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Jüdische Rundschau · 1935-03-12 · Heft 21 (12.3.1935) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 21 (12.3.1935)
Date
1935-03-12
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 21, 12. III. 1935 JODIS-CHi tUNDSCHAÖ Seit« 7 Wie gestalte Ich den ichabbat? Für Schabbat, 16. Mirz Wochenabachnltt „WaJIkra" (III, B. M. 1,1 — 5,26). I. Der wichtigste deutsch geschriebene Kommentar zum 3. B. M. ist: „Das Buch Leviticus" von Prof. Dr. D. Hoffmann, Berlin 1905. Von besonderer Bedeutung ist die Einleitung, die sich mit der Theorie der Bibelkritik vom konservativen Standpunkt aus auseinandersetzt. Eine Behandlung dieser Frage empfiehlt sich jedoch nur für Aelterc. Mit Jüngeren spreche man über den Sinn des Opfers. S. R. Hirsch bringt zu unserem Wochenabschnitt hier viel Wichtiges. Man weise auch hin auf die Theorie des Maimonities, der in der Opfergesetzgebungeine Konzcssion an die damalige an das Heidentum assimilierte Judenheit sieht. Ein Grundgedanke des Opfers, daß nämlich derjenige der das Opfer bringt, sich vor Augen führen soll, daß all das, was mit dem Opfertiere geschieht, mit ihm selbst hätte fcschchen sollen, hat sich bis in unsere Zeit hinein erhalten, r kommt zum Ausdruck in dem Brauch des „Kaporesschlagen" am Rüsftag des Jörn Kippur. II. Dieser Schabbat führt den Namen „Schabbat Sachor". Neben dem Wochenabschnitt wird aus dem V. B. M, 25, 17—19 vorgelesen, ein Abschnitt, der mit dem Worte „Sachor" beginnt und das Gebot enthält, nicht zu vergessen, was Amalek uns angetan hat. Da Haman ein Nachkomme Amaleks war, liest man diese Verse am Schabbat vor Purim. Welches ist der Sinn dieses Gebotes? — Man lese in diesem Zusammenhang einen Artikel von Ernst Simon in der Festgabe für Martin Buber: „Aus unbekannten Schriften", der überschrieben "ist: Eine rabbinische Vorschrift. Der dort geäußerte Grundgedanke gibt vielleicht eine Antwort auf unsere Frage. III. Einen Plan für die Behandlung von Purim in Heimabenden hat B. S. Jacobson, Hamburg, für die Hanhala des Zeirc Misrachi zusammengestellt. Er enthält eine Fülle fruchtbarer Anregungen und viel Quellenmatcrial in deutscher Sprache. Zu beziehen ist er von der Hanhala des Zeire Misrachi, Hamburg 13, Grindelhof 66. Er enthält viel Stoff, der sich für einen „Purim-Oneg-Schabbat" gut eignet IV. Als Haflara wird I. Samuel 15, 1—34 gelesen. Der dort erwähnte Aggag war ein Vorfahre Hamans. Aber auch ein innerer Zusammenhang ist festzustellen. E. Psalm 50 Geschieht« der jüdischen Menschen Herodes Methode der Darstellung: Ihr müßt die Zeit bis mr Einmischung der Römer in den jüdischen Bruderstreit schildern. Alle jüdischen Geschichten und Lehrbücher helfen euch dabei. Die Zustande in dem römischen Judäa erfährt ihr am besten in den jüdischen Altertümern von Flavius Josephus. Habt keine Furcht, daß es langweilig ist, aus diesem Buch vorzulesen. Viele Stellen sind auch für Jüngere sehr interessant. Besonders die Teile über Herodes müßt ihr auswahlsweise vorlesen. — An Bildern, die man vielleicht zdßen'könnte, gibt es Abbildungen von Münzen, das Herodestor in Jerusalem, die Herodestempcl und -paläste in Cäsarea. Schildert das Glanzvolle dieser Gestalt, den Sinn für die große Architektur, für große Plätze, Tempel — kurz für alles Römische. Jerusalem ist damals Klein-Rom, wie Leipzig einst ein „Klein - Paris" war. Aber der Olanz vermag nicht das Morsche und Gemeine zu verdecken, das die Ocstalt und die Epoche hat. Aber eine große Gestalt ist er doch — wie wäre