Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 16 (22.2.1935)
- Date
- 1935-02-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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mm V Mr. 16, 22. II. 1935 jüdische Rundschau Seite 9 Franz Werfel: (Schiaß) Der Weg der Verheißung Werfeis Bibelgpiel gipfelt in der Apotheose am Ende des letzten, vierten Teils, das wir heute veröffentlichen. Schon zu Beginn dieses Teils hat die Spannung in der mittelalterlichen Gemeinde — der Rahmenhandlung des Schauspiels — skh immer mehr gesteigert, hat der dem Judentum Entfremdete spontan beschlossen, „die Last wieder aufzunehmen"; denn der Sohn, der entflammte Dreizehnjährige „führt mich zu meinen Vätern zurück". Unter solchen Aspekten setzt das biblische Geschehen ein, mit aller Wucht, die dem Schicksal des Propheten Jeremiahs eigen ist: Jeremiah wird verlacht, angegriffen, wehrt sich gegen seine gewaltige Aufgabe, der falsche Gegenprophet tritt als der „wahre" Prophet auf und redet dem König, dem Volk zum Wunsch; Jeremiah, der Unheilskünder, wird von der Wache ergriffen, während schon Nebukadnezar Jerusalem belagert. Hier beginnt unser heutiger, abschließende Abdruck des Werfeischen Bibelspiels. Coprrigbt br Fr»ni Wertet, Wien. (Ntehdruck rerboUii) LESUNG DES RABBI: „Und die Bollwerke des Feinds reichten bis an die Stadt, sie einzunehmen ..." ßelagerungsdonner — Jähe Stille — Der Palastsaal wird hell — Zedckiah kommt in voller Rüstung mit Ebed Melech und einem Schwertträger ZEDEKIAH: Wir schlugen den Angriff... Herunter die Rüstung! (Der Schwertträger schnallt ihm den Panzer ab) Zu essen, zu trinken! EBED MELECH (reicht ihm ein kleines Brot): Nichts als dies Brot Ist mehr zu finden im Hause des Königs. ZEDEKIAH: Dies einzige Brot... Und das Volk und die Kinder?! Ich will nicht essen!... Winter... Mich friert.., Bringt Kohlenbecken ... (er läßt sich auf den Hochsitz nieder) Du, Ebed Melech, Lies aus dem Buch Jeremiahs mir vor! Der Schwertträger hat ein Kohlenbecken vor Zedekiah hingestellt. Ebed Melech, zu Füßen des Königs, entfaltet die Holle EBED MELECH (lesend): Wie hockt so einsam die Menschenreiche Gleich einer Witwe "die S'.?.lt voll Glanz. Zur Fremde wandert in Fron und Fesseln Das Volk von Zion... ZEDEKIAH: Schweig oder stirb! Er entreißt Ebed Melech die Rolle und schleudert sie in die auflodernde Glut — Zugleich erhellt sich das Innere dar Höhle schwach. Man sieht darin Jeremiah, bis zur Hüfte versunken JEREMIAH (den Klagegesang fortsetzend): In Fron und Fesseln J)as Volk von Zion. Der König flüchtet Wie scheues Wild. Oh, wie ich leide Und innen brenne. Mein Auge rinnt Und rinnt und ruht nicht ... ZEDEKIAH: Ich hör seine Stimme.,. EBED MELECH: Jeremiah klagt. ZEDEKIAH (nach einem innem Kampf): Steig nieder zur Grube und bring ihn zu mir! Ehed Melech eilt davon — Zedekiah versinkt in brütende Schwermut — Der Vorhang des Allerheiligslen erschimmert zart. Zwei weiße und ein dunkler Engel treten vor. Die weißen halten je eine verlöschte, der dunkle eine brennende Fackel in der Hand DER DUNKLE ENGEL: Der Herr allein kann sein Haus vernichten. Ich habe Auftrag: Entzündet den Brand! DER ERSTE WEISSE ENGEL: Ich habe Auftrag: Noch wartet die Gnade. DER ZWEITE WEISSE ENGEL: Ich habe Auftrag: Es entscheide der Mensch. DER DREIZEHNJÄHRIGE: König Zedekiah ... Sieh dich um ... Engel sind über dir ... Du hast die Entscheidung ... DER FROMME: Unser Schicksal hängt an deinem Mund, König ... Verstell dich nicht, als ob du uns nicht hörtest ... Du hörst uns ... Entscheide anders ... Denk an den Morgen, der bald heraufkommt ... Denk an die Jahrtausende der Qual, die mit ihm beginnen ... DER RABBI: Auch ich schreie zu dir, Zedekiah ... Du weißt noch nicht, was das Exil ist ... Um deines, um unsres Hochmuts willen wurde das Exil verhängt ... Denn im Hochmut sind alle anderen Sünden ... DIE MÄNNER DER GEMEINDE (vordrängend und die Arme rechend) * Hör uns, König ... Verstell dich nicht ... Denk an die Jahrlausende der Qual ... Entscheide anders ... Denk an uns ... DER VORSTEHER: Halt ... Schreit nicht länger ... Seht, unsre Frauen und Kinder sind eingeschlummert trotz allen Elends ... Stille im Bethaus — Ebed Melech kommt mit dem halbnackten wankenden Jeremiah, den er stützt, vor den König ZEDEKIAH: Die Weisung des Herrn!? Verhehle mir nichts! JEREMIAH: So spricht Adonai: Du fällst in die Hand Des Königs von Babel, du und die Deinen. ZEDEKIAH: Weiler! JEREMIAH: Das Schwert und der Brand verzehrt Die Stadt, das Volk, den heiligen Tempel. ZEDEKIAH: Weiter! JEREMIAH: Der Wille des Herrn wirft Den Rest seines Volks auf die Straßen der Fremde. ZEDEKIAH: Das ist noch nicht alles... nicht alles.. Und ich? JEREMIAH (leise): Sie werden dich blenden auf beiden Augen. ZEDEKIAH (nach einem Schweigen): Und nichts stürzt mehr das Beschlossene um? JEREMIAH: Du selbst nur kannst es. Ein Atemzug bleibt dir ... ZEDEKIAH: Ich selbst... JEREMIAH: In Lumpen gehüllt und Verfall, Mit bloßen Sohlen, die Haare voll Asche, So sollst du ins Lager von Babylon gehn Und niederfallen vor Nebukadnezar Vergebung erflehend von ihm und Bestand. ZEDEKIAH: Und wenn... ich gehe.. * JEREMIAH: Dann leben in Frieden Der Tempel, die Stadt, das Volk und dein Haus. DIE MÄNNER DER GEMEINDE (emporrufend): Dann leben wir alle in Frieden ... Hör ihn, hör ihn, Zedekiah ... Der Herr hat so lange gewartet ... Nun gibt er dir noch einen Augenblick DER RABBI (ebenso): Denk jetzt nicht an deine Ehre, Zcdck Rette uns anders sein Prieslern als die andern ah . .. Wir sollen Ein heiliges Volk von DER DREIZEHNJÄHRIGE: Messias, komm und hilf ihm... ZEDEKIAH: So will der Herr seine eigene Schande? JEREMIAH: Er fleht in mir um sein eigenes Heil. ZEDEKIAH: Entsetzliche Wahl ... Ein Mensch kann's nicht tra- [gen.. i EBED MELECH (wirft sich vor den König hin): O trag es, trag es, Geliebter, um Gott! JEREMIAH: Hörst du? Der fremde Same erlauscht ihn Feiner als du... ZEDEKIAH (hat sein Schwert entblößt): Dies ist Davids Schwert! JEREMIAH: Er will dein Schwert nicht, er will deine Demut. ZEDEKIAH: Nein! Schmutz und Schmach und Erniedrigung! JEREMIAH: So dämpfe dein Herz und mache dich niedrig! ZEDEKIAH: Für diese Worte sollt ich den Knecht... (Er fährt auf den Propheten los, wendet sich aber gleich wieder weg) Mein Volk ... Meine Kinder ... Zion ... Die Augen .., Er fleht in mir um sein eigenes Heil... Die Musik zu Werfeis Bibeldrama Ein Gespräch mit Kurt Weill London, im Februar Anläßlich eines Londoner Aufenthaltes des Komponisten Kurt Weill hatte Ihr Korrespondent Gelegenheit, mit dem Komponisten über die von ihm beabsichtigte Musik zu der von Reinhardt inszenierten