Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 17 (26.2.1935)
- Date
- 1935-02-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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S«lte2 /«TDtscnr uwwoscffAO Nr. 17, 26. «. 1935 Die „Meineidsanklage gegen * # O O ^3* Chaim Waizmann und Genossen" Wie unseren Lesern vielleicht erinnerlich, brachte das Berliner „8 - U h r - A b c n d b 1 a t t" am 2. Januar d. J. unter der Schlagzeile „Sensation bei den Weisen von Zion" und mit dem Untertitel „Meineidsanklage gegen Chaim Waizmann und Genossen" einen Drahtbericht aus Bern, worin mit einem Hinweis auf den Berner Prozeß um die „Protokolle der Weisen von Zion" in sensationeller Autmachung die Nachricht verbreitet wird, daß sich die Aussagen, die „von den führendsten Juden der Welt" in diesem Prozeß gemacht worden seien, „als falsch herausgestellt" hätten. Es sei von seiten des „Volksbundes", der national-sozialistischen Bewegung der Schweiz, gegen folgende Juden Strafanzeige wegen Meineides bei der Staatsanwaltschaft des Kantons Bern eingereicht worden: Chaim Waizmann (Manchester), Zionistenftihrer; Sliosberg (Paris); Oberrabbiner Dr. Ehrenpreis (Stockholm); Mayer-Ebner (Czemowitz); Dr. Boderiheimer (Amsterdam); Nationalrat und Zionist Dr. Farbstein (Zürich); Revolutionär aus Rußland Miljukoff (Paris); Rabbiner Swiatnikoff (Foncigny) und den Russen Nikolajewski (Paris)." Weiter hieß es in der Meldung: „In Anbetracht der Schwere des Verbrechens und der ihm zugrunde Hegern! en Motive, und in Anbetracht dessen, daß sich die Schuldigen einem Verfahren zu entziehen suchen würden, haben die Antragsteller den Erlaß von Haftbefehlen beantragt." Wir haben in der „Jüd. Rundschau" vom 4. Januar zu dieser Nachricht Stellung genommen. Nunmehr erhalten wir dazu von Advokat Willy Hirse hei in Bern eine Erklärung zugesandt, der wir Nachstehendes entnehmen: „Im Auftrage einiger durch diese Meldung unmittelbar betroffenen Persönlichkeiten hat der Unterzeichnete die Richtigkeit der im ,8-Uhr-Abendblatt' verbreiteten Nachricht an zuständiger Stelle nachgeprüft und ist deshalb in der Lage, hierüber folgende Erklärung abzugeben: Durch Schreiben vom 22. Dezember 1934 an die Staatsanwaltschaft des Kantons Bern ist tatsächlich vom ,Volksbund' Ortsgruppe Zürich gegen obengenannte Persönlichkeiten Strafanzeige eingereicht worden. Die Anzeiger bezichtigen die genannten Persönlichkeiten, im Strafprozeß betr. die .Zionistischen Protokolle' wissentlich falsches Zeugnis abgelegt zu haben. Als Begründung dieser Anzeige berufen sich die Ankläger auf eine Nummer des ,Volksbundes' Nr. 30, weiche eine öffentliche Anklage gegen vorerwähnte Personen enthält. Die Kläger legen dem Schreiben vom 22. Dezember 1Q34 die erwähnte Nummer des .Volksbundes' bei und machen I darauf aufmerksam, die diesbezüglichen Ausführungen seien rot eingerahmt und ein Bestandteil der Strafanzeige. Die Ankläger verlangen, daß gegen alle Angeschuldigten Haftbefehl ergehe. Am 26. Dezember 1934 hat der Oeneralprokurator des Kantons Bern die Strafanzeige an das Untersuchungsrichteramt von Bern zur Prüfung weitergeleitet. Der Untersuchungsrichter hatte von allem Anfang an den Eindruck, daß die Strafanzeige jeglicher Begründung entbehrt. Aus diesem Grunde hielt er es nicht einmal für nötig, den eingangs erwähnten Personen, gegen die sich das Verfahren richtet, davon Kenntnis zu geben. Demzufolge sind die aneschuldigten Persönlichkeiten weder vorgeladen noch verlört worden. Es ist deshalb sehr wohl möglich, daß einzelne dieser Persönlichkeiten auch heute noch nichts davon wissen, daß eine .Strafanzeige' wegen wissentlich falscher Zeugenaussage gegen sie angestrengt worden ist. Durch ein Schreiben vom 29. Dezember 1934 hat der Untersuchungsrichter dem Anzeiger, Herrn Ch. Würgler-Heß, Ortsgruppenführer des .Volksbundes' in