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Jüdische Rundschau · 1935-03-22 · Heft 24 (22.3.1935) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 24 (22.3.1935)
Date
1935-03-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
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März Die wichtigsten Ereignisse der letzten Tage, die mit einem Schlage das Bild der europäischen Welt verändert und insbesondere die Stellung Deutschlands innerhalb der Mächte von Grund auf gewandelt haben, lassen uns auch die Probleme, die uns Juden in Deutschland betreffen, von neuem mit aller Eindringlichkeit zu Bewußtsein kommen. Es liegt auf der Hand, daß bei Ereignissen von solcher Tragweite auch auf jüdischer Seite das Bedürfnis besteht, Meinungen und Wünsche vorzutragen. Zugleich sind solche Zeiten auch geeignet, Gerüchte, die ohnedies schon umlaufen, noch zu verstärken. Auch die Berichterstattung ausländischer Zeitungen über jüdische Dinge wirkt, worauf wir schon hingewiesen haben, manchmal verwirrend, weil dort Vermutungen über angeblich beabsichtigte Maßnahmen oder Regelungen geäußert werden, die sich später wiederholt als unfundiert erwiesen haben. Es kann daher nur wieder betont werden, daß es sinnlos wäre, Vermutungen und Wünsche zu äußern. Gemäß der autoritären deutschen Staatsführung werden alle Entscheidungen, auch die uns Juden angehenden, von oben getroffen. Manche Juden meinen, daß,, diese oder jene .Maßnahme der allgemeinen Politik dazu führen könne, auch das Paradox der jüdischen Stellung im Staate 1 aufzurollen. Denn die objektiven Schwierigkeiten, die sich in einer konkreten Sachlage bezüglich des jüdischen Bevölkerungsanteils ergeben müssen, müßten das Augenmerk auf die allgemeine Frage hinlenken, die darin besteht, daß ein numerisch zwar unbedeutender, aber doch eine Minderheit darstellender Bevölkerungsteil nicht nur unter ein Sonderrecht gestellt ist, sondern auch in zahlreichen Kundgebungen in Versammlungen und Presse als Grund aller Uebel und als „Feind des deutschen Volkes" dargestellt wird. Aber die öffentliche Meinung in bezug auf die Juden ist sehr verworren, das uns Entgegentretende meist unfreundlich, und eine Aufrollung gewisser Fragen von jüdischer Seite könnte leicht in Würdelosigkeit abgleiten. Aus diesen Gründen ist es unmöglich, zu den konkreten Fragen, die die gesainte Bevölkerung Deutschlands und daher notwendigerweise a u c h die jüdische Minderheit betreffen, von jüdischer Seite Stellung zu nehmen. Wir müssen uns mit der Konstatierung begnügen, daß unsere Situation in der Tat eine ungewöhnlich paradoxe ist. Das Paradox liegt auch darin, daß im Gegensatz ™ aller Erfahrung, die wir Juden im Verlauf der Geschichte in irgendeinem Lande gemacht haben, in Deutschland nicht gewünscht wird, daß Juden sich z u 'liesein Lande bekennen. Im allgemeinen hat bisher jeder Staat von allen seinen Angehörigen (auch von den Juden) erwartet, daß sie sich in die patriotische Haltung der Gesamtbevölkerung einfügen. Der Nationalsozialismus hat für uns Juden in jeder Hinsicht c'»e ganz neue Problematik gebracht, und dazu gehört ai|ch die Ablehnung, Juden an allgemeinen patriotischen Anlässen teilnehmen zu lassen. In drastischer Weise tam dies in der vergangenen Woche zum Ausdruck, a's anläßlich der Gefallenen-Gedenkfeier der Jüdischen Gemeinde Berlin mitgeteilt wurde, daß die sonst bei solchen Anlässen übliche Dekoration in den Landesfarben Unerwünscht sei, entsprechend dem bereits früher in mehreren Orten ergangenen Erlaß, daß Juden nicht in ^n Reichsfarben flaggen sollen; in dasselbe Gebiet Rehört die vom Reichsburid Jüdischer Frontsoldaten mit- Eeteiite Tatsache, daß der von dieser Organisation wie a"phrlich am Ehrenmal niedergelegte Kranz entfernt vurde. Wir Juden haben noch keinen klaren Begriff der Tragweite der Tatsache, daß wir aus dem auf rassischer Grundlage aufgebauten Staat ausgeschieden werden. Der Rassenstaat ist ein prinzipiell "e u e s Phänomen. Die Rassenscheidung verwandelt das '"»einander in ein Nebeneinander. Wir haben die Frage 711 "Versuchen, wie