es, wenn jemand von euch den Versuch macht, einen „Herodesroman" zu schreiben? In dem großen jüdischen Drama, das um den Namen des Königs Herodes spielt, haben folgende Personen ihre Rollen: Antipater, der Vater Herodes, welcher durch geschickte Politik den großen Casar für sich gewann und von ihm zum Herrscher über Judäa gemacht wurde. Er ist ein geschickter, verschlagener Mann, der kein Mittel scheut, um für sich und seine Familie Macht zu bekommen. Antigonus, der letzte Hasmonäer, der immer wieder versucht, den rechtmäßigen Thron für sich in Anspruch zu nehmen. — Alexandra, Mutter der Mariamne, eine kluge, ehrgeizige Frau, die immer wieder — durch Verhandlungen und Bestechungen — für die Rechtmäßigkeit <lcr Hasmonäer und gegien den Usurpator Herodes auftritt. — Mitspieler sind zugleich Pom peius, Cäsar, Antonius und Oktav ian, die alle vier im Hintergrund oder auf der Szene selbst erscheinen. Herodes, Sohn des Idumä'ers Antipater, von seinem Vater zum Herrscher und Verwalter über Galiläa gemacht, beginnt seine Laufbahn damit, daß er einige jüdische Patrioten, die gegen die unwürdigen Zustände im Lande rebellieren, als Räuber hinrichten läßt. Vor dem Tribunal, vor welches er geladen wird, erscheint er, der des Mordes Angeklagte, in der Toga des Siegers. Damals beginnt das Volk, ihn zu hassen und zu verachten. Er flieht nach Damaskus, wo er zum Freund der Römer bald zum Statthalter von Samarien und Cölesyrien ernannt wird. Damals lebte noch Cäsar. Heroties war also ein großer Anhänger des großen Mannes. Als Cäsar ermordet wird, schlägt fr sich natürlich auf die Seite der Mörder. Antonius ernennt ihn zum Statthalter von Judäa. Aber in Jerusalem sitzt Antigonus, der letzte Hasmonäer auf dem Throne seiner Väter. Herodes flieht nach Rom. Hier gibt es ein großes Ereignis. (Lest es aus dem Flavius Josephus vor. Diese Szene charakterisiert den ganzen Mann.) Herodes wird vom römischen Senat zum König von Juda proklamiert. Was tut er? Er geht in einen römischen Tempel und opfert dem Gotteü (Begreift die Ironie der Geschichte: der König von Juda opfert dem römischen Gottel!) Er geht zurück. Zwei Jahre kämpft er gegen Antigonus. Dann erobert er Jerusalem und Antigonus wird hingerichtet. Nun ist Herodes Herrscher. Er regiert mit Grausamkeit und Härte, und das Volk haßt ihn. Ihn aber geht das Volk nichts an. Er schielt nach Rom. Je mehr Geld er dem Volk abnimmt, um so mehr geht nach Rom. Als Belohnung erhält er neue Gebiete von Oktavian, der auf Antonias folgte. Von nun an ist das Reich des Herodes groß, und nach außen bleibt es ruhig und friedlich. Aber im Innern herrscht der Despotismus. Herodes konnte sich auf keine der jüdischen Gruppen stützen, denn die Juden sahen in Ihm den Fremden, den Halbjuden, und niemand liebte ihn. Er selbst war unsicher und lebte in der ständigen Furcht, daß die Hasmonäer den Thron erobern würden. So ließ er die überlebenden Mitglieder der Familie der Hasmonäer hinrichten oder ermorden. Sein Schwager, seine Frau, Mariamne und schließlich auch Alexandra starben, ja er scheute nicht davor zurück, seine eigenen Kinder ermorden zu lassen. Er war ein unsicherer und bei aller Grausamkeit innerlich schwacher Mensch. Die beherrschende Macht seines Lebens und seines Handelns war Rom. Um Rom und römischem Geschmack zu gefallen, baute er Paläste, Theater, Tempel und dvn Hafen, welchen er Caesarea nannte. Je mehr er glänzte, je großartiger die Städte und der Prunk wurden, um so ärmer wurde das Volk und um so mehr haßte es den Idumäer. Um die Juden