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Jüdische Rundschau · 1935-03-01 · Heft 18 (1.3.1935) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 18 (1.3.1935)
Date
1935-03-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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^■iPBff^ 7 # f 6 x ■K Nr. Jahrgang 40 Preis 25 Rpf, JODISCHE RUNDSCHAU fchrU tleltang.Verlag a. Anialganvarwaltnng i Berlin W1S, Malnekaatr.lO Femrul: Sammei-Nr. 11 Bismarck 3181/82,7165/70,7240/42. - Bezugspreis je Monat RM 2,-. )• Vierteljahr RM 5,75. - Postscheck-Konten dar Vertrieb« - Abteilung: Berlin 71573 (lür GroK-Berlin), Berlin 17392 (für du übrige Reich). Auslandsbenx i» jeweiliger Landecvibranc. - Erscheint jeden Dienstag and Freitag. BERLIN rrsnn '« vo FREITAG, l.MAERZ 1935 AnialgenpreUUsta Nr. I gültig. Die I2geap. mm-Zelle 20 Rpf, für Stellenge» 10 Rpf, für Familiennachrichten 15 Rpf. Eiruelanreigen nur gegen Vorauszahlung am Schalter oder auf Postscheck-Konto Berlin 71618 Montag bis Donnerstag 9-18 Uhr. Freitag 9-16 Uhr. AnnahmeschluE für die Dienstag-Ausgabe Montag 10 Uhr, hu di« Freitag-Ausgabe Mittwoch 13 Uhr (Familienanzeigen bis Donnentag 10 Uhr) per Zionismus erstrebt fOr da« IDdlsche Volk die Schaltung einer öffentlich - rechtlich gesicherten Helmstatte In Palästina. (Baseler Programm) Rpi langaeij ung ata 8 Uhr, Jhr, fes OUhr, Tim) ••Wirtschaftliche Gleichberechtigung" Zur Rede des Staatskommissars Dr. Lippert Im Hotel Adlon In Berlin fand am 2ö. Februar eine Zusammenkunft der Mitglieder und Freunde der amerikanischen Handelskammer in Berlin statt, die ihre besondere Bedeutung durch die Anwesenheit des Staatskommissars der Hauptstadt Berlin, Dr. Lippert, erhielt. Dr. Lippert hielt hei dieser Gelegenheit eine Rede über die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Amerika und kam dabei auch auf die Lage der Juden in Deutschland zu sprechen. Dr. Lippert betonte zunächst die Bedeutung Berlins als Ausfuhrzentrum und erklärte, daß die Berliner Exporteure auch im neuen Deutschland in der Lage sind, das beste Fundament für die Verbindung mit der Gesamtwirtscliaft des Erdballs abzugeben. Er fuhr dann fort: „Wenn trotzdem diese ehemals so fruchtbaren Wechselbeziehungen des deutschen Exports von Fertigwaren nach den englischsprechenden Ländern, zumal nach, den^ Vereinigten Staaten von Nordamerika in den letzten zwei Jahren eine gewisse Einbuße erfahren haben, so liegt dies in der Hauptsache an den besonderen Schwierigkeiten, die die sogenannte jüdische Boykottbewegung in dem New-Yorker Welthandelszentrum hervorgerufen hat. Es ist nicht meine Aufgabe und auch nicht meine Absicht, in die tieferen Gründe dieser Boykottbewegung hineinzusteigen und gegen sie zu polemisieren, wohl aber halte ich mich für verpflichtet, hier von dieser Stelle aus darauf aufmerksam zu machen, daß dieser Boykott vo n völlig falschen Voraussetzungen ausgeht^ts wird behauptet und uns der Vorwurf gemacht, daß wir die wirtschaftliche Existenzmöglichkeit der Juden in Deutschland vernichtet hätten und, wo dies noch nicht geschehen und gelungen sei, eine solche restlose Vernichtung anstrebten. Sie, meine Herren, die Sie Gelegenheit haben, sich unbeeinflußt in Deutschland umzusehen, haben die Möglichkeit, demgegenüber aufklärend zu wirken. Denn jeder, auch der unbeteiligte Besucher unseres Vaterlandes und vor allem der Besucher Berlins, hat Gelegenheit, sich durch Tatsachen zu überzeugen, daß den Juden in Deutschland wirtschaftlich nichts geschehen ist. Keine einzige Enteignung oder Zerschlagung eines sogenannten jüdischen Betriebes ist vorgenommen worden. Wenn