amerikanischen Aufführung von wcrfels „Weg der Verheißung" zu sprechen. Nach einigen grundsätzlichen Worten über Lebensfähigkeit der Gattung Oper und der musikalischen Bühne im allgemeinen, sowie ihre Mission in heutiger Zeit, in denen weill seinen Standpunkt präzisierte, konzentrierte sich der nauptteil der Unterhaltung auf das neue Werk. Wir haben vielleicht in dieser Arbeit einen Versuch der Durchführung dessen zu erwarten, was Reinhardt in manchen seiner letzten Inszenierungen in deutlichen Ansätzen bereits zeigte, nämlich eine neue, moderne Formder musikalischen Bühne, das »musikalische Theater" der Gegenwart. Dieses musikalische Theater ist vorwiegend epischen Charakters. Es berichtet, es erzählt, wie der Mensch, wie ganze Menschheitsgruppen durch ihr Leben ziehen. Der breite Strom dieses Geschehens, die Taten selbst stehen im Vordergrund "nd nicht mehr ihre psychologische Motivation. Es folgt daraus, daß die Rolle, die die Musik dabei zu spielen hat, licht mehr darin besteh^ „die Handlung von innen her aufzupumpen, die Ucbergängc zu verkitten, die Vorgänge zu Untermalen, die Leidenschaften hochzutreiben", wie Weill schon Vor Jahren sagte, vielmehr geht sie ihren eigenen Weg und setzt „an den statischen Momenten der Handlung erst ein". Möglich wird dies nur durch die epischberichtende Form der Handlung, die den Hörer über die szenischen Vorgänge niemals im unklaren läßt, so daß die Musik, eingebaut in diesen fuhigen Verlauf, ihren konzertanten Charakter beibehalten Und vollkommen störungslos ihre rein musikalische Wirkung durchsetzen kann. Das objektiv dargestellte Geschehen der Handlung nicht mehr musikalisch „auszudeuten", sondern mit «mer ebenso objektiv gehaltenen Musik parallel laufen zu lassen, dies ist der Sinn des „neuen musikalischen Theaters". Von diesem Gesichtspunkt aus muß auch das Zusammenwirken von Handlung und Musik im „Weg der Verheißung" autgefaßt werden. Es stellt, wenn wir als Musiker sprechen sollen, formal eine Vereinigung von Elementen des Schauspiels, der Oper und des szenischen Oratoriums dar, die sich in künstlerisch notwendiger und daher organischer Weise zu einer Einheit verbinden und dabei trotzdem die Eigengesetzlichkeit ihrer Wirkung im Gesamtwerk nicht einbüßen. Es wäre falsch, hier im üblichen Sinn ein Schauspiel mit Musik zu sehen. Weills Musik stellt eine umfangreiche Partitur mit musikalischen Formen wie durchkomponierte Finali und großangelegte Solo- und Chorpartien dar. Entsprechend den vier Teilen des Dramas finden wir vier regelrecht ausgearbeitete Finali, wo der dramatische und musikalische Höhepunkt zusammenfällt: das Festmahl bei Joseph mit dem Wiedersehen von Jakob und Joseph als Abschluß, der Tod Moses, die Tempelweihe mit Salomos Gesang und dem Chor „Ihr Völker, klatscht in die Hände!" und als letztes die Zerstörung des Tempels und das Erscheinen des Engels. Ausgedehnte lyrische Partien bringt z. B. der Wechselgesang zwischen Jakob und Rahel mit den wundervollen Worten „Wieder kommst du in Gedanken, Rahel" oder das Buch Ruth, das musikalisch eine in sich abgeschlossene kleine „Oper" bildet. Schon aus diesen Angaben ist zu ersehen, daß die Hauptpartien nicht mehr für den Nur-Schatispicler, sondern für den „schauspiclcnden Sänger" gedacht sind. Die Musik selbst ist durchaus original und eigen bis