Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 23 (19.3.1935)
- Date
- 1935-03-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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m^&mmmmmmmk =wu j-> h\.u*> w > j -7 6 w 7 Nr. 2S / Jahrgang 49 Pre!« 23 RpL JUDISCHE RUNDSCHAU BERLIN rrsnn tik DIENSTAG, 19.MAERZ 1935 per Zionismus erstrebt für das JOdlsche Volk dl« Schaffung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten Helmstitte In Palästina. (Baseler Programm) gduMtlaltaag.Vaiiaf a.AinalgMvariraltngi BerHaWI 5, ■•lnakMtr. 14 F«i.nil: S.mmel-Nr. J1 Bitmarck 3181/82,7165,70,7M0/42. . Bciiigapreis j« Moni UM 2—, )« Vierteljahr RM 5,75. - PostBcheck - Kontra der Vortriebs-Abteilung. fVrli« 71573 (für GroS- Berlin), Berlin 17392 (für den übrig* Reich). AuelandetetuB in jeweiliger Landeswährung. - Erscheint JsmIm Dlswatag aad Freitag. AnKalfMprelllilte Mr. J KÜlHg. Die 12 crsp. ram-Zeile 20 Rpl, für Stellenge» 10 Rpl, Hir Familiennachrichten 15 Rpl. Einrelanreigen nur gegen Vorauszahlung am Schalter oder »ul Post«check-Konto Berlin 71618 Montag bi» Donnen tag 9-18 Uhr, Freitag 9-16 Uhr. Annahme«chlu8 hir din Dienstag-Ausgabe Montag 10 Uhr, für die Freitag - Auipabe Mittwoch 13 Uhr (FamilienanreigTO bis Donnerstag 10 Uhr) Schöpferische Kräfte Weizmann warnt vor den Gefahren der Prosperität Die bedeutsame Rede, die der frühere Präsident der Jewish Agency, Dr. Chaim Weizmann, auf der Tagung der Organisation fortschrittlicher Allgemeiner Zionisten „Kidmah" in Tel-Awiw gehalten hat (vgl. „Jüd. Rundschau" Nr, 19), Hegt nunmehr im Wortlaut vor. Unter dem Motto „Vereinigung der schöpferischen Kräfte« hat Weizmann u. a. ausgeführt: Meine Vorredner harten meinen Namen besser nicht in Verbindung mit der zukünftigen Exekutive nennen sollen, denn wir sind noch weit vom Kongreß, und ich wünsche n i c h t, daß man mich zu der großen Zahl der Kandidaten für die Leitung rechnet. Wie aber auch die kommende Exekutive zusammengesetzt sein sollte, fest steht, daß sie eine große Verantwortung zu tragen haben wird. Das Volk kommt ins Land mit allen seinen guten und seinen schlechten, mit schöpferischen und unschöpferischen Kräften. Diese gegensätzlichen Kräfte ringen im Jischuw; miteinander. Unser aller Aufgabe ist es, Wege zu suchen, um die schöpferischen Kräfte zu fördern und die unschöpferischen zu hemmen. fch weiß nicht, ob unter uns ein Mensch vorhanden ist,, der diese Aufgabe meistern könnte. Wir müssen von den allgemeinen Lebenserscheinungen in der Welt lernen. Eine Entwicklung sticht in allen Ländern hervor, sowohl in Ländern wie England und Frankreich, die demokratisch, als auch in solchen, die autoritär regiert werden: in diesen wie in jenen ist die ungebundene Freiheit frri Wirtschaftsleben abgeschaf ft. Die neuen Leknsformen, die nach dem Kriege entstanden sind, die neu rervorgebrochenen technischen Kräfte haben die Völker 2u dem gebundenen System im Wirtschaftsleben geführt. Das einzige Land, in dessen Wirtschaftsleben noch völlige Ungebundenheit herrscht, ist Palästina. Alles in den Straßen von Tel-Awiw, Jerusalem und Haifa ist „hefker" (fessellos). Die „Hefker"-Menschen untergraben selbst das Leben, das sie schaffen helfen wollen. Wir besitzen keine staatliche Macht, um solche Kräfte zu hemmen; aber über eine kleine Macht verfügen wir: über unsere nationale Arbeit. An dieser Arbeitsfront haben die jüdischen Arbeiter den größten Anteil, einen weiteren Anteil haben die Kolonisten und alle schöpferischen Kräfte in der Landwirtschaft. Man spricht von der großen Aufnahmefähigkeit in der Industrie; eine Industrie ist aber nur dann dauernd aufnahmefähig, wenn sie mit Planung für die Zukunft, aber nicht nur zur Befriedigung zeitweiliger Bedürfnisse gebaut ist. Wir stehen heute vor einem Niedergang in der Land- Wirtschaft, und wenn die Leitung Aufgaben hat, so hat sie sie vor allem mit Bezug auf die Landwirtschaft, der