ein Jude dem Staate bewiesen hat, daß er bereit ist, alle ihm auferlegten Pflichten im Interesse der Allgemeinheit zu erfüllen, die auch jeder andere Einwohner unseres Vaterlandes erfüllen muß, so ist er in wirtschaftlicher Hinsicht gleichberechtigt. Wogegen sich der nationalsozialistische Staat hat wenden müssen, ist der Umstand, daß gewisse jüdische Elemente nicht nur eine wirtschaftliche Bevorrechtigung entweder anstrebten oder tatsächlich schon errungen hatten, sondern außerdem auf politischem und kulturellem Gebiete einen Einfluß ausübten, der unerträglich war.lSich hiergegen zur Wehr zu setzen, war nicht nur das "Recht, sondern die Pflicht der Führung des deutschen Volkes, was aber die wirtschaftliche Existenz der jüdischen Minderheit in Deutschland Rar nicht zu berühren brauchte, sofern die Glieder dieser Minderheit den ernsten Willen bekundeten, gewisse kulturpolitische Notwendigkeiten einzusehen und eine entsprechende Verantwortlichkeit zur Schau zu tragen. Wir wissen genau, daß es auch nur eine kleine Minderheit ist, die in Amerika versucht, den Boykott gegen die Einfuhr deutscher Waren aufrechtzuerhalten, und dies, obwohl ein solcher Boykott im Widerspruch zu allen amerikanischen Interessen steht." Nach einigen mit Zahlen belegten Darlegungen über den deutsch-amerikanischen Handel, insbesondere den Baumwoll- «andcl, schloß der Redner mit folgenden Worten: „Wir Deutschen würden nicht nur nach wie vor gern amerikanische Erzeugnisse im gleichen Umfange wie früher kaufen, wenn man uns Gelegenheit geben würde, sie mit deutscher Ware zu bezahlen, was jetzt leider nicht im erwünschten Maße möglich ist, weil sich gewisse Folgen der Boykottbewegung bemerkbar machen, sondern wir wären auch glücklich, wenn wir über das rein Geschäftliche hinaus das alte geistige und kulturelle Band, das Deutschland mit Nordamerika verknüpft, wieder neu festigen könnten. Bekanntermaßen kann man nur mit guten freunden gute Geschäfte machen, mit schlechten Freunden dagegen immer nur schlechte." Diese Kundgebung eines hohen staatliehen Funktionärs 184 für uns deutsche Juden von größtem Inter- *js 5 e und, man darf wohl auch sagen, von weittragender Bedeutung. Was die antideutsche Boykottbewegung jn Amerika betrifft, so haben wir an dieser Stel J'cbercinstimmung °"Wen des so haften wir an dieser stelle — in mit allen maßgebenden Instanzen und deutschen Judentums — häufig genug ausgesprochen, daß wir diese Bewegung für unnütz und schädlich halten. Mehrfach ist in Reden und in der Presse darauf hingewiesen worden, daß der antideutsche Boykott nur eine sehr unbeträchtliche Schädigung der deutschen Wirtschaft bedeutet, da andere Faktoren (Dollar- und Pfundabwertung, Kontingentsystem usw.) weit schwerwiegender sind. Wie dem auch sei, wir deutschen Juden wünschen nicht, daß Deutschlands Handel und Wirtschaft Schaden erleidet, da wir wie alle deutschen Staatsangehörigen am Aufstieg und Wohlstand Deutschlands interessiert sind. Darüber hinaus aber stehen viele Juden selbst aktiv im deutschen Wirtschaftsleben und haben unter dem vermeintlich (nach Meinung der Initiatoren) zum Nutzen der deutschen Juden durchgeführten Boykott mitzuleiden. Es ist vorgekommen, daß jüdische Firmen des Auslandes an jüdische Firmen in Deutschland geschrieben haben, sie lehnen es ab, deutsche Waren zu kaufen —, ein Paradox, wie es grotesker gar nicht gedacht werden kann. Wir sind auch der, Meinung, daß jeder Boykott, gegen wen immer er sich richtet, verfehlt ist, und daß geistige Kämpfe durch andere Methoden ausgetragen werden müssen. Was aber unsere Position bei allen Versuchen, dem