück, Geist wird, vordem ein Flüchtling aus der Gebundenheit der Erde, wieder ein Ansiedler auf ch-m Körper und in dem dimensional bemessenen Reich und Bereich der Erde. Und als das höchste Glück der Erdenkinder erscheint dann nicht mehr so sehr die Persönlichkeit als vielmehr die geradezu unpersönlich gemeinte Zugehörigkeit von Menschengemeinschaften zu den ihnen zugeteilten Grenzen und Begrenzungen des Erdbodens. Von dem Zauber dieses sich fast rhythmisch wiederholenden Vorganges ist in unseren Tagen auch das Judentum in Form der zionistischen Verwirklichung der Jahrtausende alten Sehnsucht nach dem Heiligen Lande angerührt worden. Das Judentum war, uber allen jüdischen Wohnstätten, zu etwas fast nur noch Aethcrischem geworden, zu einem geistigen und seelischen Fluidum, dessen Säule nicht mehr auf der Erde stand, sondern in einem, wenn nicht entarteten, so doch „enterdeten" Raum schwebte. Die historische Leistung des Zionismus besteht für alle Juden, ob sie sich zu ihm bekennen oder nicht, einfach darin, daß er ftir sie „Land, Land" entdeckt und sie von neuem in Beinhrung mit der neue Kräfte ausstrahlenden urhcinrttlichen Erde gebracht hat. Er hat wenn nicht die, so doch gewiK eine Scholle Bodens aufgeworfen, auf der fußen und in der wurzeln zu können dem Judentum vergönnt ist. Wir wollen dieses nicht gerade mit dem Riesen Anthaus vergleichen, dem aus der Berührung mit der Mutier Erde immer wieder neue Kräfte zugewachsen sind, denn das Judentum des 2D. Jahrhunderts ist eher zwergenhaft als riesenhaft zu nennen, aber die palästinensische Scholle, von jüdischen 1 Luiden auf- und umgeworfen, schiebt sich nun auch unter die schwächsten und wankendsten jüdischen Füße, und woher den Menschen ein Halt kommt, eine Festigkeit und Zuverlässigkeit des Standpunktes, des statischen Punktes ihres Daseins, dahin orientiert sich ihnen automatisch Kopf und Herz. In dieser Feststellung ist keinerlei Polemik und keinerlei Brechung einer Auffassung der gesamtjüdischen Existenz enthalten. Die klare, eindeutige Feststellung lautet vielmehr so: auch dem Judentum ist in dieser Zeit die Begegnung und Auseinandersetzung mit der Mutter Erde zuteil geworden. Die Scholle hat es ergriffen wie einen schon verloren gewesenen und nunmehr heimgekehrten Sohn. Wer wollte und wer könnte sich diesem schicksalhaften Vorgang entziehen? Nun verkündet die gerade in Deutschland zur Herrschaft gelangte Lehre, die Scholle schaffe und forme den zwangvoll zu ihr gehörigen Menschen. Das ist zweifellos bis zu einem hohen Grad richtig und hat sich ja auch an den Millionen im Galuth lebenden Juden erwiesen, und gerade an denen, die auf fremdem Boden einer weitgehenden Entjudung anheimgefallen sind. Aber richtig ist auch das andere, und es scheint sogar wichtiger zu sein: daß auch der Mensch die Scholle umschafft und umformt und ihr von seinem Wesen, ja geradezu von seinem Wissen und Geist mindestens ebensoviel mitteilt, wie sie ihm Kraft und Leben gibt. Dieser Prozeß aber vollzieht sich heute auf palästinensischer Erde, und es scheint uns der Mühe wert zu sein, auf ihn nachdrücklich hinzuweisen, da seine Bedeutung, man möchte sagen: seine erd-und bodengeschichtliche Bedeutung weit über den Kreis des Judentums hinausreicht. Es ist bekannt genug, daß seit dem zweiten Jahrhundert unserer Zeitrechnung Palästina als Wüste gegolten hat und dies, einige Oasen der Bebauung und Bewirtschaftung ausgenommen, auch war. Palästina teilte das Schicksal vieler anderer, besonders asiatischer Landstrecken, die in der Antike im wahren und übertragenen Sinn des Wortes geblüht hatten: es lag als angeblich übermüdeter und abgebauter Boden da, es hatte, so war die Meinung, seine Schuldigkeit in um Jahrtausende zurückliegenden Jahrhunderten und Jahrtausenden getan, es war in den Zustand der Brache eingetreten — F inis Palaestinensis! Es hat immer mal wieder jüdische und christliche Versuche gegeben, das Land neu zu kolonisieren. Einer der Teilerfolge in dieser Richtung war ja den deutschen „Tempel"-Siedlern aus Schwaben nach der Mitte des vorigen Jahrhunderts beschieden. Auch der Versuch des Joseph Nassi, des Herzogs von Naxos von des Sultans Selim IL Gnaden, der im 15. Jahrhundert Tiberias und die umliegenden Dörfer hat aufbauen und besiedeln lassen, ist trotz der großen finanziellen und staatlichen Mitteln gescheitert. Man ist heute leicht versucht, die Schuld an solchen mißlungenen Experimenten, deren Reihe sich ja bis in die neueste Zeit fortgesetzt hat, der mangelnden „Organisation" zuzuschreiben. Dies aber wäre eine sehr oberflächliche und materialistische Art der Betrachtung und Beurteilung. Nein, das Ausschlaggebende ist, wobei sich natürlich die Lösung der Finanz- und Organisationsfragqn von selbst versteht, daß der richtige und richtig vorbereitete Mensch mit der zu erweckenden