sich schließlich die tausende Menschen, die nach Palästina kommen, zuwenden werden. Falls Tel-Awiw sich bis Petach Tikwah ausdehnt, wird es notwendig sein, Plantagen niederzureißen; dies wäre vielleicht noch nicht so sehr zu beklagen, wo aber wird man neuen Boden finden, falls die Spekulanten sich der Sache bemächtigen? Aufgabe der neuen Leitung wird es sein, die Kräfte des Keren Hajessod, des Keren Kajemeth und unserer Banken zu konzentrieren. Mit unseren Banken steht es so, daß sie beim nationalen Kapital Hilfe suchen, wenn es ihnen schlecht geht; wenn es ihnen aber gut geht, sagen sie: seht, was wir vollbringen können, wenn wir vom Druck der nationalen Gründungen frei sind. Es kommt noch der Tag, an dem wir für Irrtümer und Fehlgründungen werden bezahlen müssen. Möge dieser Tag s° spät als möglich kommen, wer weiß aber, ob wir nicht für die Verspätung auch Verzugszinsen zahlen werden? In der jetzigen Blüteperiode wird die Verbindung mit dem idealen Oedanken des Zionismus, mit der Chaluziuth, den Idealen der Arbeiter, der Kolonisten aus den einstigen schweren Zeiten, abgerissen. Ich glaube aber, daß sowohl im jischuw, als auch draußen, ein Streben vorhanden ist, den Weg zu ändern. Man muß lernen, sich zu meistern, sowohl in der Blüteperiode a|s auch in der Zeit der Panik. Die Zeit des „leichten Zionismus", da der Jude glaubte, die Regierungen würden uns den „Teller vom Himmel" reichen Ur|(l jeden unserer Wünsche mit einem „bitte schön" beantworten, ist vorbei. Und doch gibt es heute noch einen naiven Zionismus, der diese Phraseologie fortsetzt. Jeder Dunam Boden, den wir erwerben, ist viel wichtiger als eine Petition. Wi war beim Völkerbund und habe mir den Friedhof dieser Portionen angeschen; es ist für sie dort ein besonderes 'immer eingerichtet worden. Ich hoffe, die Tage der Blüte werden nicht vorbeigehen; sollten sie aber zu Ende gehen, so müssen wir Ausdauer «weisen und bleiben, wo wir sind. Wir alle sind Chaluzim müssen den Weg für die Leidenden und Kämpfenden ebnen, müssen Bedingungen schaffen, unter denen der einfache Jude leben kann. Auf diese Frage wird die künftige Leitung eine Antwort geben müssen, wenn sie wirklich die Leitung des jüdischen Volkes wird sein wollen. Palästina bietet das Bild eines Qoldgrubengebietes. Gold gibt es aber nicht, sondern nur „Goldrausch". Wir sind nicht hier, um das Leben in Warschau, Pinsk, London usw. zu kopieren. Zionismus bedeutet Umwertung aller Werte. Wir haben versprochen, in Palästina, frei vom Druck fremder Kulturen, neue Werte zu schaffen. Haben wir sie geschaffen? Wir haben bisher bloß die Gallith ins Palästinensische übersetzt (Targum schel galuth). Pflicht der zionistischen Leitung ist es, an die Stelle der Uebersetzung ein originales schöpferisches Leben zu setzen. Die Aufgabe ist nicht leicht. Geschlechter werden vergehen, bis aus dem „Kibbuz-galujoth" (Diaspora - Gemisch) ein Staatsvolk sich kristallisieren wird. Ich hoffe, daß der Kongreß sich nicht mit Fragen beschäftigen wird, wie: wer wird in die Leitung gehen? Wie viele Genossen der Gruppe a, wie viele der Gruppe b? Wir haben so viele Parteien, wie das Alphabet Buchstaben hat. Der Kongreß aber muß sich mit der Frage von Leben und Würde des jüdischen Volkes in Palästina und in der Golah beschäftigen. Meine Herren, so schloß Dr. Weizmann, wenn wir „Einigung" sagen, so bedeutet dies nicht lediglich Waffenstillstand, sondern Verantwortungsgefühl. Wird dieses Gefühl den künftigen Kongreß beherrschen, so werdet Ihr den Führer finden, der mittels der Kraft, die Ihr ihm verleihen werdet, eine feste Grundlage schafft, auf der das Nationalheim gebaut werden kann. Vebcr den Verlauf der Versammlung ltegt uns noch folgender Bericht unseres Korrespondenten vor: Der Tausende fassende Raum des Beth-Am in Tel-Awiw war bis auf den letzten Platz gefüllt, und Hunderte suchten vergeblich Einlaß vor den