Zürich, den Empfang der Strafanzeige g^egen Chaim Waizmann und Konsorten bestätigt. Gleichzeitig wurde dem Anzeiger mitgeteilt, daß die Strafanzeige indessen zu allgemein gefaßt sei, um als Grundlage für eine Strafverfolgung dienen zu können. Der Untersuchungsrichter setzte dem Anzeiger deshalb eine Frist bis zum 5. Januar 1935 zur näheren Substantiierung der Strafanzeige. Diese Fristansetzung blieb unbeachtet. Durch übereinstimmenden Beschluß des Bezirksprokurators II von Bern und des zuständigen Untersuchungsrichters vom 7. Januar 1935 wurde hierauf verfügt, daß der .Strafanzeige gegen Chaim Waizmann und Konsorten" wegen wissentlich falscher Zeugenaussage teils mangels genügender Anhaltspunkte, teils mangels Tatbestandes keine weitere Folge zu geben sei. Dieser Entscheid ist in Rechtskraft erwachsen. Es ist erwähnenswert, daß die oben erwähnte Nummer 30 des ,Volksbundes' sofort bei ihrem Erscheinen konfisziert worden ist und deshalb nicht an die Oeffentlichkeit gelangen konnte. Der ganzen Sache ist bei den hiesigen Behörden sehr wenig Beachtung geschenkt worden. Der Zwischenfall ist in keiner Weise geeignet, den Verlauf des Berner Prozesses um die .Protokolle der weisen von Zion' m irgendeiner Weise zu beeinflussen." Jugendarbeit in Holland Den Haag, im Februar 1935 Träger der zionistischen Jugendarbeit in Holland ist die Joodsche Jeugdfederatie. Sie zählt etwa 1200 Mitglieder, Jungen und Mädchen im Alter von 15 bis 20 Jahren. In jeder Stadt gibt es Abteilungen, besondere vom Misrachi. Auch Pfadfindergruppen bestehen im Rahmen der Föderation. Der besondere Charakter der Erziehungsarbeit, der durchaus von dem der jüdischen Jugendbewegung in Deutschland abweicht, zeigt sich in der Betonung des Lernens. In Arbeitsgemeinschaften von je f> 8 Jungen oder Mädchai — Klubs genannt — erfolgt die zionistische Erziehung. Auch hebräische Klubs gibt es. Am Ende wird ein Examen abgenommen, das zionistische Ideologie und Geschichte, Palästinakunde und jüdische Geschichte umfaßt. Die Jugendföderation besitzt ein offizielles Orpan — Tikwath Jisrael —, das bereits im 16. Jahrgang erscheint, und ein Führerorgan — Baderech —, das gemeinsam mit der Niederländischen Zionistischen Studentenorganisation im 10. Jahre herausgegeben wird. Alljährlich findet ein gemeinsamer Landtag statt. Lager für je 50 Jungen bzw. Mädchen sowie besondere Führerlager unterstützen die Arbeit der einzelnen Abteilungen. In letzter Zeit ist eine zunehmende Zahl von Mitgliedern auf Hachscharah gegangen — sie sind in der Chewrath Olim zusammengefaßt » so daß bereits ein gewisser Führermangel eingetreten ist. Die Judenförleration feierte kürzlich ihr 15jähriges Bestehen mit einer Zusammenkunft in Amsterdam, die starken Besuch aus dem ganzen Lande aufwies. Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand die Gedenkrede des Ehrenvorsitzenden Prof. Dr. D. Cohen, der die Geschichte der Jugendföderation zeichnete und vor allem auch auf die besonderen Verdienste A. Ehrenfelds um ihre Förderung hinwies. R. L. Nahnm Sokolow in Paris Paris, 22. Februar. (JTA.) Der Präsident der Jewish Agency, Nahum Sokolow, hat anläßlich seiner Audienz beim Präsidenten der französischen Republik, Lebrun, über die wir bereits berichteten, diesen eingeladen, das Ehrenpräsidium des französischen Pro-Palästina-Komitees zu übernehmen. Präsident Lebrun erklärte, der Bericht über den großen Erfolg des französischen Pavillons auf der Tel-Awiwer Levante-Messe habe ihn mit Genugtuung erfüllt; er begrüße die Initiative Palästinas, sich an der Pariser Weltausstellung im Jahre 1937 zu beteiligen. Sodann erkundigte sich der Präsident nach den Fortschritten der jüdischen Aufbauarbeit und allen Gebieten, insbesondere nach der Art der Seßhaftmachung der neuen Einwanderer. Einem vom Pariser Botschafter Grafen Chlapowski zu Ehren