zu gewinnen, ließ er den Tempel umbauen und in aller Pracht wiederherstellen. Aber an der Pforte des Tempels prangte ein römischer Adler, ein Symbol für den ganzen Herodes. In ienen Tagen, als an der Tempelpforte der goldene Römeradler prangte, wurde Herodes krank. Während dieser Zeit brach der Sturm gegen ihn los. Zwei junge Pharisäer zertrümmerten des Nachts den Adler. Sie wurden vor Herodes geführt und qualvoll zu Tode femartert. Die einzige Vertraute des Herodes war in diesen agen, da er seine Ohnmacht spürte, seine Schwester Salome. Kurze Zeit darauf starb Herodes. Das Volk begrub einen Fremden. _ Joachim Prinz Unbeschäftigte Lehrkräfte. Die Schulahtcilung der Reichsvertretung der deutschen Juden, Charlottenburg 2, Kantstraße 158, hat in den letzten Wochen sämtlichen ihr als unbeschäftigt gemeldeten Lehrkräften einen Fragebogen zugeschickt. Eine Anzahl der Bogen kam als unbestellbar zurück. Die Schulabteilung bittet daher alle unbeschäftigten bzw. nur in geringem Umfang beschäftigten Lehrkräfte, die von der Umfrage nicht erreicht wurden, um möglichst umgehende Mitteilung ihrer Adresse. Juden und Jüdisches im Rundfunk Dfenttag, 12. Mini Uniti-luva (299). 21: Aus dem Leben der Juden des Ostens, mit heljra Lehen und jiddischen Liedern, gesungen von J. Srgal-Roscnliaeli: (ielbart; Der ächtwuler; Volkslied: Jonteldigc Tejg; A Mjinei'l (.-ha». Ti-rh!ie%l, i»l<l. «ml hehr.); Jassinowski: Mirella» Kohanini; (iozinski: Jismach Mojsche; Fröhliches Smiroih-I.icd (Tischlied); Volkslied; Klijahu lumawi; Volkslied: < iut W'oeli - ll.unawdil (hebräisch und jiddisch). Mittwoch, 13. März: Kattowiiz (390), 18: S.liallp!. von Jo.eph .Schmidt. — l'.i-te l'arisien (313), 19.40: Sendung der „Vois d'Lracl''. Donnerstag, 14. MXrzt Itraii-l.iva (299). 19.50: Vortrag iilwr Minderheiten. — 1 .;ixoiii!>.i:t; fl3(M), 20.20: ( >rchc~t.rkonz. rl. lt. ,1. Zigeuncrmursch von (ioldntark. — Rom (421), 20.45: Kontert, Ii. a. Sinfonie Nr. 3 L dut von Mo^ikow.ski. — London Regional (342), 21: Oratorieninu-.ik von Mi ndcLsühn. Freitag, 15. Mari: Pari, (1648). 12.45: Sendung der „Yoix d'Lrael". — Wien (507), 10.10: K.-Iiallpl., u.a. Wrurh! Kol Nidre. — Kojenhagett (1261), 17.45: DäuLehcr Vortrag ülxir Heinrich Meine. — Luxemburg (1304). 20.20: Seliallpl., u.a. ,,Kin Soinniernachistraum" von MendoLsohn-Hanlioldy, gesp, vom l'liilbaiin. Orehc-tcr von New York unter Leitung von Arnim Tose .mini. Slawisch« Tanz von A. llvorak. ge-pii lt von!«ai IMiroWen: 21.20; Konirrt, U. a. ZifjetincrwcLc, ge-pielt von Lminamicl Fcticrniann. -- Schweden (1389), 22: Konzerl. u.a. Otivcrliire von < ioldtn.iil.. Sonntag, 17. Märzi ISrunn (325), 17.30: Hebräische Lieder, gesungen von J. Segal-Kogenbach: Heimcl: „Krew Sohabbat" von Th. Zloeisti: Kugel: Tawas s'hawi von Ch. \. Ilialik; Achron: Flui ba-chdejru von Ahr. heu Jizchak; Kngel: Omrim jeschna erez von Tsehernichowski; Jaiim halejlot biknaan (paläst. Volkslied)! Zirmu galim (paläst. Volkslied); Pakad adonai (neupaliist. Lied); lad hamiga von Schneur; N'atati cjts h'tci awiw von KanisonJ llawii lewejnim (paläst. Lied). TRAUM im ABGRUND Von Jizchak Toral (Schluß) Die Sterne über ihm sind verblaßt, der Himmel lichtet sich. Eine Amsel beginnt zu singen. Mit kurzem, verschlafenem Zwitschern bereitet sie sich vor. Bald schmettert sie ein andächtiges, inbrünstiges Morgenlied zum Himmel. Der Mann fühlt sich so klein vor diesem Vogel, der Gott so voll unerschöpflicher Freude dient. Wie ist es zu verstehen? Oft nach großen Erfolgen, wichtigen Abschlüssen, nach Erweiterung