Türen, um bei der Eröffnung der ersten Landestagung der „Kidmah", die durch das Auftreten Wcizmanns einen besonderen Anreiz erhielt, dabei zu sein. Aus Tel-Awiw und aus den umliegenden Siedlungen waren die deutschen Zionisten gekommen, zum Teil in dicht gefüllten Sonderomnibussen. Neben ihnen fand sich ein sehr vielgestaltiges Publikum aus allen Parteien und Richtungen. Der Abend brachte eine doppelte Sensation: die erste hatte man erwartet; sie war das Auftreten von Weizmann, das zugleich ein Auftakt für die Kongreßwahlen war, denn der Redner umriß in seinen Ausführungen die sehr umfassenden und schweren Aufgaben der kommenden Exekutive. Er sprach von der Notwendigkeit einer Leitung und Planung des Aufbauwerkes, von einer Stärkung der Kolonisation, von einer Sicherung unserer Positionen, die jetzt durch den wilden Strom der Konjunktur verbreitert und zugleich gefährdet werden. Weizmanns Art, die Dinge in ihren großen Zusammenhängen zu beleuchten, gerade jetzt im Moment der steigenden Prosperitäiswelle zu warnen, zur Rückkehr zu den unveränderten Quellen der Bewegung zu mahnen, verfehlte auch dieses Mal ebenso wie bei seinem früheren Auftreten im Lande nicht seine Wirkung. Das Publikum brachte ihm langanhaltende Ovationen. Die zweite Sensation des Abends — und eine von vielen unerwartete — war das Auftreten führender deutscher Zionisten in hebräischer Sprache vor der großen Oeffentlichkeit. Es war sehr interessant zu beobachten, wie das Publikum, das gewohnt ist, über die mangelnde Sprachkenntnis der deutschen Juden etwas wegwerfend die Achseln zu zucken (auch wenn es selbst gern und häufig polnisch oder jiddisch spricht) nach den ersten Sätzen aufzuhorchen begann. Daß Felix Rosenblüth hebräisch spricht, war bekannt, und nicht umsonst hatte man ihn in ungezählten Versammlungen als Vorsitzenden bewundert. Bei Krojanker, dem ersten Redner des Abends, warteten viele nach den ersten Sätzen auf die übliche Entschuldigung und den Uebcrgang ins Deutsche. Der erfolgte jedoch nicht, sondern über eine Stunde rollte eine durchsichtige und formvollendete hebräische Rede ab, die auch die strengen Hebraisten auf der Bühne und im Saal aufhorchen und immer wieder aufhorchen ließ. Bei Blumenfeld wiederholte sich das gleiche, und als er sich am Schluß wegen seiner noch nicht abgeschliffenen Sprache entschuldigte, unterbrach ihn ein minutenlanger Applaus. Man wird nicht fehlgehen, wenn man diese Versammlung der „Kidmah" schon vom „sprachlichen" Gesichtspunkt aus als ein wichtiges Ereignis für den Jischuw und für die deutschen Einwanderer betrachtet. Auch sonst erwies sich die Zusammenkunft als gelungen. Es zeigt sich, daß sich hier ein politischer Körper zu formen beginnt, der nicht nur vielen der deutschen Einwanderer im Lande eine politische Heimat bieten will, sondern auch eine Tribüne zu schaffen versucht, die jenseits der starr gewordenen Formen der bestehenden Parteien nach neuen Lösungen und Ausdrücken strebt. Die erste Veranstaltung hat gezeigt, daß der Jischuw ein solches Forum zu würdigen weiß. Palästina -Vorträge vor englischen Parlamentariern London, 14. März. (JTA.) Unter dem Vorsitz des Abgeordneten John Buchau fand im Unterhaus eine Versammlung des Pro Palästina-Komitees englischer Parlamentarier statt, an der 50 bis 60 Abgeordnete teilnahmen. Der Präsident der Jewish Agency und der Zionistischen Organisation, Nahum Sokolow, und der Leiter des politischen Dezernats der Agcncy-Exekutivc, Professor Brodetsky, sprachen über die gegenwärtige Lage in Palästina. Nahum Sokolow schilderte seine Beobachtungen während seines letzten Aufenthaltes in Palästina und Eindrücke von der dort vor sich gehenden Entwicklung. Insbesondere wies er auf die auffällige Zunahme der Aufnahmefähigkeit des Landes hin und besprach in diesem Zusammenhang die Not und das Auswanderuugsbedürfnis der Juden in anderen Ländern, die Bedeutung der Einwanderung aus Deutschland im Rahmen de.s ge.