Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 13 (12.2.1935)
- Date
- 1935-02-12
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2651273-2653827-2653840--26414-2687796- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
1 i\ H Seite 8 JODISCHE RUNDSCHAU Nr. 13, 12.11.1935 Die Palästina-Woche in Berlin „Die Zukunft Erez Israels" Vortrag von Dr. Michael Traub Am 7. Februar sprach im großen Saal des Logenfiauses Dr. Michael Traub über „Die Zukunft Erez Israels". Vieleimilitcii umkehren, weil der überfüllte Saal die Menselicrimasseu nicht fassen konnte, die gekommen waren, um sieh über die Perspektiven des Aufbaus unterrichten /u lassen. Der Vorsitzende der BZV., R.-A. Benno Cohn, sprach einleitend Worte des Gedenkens an Davis Trictsch, /u dessen l'hrcn sah die Versammlung von den Plätzen erhob. Dann betrat Dr. Traub, lebhaft begrüßt, das Podium. Palästina 10D — H)J5 — 1950: ein Mensch der Zahlen und der nüchternen Berechnung gestaltete hier eine Schau von dichterischer Kraft, in der sich die farbige Romantik des Visionären mit der klaren Realität der Statistik seltsam verbindet. In fesselnder, wiederholt durch stürmischen Beifall unterbrochener Rede, entwarf Dr. Traub auf Grund statistischer Ergebnisse und eines reichen Tatsachenmaterials ein Bild der dynamischen Entwicklung Palastinas, das er bewußt in einen Gegensatz zu den in letzter Zeit immer häufiger werdenden Darstellungen brachte, in denen Palästina jeweils nur Vinter dem Eindruck einer bestimmten zeitbedingten Situation geschildert wird. Die Wirklichkeit Palästinas könne nur unter dem Aspekt der sie formenden Kräfte verstanden werden. Dem Bilde, das sich heute dem Einwanderer in Palästina darbietet, hielt Dr. Traub dasjenige entgegen, das das Land tun die Jahrhundertwende bot. Im Jahre 1900, um die Zeit, als ller/l den ,.Judenstaat" und „AHnculand" schrie!), war Palästina eine kleine entlegene Provinz, des türkischen Reiches, die nicht in der L age war, ihre wenigen hunderttausend auf p;imiiivster I cben-stufe stehenden Einwohner zu ernähren. Aus den Schriften llerzls zitierte Dr. Traub die 1 imlriirke, die damals eine Reise durch die heute blühenden, /u jener Zeit aller noch öden und versumpften Ebenen Palästina-, verm'ttelte. An Hand von Beri.hteii aus jener Zeit schilderte er die damalige' Armut des I andes und die schwere I age der um die Jahrhundertwende in Palastina lebenden Juden. ( Jpimrsmus und uiierschutier'i.her Zukunftsglaube geholten da/u. um damals au die Erneuerung jüdischen Lebens in Palästina zu ülanhen und Bilder palästinensischer Wirkl'i. hkeit au-, dem Jahre l1)!) /u entrollen. Deute stehe man tief betioffen vor der visionären <lestaitungskraft Her/Is, wenn man «ieht, wie das von ihm 10 2 in seinem Roman „Altnciilaml" entworfene utopische Zukunftsgemäkle bis in viele Einzelheiten hinein Wirklichkeit geworden ist. Dr. Traub wandte sich nunmehr — von der Vision Herzls ausgehend — der Wirklichkeit Palästinas im Jahre 1935 zu, die er in ihren wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Einzelheiten darstellte. So stolz, wir auch auf das bisher Erreichte sein können, so notwendig sei es aber, die Sorge um den weiteren Weg in den Vordergrund unseres Denkens zu stellen. Denn auch heute sei es ebenso wie um 1900 unsere Aufgabe, dem Volke den Weg in die Zukunft zu zeigen und bei aller Einsicht in die Notwendigkeit realpolitischer Methoden, den C Hauben an die Verwirklichung politischer Visionen nicht zu verlieren. Bei aller Betonung der Unmöglichkeit, bereits jetzt ein in allen Einzelheiten zutreffendes Bild der palästinensischen Zukunft zu geben, unternimmt Dr. Traub nunmehr den Versuch, die zu erwartende Entwicklung in Form eines Rückblickes aus dem