seines Betriebes hatte ihn eine schale Müdigkeit erfüllt, eine zerreißende Sehnsucfft nach einer Substanz, nach etwas Wirklichem, Echtem; oft schien's der Tod zu sein, von dem man nichts weiß als dies: daß er den Schein endet. Jetzt aber — wo der Tod wohl hinter dem Felsen lauert unef wartet, bis er sich ergeben wird, jetzt ist ihm diese Amsel, der schon eine zweite und dritte antwortet, die Verkörperung des Lebens geworden, und er liebt sie mit einer Liebe, die ihm die Adein verbrennen will. Diese Liebe reißt ihn auf, reißt ihn über sich selbst hinaus, schleudert sein Innerstes, das festgefroren und erstarrt gewesen war, wie flüssige Lava empor, daß es eingehe in die Natur, in den Oesang dieses Vogels, in das Unendliche. Ein altes, altes Gebet vermischt sich diesem Zwitschern. Schluchzend stammelt es sein Mund: „Sch'ma lisroel — Adonaj Elohenu." Seine Stimme wird brüchig. Seine Hände, die sich heben, beten für seine Zunge, die versagt. Sie zittern, wie er sie verschlungen nach oben reckt. Flüsternd ringt er sich das Wort ab — Adonaj — — — und ruft laut — aus voller Brust: „Ecliod! Echod!" Das Wort dröhnt In seiner Stirn, springt von Stein zu Stein, ein Felsblock wirft *s dem anderen zu. „Echod", ruft der Berg zum See. Voll ist die ganze Erde Seiner Herrlichkeit! Während alle Vögel es singen, und der Morgenwind es flüsternd wiederholt, weint Heffter. Weint, wie ein Mensch nur weinen kann, wenn schwere Verhängnisse ihn anrühren, ihn wecken, ihn wandeln. Er ist ein Kind geworden — er, der Unkindlichste, ein Kind, das sich an die Erde schmiegt und seine Qual in ihrem mütterlichen Schoß ablädt. Und so — erschöpft, ermüdet bis zum Tode, schläft er ein. Etwas widerlich Kaltes an seinem Körper weckt ihn. Kriechend bewegt sich Feuchtigkeit über seinen Handrücken. Die Hand fährt hoch und schüttelt dabei eine kleine Natter •1h, die schnell verschwindet. Schauder, Schrecken und Empörung entreißen ihm einen Schrei. Ist sein gepflegter, täglich gebadeter, täglich massierter Leib liier nichts weiter als ein Hindernis für ein scheußliches Reptil, das über ihn hinwegkriccht — ohne ihn zu verwunden? „Meßner" ..... ruft er unbewußt, „Meßncr!" Weil der doch für alles verantwortlich ist. Sogleich friert ihn vor Scham. Was hilft mir hier der nerrische Ruf? Die Natur fürchtet mich nicht, denkt er und «ühlt sich klein und gedemütigt. Aber — was ist das? „Hallo, HalloI" tönt's, Aeste Knacken, Hunde bellen. Stimmen hängen in der Luft. „Rufen Sie noch mal! Herr Heffter! Laut!" Das ist des Treuen Stimme. „Meßner!" ruft der Chef, *o laut er kann, und nochmals: „Meßner", soweit die Kraft «icht. Dann schluchzt er auf, zittert am ganzen Körper. Die Stimmen kommen näher. Ein Gesicht beugt sich Über «en Felsen, wendet sich zurück und ruft: „Hierher!" Zwei Hunde stürmen herbei, schon ist die ganze Schlucht voller Menschen. Aber Heffter wundert sich kaum darüber. Er sieht nur eines: Das Gesicht Meßners, seines Chauffeurs, dieser gefügigen, gut geölten Menschenmaschine, die immer lu funktionieren hafte. Was war mit diesem Qesicht? Er kennt es seit sechzehn Jahren. Es ist ihm vertraut, genau wie das Summen der Motore. Die hatte er abstellen lassen nach Lust und Bedarf. Und ebenso war dieses Gesicht aufgetaucht und entschwunden - nach seinem Willen und Wunsch. Und nun? Was ist mit diesem Gesicht? Seine Augen können es nicht fassen. Da ist etwas Neues, das ihm fremd, das ihm nicht Untertan ist. Nun ist es aus seinem Blickfeld verschwunden, liegt auf seiner Hand. Die. fühlt sich überströmt von Tränen, von warmen, fließenden, wie er selbst sie hier vor kurzem geweint. Und er fühlt einen Mund auf seiner Hand. Das also war es? Liebe hatte dies Gesicht gewandelt?