das Nebeneinander von Juden jincl Nichtjuden sich in eine geregelte Bahn bringen 'tße. Wir haben vor einiger Zeit in der „Jüdischen j^'idschau" „Vier Punkte" formuliert, die sieh als '°gramm einer praktischen Realpolitik aufdrängen, •wenn Deutschland, wie es scheint, die Auswanderung der Juden wünscht, so wäre darauf hinzuweisen, daß in der heutigen Situation der Welt, wo kein Land die Juden aufnimmt, eine Auswanderung nur in geordneter Form und bei Erfüllung ganz bestimmter Voraussetzungen vor sich gehen kann. Die Berufsausbildung und kulturelle Schulung der Jugend ist nur eine dieser Voraussetzungen, zu der auch noch gehört, daß die Juden in der Zeit ihres Verbleibens im Lande keiner Diffamierung und keiner Vernichtung ihrer wirtschaftlichen Existenz ausgesetzt sind. Denn ein vernichtetes, zermürbtes und demoralisiertes Judentum ist auch zur Auswanderung nicht fähig. Auswanderung' bedeutet in unserer Zeit Aufbau eines neuen Lebens; alles konzentriert sich auf den Aufbau einer neuen Gemeinschaft in Palästina. Wenn die Juden weder zur Auswanderung fähig, noch in seelischer Beziehung widerstandsfähig sind, dann würden sie notgedrungen für jedes Land nur eine Belastung sein. Wir wollen das nicht. Wir wollen — und zwar nicht erst seit heute — den Aufbau eines gesunden Judentums in Palästina, dessen Existenz auch die Juden überall in der Welt innerlich aufrichtet und wandelt. Nur dies ist auch für die anderen Völker, die die Judenfrage empfinden, eine wenigstens teilweise Lösung. Wir brauchen, das hat schon Herzl gesehen, das Verständnis anderer Völker und Regierungen, der judenfreundlichen ebenso wie der judenfeiudlichen. Herzl hat mit dein russisch-zaristischen Minister Plehwe, dem Exponenten eines antisemitischen Staates, verhandelt. Sein Plan beruhte auf der Erkenntnis, daß die Staaten und Völker ein Interesse an der Lösung der Judenfragc haben, denn Herzl hat vor vierzig Jahren die Verschärfung der Judenfrage vorausgesehen. Unabhängig von Gesinnungen und Anschauungen, die selbstverständlich jeder für sich hat und nicht aufgibt, bestehen realpolitische Notwendigkeiten, die sich aus unumstößlichen objektiven Tatsachen ergeben. Dazu gehört auch die Tatsache, daß jede Auswanderung zwei Endpunkte haben muß, nämlich das Woher und das Wohin. Die Judenfrage kann nicht mit einem Schlage gelöst werden. Aber sie hat eine Richtung, und die Richtung weist von West nach Ost. Gerade erst hat der ehemalige Zivilsekretär der Palästina-Regierung Sir Wyndham Deedes in London eine Rede gehalten, in der er dieses Phänomen der jüdischen Wanderung und des jüdischen Aufbaus unter großen allgemeinen Gesichtspunkten betrachtete. Sir Wyndham ist ein frommer Christ, ein Mann von hoher sozialer Gesinnung, der einen Die Bedeutung des aufgefundenen Archivs Wir haben in der vorigen Nummer von der Auffindung eines althebräischen Archivs Kenntnis gegeben, das für die jüdische Geschichte von epochaler Bedeutung ist. Dazu meldet „Palcor" weiter: Im Zusammenhang mit den Ausgrabungen der Starkey Expedition in Tel Adduwcir erklärt Professor Harry Torczyner von der Hebräischen Universität, daß diese zwölf beschriebenen Topfscherben den kostbarsten Fund aus der Zeit des ersten Tempels darstellen, der je gemacht worden ist, und neues Licht auf die Periode Jeremias, aus der sie stammen, werfen wird. Der ArcrCdoge der Jerusalemer Universität, Prof. S u k e n i k, erklärte, es sei ein gutes Zeichen für palästinensische Archäologie, daß die Inschriften der biblischen Periode gefunden worden sind. Es sei dies der wichtigste Fund seit den Siloah-Ausgrabungen. Die Scherben stammen offenbar aus dem Archiv der Stadt. Die Originalinschriften waren auf Papyrus gezeichnet, während die jetzt gefundenen offenbar Kopien, die mit Tinte auf Topfscherben gestrichen wurden, darstellen. Der Fund ist von großer Bedeutung für das Studium der Sprache der Bibel; viele Worte und Namen sind In derselben Weise geschrieben wie in den traditionellen masoretischpp Texten der Heiligen Schriftgroßen Teil seines Lebens der Fürsorge für die Armen und