Jahre 1950 Gestalt werden zu lassen. Er entrollt hierauf eine packende Schilderung, die trotz der Projektion in die Zukunft real mit Zahlenmaterial unterbaut ist und auf die Zuhörer den stärksten Eindruck machte. Wenn Dr. Traub für 1950 in Palästina eine Bevölkerung von 1 l(X)000 Juden und 15')0<)Ö0 Arabern annimmt, so stützt er sich hierbei — unter Einrechnung möglicher Rückschläge — auf die schon jetzt überholte Einwanderungsziffer von 40 PO') Menschen im Jahre und auf die Tendenz des natürlichen Bevölkerungszuwachses. Immer von den bereits vorhandenen und sich sichtbar erweiternden wirtschaftlichen Ansatzpunkten ausgehend, entwirft der .Vortragende ein Bild der künftigen industriellen und landwirtschaftlichen Entwicklung Palästinas, wobei er die Besiedlung des Hu!c-Oebietes als den Anfang einer neuen Epoche intensiver Kolonisation würdigt, durch den der Stillstand territorialer Expansion in den letzten Jahren vor 1935 überwunden wird, Handel und Verkehr in ihren weltwirtschaftlichen Zusammenhängen bilden den IJebergang zur Gestaltung der weiteren Beziehungen zum arabischen Volke. Als Endziel bezeichnet der Referent die friedliche Vereinigung der aufstrebenden Völker zwischen Mittelmeer und Indischem Ozean, in deren Rahmen jüdische Arbeit unschätzbare Pionierdienste leisten werde. Dr. Traub wandte sich hierauf der Darstellung der Entwicklungslinie der hebräischen Kultur zu, die zum stärksten Faktor im Leben des Landes und zum Bindeglied zwischen den Juden Erez Israels und denen in der Qolah werden wird. Zum Schluß behandelte er die Beziehungen Palästinas zur Judenheit anderer Länder, die sich mit der Zunahme des palästinensischen Jischuw immer enger gestalten werden. Dr. Traub schloß mit dem Appell an die Versammelten, diese Vision zur Wirklichkeit werden zu lassen und durch ihre eigene Arbeit, durch den Einsatz jedes Einzelnen zu ihrer Verwirklichung beizutragen. Der stürmische Beifall, der dem Redner dankte, war ein Ausdruck der Ergriffenheit, in die dieses neue „Altneuland" die Zuhörerschaft versetzt hatte. R.-A. Benno Cohn wies in seinem Schlußwort darauf hin, daß die erste Bedingung dieses Einsatzes jedes Einzelnen der Schritt in die Zionistische Organisation wäre. Er schloß diesen außerordentlich eindrucksvollen Abend, der für alle Anwesenden zum stärksten Erlebnis wurde, mit dem Herzl-Wort: „Wenn ihr wollt, ist es kein Märche n." (Der Vortrag Dr. Traubs wird demnächst wiederholt.) One? Schabbat der Massen Innerhalb der Kundgebungen der Palästina-Woche der Berliner Zionistischen Vereinigung war der am letzten Sonnabend in der Singakademie veranstaltete O n e g Schabbat eines der tiefst wirkenden Ereignisse. Der Raum war bis in die letzten Winkel gefüllt, und schon an der erwartungsvollen Stimmung der Menschen merkte man, daß e;was Besonderes bevorstand. Wir haben in Berlin schon so manche Oneg-Schabhat-Eeier erlebt; aber weder eine so große, noch «ine so eindrucksvolle. Nachdem der W i n a w e r - C h o r einige hebräische Lieder vorgetragen und Edith Hrrmstadt - ü e 11 i n g e n die Aufersti-hung.-,vi--.ioii de-. Ezechiel gesprochen hatte, nahm Dr. Joachim Prinz das Wort. Das Eigenartige an seiner Rede war, dal! sie kein Vortrag im üblichen Sinne, sondern gewissermaßen in den einzelnen Teilen immer nur eine Einleitung zu einer künstlerischen Darbietung. Die Rückkehr zum luduuiuii, führte Dr. Prinz aus, tue sich symbolisch in den Oneg-Schabbat-Eciern kund, die das deutsche Judentum in der letzten Zeit fast allgemein durchführe. Es ist das Charakteristikum der veiganeenen Zeit, daß sie den Schabbat \ ergeben hatte. In Palastina bedeutet die-.e Institution nicht nur eine Li ler.stunde, sondern zugleich die Gelegenheit zur Aussprache über