antideutschen Boykott Einhalt zu tun, so überaus schwächt, ist der Standpunkt der ausländischen jüdischen Kreise, die keineswegs lediglich aus Besorgnis um die wirtschaftliche Position der deutschen Juden den Boykott propagieren, sondern erklären, aus Ehrgefühl keine geschäftliche Verbindung mit Kreisen zu wünschen, die das Judentum als solches (als Rasse und Religion) herabsetzen, womit nicht nur die deutschen Juden, sondern a l I e Juden, die dieser Rasse und Religion angehören, getroffen sind. Man weiß nicht überall, daß es nur Einzelne in Deutschland sind, die z.B. die Ritualmord-Besehuldigung und andere Beleidigungen des Judentums verbreiten, wie es in manchen deutschen Zeitschriften dauernd geschieht. Demgegenüber ist es daher wichtig, die von amtlichen Stellen, insbesondere vom Leiter des Rassenamtes, mehrmals gegebenen Erklärungen, daß die amtliche Rassentheorie keine Diffamierung von Rassen, also auch der Juden, beinhalte, zur Geltung zu bringen. Die Erklärung Dr. Lippefts ist für uns deutsche Juden insbesondere darum von Wichtigkeit, weil hier klar ausgesprochen wird, daß jeder Jude, der seine Pflichten im Interesse der Allgemeinheit innerhalb des Staates so wie jeder andere Staatsangehörige erfüllt, in wirtschaftlicher Hinsicht gleichberechtigt ist. Diese Erklärung, die man in Anbetracht der hohen Stellung, die der Redner in der Verwaltung und in der Partei einnimmt, wohl als maßgebend bezeichnen kann, ist eine unzweideutige Antwort an jene gerade in letzter Zeit wieder häufig laut gewordenen Stimmen, die die wirtschaftliche Gleichberechtigung der Juden in Theorie und Praxis anzweifeln. Wir haben uns erst in der vorigen Nummer mit einer Aeußerung aus der Zeitschrift „Jugend und Recht", dem Organ der „Reichsgruppe Jungjuristen des Bundes nationalsozialistischer deutscher Juristen" und „Rcichsfachgruppe Rechtswissenschaft der deutschen Studenten", vom 15. Februar, auseinandergesetzt, worin ausdrücklich gesagt war, daß der Jude auch in der Wirtschaft nicht gleichberechtigt sein könne. Wir haben darauf hingewiesen, daß diese Meinung der Zeitschrift im klaren Widerspruch zu den maßgebenden Verfügungen der Reichsbehörden steht. Eine Bestätigung dieser unserer Auffassung ergibt sich jetzt aus der Rede von Dr. Lippert. Wir haben gelegentlich sogar gelesen, daß Menschen, die bei Juden kaufen, „Landesverrat" oder „Verrat am deutschen Volke" begehen. In Reden und Kundgebungen, die durch die Presse weite Publizität erhalten, wird die wirtschaftliche Gleichberechtigung der Juden negiert. Nach der Erklärung Dr. Lipperts scheint uns eine derartige Formulierung absolut unzulässig zu sein. Es ist vielmehr klar, daß jeder, der eine derartige Acußerung macht, sich in klaren Gegensatz zu den Intentionen der Staatsleitung setzt. * Jede Untersuchung über die Möglichkeit einer Eingliederung der Juden in den nationalsozialistischen Staat des Dritten Reiches muß unseres Erachtens davon ausgehen, daß, nachdem die Nichtarier-Gesetzgebung zahlreiche Juden aus ihrer früheren Tätigkeit ausgegliedert und ihnen auch den Zutritt zu einer ganzen Reihe von Berufskategorien, die Staatskommissar Lippert mit dem Hinweis auf das „politische und kulturelle Gebiet" bezeichnen wollte, verwehrt hat, die Betätigung in jenen Zweigen, die den Juden nach Abschluß der Revolution verblieben sind, vor allem also in der freien Wirtschaft und im Handel, sowie bei den in ihrem Beruf verbliebenen Aerzten und Anwälten, störungslos bleiben muß und daß vor allem auch die Möglichkeit für jüdische Arbeitnehmer, Arbeit zu erhalten, bestehen muß. Die zweite Voraussetzung, die sich