Sokolows in den Botschafts räumen gegebenen Empfang wohnten zahlreiche hervorragende Persönlichkeiten der französischen Politik und Wirtschaft, unter ihnen die Senatoren und früheren Minister de Monzie und Justin G o d a r t sowie Baron Robert de Rothschild bei. Präsident Sokolow hielt ein Referat über die Situation in Palästina und beantwortete die an ihn gerichteten Fragen. IN ALLER KURZE Jn Lemberg haben bisher unerkannt gebflebeiie Tat« In das jüdische Kaffeehaus „Louvre" einen Sprengkörper ee, worfen. Durch die Explosion wurde das Kaffeehaus teilweise demoliert Unter den Gästen entstand eine Panik, es kam jedoch niemand zu Schaden. Der im Dezember v. J. auf die Synagoge in der Freigutstraße in Zürich verübte Petardenanschlag kam vor dem Züricher Bezirksgericht neuerdings zur Verhandlung. Alle vier Angeklagten, ehemalige Mitglieder der „Nationalen Front" wurden zu Gefängnisstrafen verurteilt, und zwar die beider! Personen, die die Petarde gelegt hatten, zu 14 Tagen, di« beiden Mithelfer zu 12 Tagen Gefängnis. Die Exekutive der Histadruth Haowdim hat heschlössen, die Urabstimmung unter ihren Mitgliedern über die Ratifizierung des Londoner Friedensabkommens bis zum 24. März zu vertagen. Die Vertagung erfolgte, um eine vollständige Registrierung der Mitglieder zu ermöglichen. In Tel-Awiw wurde eine Max Liebermann-Ge. dächtnis-Ausstellung durch Bürgermeister Dizengoff eröffnet. lustizminister Henriot hat den jüdischen Rechtsanwalt Rene Dudesheim zum Generalsekretär des belgischen Justizministeriums ernannt. Im Verlag für Weltliteratur, Budapest, ist soeben Herzls „Judenstaat" in der Esperanto-Sprache erschienen. Die Uebcrsetzung stammt von Bernhard Selzer. Die Ausgabe ist mit einem Vorwort von Prof. Dr. Emil Pfeffer und einer Biographie Theodor Herzls von Albert Londres versehen. Wie die „Times" aus Australien meldet, ereignete sich bei den Wahlen im Staate Victoria, die sonst ganz ruhig verliefen, ein einziger Zwischenfall, indem im Wahlkreis eines jüdischen Abgeordneten, Michaelis, plötzlich eine a n t i j ü. dische Propaganda entstand. Es wurden Flugblätter ohne Unterschriften verteilt, worin die Wähler vor den Juden gewarnt und zum Boykott jüdischer Geschäfte aufgefordert wurden. Die Polizei wurde von den Vorgängen verständigt. Der Merkas Hajeschiwoth beim Kulturbund Jabneh hat beschlossen, das Andenken Rabbi Samuel M o h i 1 e w e r s durch Errichtung einer Jeschiwah, die nach ihm „Beth Schmuel" heißen soll, zu ehren. Die neue Jeschiwah wird provisorisch in der Warschauer Jabneh-Schule untergebracht. Im 71. Lebensjahre ist der ehemalige Oberrabbiner von Lemberg, Dr. Samuel Wolf Gut man, gestorben. Für die Weltausstellung, die im Monat April in Brüssel eröffnet wird, soll auch ein Palästina-Pavillon er. richtet werden. Technische Schwierigkeiten haben jedoch bisher den Beginn des Baus verhindert. Rüben W e i ß m a n n, der erste jiddische Souffleur, der Mitarbeiter des „Vaters des jiddischen Theaters", Goldfaden, ist dieser Tage 80 Jahre alt geworden. Man hat ihn zu seinem Geburtstag sehr freundlich gefeiert und ihm auch nachgerühmt, daß er der erste jiddische Souffleur sei, der Theater« stücke geschrieben habe. Am 20. Februar ist der Völkerbundskommissar für Aus« Wandererfürsorge, James G. M a c D o n a I d. in New York eingetroffen, um an der Sammelkampagne für das Hilfewerk zugunsten deutscher Juden teilzunehmen. Der ägyptische Rundfunk hat dieser Tage ein Konzert der palästinensischen Kleinkunstbühne „Matate", die gegenwärtig in Alexandrien gastiert, übertragen. Der Medizinalstatistiker Dr. Georg Wolff, der früher Abteilungsvorsteher am Hauptgesundheitsamt in Berlin vri Privatdozent an der Berliner Universität gewesen ist, is\ von der Londoner Universität eingeladen worden, an der London Schoo! of Hygiene and Tropica! Medicine mehrere Vorträge über „Biometrische Studien aus dem Gebiet der öffentlichen Gesundheitspflege und sozialen Pathologie" zu halten. Der bekannte Chirurg Prof. Dr. Richard Bier feiert« seinen 70. Geburtstag. Prof. Bier war der erste jüdische angestellte Arzt der jetzigen Universitätsklinik in Berlin. Die Stadtverwaltung von Riga hat zur Subventioniertmg jüdischer Einrichtungen i. J. 1935 10 000 Dollar bestimmt. Hauptschriftleiter: Dr. Robert Welt sc h, Berlin-Charlottenburg 8. Stellrertreter: Kurt Loewenstein, Berlin W 18. Anreigerdeiterin tmd verantwortlich für den Anzeigenteil: Helene Chanciaer, Berlin N S4, Verlag tmd AnieigenYerwaltungt Jüdische Rundschau, Berlin W 16, Meinekeatr. 10. D.-A. Januar 33 444. — Drucki Siegfried Scholen», Berlin-Schöneberg. Jüdische Reise durch süddeutsche Städte „Städte habich viel gesehen — und ich nahm der besten gerne wahr!" — so hallen die alten Worte Walthers von der Vogehvciric in Ohre wider — freilich ein wenigverändert —, wenn man in*4kurzer Spanne Zeit alle diese eigenwilligen und eitrengesiehtipen süddeutschen Städte durchstreift. In Heidelberg blaute der FruhUngshimmei schon über dem Neckar, und die alte Burg tauchte hoch aus verschwimmen-dem Nebel; im Spessart tobt Sturm und Schneegestöber — tmd in Frankfurt schmolz der Schnee auf den Straften, lieberall ein anderes Bild. Aber überall, hier wie dort, sah m.in Jude n, die nach langem Schlaf erwacht zum Rcwiifitsein der Zeit und der verpflichtenden Ewigkeit. Sic alle wollen lernen — Alte wie Junge; ja: Alte manchmal noch eifriger als die Jungen. Manch persönliches Schicksal tut sich vor einem auf. Da sind die aus der Kindheit vertrauten Gestalten, die damals den Stolz der Stadt bildeten, weil sie sich ab die ersten Frauen ihrer Generation ganz der ..Wissenschaft der Männer" gewidmet hatten. Oft horte man spater von ihren wissenschaftlichen Entdeckungen, von der Anerkennung, die ihnen Staat und Universität, die besten Männer ihres Faches, zollten. Heute... stehen sie draußen, noch unermüdet und ungebrochen. Das war der tiefste und reichste Eindruck dieser Reise durch jüdische Schicksale und Bemühungen: prachtvolle Jugend blüht tiberall auf — mag sie auch manchmal „anmaßlieh und stutzig" sich gebärden und mögen die Eltern auch hier und da Wagen, daß kein Vater heutzutage so viel Einfluß aut die Jugendlichen besitze wie der selbst jugendliche Bundesführcr. Auch diesen Jungen und Mädchen ist manche Jugendlust gerauht; aber wer sagte es doch einmal? „Buben kommen immer zu ihrem Recht!" Auch diese Buben hier lassen sich nichts rauben und sich nichts vergällen. Gleichfültig, wo sie im innerjüdischen Leben stehen: auf allen eiten fand ich dies kräftige Zugreifen im Lernen, Tun und Planen. Heiliger Frühling ist's, der hier aufsprießt Nebeneinander der Gegensätze: in einem jüdischen Bürterhause in Karlsruhe machte kh eine kunsthistorische ntdeckung. Hier fand ich zu meiner Ueberraschung das Original jenes weit berühmten und unendlich oft wiedergegebenen Owjenheimschen Bildes: Moses Mendelssohn und der Theologe tavater sitzen in eifriger Diskussion am Tische, das Schachbrett noch vor sich; aber O otthold Ephraim Lessing steht hinter ihnen, wie ein Schiedsrichter, hoheitsvou ihre Worte wägend und entscheidend. Sinnbild einer verklungen en Harmonie, eines verschwundenen Menschheitetraumes. Aber vor dem Bilde standen die gepackten Koffer. Auch der Besitzer dieses historischen Bildes will sich auf die Reise begeben... auf die Reise nach dem Lande, das einst Moses Mendelssohn weit von sich wies... nach dem Lande Israel. Am letzten Tage meiner Reise saß ein weißbärtiger Rabbiner vor mir, um Abschied zu nehmen. Auch er steht kurz vor seiner Alijah. Als man ihn im Kreise der Freunde ein wenig besorgt fragte, wovon er dort sein Leben fristen würde, da, wie man oft gehört habe, der Bedarf an Rabbanim