die Probleme des I andes. Auch gedenkt man bei soh hen < ielegi-nheiten der aktuellen Ereignisse der vergangenen Wo he. Deshalb sei auch liier ein Gedenken am Platze: Gedenken au Max I i e b e r in a n n. Die Versammlung hatte sich von ihren Platzen erhoben und horte schweigend die kurze Wunli -ung de; verstorbenen Malers an. Das rh't mische Ziel <ic< Abends war: zu zeigen, wie die Zions-hchnsü, ht d,e ganze indische Geschichte als wirkende Kraft durchzieht. Es, i-t die Sehnsucht nach dem Land, das uns Gott verheißen hat. Zum ersten Male wurde aus dieser Sehnsucht ein Wille, als das Volk aus Mizraim zog und das Land eroberte. So wurden Gott, Volk und Land zu zusammengehörenden Begriffen. Und wie stark die Verbundenheit mit Zion ist, das zeigt sich bei der babylonischen Verbannung, wo die Juden sich weigern, den Siegern Zionsgesänge vorzusingen. Aus dem Psalm „An den Wassern Babels", den Edith H c rr n s t a d t-Oe tt i n gen mit vollendeter Kunst wiedergab, wurde allen etwas von der Stimmung gegenwärtig, die jene Menschen damals erfüllt haben muß. Im Ghetto wird die Zions-Selinsucht zu einer Kraft, aus der heraus das Leben überhaupt erst möglich wird. Sie ist nicht nur in der Idee da, sondern als Wirklichkeit. Alle Gebräuche und Gebete beweisen es; das Leben hatte seine Richtung nach „Misrach". In den Jeschiwoth diskutierte man über die Gesetze des Landest, das nicht mehr bestand, und über den Opferdienst, der längst aufgehört hatte. Darum konnten auch die falschen Messiasse einen so starken Anhang finden, weil alle Juden auf das Erscheinen des Messias vorbereitet waren. Zionsgesätii'e, die Herr Berkowitz mit Innerlichkeit sang, und Zionsgedichte, von Edith Herrnstadt - O e 11 i n g e n vermittelt, gaben einen kleinen Einblick in diese seltsame Welt des jüdischen Mittelalters. Die Traumwelt des Ghetto ist in der Emanzipationszeit vernichtet worden. Das Judentum vollzieht den Prozeß der Entnationalisierung; aus den Gebeten streicht man das Wort Zion. Daß die Sehnsucht dennoch nicht völlig erloschen war, sieht man an den zahlreichen Judenstaatsprojekten des 19. Jahrhunderts, z. B. an dem bekannten Amerika-Projekt Mordechai Manuel Noahs. Alle diese Pläne wurden von der Judenheit verständnislos zurückgewiesen, weil man sich sicher und frei glaubte. Erst nach den Pogromen im Osten konnten sich die Gedanken Smolenskis, Pinskers und Herzls durchsetzen. Zum Schluß warnte Dr. Prinz vor einer Vcrflachung der zionistischen Idee; die religiöse Zions- Sehnsurht müsse in dem politischen Ideal erhalten bleiben. Zum Abschluß trug der Winawcr-Chor einige moderne Lieder des neuen Palästina vor, die das Lebensgefühl des dort aulwachsenden Geschlechtes vorzüglich zum Ausdruck brachten. „Der zweiten Makkabiah entgegen" Ausklang im „Atrium" In einer Kundgebung vor 2 l «> Besuchern fand die Palästina-Woche ihren Abschluß, Mit einem repräsentativen Programm führte der Bar Kochha-Hakoah die „Makkabi- Sportschau" im „Atrium*' durch - Bodenübungen der Knaben, Freiübungen der Männer, Frauen am Barren, Training der Boxer, Bewegungsstudien der Frauen, Schaufechten der Mädchen, Pferd-Tram pol in-Sprutige einer Männer-Riege und schließlich Turnen am Hochreck, wohl die beste sportliche Leistung des Vormittags. Das schon in der Zusammenstellung lebendige und vielfältige Programm wurde ergänzt von einem hebräischen Chor und vom Orchester der Jüdischen Kiitistlerhilfe (Leitung Berthold Goldschmidt). Dann ergriff der Piä.