Verlassenen der Londoner Elendsviertel widmet Er kennt die Judenfrage, und er gehurt zu jenen Menschen, die die historischen Zusammenhänge überschauen, das Schicksal, das den Juden zuteil wurde, die Jahrhunderte, in denen die Juden nur passives Objekt des Geschehens waren. Er meint, clal5 die christliche Welt auch Verantwortungen für den Wiederaufbau zu tragen hätte. Aber er weiß auch, und dies hat er ausgesprochen, daß die Lösung der Judenfrage nur das eigene Werk der Juden sein kann. Das ist es, was so viele Juden bis heute nicht verstehen. Herzl hat es in die Worte gefaßt: „Ein Volk kann sich nur selbst helfen; kann es das nicht, dann ist ihm nicht zu helfen." Diese Verpflichtung, durch eigene Arbeit mitzuwirken, die G e s a tri t v e r a n twortung mitzutragen, ist noch vielen Juden fremd. Sogar in ihrem Verhältnis zum heutigen Palästina zeigen manche Juden eine ganz naive Gedankenlosigkeit. Sie nehmen die Tatsache des Jüdischen Nationalheims hin, als ob sie die größte Selbstverständlichkeit wäre, und als ob nicht vierzig Jahre lang Juden an diesem Werk gearbeitet hätten, gegen den Widerstand anderer Juden, der sie besonders schmerzlich treffen mußte („Wunden von Freundeshand" — ein Wort Achad Haams). Sie meinen, es genüge, das geschaffene Faktum zu akzeptieren, während es heute, gerade heute, darauf ankommt, auch etwas, wenigstens jetzt, von der Verantwortung zu übernehmen. Das ist es, was einen oft an den Juden verzweifeln läßt: daß sie auch in dieser Situation noch nicht das Gefühl für die Erfordernisse einer wirklichen G e m e i n - s c h a f t s h a 11 u n g haben. Juden, die gewöhnt sind, sich ihre Bewertungen nur von außerhalb zu holen, sollten einmal auch bei den Worten eines Mannes wie Sir Wyndham Deedes aufhorchen. Während diese Zeilen geschrieben werden, hat in Palästina die Touristen-Saison schon in voller Stärke eingesetzt. Wie immer zu dieser Jahreszeit bietet das Land schon durch seine natürliche Schönheit, die Farbenpracht des Frühlings, die Anmut der erwachenden Natur eine berauschende Atmosphäre. Dazu kommt das Zusammenströmen von Juden aus aller Welt, die Freude des Wiedersehens mit befreundeten Menschen, und nicht zuletzt die Zuversicht, die dem ganzen Leben Palästinas -- ungeachtet all der jedem Einzelnen bekannten Schwierigkeiten — das Gepräge gibt. Juden allei Länder erleben diese Tage jüdischer Erhebung, inmitten einer jüdischen Welt, die sich langsam formt. Einige Wochen lang herrscht im Lande so etwas wie ein permanentes Volksfest, freilich mehr im Blickpunkt der Touristen, denn die Einwohner des Landes selbst müssen natürlich ihre harte Arbeit tagtäglich fortsetzen. Ernstere Besucher sehen unter der festlichen Fassade den eisernen Willen einer schwer arbeitenden Gemeinschaft, die, zum Teil unter großen persönlichen Opfern, ein Heim für sich und für Nachkommende zimmert. Aber auch der ernste Betrachter darf sich einige Tage der Freude hingeben, einer Stimmung, die einen so starken Kontrast zu der Stimmung des Lebens in der Galuth darbietet. Die Purim-Festlichkeiten in Tel-Awiw haben dieses Jahr —; da ja die Stadt selbst über die Hunderttausend-Grenze emporgeklommen ist — so große Menschenmassen gesehen wie noch nie. Kaum wird Purim vorüber sein, beginnt das große Sportfest der M a k k a b i a h, über das unsere Leser im Sportteil der heutigen Ausgabe nähere Angaben — und auch Bilder wichtiger Teilnehmer — finden. Das 50 000 Personen fassende Stadion, im Norden der Stadt neben dem Messegelände gelegen, wurde dieser Tage bereits den Journalisten vorgeführt. Die Ankunft von Tausenden jungen Sportlern aus allen Ländern wird Tcl-Awiw, dieser Stadt der Jugend, ein besonders jugendliches Gepräge verleihen. Und am 1. April beginnt die Jahrzchntfeicr der Hebräischen m) *" gertche den | die* mg che sch ut« a.-a rer ide;he ist., hts» ärt' IM er» aliühl ent iegf :<*, len 3 es die inj uer» di- Ue> he TU 5r» erl 1« 'l , rer ml W?&)ijfi> m!f«i§' les ie» 51fr US tf er =Ti am n» in in 31 m er er r- ' ir d 3 l- T* 3

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