logisch ergibt, ist die, daß Heute beqiwb dU E^zäUtuh^: TRAUM im ABGRUND Von Jizchak Toral Juden, die ehrlich ihrer Tätigkeit nachgehen in dem Sinne, wie Dr. Lippert es geschildert hat, und die ihre jüdische Tradition ehren und pflegen, was ihnen in den Augen traditionsbewußter Deutscher nur zur Ehre gereichen muß, keinen Diffamierungen ausgesetzt sein sollen. Auch dieses Erfordernis wurde, wie wir glauben, von maßgebenden Stellen erkannt, wie es sich ja aus den bereits erwähnten Erklärungen des Rassenamtes ergibt Was ein. anderes praktisch sehr wichtiges Problem, nämlich die Auswanderung von Juden, betrifft, so scheint-sich in der letzten Zeit die Erkenntnis durchzusetzen, daß diese eine sorgfältig e Vorbereitung in geistiger, moralischer und beruflicher Hinsicht erfordert. Eine berufliche Vorbereitung kann nur erfolgen, wenn durch die Struktur der Wirtschaftsordnung und die geltenden Verordnungen die Möglichkeit dazu besteht; das dürfte auch von Staats wegen erkannt werden. Darüber hinaus aber ist zu berücksichtigen, daß ein demoralisiertes Judentum den Anforderungen, die gerade der P a I ä s t i n a - A u f b a u stellt, nicht gewachsen sein könnte, daß also auch unter dem Gesichtspunkt der späteren Auswanderung, insbesondere der jüngeren Generation, die wirtschaftliche und moralische Basis der heilte in Deutschland lebenden Juden geregelt sein müßte. Da wir Juden selbst bei der Lösung der durch die Zuspitzung der Judenfrage entstandenen Probleme aktiv mithelfen wollen, so begrüßen wir es, wenn im Anschluß an die Aeußerungen maßgebender Stellen die Voraussetzungen für eine solche Regelung erörtert werden können. Wer die amerikanischen Zeitungen und die Aeußerungen des vorherrschenden angelsächsischen Teils der amerikanischen Öffentlichkeit verfolgt, wird irisbesondere auch den Schlußbemerkungen Dr. Lipperts größte Aufmerksamkeit schenken müssen, wo davon die Rede ist, daß das geistige und kulturelle Band zwischen Deutschland und Amerika wieder enger geknüpft werden soll. Wir glauben, daß in vielen Beziehungen in der Tat die westliche Welt eine geistige und kulturelle Einheit darstellen muß, nicht nur aus wirtschaftlichen und wirtschafts-politischen Gründen, sondern im Interesse der Kulturmenschheit, die kostbare Güter zu verteidigen hat. Wir Juden, wie immer man unsere Stellung innerhalb der einzelnen Völker beurteilen mag, fühlen uns doch, obwohl nichteuropäischen Ursprungs, als Mitangehörige dieser abendländischen Kulturwelt, und darum liegt es nahe, daß wir, wenn wir auch unter den heutigen Umständen nicht aktiv an der Entwicklung teilnehmen, und die guten Dienste, die wir vielleicht da oder dort leisten könnten, nicht ausüben können, den geistigen Vorgängen größte Aufmerksamkeit schenken. •srt ■ > ■ ge« irteicho •rden olks-< veri die uing :lche itsch eut« 3-3 hrer lüde sehe; ist.. cht9 (lärtl >lkJ fers? ralifühl lern tiegf itet, nen :ses che run» U-! der» idialla che enw Orient n^ ber inrJ Ws« wjft*JS8j| des' 3e- .!**. er* tier eri et» nirj irj ail m er er tv sr id 4 ß i- \ Die Rede Dr. Lipperts wurde am ausführlichsten in der „Berliner Illustrierten Nachtausgabe" wiedergegeben, deren Text wir bei unserem Zitat zugrunde gelegt haben. Der „Völkische Beobachter" hat in seinem Berliner Beiblatt die Rede ausführlich zitiert, wobei leider der Absatz, fn dem die „wirtschaftliche Gleichberechtigung" der Juden, die ihren Pflichten gegenüber der Allgemeinheit erfüllen, zum Ausdruck gebracht wird, wegfiel. Die anderen Zeitungen geben die Rede mit mehr oder weniger Kürzungen wieder. *

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