^ Liebe, die sich verantwortlich fühlt. Liebe war das — tiefste, menschliche Liebe? Weohawto eth Adonaj Elohecho — spricht es in ihm: Du sollst lieben deinen Oott, und jeden Menschen, in dem ER wohnt. Lebt nicht in einem Jeden ein Funke von IHM, der wert ist einer Liebe, bekol nafschecho, bekol meodecho? In sein erschüttertes Staunen dringt ein rasender Schmerz. Man hatte versucht, ihn aufzuheben. Er schreit auf — und einem Echo gleich hallt sein Schrei aus Meßners Mund zurück. „Vorsicht! Halt!" ruft eine fremde Stimme. „Erst eine Spritze, sonst können wir ihn nkht transportieren." Im Krankenhaus nach der Operation, als er aus der Narkose erwacht die Augen aufgeschlagen hatte, war Meßner der erste Mensch gewesen, den er erblickt hatte. Der hatte in der Ecke gesessen, zusammengedrückt und grau im Gesicht. Seine Frau, die dann mit der Tochter die langen Wochen hindurch ihn unermüdlich gepflegt hatte (die Heilung war schwer und langsam vonstatten gegangen), fühlte, nachdem sie den ersten Cnock überwunden, ein stilles Glück, ihn endlich einmal allein zu haben, ihn liefen und umsorgen zu dürfen, ihm endlich ihre große Liebe, an der er so oft zugeschlossen und hart vorbeigesehen und vorbeigelebt hatte, ganz zeigen zu dürfen. Sie hatte sich vorgenommen, all seine Launen und all seine herrische Ungeduld liebend zu ertragen. Aber er schien sich seinerseits ein Gelübbde abgenommen zu haben, denn seine Ausbrüche blieben fort. Sic spürte die Mühe, die er sich gab. Sie sah sein Gesicht im Zorn anlaufen, wenn die Schwester einen ungeschickten Griff tat, der ihm Schmerzen bereitete. Sie sah die Ader auf seiner Stirn anschwellen, wenn er losbrechen wollte — und erlebte mit Dankbarkeit und Rührung, wie er alles hintinferkämpfte. Mehrmals schien es ihr, als wolle er zu ihr sprechen ~ etwas Wichtiges, dünkte es sie. Er nahm ihre Hand oder sprach ihren Namen - - begann einen Satz. — schluckte, schüttelte den Kopf und schwkg — wie stets. Oder war es ein anderes Schweigen? Wieder liegen Bücher um ihn, au; (Jen Tischen des Krankenzimmers, auf dem Bett. Er hat sie kommen lassen: Hefte, Broschüren und edel gebundene Bücher in allen Größen. In den Stunden, da er sich besser fühlt, liest er; oder die Frau liest ihm vor — viel aus der Bibel, mehr noch aus den Heften und Bänden, die die Judenfrage behandeln. Es strengt ihn nicht an — wie er versichert — er muß lesen — er muß, auch des Nachts. Tore hin sich ihm auf. Das Lächeln, das manchmal sein Antlitz erhellt, zeigt einen versonnenen, milden, schwebenden Ernst. Als dann, in der zehnten Woche, die Heimreise vonsfatten gehen konnte, erlebten Mutter und Tochter einen seltsamen und in seiner Unerwartetheit ergreifenden Vorgang. Als nämlich in Airolo der Zug in das Oottharddunkcl einfuhr, legte Heffter beide Hände vors Gesicht und die zwanzig Minuten hindurch, die er sich von der Dunkelheit verborgen glaubte, sahen die Frauen im Dämmerschein der verhüllten Campe, wie die Schultern des Mannes im Schluchsee bebten, Die SorBie in Odtchenen beschien dann eine kleine, in die Ecke gedrückte Gestalt, die sich schlafend stellte, über deren Wangen noch langsam zwei Tränen rollten, die fortzuwischen man sich schämte. Die Frau hatte endlich gewagt, seine Hand in die ihren zu nehmen und ihm zuzuflüstern: „Wollen wir hoffen, daß diese Dunkelheit, der wir entronnen sind, für lange