-amtcn Aufbaus und die Vorteile, die der arabischen Bevölkerung Palästinas dadurch erwachsen, daß jüdisches Kapital und jüdische Arbeiter ins Land kommen und jüdische Energie sich betätigen kann. Brodetsky unterstrich die bemerkenswerte Ausdehnung der industriellen und landwirtschaftlichen Tätigkeit in Palästina, die durch die Juden herbeigeführt wurde, und betonte die Notwendigkeit besonderen Verständnisses und engerer Zusam ni enarbeit zwischen England und den Juden bei m Aufbauwerk in Palästina. Der Redner wies auf die Bedeutung hin, die Palästina dank seiner geographischen Lage für die Verbindung von Ost und West besitze; es werde eines Tages den Faktor bilden, durch den die eine große Hälfte der Menschheit der anderen nahegebracht Verden würde. Es sprachen noch die Abgeordneten Captain Strickland und Barnett Janncr. Bankett für Col. Wedgwood London, 13. März. (JTA.) Die „United Jewry Fe!- iowship" veranstaltete zu Ehren des Abgeordneten Colonel Josiah Wedgwood ein Bankett, an dem hervorragende Politiker teilnahmen. Colonel Wedgwood hielt eine Ansprache, in der er gegen Englands Passivität angesichts der jüdischen Not protestierte und die Gefangensetzung illegaler Einwanderer in Palästina scharf verurteilte. Lord Melchett sagte voraus, daß Palästina einst innerhalb des britischen Weltreichs eine bedeutende Rolle spielen werde, und betonte die Notwendigkeit, Transjordanien für jüdische Einwanderung zu öffnen. Weitere Ansprachen hielten Lord Strabolghi, der Earl of Winterton, Professor Brodetsky, Winston Churchill, Lord Lloyd, Nahum Sokolow und der Abgeordnete L a n s b u r y. Den Vorsitz führte Rcv. P e r I z w e i g. „Jüdischen Geschäften den Garaus machen" Eine Rede von Staatsrat Grone Das „Berliner Tageblatt" berichtet über eine im Rahmen der Kölner Frühjahrsmesse abgehaltene Kundgebung des Westdeutschen Einzelhandels in Verbindung mit der Reichswirtschaftsgruppe IX Mandel, bei der der Gauleiter Staatsrat Grohe gegen die Warenhäuser und die jüdischen Geschäfte Stellung nahm. Er sagte u. a,, das Warenhaus verkaufe Schumiware zu billigen Preisen, so daß ein großer Teil des Volkes um sein Geld im Warenhaus betrogen werde. Die Warenhäuser seien im allgemeinen) in jüdischen und damit in frcimlrassigen Händen. Es sei ein Verrat an der deutschen Wirtschaft, wenn heute noch Käufe in einem Warenhaus gemacht würden. Es seien leider noch weite Kreise in der Wirtschaft, die nicht die moralische Verpflichtung fühlten, das vom deutschen Staat ihnen gezahlte Geld zu deutschen Volksgenossen zu tragen. Man müsse endlich ernst damit machen, jeden Einkauf bei Juden abzulehnen. Dies wolle man nicht nur für den Einzelhandel, sondern auch für alle Kreise des deutschen Volkes durchgeführt wissen. Es sei ebensogut Aufgabe des Mittelstandes wie der Behörden, den jüdischen Unternehmungen so schnell wie möglich den Garaus zu machen, indem man keinen Einkaut mehr bei Juden vornehme. Je schroffer und entscheidender jedes Fremdrassige abgelehnt werde, um so stolzer werde einst die Geschichte über die < heutige Zeit berichten. —i '* Wie die „Pommersche Zeitung" in Stettin be« richtet, fand in Stettin der Landcsbatierntag Pommerns statt. In seiner Ansprache sagte Landcsbauernführcr Bloedorn: „1)cr Jude, der ewijt Feind des arischen Menschen, i,t immer da, und er wird immer versuchen, sieh auf irgendeine Art und Wei-.e die Macht anzueignen. Wir haben dafür zu sorgen, daß die Juden nicht unterstützt werden. Wenn sie dann ohne Arbeit kein (leid verdienen, dann gehen sie von selbst aus Deutschland. Wir müssen uns von dem Gedanken frei machen, daü es anständige Juden gibt. Es gibt keine anständigen Juden." Dieses Programm können w i r nicht als Lösung der Judenfrage anerkennen. Die Frage ist zu ernst und kompliziert, als daß man sich mit so einfachen Formeln begnügen könnte. •{fr fi.|!- <*r lataMU srnm