-ident des Deutschen Makkabi-Kreises, Dr. Hans F r i e d e n t h a I, das Wort zu einem Appell an die Jugend. „Jüdische Jugend auf dem Wege nach Erez Israel". Kr sprach von den jungen Menschen, die sich vor zwei Jahrzehnten im Blau-Weiß vereinigt hatten, zwar mit einer jüdischen Zielsetzung, jedoch noch ohne jüdische Bindung, erwachsen in dem Kampf gegen die Burgerlichkeit. Aus den Erkenntnissen dieses Bundes wuchs schließlich die Tat. Viele von ihnen fanden den Weg in das Land, Kampf und Entbehrung bezeichneten die Stationen dieses Weges, nach zwei Schritten vorwärts mußten sie wieder einen Schritt lunick. aber der eine Schritt vorwärts blieb doch! Sic wurden die Kundschafter des deutschen Judentums, haben Bresche in eine Mauer geschlagen, die das deutsche Judentum gegen eine lebendige und wesenhafte jüdische Welt abschloß. Zwei Bezirke menschlichen Lebens galt es zu gewinnen: Heimat und Arbeit. Nicht daß Palästina schön ist, vermag dieser Jugend ein Heimatsgefühl zu geben, nicht die Landschaft allein schafft ihnen Verwurzelung, sondern das Land, das sie sich in eigener Arbeit erobert — die Arbeit schafft ihnen Heimat: Der Acker, den sie besät, die Bäume, die sie gepflanzt, die Wasser, die sie gegraben. Bei aller Anerkenntnis der städtischen und industriellen Leistungen wird das letztlich Schöpferische, der neue jüdische Mensch, nur auf dem Lande erwachsen. Alle Arbeit in der Galuth kann nur Vorbereitung sein, ihre Erfüllung findet diese Jugend erst in der ( haluzitilh, in ihrem eigenen Land. Wahrend der zweiten Makkabiah wird der Grundstein gelegt zum Kfar Hamakk a b i, dem Makkabi-Dorf. Mit einem Appell an die jüdische Jugend, ernst und verantwortungsvoll, aber auch gläubig und hoffnungsfroh über die Trümmer einer versinkenden jüdischen Welt hinweg sich zum Zionismus zu bekennen, schloß der Redner. Es war ein packendes und eindruckstarkes Bild, als die Jungen und Mädchen, die Turner und Turnerinnen unter den Makkabi-Fahnen die Wirkung der Ansprache in einem Sprechchor gipfeln ließen. H. F. Ohlästütct ^^i^^^^^F^^^r ^^^^^ß Wotfu Hie nächsten Veranstaltungen in Breslau, Beuthen, Stettin, Königsberg vom 17. bis 25. Februar In Breslau Im Großen Lessingsaal, Agnesstr. 5 Sonntag, den 17. Februar, 20'/» Uhr Größe und Gefahr der Stunde Kundgebung zum Erwerb der Hule-Konzession Dr. SIEGFRIED KANOWITZ — TEL-AVlV SEEW ORBACH Z GIWATH BRENNER Dienetag, den 19. Februar, 2OV2 Uhr Die Zukunft Erez Israels Palästina 1900 — 1935 — 1950 Dr. MICHAEL TRAUB Sonnabend, den 23. Februar, 20 V3 Uhr Zion — Zwei Jahrtausende jüdischer Sehnsucht Ein Oneg Schabbat: Rabb. Dr. EMIL BERNHARD-COHN Montag, den 25. Februar, 20'/; Uhr Prüfung und Bewährung Zwei Jahre deutsche Alljah In Palästina Dr. FRANZ MEYER In Königsberg Montag, den 18. Februar In der Bürger-Ressource, Burgstraße 1-2 Die Zukunft Erez Israels Palästina 1900 - 1935 - 1950 Dr. MICHAEL TRAUB Donnerstag, den 21. Februar Prüfung und Bewährung ZwelJahre deutsche Alljah in Palastina Dr. SIEGFRIED KANOWITZ — TEL-AVIV Sonntag, den 24. — Dienstag, den 26. Februar Palästina-Schau Eröffnung: MARDUK SCHATTNER In ©berschlesien Montag, den 18. Februar, In Beuthen Prüfung und Bewährung Zwei Jahre deutsche Alijah in Palästina Dr. SIEGFRIED KANOWITZ - TEL-AVIV Sonnabend, den 23. Februar In Gleiwltz Größe und Gefahr der Stunde Kundgebung zum Erwerb der Hule-Konzesslon Sonntag, den 24. Februar, in Beuthen Die neue jüdische Welt DR. FRANZ MEYER In Stettin Sonnabend, den 18. Februar, 8,30 Uhr, In der Synagoge Zion — Zwei Jahrtausende Jüdischer Sehnsucht Ein Oneg Schabbat: Rabb. DR. EMIL BERNHARD-COHN Sonntag, 17. Februer, 10 Uhr, Im Bar-Kochba-Helm Eröffnung der Palästina-Schau DR. JOSEF WEISS Pommerscher Kreistag DR. JOSEF WEISS / GEORG K0PYDL0WSKI Tagung der Palästinaamts-Vertrauensleute WALTER TEMPEL Sonnabend, den 23. Februar, 20,30 Uhr, In der Synagoge Prüfung und Bewährung Zwei Jahre deutsche Alljah In Palästina DR. SIEGFRIED KANOWITZ, TEL-AVIV ZIONISTISCHE VEREINIGUNG FÜR DEUTSCHLAND