die letzte war." Sein tiefernster Biick, der ihr antwortet, sein stummes Nicken des Kopfes zeigen ihr, wie er sie verstanden und wie er ihr dankt. Und endlich redet er, während sie kaum zu atmen wagt ob dieses Geschehens. Auf einen Blick von ihr verläßt Agathe das Kupee. Und er spricht zu seinem Weibe von seiner Unrast, von seinem Suchen, das nie zur Ruhe kam, von dem Brand seines Herzens, vom Irren durch Kulturen, vom Suchen in Dokumenten der Völker. „Nie war ich daheim — selbst dann nicht, wenn ich kurze Augenblicke glücklich war, wenn ich Schönheit fand und sie genoß. Etwas jagte mich, jagte mich weiter ...... erbarmungslos. Und dann lag ich da oben in der Einsamkeit, gebrochen, verloren und — — träumte. Nie hab ich früher geträumt. Mein Schlaf mußte kurz, tief und traumlos sein, um mich zu stärken für meine Arbeit. Alles war eingeteilt, streng und sachlich — du weißt es ja." Sie nickt nur, während er ohne Pause fortführt: „Diese Träume haften ihren Sinn - glaub mir sie hatten die Aufgabe, längst Verschüttetes emporzuheben, mich aufzurütteln, umzupflügen. Wenn ich das nicht verstanden hätte, wäre ich die Katastrophe nicht wert gewesen. — Oh! ich hab verstanden ich hab." Tief hebt sich seine Brust. „Weißt du", sagte er - nah an ihrem Ohr — „im Krankenhaus, die langen Wochen, da ist mir noch vieles klar geworden. Schuppen sind mir von den Augen gefallen. Schuppen? Eisenpanzer! Wo hab ich gesucht? Wofür hab ich geschafft, gedacht, gelebt? Wohin hab icli dich und die Kinder geführt.'' Wo sind sie daheim? Was wissen sie von ihren jüdischen Quellen? Falsche Reiser haben wir auf sie gepfropft. ,Halb' sind sie aufgewachsen mit einem Fuß hier — mit einem Fuß da. Nirgends daheim, nirgends sicher! Wie viele Sprachlehrer und Hauslehrer haben sie gehabt? Aber die Sprache der Bibel kennen sie nicht. Alles war falsch — alles war falsch!" Schwer hebt sich seine Brust. „Es ist nie zu spät." Weich sagt es die Frau. „W'ie du entscheidest, wohin du gehst - wir sind bei dir." Er sieht sie an, nickt und atmet tief. „Sag mir", fragt er, und ist schon wieder weit weg, „wie ist das möglich gewesen, dieser Irrweg? Es heißt irgendwo im Talmud — einst hörte ich es den Großvater sagen: ,Gott offenbart sich einem Jeden nach der Größe seines Verstandes.' Mein Gehirn ist trainiert und nicht eben faul. Man lobt allerorts meinen klaren Kopf, meinen scharfen Verstand. Was hat ihn nur so verblendet? Wer hat ihn mir so verhängt?" „Vielleicht hattest du nicht Ruhe genug" — sagte die Frauenstimme — „und" — ein Zögern folgt — „nicht Mut genug." Heffter fährt herum und starrt sie an. Ihr Gesicht leuchtet sanft im Dämmer des Abteils. Der Abend senkt sich draußen über die Welt. „Ich bitte dich - was sagtest du soeben? Ich bitte dich!" Er fragt es — forschend — dringlich — und während sie zu mildern bemüht ist — nickt er mehrmals, bevor er sagt: „Das war das rechte Wort: Der Mut hat mir gefehlt. — Ich bin ausgewichen — geflohen bin ich vor dem Einen in das Viele. Aber — das liegt hinter mir." Wieder atmet er sehr tief. Die Frau ist besorgt ob seiner Erregung. „Jetzt kommen wir heim — und dann wird alles so werden, wie du es willst," Alltäglich und beruhigend sollen die Worte klingen. „Wir kommen heim." Er sagt es bedeutungsvoll — steht auf und nimmt ihre Hände. „Wir gehen heim heim — in unser Land! Heim! -- Zum watiren Ursprung."---- Ein Leuchten liegt auf ihm, denn — so heißt es — dl« Majettit des Allmächtigen ruht auf jeglichem Anfang. . I L

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