dort "nicht gar so groß sei, da sah er die Freunde nur groß an: „Meine sechs Kinder sind seit Jahren dort, sie sind mein „Kapital"! Und einer sah den anderen an und dachte: glücklich der Mann, dem sein Kapital so reiche Zinsen trug! In Heidelberg bewahrt man seit 1888 die berühmte Manessische Bilderhandschrift auf, ki welcher die Zeit des deutschen Minnesangs den Reichtum ihrer Dichtung in Lied und Bild gesammelt hat. Darin befindet sich, wie bekannt, dicht neben dem Bruder Werner und dem Ritter von Burenburg auch das Bild eines Juden im langen Barte und breiten Hute: Sueskint, der Jude von Trimberg. Als er jung .war, dieser Süßkind, da sang er wohl wie die anderen Vöglein im deutschen Dichterwalde, wenn feine Oedankenwelt sich auch damals schon in den Grundzügen von seinen christlichen Zeitgenossen unterscheidet. Aber es kam ein Tag, da erkannte er, daß er „eines Toren Fahrt mit seiner Kunst gefahren" sei . . . Und er beschloß, von nun an als Jude zu leben und die Höfe der großen Herren zu fliehen. ... Drum will kh ihre Höfe fliehen Und laß mir einen langen Bart Wachsen von grauen Haaren. Nach alter Judensitte will ich fortan leben Und stille meines Weges ziehen. Der Mantel soll umfahn mich lang, Tief unter meinem Hute, Demütfglich sei nun mein Gang; Und nie mehr sing ich höfischen Gesang, Seit mich die Herren schieden von dem Gute. Die Worte ihres Ahnherrn Süßkind scheinen ab Wegweiser über dem heutigen Leben vieler — und nicht der schlechtesten! — Juden in den „mittagMchen Provinzen" Deutschlands eu stehe«. Tudela Jüdische „Literarische Welt-Revue" On Plan Stefan Zweigs Wie amerikanische Blätter melden, hat Stefan Z weift der sich zwei Wochen in Amerika aufhielt, Pressevertretern gegenüber geäußert, sein Besuch in Amerika bezwecke die Gründung einer internationalen jüdischen literarischen Revue, die Werke von zeitgenössischen jüdischen Schriftstellern, Wissenschaftlern und Künstlern aller Länder zum Abdruck bringen soll. Eine solche Revue wäre fanz unpolemisch ein Spiegelbild des jüdischen Schaffens, tefan Zweig will diese Revue redigieren. Die Zeitschrift soll in zwei Ausgaben erscheinen, einer englischen und einet deutschen, doch sollen dichterische Arbeiten in ihrer Originalsprache abgedruckt werden. Stefan Zweig lehnte m seinen Interviews strikt ab, irgendwelche politischen Aeußerungen zu machen. Er erklärte, niemand, der nicht die Verhältnisse in einem Lande an Ort und Stelle sehe, könne darüber ein zuverlässiges Urteil bilden, und es läge ihm fern, irgendein Land anzugreifen. In bezug auf den Zionismus, so heißt es in den Pressemeldungen weiter, äußerte sich Stefan Zweig mit Sympathie, fügte aber hinzu, daß er hoffe, daß das Judentum in seinem Nationalheim nicht einem extremen Nationausmus verfallen werde. Aus dem weiteren Verlauf des Interviews ist noch zu erwähnen, daß Stefan Zweig sich mit Entschiedenheit dagegen aussprach, daß die Intellektuellen ein« politische Führerstellung anstreben, wofür sie nicht genüge™ vorbereitet seien. Die Intellektuellen könnten höchstens Ratschläge geben; ihre Wirkungssphäre ist die Literatur und durch Bücher können sie wirken. Ein Intellektueller ist zu „gerecht", er vermag zu gut auch seine Gegner zu verstehen und das schwächt seine eigene Ueberzeugung und Tatkraft Ein Schreiber könne nur an geistigen Kämpfen teilnehmen, große Künstler seien niemals gute Politiker gewesen. Sei« letztes Buch „Erasmus von Rotterdam", so führte Zweig werter aus, aolle zeigen, daß der Intellektuelle keinen Einfluß außerhalb »einer Bücherwelt hat. Erasmus ist im öffentlichen Leben bei jeder Krisis gescheitert; so wird der Intellektuelle immer scheitern, darum soll er sich gar ntem in diese Sphäre begeben. In meiner schriftstellerischen Arbeit, so schloß Stefan Zweig, suche ich positive Werte w gel**« nicht aber andere anzugreifen.