Scholle in Beziehung gesetzt wird. Und dabei ist es von vornherein klar, daß in diese Beziehung der Geist des Menschen dominierend hincinspielt. Heute schaffen, formen, verlebendigen jüdische Menschen in Palästina die jüdische Scholle. Daß sie einst den Boden dargestellt hat, auf dem sich das Schicksal unseres Volkes, unserer Väter vollzogen hat, das Bewußtsein hiervon ist, sozusagen, das innere, das virtuelle Instrument, das die zionistischen Ansiedler auf dem alten Boden ansetzen und mit dem sie ihn zu neuer Erde umschaffen. Ihre, was man so zu nennen pflegt, Bodenständigkeit liegt in dem nach Jahrtausenden wieder zur Scholle zurückgekehrten jüdischen Geist. Er ist es, der jene lockert, düngt und zu neuer Fruchtbarkeit erweckt. Darum sind wir alle — alle Juden —, ob wir wollen oder nicht, an diesem Säen und Ernten, an diesem Hacken und Graben, Bewässern und Austrocknen mitbeteiligt. „Der" jüdische Mensch schafft sich und damit der jüdischen und sogar der ganzen Welt eine neue Scholle -- das ist Tat, Zauber und Wunder. Er macht aus uralter Brache jungfräulichen Boden —- nicht in einer Kolonie, sondern in einer Heimat. Ein zugleich höchst realistischer und höchst pathetischer Vorgang: er macht aus der mütterlichen eine töchterliche Erde — der Enkel wird Ahne. Klar geht über der Arbeit auf und an dem palästinensischen Boden der Blick auf die Wechselwirkung zwischen Mensch und Scholle: welcher fruchtbaren Scholle Vater und Erzeuger der Mensch geworden ist, deren Sohn und Erzeug, nis wird er hinwiederum. Was er auf und mit ihr geschaffen hat, das schafft ihn wiederum selbst um und neu. Da die Julien, die heute in Palästina schöpferisch sich betätigen, anders sind als die vor zweitausend und mehr Jahren wird auch der neu tragende Boden anders sein. Er wird der Boden einer Renaissance, einer Neuschöpfung, sein, selbst dann, wenn einmal die in Palästina gewiß nicht „bodenständigen" Zitrusfrüchte den wirtschaftlichen Primat verloren haben sollten. In diesem Zusammenhang nämlich ist es nicht überflüssig, daran zu erinnern, daß Palästina und Syrien eminent mütterliche Funktionen für die gesamte europäische Bodenkultur ausgeübt haben. Die Pflanzen- und Landwirtschaftshistoriker stellen eine lange Liste von europäischen Kulturpflanzen auf, die von dorther oder aus dem weiteren Vorder- und Mittelasien über Griechenland und Italien nach Europa gekommen sind. In der biblischen Zeit z. Ii. standen im Mittelpunkt des palästinensischen Ackerbaus die Rebe, der Oliven- und der Feigenbaum. Es gab auch Flachsbau. Das und vieles andere war einmal! Aber es gehört zu den Mysterien der Mutter Erde, daß sie in ihrem Schoß Vergangenes und Zukünftiges untrennbar miteinander verbindet. Die Erfahrungen einer längst versunkenen Vergangenheit können zu Lieberraschungen einer fernen Zukunft werden. Die landwirtschaftliche Mission der palästinensischen Scholle hat noch einmal begonnen, seit neue Menschen die alten Kräfte dieser Scholle mit neuen Mitteln aufgeweckt haben, seit ihr von Europa, das sie einmal so reich beschenkt und befruchtet hat, ein kleiner Bruchteil von dem ihr zukommenden Dank durch die Tat abgestattet wird. Der Traktor gibt zurück, was der europäische Handpflug aus dem Mittelmecr-Asien empfangen hat. Wie klein dies im Zeit- und Weltgeschehen auch scheinen mag, es ist ein großartiger Vorgang. Denn in ihm wird die unlösliche Verbundenheit zwischen Asien und Europa zum neuen, weit über das Utilitaristische hinausgreifenden Ereignis. Daß die Juden seine Vollstrecker sind, greift hinwiederum, wie schon gesagt, über das Zionistische hinaus. Das ganze Judentum wird von dieser ergreifenden Tatsache mitergriffen. Es fühlt, und muß fühlen, welcher Segen und welche Erneuerungsmögiiehkeit ihm von der neu entdeckten und neu erworbenen Scholle kommt. Die Mutter Erde bäumt sich auch ihm entgegen. Wir stehen, was wir freilich auch aus anderen, für uns weniger erfreulichen Anlässen wissen, auf der Schwelle zu einer neuen Epoche unserer Geschichte. BERTHOLD NEUMANN Ja PIANOS-RADIO Y Jl T" Kurlllrstendamm «05 J 1 Bismarck 3716 ] Verlangen Sie Anzeigen-Preisliste Nr. 2 Rabbi M©sehe ben Maimoii (Maimonides) Zur 800. Wiederkehr seines Geburtstages Sein Ltht.n Da* Leben de» Rabbi Mouche ben 51 Mi III Oll» Au» leinen Briefen und anderen Quellen ausgewählt um! eingeleitet von Professor Inmar Elbogen. (Jüdische Lesrhette Kr. 5) Broschiert M 0.50 Das Werk Kalt Iii 3loNflie ben ^lainion. Ein syst«. malischer Querschnitt durch sein Werk. Auagewählt, übertragen und eingeleitet von N. N. Glutzer. (Bücherei des Schocken Verlags Sr. 27*) In Pappe gebunden M 2.50 Der M ore N tw ueh im Den Rabhi Mosch« ben Maimon Höre Xewnehim (Führer der Verirrten) im Grundriß. Auswahl und Übertragung von Alexander Altmann. 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