auf einige wenig« Stellen, wo die Vornahme einer liturgischen Handlung auf der Szene die Verwendung gewisser Mitsprechender Tempelmelodien nahelegte, wie beispielsweise die drei Melodien aus den drei Festen oder die Traiiermelodie des 9. Aw. Ebenso ist bei der Figur des Rabbi in der Rahmenhandlung, die Weill musikalisch in der Form des Erzählers, wie man ihn aus dem Oratorienstil kennt, behandelt, das Lesen der Thora als Rezitativ an die Psalmodie und an gewisse Wendungen in den Nigunim der Liturgie in freier Weise angenähert. Das ganze Werk durchzieht von Anfang an ein musikalisches Grundthema, das Thema der „Verheißung", das dann im dritten Teil bei der Tempelweihe die „Erfüllung" in strahlender Größe verkündet. In ahnlicher Weise ist ein marschartiges Thema behandelt, das als musikalisches Symbol des ewigen Wanderns und Weiterziehens aufzufassen ist und im vierten Teil, wenn sämtliche Personen des Stückes der Erscheinung des Engels entgegenziehen, das ganze Drama in apotheotischcr Form zum Abschluß bringt Dr. Mosco Carner Rahel Szalit - Ausstellung in Paris F. ü. Paris, Ende Februar Rahel Szalit ist den Lesern der „Jüdischen Rundschau'' keine Unbekannte. Die Künstlerin, die ihren Schaffensort jetzt hierher verlegt hat, zeigte in einer A t e I i c r a u $ s t e l - 1 u n g die großen Fortschritte ihres Schaffens. Wir Sailen Bilder, die in der Kraft ihrer leuchtenden Farben, in der Harmonie ihrer Komposition und der tiefen Innerlichkeit des Sujets gerade/u an Renoir, Manet oder Corot erinnern. Eine Gartenlaudschaft mit drei Pferden, in leuchtenden Farben rot, blau und braun, die in allen Nuancierungen und Schattierungen gegeneinander stehen, gibt eine Harmonie von Farheitfülle und innerlicher Durchglühtheit, wie wir sie selten in solcher Lebendigkeit bewundern konnten. Der Klesmcr in der Dorfstraße, das Lulew-Bcnschen, das Kind, das zum erstenmal an der Hand der Mutter in den Cheder geht, — alle diese uns altvertrauten, traditionellen Motive zeigen das starke jüdische Empfinden und das jüdische Herz der Künstlerin in besonders starker Wirkung, menschlich sowohl als auch künstlerisch. Mit einer unendlichen Virtuosität beherrscht sie die Skala der I arben und ihre harmonische Gestaltung, ohne rein artistisch zu sein. Die Ausstellung der „I n d e p e d a n t s" im Grand Palais hat ebenfalls zwei Werke der Malerin, darunter eines, das in Berlin preisgekrönt wurde, ausgestellt. Ein besonderes Kapitel starker, jüdischer Kunst sind ihre Graphiken, von denen ja ein großer Teil bereits bekannt und besprochen ist. Jetzt hat sie den „König der Schnorrer" von Zangwill, die „Kindercrzählungen" von Scholem Alejchem und „Rabbi Nachman" von Martin Buher illustriert, so daß jedes dieser graphischen Werke ein abgeschlossenes (ianzes darstellt, von überwältigender Eindringlichkeit, Innigkeit und künstlerischer Gestaltung. Auch in ihren Gouachen, die sie hier mit besonderer Liebe pflegt, hat sie Ausgezeichnetes geleistet, und eine Anzahl Sujets aus dem jüdischen Leben zeigen, welche starken Fort« schritte ihr künstlerisches Schaffen gemacht hat. Mit Recht ist die hiesige Kunstwelt auf Rahel Szalit aufmerksam geworden, und die serihardischc Gemeinde, die die Errichtung eines jüdischen Museums plant, hat bereits eine Anzahl ihrer Bilder und Blätter hierfür erworben.